Szene aus der afghanischen Stadt Kandahar, nach Kämpfen zwischen Taliban und afghanischer Armee.
Szene aus der afghanischen Stadt Kandahar, nach Kämpfen zwischen Taliban und afghanischer Armee.Bild: dpa / Sidiqullah Khan
Analyse

Warum die Lage in Afghanistan eskaliert ist – und was Deutschland tun könnte

13.08.2021, 17:1613.08.2021, 18:57

Die Bilder, die in diesen Tagen aus Afghanistan kommen, sind dramatisch, die Geschichten herzzerreißend. Das Land ist inzwischen im Bürgerkrieg: Truppen der afghanischen Regierung kämpfen gegen die radikalislamischen Taliban. Die Taliban rücken dabei immer weiter vor, erobern Provinzhauptstadt um Provinzhauptstadt. Am Freitag stehen sie nur noch wenige Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt. Zivilisten werden getötet, viele andere werden vertrieben oder ergreifen selbst die Flucht.

In den Teilen Afghanistans, in denen die Taliban lange nichts zu sagen hatten, steht auf dem Spiel, was in den vergangenen 20 Jahren an Fortschritten erreicht worden ist: Schulbildung für Mädchen, Freiheit im alltäglichen Leben. Ziel der Taliban ist es, einen Staat zu richten, in dem ihre Auslegung des Islam Grundlage des Lebens ist – und in dem westliche Kleidung und Musik sowie ein unabhängiges Leben für Frauen verboten sind.

Fast zwanzig Jahre lang waren Soldaten westlicher Staaten in Afghanistan, um die Terrororganisation Al-Kaida zu bekämpfen – und um die Bevölkerung vor den Taliban und anderen Milizen zu schützen. Vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington war Afghanistan einer der Rückzugsorte der Extremisten des Al-Kaida-Netzwerks, das die Anschläge verübte. Danach marschierten die USA mit Verbündeten in Afghanistan ein und stürzten die damals dort herrschenden Taliban.

Die Soldaten ziehen nun aber nach und nach aus dem Land ab: Die deutsche Bundeswehr hat ihr letztes Camp bereits verlassen, die USA wollen ihren Abzug bis Mitte September beenden.

Was passiert in Afghanistan? Und was kann für die Menschen vor Ort getan werden? watson beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was passiert in Afghanistan?

Die Taliban rücken weiter vor. Am Freitag eroberten sie die Provinzhauptstadt Pul-i-Alam, die nur 50 Kilometer südlich von Kabul liegt, wie ein Regionalparlamentarier der Nachrichtenagentur AFP sagte.

Geflüchtete Menschen aus Afghanistan in einem Lager in der Provinz Kandahar.
Geflüchtete Menschen aus Afghanistan in einem Lager in der Provinz Kandahar. Bild: ap / Sidiqullah Khan

Pul-i-Alam ist die Hauptstadt der Provinz Logar. Durch die Eroberung dieser Stadt öffneten sich die Taliban einen Zugang für den weiteren Vormarsch in Richtung Kabul. Die Taliban hätten die Kontrolle über Pul-i-Alam "zu 100 Prozent" übernommen, sagte der Abgeordnete Said Karibullah Sadat. Sie hätten alle Regierungseinrichtungen in der Stadt eingenommen. Es gebe derzeit in Pul-i-Alam keine Kämpfe mehr.

Zuvor war aus unterschiedlichen Quellen bereits die Eroberung von drei anderen Provinzhauptstädten bekannt gegeben worden. Darunter ist nach Angaben der Taliban auch Kandahar im Süden, die zweitgrößte Stadt des Landes. Ihre militärischen Erfolge begannen im April, nachdem die Truppen von USA und Nato-Verbündeten mit dem Abzug aus Afghanistan begonnen hatten.

In den vergangenen acht Tagen nahmen die Taliban insgesamt rund die Hälfte der Provinzhauptstädte ein. Die afghanische Regierung kontrolliert inzwischen neben der Hauptstadt Kabul nur noch zwei Großstädte: Dschalalabad im Osten sowie Masar-i-Scharif im Norden.

Viele Menschen fliehen aus den Gebieten, die von den Taliban erobert werden oder kurz davor stehen. Nach Einschätzung der UN befinden sich die Menschen in Afghanistan in einer verzweifelten Lage. "Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe", sagte am Freitag eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten. Inzwischen sei die Lebensmittelversorgung von etwa einem Drittel der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt, erklärte ein Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP). Allein zwei Millionen Kinder seien auf Hilfe angewiesen. "Wir fürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht."

Wie reagiert der Westen auf die Gewalt?

Die Nato setzte für Freitag eine Dringlichkeitssitzung an. Darin soll es vor allem darum gehen, die Evakuierung von Menschen aus Afghanistan zu sichern. Im Fokus stehen zum einen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger der Nato-Länder – und sogenannte afghanische Ortskräfte: also Menschen, die in den vergangenen Jahren den Nato-Staaten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben im Rahmen ihres Einsatzes geholfen haben. Die Taliban betrachten diese Menschen als Verräter, ihnen droht der Tod.

Die USA kündigten am Donnerstag wegen des verschärften Konflikts die Entsendung von rund 3000 Soldaten nach Kabul an. Sie sollen bei der Evakuierung von US-Botschaftsmitarbeitern helfen.

Die Regierung in London will rund 600 Soldaten nach Kabul entsenden, um die Botschaft abzusichern und die Ausreise von britischen Staatsbürgern sowie früheren afghanischen Ortskräften zu unterstützen.

Was macht die Bundesregierung?

Die deutsche Regierung hat am Freitag beschlossen, das Personal der deutschen Botschaft in Kabul auf das "absolute Minimum" zu reduzieren. Das sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) im baden-württembergischen Denzlingen. Am Donnerstag hat das Auswärtige Amt alle deutschen Staatsbürger zur schnellen Ausreise aus Afghanistan aufgefordert.

Die Bundesregierung gerät außerdem unter Druck, möglichst vielen Ortskräften aus dem Land zu helfen, die die Bundeswehr dort in den vergangenen Jahren unterstützt haben. Bisher waren bis Wochenbeginn rund 1700 Ortskräfte und Angehörige nach Deutschland gekommen. Laut "Redaktionsnetzwerk Deutschland" warten noch insgesamt 3000 Menschen in Afghanistan auf ihre Ausreise nach Deutschland.

Mehrere Oppositionspolitiker forderten gegenüber watson die Bundesregierung auf, diesen Ortskräften zu helfen – und übten teils scharfe Kritik. FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann erklärte: "Es ist von der Bundesregierung respektlos, dass man sich jetzt dafür lobt, eine Lösung hierfür zu diskutieren, nachdem der Abzug der Bundeswehr bereits seit so langer Zeit bekannt war."

Sie forderte, die afghanischen Ortskräfte schnellstmöglich per Flugzeug aus dem Land zu schaffen. Strack-Zimmermann wörtlich: "Ich unterstütze die Forderung nach Charterflügen, um die Ortskräfte auszufliegen. Diese Charterflüge sollten sofort und in hoher Anzahl erfolgen."

Ähnlich äußerte sich Agnieszka Brugger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Verteidigungsausschuss. Es sei "extrem beschämend, dass die Bundesregierung eine Reihe von Ortskräften nach wie vor im Stich lässt." Brugger erklärte gegenüber watson: "Diese Menschen haben schnelle Hilfe und sichere Unterstützung verdient, auch wenn sie beispielsweise bei Subunternehmen angestellt waren."

Auch Linken-Verteidigungspolitiker Alexander Neu forderte eine Evakuierung der afghanischen Ortskräfte. Gegenüber watson meinte Neu: "Es müssen alle lokalen Mitarbeiter der in Afghanistan tätigen internationalen Organisationen und der NATO samt Familien evakuiert und in die NATO-Staaten verbracht werden."

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat eine rasche Aufnahme zugesichert. "Ob Charterflüge oder Visaerteilung nach Ankunft in Deutschland: Ich unterstütze alle Maßnahmen, die eine schnelle Ausreise unserer Ortskräfte und ihrer Familien ermöglichen", erklärte Seehofer am Freitag in Berlin. Konkrete Schritte nannte er allerdings nicht.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg entscheidet wegen der angespannten politischen Situation in Afghanistan derzeit in der Regel nicht über Asylanträge von Menschen aus dem Land. Außerdem hat Deutschland alle Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt.

Was kann Deutschland tun, um Menschen in Afghanistan zu helfen?

Die Lage in Afghanistan ist extrem brenzlig, darauf schnell einzuwirken erscheint kaum möglich. Und die Länder, die in den vergangenen Jahrzehnten in Afghanistan eingegriffen hatten, haben momentan vor allem eine Botschaft: Die Afghanen müssen das Problem in erster Linie selbst lösen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow meinte am Freitag: "Wir sprechen mit allen mehr oder weniger bedeutenden politischen Kräften in Afghanistan – sowohl mit der Regierung als auch mit den Taliban. Wir sehen aber, wie schwierig es ist, in der afghanischen Gesellschaft einen Konsens zu finden."

US-Präsident Joe Biden hatte am Dienstag gesagt, die Afghanen müssten nun "selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen". Ihre Streitkräfte seien den Taliban militärisch überlegen, auch in Bezug auf die Truppenstärke. "Aber sie müssen auch kämpfen wollen", meinte Biden. Bidens Sprecherin Jen Psaki erklärte am selben Tag, die US-Regierung werde die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin finanziell unterstützen. Für das nächste Jahr seien dafür im Haushaltsentwurf 3,3 Milliarden US-Dollar (2,8 Milliarden Euro) eingeplant.

Linken-Außenpolitiker Alexander Neu fordert gegenüber watson, den Druck auf die Taliban zu erhöhen, um der Bevölkerung in Afghanistan zu helfen. Er meinte wörtlich:

"Ein Lösungsweg könnte sein, mit Zuckerbrot und (nicht-militärischer) Peitsche für die Taliban einen Anreiz zu schaffen, auf brutale Repressionen der Bevölkerung zu verzichten. Für diese Überzeugungsarbeit muss massenhaft Geld fließen und das Angebot der Nichteinmischung unterbreitet werden. Die Peitsche könnte darin bestehen, die Taliban als künftige Machthaber – und darauf läuft es hinaus – nicht anzuerkennen und die Oppositionskräfte auf vielfältige Weise zu unterstützen, sodass die Taliban selbst sich ihrer Macht nicht sicher sein können."

FDP-Verteidigungspolitikerin Strack-Zimmermann forderte gegenüber watson mehr diplomatische Anstrengungen. Wörtlich meinte sie:

"Die Bundesregierung muss jetzt diplomatisch deutlich mehr tun. Sie sollte nun umgehend Gespräche mit den EU-Mitgliedstaaten und der internationalen Gemeinschaft führen und auf eine Sondersitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen dringen. Wir dürfen die Menschen in Afghanistan nicht im Stich lassen.

Grünen-Verteidigungspolitikerin Brugger forderte, Staaten in der Region rund um Afghanistan mit einzubeziehen. Sie erklärte gegenüber watson: "Es braucht auf internationaler Ebene dringend Gespräche mit den Staaten aus der Region, mit dem Ziel, die Gewalt einzudämmen."

(mit Material von dpa und AFP)

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