View Of Small Picturesque Village In Germany, Europe
Digitalisierung und Mietpreisexplosionen könnten zu einem Rückzug aufs Land führen.Bild: iStockphoto / bruev
Politik

Die neue Landflucht? Wohin es die Menschen zieht – und was das für Städte und Gemeinden heißt

11.11.2022, 07:5911.11.2022, 08:48

15 Schüler:innen lernen an der Grundschule im südhessischen Sensbachtal. Alle zusammen, egal ob sie in der ersten oder in der vierten Klasse sind. Ein Schulkonzept, wie es viele nur aus dem Geschichtsunterricht kennen – hier auf dem südhessischen Land ist es noch Realität. Und die Schule bangt, denn fällt die Schüler:innenzahl auf unter 13, muss sie geschlossen werden. In dem 983-Seelen-Ort sinkt die Bevölkerungsentwicklung stetig. Das bedeutet auch: weniger Familien mit Kindern.

Für die Kinder bedeutet das dann, statt zur Schule laufen oder radeln, Busfahren. Nach Oberzent-Beerfelden, die nächstgelegene Stadt.

Kleinere Dörfer auf dem Land sind besonders vom demografischen Wandel betroffen.
Kleinere Dörfer auf dem Land sind besonders vom demografischen Wandel betroffen.Bild: screenshot / googlemaps

Aber nimmt die Urbanisierung bundesweit in Deutschland überhand? Oder zieht es die Städter:innen zurück in die Natur? Darüber hat watson mit Petra Klug von der Bertelsmannstiftung gesprochen. Ihr Fachbereich: Reurbanisierung.

So einfach, meint Klug, ist die Sache nicht. Die Daten legten weder eine massive Land- noch eine immense Stadtflucht nahe. Natürlich zögen nach wie vor viele Menschen in die Großstädte: Berlin, München, Hamburg. Es zögen aber auch immer Menschen von dort weg.

Die Hansestadt Hamburg ist eine der deutschen Millionenstädte.
Die Hansestadt Hamburg ist eine der deutschen Millionenstädte.Bild: www.imago-images.de / imago images

Was klar sei: Es wird immer viel Bewegung geben. Klug sagt: "Es hat viel mit der Lebensphase zu tun, wo man gerade lebt." So zögen junge Menschen oft in Großstädte, wenn es dann aber zur Familiengründung komme, zögen viele von ihnen auch wieder aus den Städten raus.

Verlagerung in den Speckgürtel

Sei es in den Speckgürtel – also den Ballungsraum, um die jeweilige Großstadt herum – oder job- oder familienbedingt ganz woanders hin. Wichtig sei, bei Stadt oder Land, dass die Infrastruktur an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst wird – und an die Menge der Menschen. Klug sagt:

"Für Familien ist es natürlich unattraktiv, wenn die letzte Schule im Dorf geschlossen wird, und sie ihre Kinder dann 30 Kilometer in die nächste Stadt fahren müssen."

Helfen könnte hier die Digitalisierung, durch die sich das Bildungsangebot weiter modernisieren könnte – beispielsweise durch hybriden Unterricht. Schulen in kleinen Dörfer, wie die Grundschule in Sensbachtal, könnten so natürlich trotzdem Schwierigkeiten bekommen. Für kleine Städte sieht die Expertin aber eine große Chance.

Michelstadt Town Hall in the Odenwald
Gerade für Kleinstädte im ländlichen Raum könnte die Reurbanisierung eine Chance sein.Bild: iStockphoto / by-studio

Gleichzeitig kämen auch Städte in die Bredouille, wenn sie es versäumten, mit ihrer Bevölkerung mitzuwachsen. Zu wenig Wohnraum, zu wenig Kita-Plätze. "In einigen Städten gibt es das Problem, dass sie von staatlicher Seite nicht in der Lage sind, mit der wachsenden Zahl an Einwohner:innen Schritt zu halten", sagt Klug.

Ein Beispiel ist Berlin: Der Wohnungsmarkt der Hauptstadt ist extrem angespannt, die Mieten teuer, viele Wohnungen schlecht saniert. Termine beim Bürgeramt sind selten frei – Ummelden innerhalb der 14-Tage-Frist daher kaum möglich.

"Manche Städte würden sich sicherlich eine bessere Verteilung der Zuziehenden wünschen", meint Klug. Da in Deutschland der Wohnort aber frei wählbar ist, könnte von politischer Seite nichts an den Entwicklungen verändert werden. Was aber natürlich Einfluss auf die Wohnortswahl hat: die Rahmenbedingungen.

Wie die Miete.

"Die sogenannten Speckgürtel um die Großstädte werden immer breiter", sagt Klug. Und fährt fort: "Menschen wollen das Berliner Leben zum Beispiel miterleben, können sich aber die Miete in Berlin gar nicht mehr leisten. Also ziehen sie an den Stadtrand." Aber auch kleinere Kommunen und mittelgroße Städte ziehen immer mehr Menschen an – eine Entwicklung, die bereits Mitte der 2000er Jahre begonnen hat.

Aerial view of the construction site of Munich Freiham. A new district in the west of Munich.
Mit dem Stadtteil Freiham wächst München nach Westen.Bild: iStockphoto / Sebastian Ohlig

Rückzug aufs Land – Corona sei Dank?

Die entscheidenden Faktoren, ob eine ländliche Region attraktiv ist, sind: Wohnraum, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung – und Arbeitsplätze. "Der Breitbandausbau ist ein wichtiger Faktor", meint Klug. Hier habe sich im ländlichen Raum in den vergangenen Jahren einiges getan – flächendeckend seien diese Entwicklungen aber noch nicht. "Die Digitalisierung kann dabei helfen, die Abwanderung, die es viele Jahre im ländlichen Raum gab, umzukehren", meint die Expertin.

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Auf Kongressen wie "Digital X" geht es immer wieder um die Frage, wie Deutschland in puncto Digitalisierung vorankommt.Bild: dpa / Federico Gambarini

Auch Corona, mit Homeoffice und Homeschooling, könnte einen weiteren Digitalisierungsschub ausgelöst haben. Welche Auswirkungen die Pandemie auf die Verstädterung und den Rückzug aufs Land hatte, untersucht die Bertelsmann Stiftung aktuell. Eine Studie des ifo-Instituts aus dem Jahr 2021 legt nahe, dass ein Zuzug im ländlichen Raum nicht unwahrscheinlich ist. Damals gaben 13 Prozent der Befragten aus den deutschen Großstädten an, diese in den kommenden zwölf Monaten verlassen zu wollen. Viele der Umzugsfreudigen gaben an, dass Corona ihre Entscheidung beeinflusst habe.

Was sich laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes außerdem verändern wird: die Anzahl der Menschen in den Haushalten. Bis 2040 soll jeder vierte Mensch in Deutschland allein wohnen – auch die Zahl der zwei-Personen-Haushalte soll steigen. Klug sagt dazu:

"Das braucht natürlich mehr Fläche und gerade in den Großstädten, in denen Wohnraum immer knapper wird, kann das zu Problemen führen. Viele Menschen wohnen in Wohnungen, die, sobald die Kinder ausgezogen sind, streng genommen viel zu groß für sie sind."

Diese Entwicklung zeige sich nicht nur in Großstädten, sondern in ganz Deutschland. "Oft wohnen ältere Menschen zu zweit – manchmal sogar alleine – in einem Haus, in dem früher eine fünfköpfige Familie gewohnt hat", sagt Klug. Mittlerweile gebe es Projekte, die einen Tausch anbieten. Das ältere Ehepaar zieht in eine Wohnung, eine junge Familie kann dann in das Haus einziehen. Auch manche Immobilienportale bieten mittlerweile die Rubrik "Tauschwohnung" an.

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Die Anzahl derer, die alleine in einer Wohnung wohnen, soll bis 2040 steigen.Bild: iStockphoto / AntonioGuillem

Für viele Senior:innen sei die Entscheidung sich zu verkleinern schwer, denn die meisten lebten bereits ihr ganzes Erwachsenenleben in ihrem Haus. Klug sagt:

"Diese Flexibilität kann einer Stadtgesellschaft aber sehr guttun, gerade wenn sie sich die Frage stellt: Wie wollen wir heute und in Zukunft leben und arbeiten?"
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