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Mario Czaja zum Weltfrauentag: Brauchen Vorbilder, keine Feigenblätter

Press Conference About Official Election Of CDU Chairman
BERLIN, GERMANY - JANUARY 31: Mario Czaja, General Secretary of the CDU (Christian Democratic Union), is pictured during the press conference a ...
CDU-Generalsekretär Mario Czaja übt sich in Selbstkritik. Die CDU sei zu männlich, sagt er.Bild: Photothek via Getty Images / Florian Gaertner
Gastbeitrag

Es braucht Vorbilder, keine Feigenblätter

CDU-Generalsekretär Mario Czaja schaut in seinem Gastbeitrag kritisch auf die CDU und auch auf die männerdominierte Politik. "Wir müssen uns eingestehen, dass wir vorbildliche Frauen häufig als Feigenblätter genutzt haben", schreibt er. Und: "Es wird Zeit, dass wir Männer uns nicht länger querstellen."
07.03.2023, 12:27
Mario Czaja
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Es hat ein bisschen was von Ritual.

Zum Weltfrauentag werden – bevorzugt auch wir Männer – nach weiblichen Vorbildern gefragt. Und vermutlich fast jeder hat eins.

Bei mir gehört Florence Nightingale dazu, die berühmte britische Krankenschwester und Statistikerin. Florence Nightingale begründete die moderne westliche Krankenpflege. Als im Januar 1837 der Süden Englands von einer schlimmen Grippeepidemie heimgesucht wurde, kümmerte sie sich – als eine der wenigen, die davon verschont blieben – intensiv um die Versorgung der Kranken. In dieser Zeit und den Jahren danach reifte in ihr der Wunsch, sich der Krankenpflege zu widmen.

Nurses display a portrait of 19th-century nurse Florence Nightingale, one of the founders of modern nursing, during a procession marking International Nurses Day, celebrated on her birthday in Chennai ...
Internationaler Tag der Krankenpflege: Pflegerinnen zeigen ein Porträt von Florence Nightingale.Bild: AFP / ARUN SANKAR

Und obwohl ihre Eltern dem skeptisch gegenüberstanden und fanden, dass sie einer, für die damalige Zeit, "angemesseneren Betätigung" nachgehen sollte, verfolgte sie gegen viele Widerstände dieses Ziel.

In ihr wuchs die Überzeugung, dass es bei der Versorgung von Kranken neben dem ärztlichen Wissen ein eigenständiges pflegerisches Wissen geben sollte. Sie gründete die Pflegeschule "Nightingale School of Nursing" am St Thomas' Hospital in London, die zur Geburtsstätte professioneller Pflege werden sollte. Ohne sie wären Krankenhäuser, Pflegeheime aber auch die häusliche Pflege nicht denkbar.

"Frauen in Führungspositionen, ja, das ist auch bei uns in der CDU so ein Thema."

Sie war Vor-Denkerin und Vor-Macherein und wurde damit zum Vor-Bild.

Wenn wir heute über Vorbilder sprechen, dann meinen wir oft Führungspersönlichkeiten. An einem Tag wie dem Weltfrauentag vor allem weibliche Führungspersönlichkeiten. Frauen in Führungspositionen, ja, das ist auch bei uns in der CDU so ein Thema.

Dabei mangelt es uns nicht an Vorbildern.

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Frauen waren in der CDU oft Vorreiterinnen. Christine Teusch, zum Beispiel, war die erste Ministerin in Deutschland überhaupt. Von 1947 bis 1954 war sie Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen und hielt 1954 in der 99. Sitzung des Bundesrates als erste Frau eine Rede in der Länderkammer.

Elisabeth Schwarzhaupt stand als Gesundheitsministerin von 1961 bis 1966 als erste Frau an der Spitze eines Bundesministeriums – übrigens auch damals von Frauen erstritten. In den Beginn Ihrer Amtszeit fiel der Contergan-Skandal. Sie setzte daraufhin durch, dass Arzneimittel vor ihrer Zulassung auf vorgeburtliche Schäden überprüft werden müssen. Als Bundestagsabgeordnete machte sie sich für eine Reform des sogenannten Unehelichenrechts stark, wodurch die Stellung unehelicher Kinder an die von Ehelichen angepasst wurde.

BERLIN, GERMANY - AUGUST 27: Commission President Ursula von der Leyen greets German Chancellor Angela Merkel at the G20 Compact with Africa (CwA) meeting in Berlin, Germany, August 27, 2021. (Photo b ...
Angela Merkel und Ursula von der Leyen gehören in der CDU zu jenen, die es an die Spitze geschafft haben.Bild: Getty Images Europe / Pool

Aus den Reihen der CDU kamen mit Angela Merkel die erste Bundeskanzlerin und mit Ursula von der Leyen die erste Verteidigungsministerin und die erste EU-Kommissionspräsidentin. Wir hatten und haben starke Frauen in unseren Reihen, doch leider sind es nach wie vor zu wenige.

Selbstkritisch müssen wir uns eingestehen, dass wir diese vorbildlichen Frauen in einer männerdominierten Partei häufig als Feigenblätter genutzt haben. Wenn wir uns einredeten, dass Frauen bei uns alles werden können, selbst die mächtigste Person im Staat. Und dabei haben wir übersehen, dass es von diesen Frauen einen besonderen Kampfgeist, eine besondere Disziplin und eine besondere Härte und Willensstärke abverlangt, um sich am Ende durchzusetzen.

Deswegen ist es richtig – manche sagen überfällig – dass wir uns endlich zu einer Frauenquote bekannt haben.

Nicht, weil Frauen es nicht ohne Quote könnten. Und auch nicht, weil Frauen Stützräder für eine erfolgreiche Karriere in der Politik bräuchten, wie in der Debatte manchmal vorgebracht wurde. Im Gegenteil: Weil Frauen es können.

"Themen orientieren sich an Männern. Positionen orientieren sich an Männern. Und dann wundern wir uns, dass Frauen uns nicht so attraktiv finden."

Sie sind oft besser ausgebildet, haben häufiger Abitur oder ein Studium abgeschlossen als die Männer in der gleichen Generation. Trotzdem: Viele Frauen stoßen immer und immer wieder gegen eine gläserne Decke. Eine gläserne Decke, nicht aus zerbrechlichem Kristall, sondern aus unüberwindbarem Panzerglas. Auf dieser Decke stehen die Männer und machen eine Politik (und im Ergebnis deshalb eine Wirtschaft und Gesellschaft) aus primär männlicher Sicht.

Strukturen und Habitus unserer Partei orientieren sich an den Bedürfnissen von Männern. Themen orientieren sich an Männern. Positionen orientieren sich an Männern. Und dann wundern wir uns, dass Frauen uns nicht (mehr) so attraktiv finden.

Diese gläserne Decke sollte verschwinden. Es kommt nicht von ungefähr, dass Themen wie Pflege, Bildung oder Erziehung oft als "weiche" Themen bezeichnet werden. Es sind alles Themen und damit Berufsfelder, in denen vor allem Frauen tätig sind. Aus meiner Sicht sind es Berufsfelder, die vor allem Alltagsheldinnen hervorbringen, ohne die das Gemeinwesen in unserem Land nicht funktionieren könnte.

Es ist nichts "weich" daran, jeden Tag auf kleinen Stühlen zu sitzen, mit kleinen Mädchen und Jungen Lieder einzustudieren, Mitmachgeschichten vorzulesen, das Bewegungsspiel "Die Bienen sind ausgeflogen" anzuleiten, sie aber auch zu trösten, Konflikte beizulegen oder sich von Eltern maßregeln oder gar beschimpfen zu lassen.

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Es ist nichts "weich" daran, auf kleinen Stühlen zu sitzen, mit Kindern Lieder einzustudieren, meint Mario Czaja.Bild: pexels / Yan Krukau

Es erfordert eine immense Kraft, kranke und gebrechliche Menschen zu waschen, zu versorgen, ihnen die Angst vor einer OP zu nehmen und im ständigen Schichtdienst auch noch ein offenes Ohr für die Angehörigen zu haben.

Es erfordert ein ungemein feines Gespür, kraftvolle Nerven und Ausdauer, um Schülerinnen und Schülern nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, sondern auf ihren individuellen Lernfortschritt angemessen einzugehen, ihnen zu erklären, warum in der Ukraine gerade Krieg ist, Kummerkasten zu sein, weil die Eltern sich streiten.

Für all diese Berufe braucht man, braucht frau, Willenskraft, Stärke und Empathie. Es sind Berufe, für deren politische Betrachtung die Sicht von Frauen von unschätzbarem Wert, ja, unerlässlich ist. Auch und gerade deswegen brauchen wir mehr Frauen in der Politik. In unser aller Interesse, damit wir als Entscheiderinnen und Gestalter, als Wegbereiterinnen und Wegbereiter, als Partei besser werden.

Und damit sind wir wieder bei Vorbildern.

"Der Appell des Frauentages richtet sich gerade nicht nur an Frauen. Er ist ein Aufruf an uns Männer, um unserer selbst Willen Raum zu schaffen und partnerschaftlich zu denken."

Vorbilder sind gut und wichtig. Sie symbolisieren Erstrebenswertes, sie zeigen, was erreichbar, was möglich ist. Aber sie sind auch nur sinnvoll, wenn sie eine Idee voranbringen. Es geht nämlich nicht darum, Pionierinnen ins Schaufenster zu stellen. Es geht darum, eine echte, unaufgeregte Normalität zu schaffen. Eine Normalität, in der die politischen Ansichten von Frauen eben nicht die Minderheitsmeinung sind.

Dazu lade ich, dazu laden wir, ein. Der Appell des Frauentages richtet sich gerade nicht nur an Frauen. Er ist ein Aufruf an uns Männer, um unserer selbst Willen Raum zu schaffen und partnerschaftlich zu denken. Der Emanzipation der Frauen sollte konsequenterweise die Emanzipation des Mannes folgen.

Denn ganz nüchtern betrachtet: Die Gleichstellung von Frauen hat für uns alle erhebliche Vorteile.

Das enorme Wirtschaftswachstum der vergangenen zehn Jahre geht vor allem auf die steigende Beschäftigungsquote von Frauen zurück. Sie schließen Fachkräftelücken und leisten einen enormen Beitrag zur Stabilität unserer sozialen Sicherungssysteme. Gemischte Teams sind in jeder Hinsicht erfolgreicher. Eltern wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen und Erziehungsverantwortung teilen. Das geht nur, wenn gleichgestellte Frauen nicht als Konkurrentinnen, sondern als Verbündete gesehen werden.

Frauen werden und sollen weiter für ihre Rechte streiten. Doch es wird Zeit, dass wir Männer uns nicht länger querstellen. Innerhalb und außerhalb der Politik.

Braucht es also noch einen Internationalen Frauentag?

a protester hold a sign " because we have value" is seen during the day care workers strike in Cologne, Germany on March 8, 2022 (Photo by Ying Tang/NurPhoto via Getty Images)
Weltfrauentag, 2022 in Köln: "Weil wir es wert sind", steht auf dem Schild einer Demonstrantin.Bild: NurPhoto / NurPhoto

Als die Idee zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, ging es um etwas Fundamentales. Über Partei- und Bevölkerungsschichten hinweg stritten Frauen in vielen Ländern der Welt um ihr demokratisches Wahlrecht, heute bei uns eine völlige Normalität.

Worum also geht es dann heute?

Jedenfalls nicht in erster Linie darum, rote Nelken zu verteilen, Frauen Kaffee ans Bett zu bringen oder ihnen zu gratulieren. Vielmehr muss der Weltfrauentag uns daran erinnern, dass es – trotz unbestrittener Fortschritte – noch immer einen großen Aufholbedarf zu einer echten Gleichberechtigung von Frauen und Männern gibt. Der Weg zu echter Gleichstellung ist noch weit. Als Gesellschaft sind wir gefordert, dieses Ziel zu erreichen – gerade auch wir Männer.

In diesem Sinne: #embraceequity

Militärische Reform: Was Pistorius mit der Bundeswehr plant

"Kriegstüchtigkeit" ist das erklärte Ziel für die Bundeswehr, auch wenn der Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) das Wort während seiner Pressekonferenz am Donnerstagmittag nicht mehr explizit erwähnte. Verabschiedet habe er sich von dem Wort allerdings keineswegs, betonte er auf Nachfrage eines Journalisten. "Ich verstehe, dass sich einige an dem Wort reiben", er werde es aber dennoch weiter benutzen.

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