Der graue Renault Clio in einem Schaufenster am Ku'damm: So endete die tödliche Fahrt eines 29-Jährigen am Mittwoch in Berlin.
Der graue Renault Clio in einem Schaufenster am Ku'damm: So endete die tödliche Fahrt eines 29-Jährigen am Mittwoch in Berlin.Bild: AA / Erbil Basay
Analyse

Auto rast in Menschenmenge: Welche Konsequenzen wurden nach dem Anschlag am Breitscheidplatz 2016 gezogen?

08.06.2022, 20:2208.06.2022, 22:21

Das Rauschen einer anfahrenden U-Bahn am Wittenbergplatz, einige Menschen, die entspannt über den Kurfürstendamm schlendern, eine kleine Schlange vor dem berühmten KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens in Berlin.

Keine vorbeirasenden Autos, kein Gehupe, keine lauten Gespräche, kein Gelächter. Nicht an diesem Mittwochvormittag.

In der Ferne – mit Blick Richtung Gedächtniskirche am Breitscheidplatz – blitzt Blaulicht auf. Eine Polizeiabsperrung weht im Wind. Und es sammeln sich immer mehr Mannschaftswagen an der Kreuzung Nürnbergerstraße/Tauentzienstraße. Dahinter aufgereiht: Polizistinnen und Polizisten, zwei davon schwer bewaffnet. Die Maschinenpistolen vor ihren Oberkörpern machen Eindruck.

Wenige Stunden zuvor, am Mittwoch, 8. Juni 2022 um 10.30, war ein grauer Renault Clio nahe dem Breitscheidplatz in eine Menschengruppe gerast. Dabei wurde eine Person getötet. Sechs Menschen wurden nach Feuerwehrangaben lebensbedrohlich verletzt, drei schwer, weitere leicht. Die tödliche Fahrt endete im Schaufenster einer Drogerie.

Ein Mann am Steuer wurde kurze Zeit später von der Polizei festgenommen – ein 29-Jähriger, der dabei ebenfalls verletzt worden sei. Es ist weiterhin unklar, ob es sich bei dem Geschehen um Vorsatz oder einen Unfall handelt, der auch auf einen medizinischen Notfall zurückzuführen ist. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa soll der Verdächtige psychisch auffällig sein.

Ein Großaufgebot an Feuerwehr und Polizei sichert den Bereich rund um den Breitscheidplatz in Berlin.
Ein Großaufgebot an Feuerwehr und Polizei sichert den Bereich rund um den Breitscheidplatz in Berlin.Bild: dpa / Fabian Sommer

Vergleich zum Anschlag am Breitscheidplatz 2016 wird gezogen

Schnell wurde nach der Tat von der Berliner Polizei die "Phase 1" ausgerufen. Dadurch können über einen Hilferuf aus dem Innenministerium Spezialeinheiten zur Verfügung gestellt werden. "Eine reine Vorsichtsmaßnahme", erklärt ein Polizist, ebenfalls ausgestattet mit einer Maschinenpistole.

"Noch immer klafft eine Wunde im Herzen der Stadt."
Thilo Cablitz, Pressesprecher der Berliner Polizei

Durch die Absperrung kommt hier niemand mehr. "Aber ich will doch nur zu meinem Auto", versucht es eine ältere Dame vergeblich. Auch terminliche Gründe lässt der Polizist mit Maschinengewehr nicht gelten. Bereitwillig erklärt er aber zum vermutlich hundertsten Mal an diesem Tag stoppenden Passantinnen und Passanten, was bisher bekannt ist. Oder eher, was nicht.

Die "Vorsichtsmaßnahme" der sogenannten Phase 1 bei der Polizei könnte auf den terroristischen Anschlag am Breitscheidplatz 2016 zurückzuführen sein. Damals ist der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in eine Menschenmenge gefahren. 12 Menschen starben dabei, fast 170 weitere wurden verletzt, teils auch schwer. Ein weiteres Opfer starb im Oktober 2021 an den Langzeitfolgen der Verletzungen.

Zahlreiche Menschen gedenken zum 5. Jahrestag den Opfern des Anschlages am Breitscheidplatz 2016.
Zahlreiche Menschen gedenken zum 5. Jahrestag den Opfern des Anschlages am Breitscheidplatz 2016. Bild: dpa / Fabian Sommer

Nach Anschlag am Breitscheidplatz 2016 wurden Sicherheitsmaßnahmen eingeführt

Auch Medienvertreterinnen und -vertreter werden von den Polizisten am Absperrband abgewiesen. Auf der Rückseite des Breitscheidplatzes, am Europacenter, sammelt sich allerdings eine Menschentraube. Eingerahmt von noch mehr Absperrband und weiteren schwer bewaffneten Polizisten. Mehrere Dutzend Kameras und Aufnahmegeräte werden einer Person entgegengestreckt: dem Pressesprecher der Polizei Berlin, Thilo Cablitz.

Auch er erinnert an den Anschlag am Breitscheidplatz 2016: "Noch immer klafft eine Wunde im Herzen der Stadt." Weltweit könnten sich die Menschen noch an diesen Tag erinnern. Nach dem Anschlag seien Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden, "die auch sichtbar sind". Damit meint Cablitz unter anderem die Betonklötze, die den Platz rund um die Gedächtniskirche einrahmen.

Darüber hinaus seien auch "polizeitaktisch und ermittlungstaktisch" Maßnahmen eingeführt worden, wie beispielsweise eine schnellere "einheitliche Führung vor Ort, damit die Kräfte koordiniert werden können". Auch die mit Maschinenpistolen ausgestatteten Kollegen seien eine dieser Konsequenzen nach 2016.

Aber reichen diese Maßnahmen aus? Wo doch ausgerechnet gegenüber diesem Platz, nur wenige Jahre später, schon wieder ein Auto in eine Menschenmenge gefahren ist.

"Wenn Sie einen Polizisten fragen: 'Kann man mehr für die Sicherheit tun?', wird der immer mit 'Ja' antworten", sagt Cablitz. Jeder Mensch, ihn eingeschlossen, wolle aber auch Freiheiten genießen. "Es muss immer ein Ausgleich zwischen Sicherheit und Freiheit sein." Er wolle in keiner Stadt leben, in der man sich nicht mehr frei bewegen könne, sagt er.

Nach mehreren Stunden wurde die Leiche des Todesopfers abtransportiert

Dann kommt ein neues Geräusch hinzu: ein Hubschrauber. Er kreist über dem Breitscheidplatz. Bereits kurz nachdem Vorfall war der ADAC-Rettungshubschrauber im Einsatz gewesen, um die Verletzten abzutransportieren.

Das Aufgebot an Medienschaffenden lichtet sich allmählich. Viele setzen sich in den Schatten auf die Stufen vor der Gedächtniskirche oder auf die Bänke unter den Bäumen am Breitscheidplatz. Die Kameras aber weiter auf das Geschehen gerichtet. Auch die Einsatzkräfte setzen sich teilweise in ihre Mannschaftswägen, verlassen vereinzelt den abgesperrten Bereich.

Plötzlich kommt Bewegung in die Situation. Mittlerweile ist es 14 Uhr. Dreieinhalb Stunden sind vergangen, seit der Ausnahmezustand dieses Berliner Tages begann. Ein schwerer Gerätewagen der Polizei fährt in Richtung des Autos in der Fensterscheibe der Parfümerie. Fast zeitgleich rückt ein Wagen der Gerichtsmedizin an. Er parkt auf der Straße gegenüber der Gedächtniskirche.

Drohnenpiloten der Polizei überfliegen den Breitscheidplatz stundenlang mit einer Drohne.
Drohnenpiloten der Polizei überfliegen den Breitscheidplatz stundenlang mit einer Drohne.Bild: dpa / Christoph Soeder

"Es werden Zeugen befragt, die genaue Strecke wird abgemessen von der Polizei, woher das Auto gefahren ist, um dann möglichst auch das Geschehen detailliert darzustellen", erklärt der Sprecher der Feuerwehr, Adrian Wentzel die Vorgänge, die zur Aufklärung der Ereignisse führen sollen. Der PKW müsse eventuell auch noch geborgen werden. Dafür ist der Wagen der Polizei mit schwerem Gerät angerückt.

Aus dem Wagen der Gerichtsmedizin steigen zwei Beamte der Polizei. Sie ziehen eine Bahre aus dem Wageninneren. Nur eine Minute später wird sie mit einem blauen Leichensack darauf wieder in das Fahrzeug geschoben. Die Leiche des Todesopfers dieser Amokfahrt wird abtransportiert. Es handelt sich, wie inzwischen bekannt wurde, um eine Lehrerin aus Hessen. Sie war mit ihrer Schulklasse, einer zehnten Klasse, und einer weiteren Lehrkraft in Berlin unterwegs. Unter den Verletzten sind einige der Schüler und der Lehrer.

In dem Wagen wurden neben Schriftstücken auch Plakate mit Aufschriften gefunden worden. "Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht", sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Zuvor hatte es aus Polizeikreisen geheißen, es sei ein Bekennerschreiben in dem Auto gefunden worden. Spranger sprach von "Plakaten", auf denen Äußerungen zur Türkei stehen würden. Die genaue Motivation des Fahrers müsse untersucht werden, betonte die Innensenatorin Berlins.

Am Ende dieses Tages, an dem eine Besucherin der Stadt gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde, sind noch viele Fragen offen.

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