Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen in der Mecklenburger Allee zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber ZAst und ein Wohnheim für ehemalige vietn ...
Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen war Ziel der rassistischen Angriffe im Jahr 1992.Bild: imago images / Christian Schroedter
Politik

30 Jahre Rostock-Lichtenhagen: Rechter Mob tobte vier Tage lang – eine Chronik

Wir schreiben das Jahr 1992: Gewaltbereite Männer schmeißen Steine und Molotowcocktails auf eine Asyl-Unterkunft. Das Haus brennt, Menschen flüchten, Anwohner:innen klatschen Beifall, die Polizei wirkt hilflos. Wie kam es dazu?
22.08.2022, 17:3322.08.2022, 17:46

Die Ausgangslage

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Jugoslawienkrieg Anfang der 1990er stieg die Zahl der Asyl-Bewerber:innen stark an. Die Städte waren mit der Anzahl der Geflüchteten überfordert – auch in Rostock gab es Schwierigkeiten mit der Unterbringung. Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen war auf rund 300 Menschen ausgelegt.

Im Sommer 1992 befanden sich aber bis zu 1500 Asyl-Bewerber:innen auf dem Gelände des ZAST, das im sogenannten Sonnenblumenhaus untergebracht war – benannt nach den Sonnenblumen-Motiven an der Fassade. Anwohner:innen beschwerten sich darüber, dass Menschen, die im Gebäude keinen Platz fanden, auf dem Geländer ringsherum kampierten.

Reportage Ausschreitungen Rostock Lichtenhagen 1992, auf dem Gehweg ausharrende Flüchtlinge

Reportage Riots Rostock Lichtenhagen 1992 on the Sidewalk Refugees
Familien harren vor dem Sonnenblumenhaus an der Mecklenburger Allee aus und warten auf Hilfe.Bild: IMAGO / Rex Schober

Samstag, 22. August

Es fängt klein an und schaukelt sich dann immer weiter hoch: Im Laufe des Vormittags versammeln sich immer mehr junge Männer vor dem Sonnenblumenhaus und stacheln sich gegenseitig an. Die ersten werfen Steine auf das Gebäude, in dem die Geflüchteten untergekommen sind.

Etwa 2000 Menschen befinden sich am Sonnenblumenhaus – rund 200 Männer schmeißen Steine auf das Gebäude. Darin sind sowohl Asylsuchende als auch Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam untergebracht. Der Mob wird von den umstehenden Menschen angefeuert und bestärkt.

Die Rostocker Polizei ist vor Ort, ist von der Situation überfordert und wird vom rechten Mob ebenfalls angegriffen. Die Beamt:innen ziehen sich zurück. Erst in der Nacht trifft Verstärkung aus der Landeshauptstadt Schwerin ein.

Sonntag, 23. August

Erneut versammelt sich eine Gruppe junger Männer vor dem Sonnenblumenhaus. Jetzt sind es etwa 500 gewaltbereite Menschen. Darunter soll auch der bekannte Rechtsextremist Christian Worch aus Hamburg sein. Laut der "taz" stehen dem Mob rund 400 Polizist:innen gegenüber. Aus verschiedenen Angaben geht hervor, dass sich am Abend zwischen 2500 und 3000 Personen vor dem Sonnenblumenhaus versammeln. Sie applaudieren den Gewalttätern. Diese werfen Steine und nun auch Brandsätze (Molotowcocktails) auf das Haus, in dem immer noch Menschen untergebracht sind.

"Spätestens am nächsten Tag hatte das Geschehen für die Angreifer und ihre Unterstützer den Charakter eines Volksfests angenommen, bei dem Imbissstände für Verpflegung sorgten", schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in einem Beitrag über die Ausschreitungen.

Reportage Ausschreitungen Rostock Lichtenhagen 1992, Polizei rückt an und sperrt das Gebiet großräumig ab
Die Polizei rückt sehr spät in ausreichender Zahl auf, um sich dem gewalttätigen Mob entgegenzustellen.Bild: IMAGO / Rex Schober

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lothar Kupfer fordert Verstärkung an – Polizist:innen aus Hamburg und Bundesbeamt:innen vom Grenzschutz können in der Nacht die Lage zunächst beruhigen.

Montag, 24. August

Erneut versammeln sich gewaltbereite Menschen und Schaulustige vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST). Die ZAST wird zum Nachmittag evakuiert – die Asylbewerber:innen befinden sich nicht mehr im Sonnenblumenhaus – allerdings bleiben 115 bis 120 Vietnames:innen im Gebäude. Laut "taz" befinden sich 1000 Rechtsextremisten in Rostock-Lichtenhagen. Sie sind teilweise aus anderen Bundesländern angereist. Sie greifen die Polizei an.

Als diese zeitweise abzieht, fokussiert sich die Gewalt vollends auf das Sonnenblumenhaus. Warum sich die Polizei zurückzieht, bleibt bis heute unklar. Im Haus befinden sich rund 150 Menschen. Neben den vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen ist ein Kamerateam des ZDF im Haus, einige Helfer:innen sowie der Ausländerbeauftragter Rostocks, Wolfgang Richter.

Rund zwei Stunden lang wüten die Gewalttäter, dringen ins Sonnenblumenhaus ein und stecken es in Brand. Etwa 150 Menschen sind eingeschlossen. Die Feuerwehr wird von den umstehenden Menschen an den Löscharbeiten behindert.

Reportage Ausschreitungen Rostock Lichtenhagen 1992, Brandschaden am Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee

Reportage Riots Rostock Lichtenhagen 1992 Fire damages at sunflower house in the Meckl ...
Brandspuren am Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen.Bild: IMAGO / Rex Schober

Die Eingeschlossenen brechen verschlossene Notausgänge auf, retten sich auf das Dach und anschließend in einen anderen Gebäudeteil. Vor Mitternacht kann die Polizei die Angreifenden stoppen und die Feuerwehr ist in der Lage, das Feuer zu löschen. Es gibt keine Toten, was bei den dramatischen Szenen wie ein Wunder wirkt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) schreibt in ihrem Rückblick auf die Geschehnisse: "Nur durch Zufall konnten sie einen Durchgang aufbrechen und über das Dach in ein Nachbarhaus fliehen. Aus der Menge vor dem Sonnenblumenhaus schallte ihnen unterdessen immer wieder 'Deutschland den Deutschen' und 'Wir kriegen euch alle' entgegen."

Das Sonnenblumenhaus ist komplett evakuiert. Doch die Ausschreitungen gehen weiter.

Dienstag, 25 August

Noch immer befinden sich gewaltbereite Protestler vor dem Sonnenblumenhaus. Laut der "taz" sollen es rund 600 Männer sein, die sich Straßenschlachten mit 1600 Polizei-Beamt:innen liefern. Mit Wasserwerfern und Tränengas geht die Polizei gegen den Mob vor – 58 Gewalttäter werden festgenommen.

Mittwoch, 26. August

Gegen 2 Uhr morgens bekommt die Polizei den Mob in den Griff. Direkt danach gibt es Diskussionen darüber, weshalb die Polizei sich am Montag zurückgezogen hat. Zwei Tage später verteidigt Innenminister Lothar Kupfer (CDU) den Einsatz der Polizei.

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