Policemen are seen dispersing protesters
Second night of demonstrations, in Barcelona, for the prison of the Catalan rapper, Pablo Hasél, arrested on Tuesday, February 16 and sentenced to nine months and one day in prison by the Appeals Chamber of the National Court in September 2018, as well as well as the payment of a fine of approximately 30,000 euros accused of glorifying terrorism, insulting and slandering the monarchy and the state security forces. (Photo by DAX Images/NurPhoto via Getty Images)

Die Polizei geht am Dienstag vergangener Woche in Barcelona mit Gummigeschossen gegen Demonstranten vor. Bild: NurPhoto / NurPhoto

Der Zeuge

Bericht von Protesten in Spanien: "Die Polizei hat die Menschen mit Schlagstöcken niedergeknüppelt"

xavier mostacero

"Hey, Tyrann, das hier geht nicht nur an deinen Vater", heißt es in Pablo Haséls Song "Ni Felipe VI". Darin rappt Hasél über einen aus seiner Sicht ungerechten Staat, der sich nicht um seine Bürger kümmere. Er ruft die Revolution aus und fordert die Guillotine. Adressiert ist der Track an den spanischen König und seinen der Korruption beschuldigten Vater. König Felipe bezeichnet Hasél dabei nicht nur als Tyrannen, sondern auch als Faschisten. Und genau solche Äußerungen wurden dem spanischen Rapper zum Verhängnis.

Hasél ist für seine politischen Raps und provokanten Texte bekannt. Polizisten bezeichnet er als "Abschaum", die Königsfamilie als "Volksfeinde". Für solche Aussagen wurde Pablo Hasél zu neun Monaten Gefängnis verurteilt – weil er Terrorismus verherrlicht und das spanische Königshaus beleidigt habe. Das Urteil rief internationale Kritik hervor, etwa auch von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Dennoch musste Hasél Mitte Februar seine Haftstrafe antreten.

Seit Haséls Verhaftung gibt es in mehreren spanischen Städten, darunter etwa Madrid und Barcelona, heftige Proteste, bei denen mehrere tausend Menschen auf die Straße gehen. Immer wieder kommt es dabei auch zu heftigen Ausschreitungen: Schaufenster werden zertrümmert, Läden geplündert, Autos in Brand gesetzt.

Xavier Mostacero hat die Proteste beobachtet. Er lebt in Barcelona. Mostacero arbeitet als freier Journalist und Kameramann für verschiedene Fernsehsender. Er hat bereits die Aufstände in Barcelona im Jahr 2019 miterlebt, die ausbrachen, nachdem Politiker der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung zu Haftstrafen verurteilt worden waren. Und auch bei den aktuellen Protesten gegen die Verhaftung Haséls ist Mostacero mitgelaufen und hat diese mit Fotos dokumentiert, die er unter anderem auch bei Instagram veröffentlicht. Watson hat er von seinen Eindrücken und der Lage vor Ort erzählt.

Proteste in Barcelona,
15. - 21. Februar

"Ich finde die Verhaftung Haséls nicht in Ordnung. Er ist ein Sänger und Rapper und darf mit seinen Songtexten auch provozieren. Dass man als König oder Regierungsvertreter auch mal beleidigt wird, gehört dazu. Wenn man so ein öffentliches Amt bekleidet, muss man das aushalten. Ich kann die Texte Haséls gut finden oder nicht, das spielt keine Rolle. Ich werde mich trotzdem für sein Recht einsetzen, seine Meinung frei äußern zu dürfen. Und genau deshalb sind wir am Anfang auf die Straße gegangen. Aber die Proteste haben sich in den vergangenen Tagen sehr verändert.

Vorab muss man sagen: Hier in Barcelona sind die Menschen an Krawall und heftige Demonstrationen gewöhnt. Nach dem Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens im Oktober 2017 wurden viele katalanische Politiker festgenommen. Als sie 2019 schließlich verurteilt wurden, gab es ebenfalls eine Woche lang heftige Aufstände und Proteste. Viele Menschen hier kennen diese Situation also schon. Und ich glaube, das ist auch ein Grund, warum die Proteste seit Tagen anhalten: Viele Menschen, die die katalanische Unabhängigkeit wollen, sind wütend auf den spanischen Staat. Sie protestieren also auch gegen die Regierung.

"An den ersten beiden Tagen hat die Polizei laut Medienberichten 420 mal mit Hartschaumkugeln geschossen. Eine Demonstrantin hat dadurch ein Auge verloren."

Die gewaltbereiten Demonstranten sind eine Minderheit, würde ich sagen. Dennoch sind die Demonstrationen teilweise sehr heftig und gewaltsam. Und einigen Demonstranten sieht man auch an, dass sie auf Konflikt aus sind. Aber ebenso ist die Polizei teilweise sehr brutal vorgegangen. An den ersten beiden Tagen hat die Polizei laut Medienberichten 420-mal mit Hartschaumkugeln geschossen. Eine Demonstrantin hat dadurch ein Auge verloren. In der Öffentlichkeit gab es danach einen ziemlich großen Aufschrei. In der Folge war es am Donnerstag und Freitag etwas ruhiger: Die Polizei hat in den Tagen nur noch 14 Geschosse abgesetzt und Konfrontationen insgesamt eher vermieden.

Am Samstag gab es dann aber trotzdem wieder sehr heftige Zusammenstöße. Ich habe gesehen, wie ein paar Demonstranten vor dem Polizei-Hauptgebäude Flaschen auf Polizisten warfen. Danach sind die Polizisten aus ihren Bussen ausgestiegen und gegen die Demonstranten und den Demonstrationszug vorgegangen. Es gab ein richtiges Handgemenge, die Polizei hat ihre Schilder eingesetzt und die Menschen mit Schlagstöcken niedergeknüppelt.

"Es gehen immer mehr extrem junge Leute auf die Straße. Ich glaube, ein Grund dafür ist die Pandemie."

Die Proteste werden inzwischen vor allem über Gruppenchats auf Telegram organisiert. Da schreibt einfach jemand rein: 'Wir starten dort zu dieser Zeit'. Und dann treffen sich Leute einfach an dem Ort und laufen los. Mehr Organisation dahinter gibt es nicht. Mein Gefühl ist, dass sich die Proteste vor allem in den vergangenen Tagen dadurch nochmal verändert haben.

Es gehen immer mehr extrem junge Leute auf die Straße, manche von ihnen sind sogar minderjährig. Ich glaube, ein Grund dafür ist die Pandemie. Die jungen Menschen sind frustriert. Bars und Clubs sind geschlossen, manchen ist also wahrscheinlich langweilig. Und diese Proteste sind dann ein Ventil.

Gerade am Wochenende waren auch immer mehr Jugendliche dabei, für die das alles offenbar ein Spiel ist. Sie wollen ein Bild von sich, wie sie eine Flasche auf einen Polizisten werfen oder wie sie Barrikaden anzünden. Und dann gibt es auch noch Menschen, die die Situation einfach ausnutzen. Sie verursachen Chaos, um in Läden einzubrechen und dort dann Sachen zu klauen. Am Anfang gab es hinter den Demonstrationen noch eine Idee – das Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber inzwischen geht es vielen nur noch um Krawall. Einmal hat ein Anwohner die Demonstranten gebeten mit dem Lärm und der Zerstörung aufzuhören – dafür wurde er als Nazi beschimpft und direkt vor seinem Haus wurde eine Barrikade errichtet und angezündet!

"Wenn ich es aufgrund meines Berufs nicht müsste, würde ich inzwischen abends nicht mehr vor die Tür gehen."

Ich bin gegen Gewalt. Und ich habe das Gefühl, dass der ursprüngliche Grund für die Proteste – die Verhaftung von Hasél – immer mehr in den Hintergrund rückt. Stattdessen ist es eine Mischung aus Protesten für Meinungsfreiheit, gegen den Staat und die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung geworden und Personen, die einfach Lust auf Krawall haben. Ganz ehrlich: Wenn ich es aufgrund meines Berufs nicht müsste, würde ich inzwischen abends nicht mehr vor die Tür gehen."

(Einleitung und Übersetzung: sog)

Analyse

"Meine Stimme zählt eh nicht": Warum manche Menschen nicht wählen gehen – und wie du sie noch überzeugen kannst

Nichtwählerinnen und Nichtwähler bilden zusammen die zweitgrößte Partei. Doch der politische Einfluss fehlt ihnen – denn wer nicht wählt, entscheidet nicht mit, sondern lässt geschehen. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa fragt bei seiner Sonntagsfrage zur Bundestagswahl auch nach Nichtwählenden und Unentschlossenen. Laut der aktuellsten Umfrage wären das 25 Prozent, genauso viele Prozentpunkte hat die SPD, die zurzeit die stärkste Partei bei den Umfragen ist.

Gerade junge Menschen wählen …

Artikel lesen
Link zum Artikel