2021 ist Superwahljahr. Im Herbst wird unter anderem der Bundestag gewählt. Auch für junge Menschen wird die Politik immer wichtiger. (Symbolbild)
2021 ist Superwahljahr. Im Herbst wird unter anderem der Bundestag gewählt. Auch für junge Menschen wird die Politik immer wichtiger. (Symbolbild)Bild: iStockphoto / RossHelen
watson-Story

Wie ein Start-up junge Menschen in die Parlamente bringen will

26.03.2021, 18:0429.03.2021, 19:54

Die Jugend ist Politik-müde und desinteressiert. Was im Bundestag passiert, geht sie sowieso nichts an. So jedenfalls die weitverbreiteten Vorurteile. Dass das nicht stimmt, haben die Klima-Aktivisten von Fridays for Future und die weltweiten Proteste nach dem Tod von George Floyd im vergangenen Frühjahr gezeigt. Die Jugend ist so politisch wie lange nicht mehr. Nun ist die Frage, wie sich der Protest von der Straße in die Parlamente verlagert.

Um junge Politiker und politische Aktivisten zu stärken, hat Caroline Weimann das Start-up Join Politics gegründet. Ziel ist es laut Weimann, junge Talente außerhalb der etablierten Strukturen zu entdecken und zu fördern. Hierfür stellt das Start-up eine Anschubfinanzierung in Höhe von 50.000 Euro zur Verfügung, sowie Coachings mit bekannten Größen und Beratern aus dem politischen Betrieb.

Ist einer der Kandidaten besonders erfolgreich bei seinem Vorhaben, kann sie oder er sich anschließend nochmals um 150.000 Euro Fördergeld bewerben. Das Geld dafür stammt von Spendern. 2,7 Millionen Euro hat Join Politics als Start-up bekommen, um politische Ideen zu fördern. Die geförderten Talente haben dann bis September Zeit, um ihre Ideen zu entwickeln und im Erfolgsfall – drei von vier Kandidaten bewerben sich auf ein Abgeordnetenamt – auch in die Parlamente zu tragen.

Sie werden nun finanziell und mit Coachings gefördert: Lu Yen Roloff, Luca Piwodda, Tiaji Sio und Verena Hubertz (v. l. n. r.).
Sie werden nun finanziell und mit Coachings gefördert: Lu Yen Roloff, Luca Piwodda, Tiaji Sio und Verena Hubertz (v. l. n. r.).null / Benjamin Jenak

Diese Herangehensweise ist in der Wirtschaft längst gang und gäbe, insbesondere in der Start-up-Szene. Jetzt soll es auch in der Politik funktionieren. Bestehende Strukturen aufbrechen und neue Brücken bauen, das sei der Ansatz von Join Politics, erklärt Gründerin Weimann gegenüber watson. Deshalb hat sie das junge Start-up gegründet und sich auf die Suche nach jungen frischen Ideen und Talenten gemacht.

Auf die Ausschreibung haben sich zahlreiche Kandidaten beworben. Nach einem Auswahlverfahren haben sich vier Kandidaten durchgesetzt und erhalten nun die Finanzierung und die Coachings. Watson hat sie getroffen.

Luca Piwodda: Frischer Wind im Schweriner Schloss

Luca Piwodda will in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.
Luca Piwodda will in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern.Bild: watson / lukas weyell

Der 21-jährige Luca Piwodda studiert Politikwissenschaft und hat 2021 eine eigene Partei gegründet. Mit der Freien Parlamentarischen Allianz (PFA) will er im Herbst in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin einziehen. Und damit ist er bisher recht erfolgreich. Seine Partei zählt aktuell 200 Mitglieder.

Um die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken und in den Landtag einzuziehen, plant Piwodda eine Zuhör-Tour durch Mecklenburg-Vorpommern, um dort zu erfahren, was die Menschen umtreibt. Er will insbesondere mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, die aus seiner Sicht von den etablierten Parteien nicht mehr erreicht werden. Hierfür ist das Startkapital, das Join Politics ihm nun bietet, gedacht. Nach eigenen Angaben zahlt Piwodda davon vor allem Logistik und Spesen. Er und seine Mitstreiter bekommen davon nichts ab. Sie machten alles ehrenamtlich, erklärt er gegenüber watson.

"Ich erlebe viel Frust bei jungen Leuten. Echte Bürgerbeteiligung kann da helfen."

Sollte es mit dem Einzug in den Landtag klappen, will Piwodda dafür sorgen, dass es ein Jugend-Mitwirkungsgesetz gibt. Das soll für mehr Partizipation junger Menschen in der Demokratie sorgen. "Ich erlebe viel Frust bei jungen Leuten. Echte Bürgerbeteiligung kann da helfen", so Piwodda. Bis zu den Landtagswahlen im Herbst hat er nun Zeit, um ganz Mecklenburg-Vorpommern von seinem Konzept zu überzeugen – oder zumindest fünf Prozent der Wähler.

Tiaji Sio: Mehr Diversität in Ministerien

Tiaji Sio möchte mehr People of Color den Weg in die Ministerien ermöglichen.
Tiaji Sio möchte mehr People of Color den Weg in die Ministerien ermöglichen.Bild: watson / lukas weyell

Tiaji Sio ist die einzige Kandidatin, die nicht für ein Parlament kandidiert. Sie hat eine andere Vision: mehr Diversität in deutschen Ministerien. Sio ist die Gründerin von "Diversitry" – einem Netzwerk, das es mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft ermöglichen soll, in Bundesministerien zu arbeiten. Angefangen hat sie damit zunächst in ihrem eigenen Ministerium. Sio ist Mitarbeiterin im Auswärtigen Amt und derzeit in der Deutschen Botschaft in Vietnam tätig.

Im Auswärtigen Amt hat Sio "Diplomats of Color" gegründet: eine Art Interessenvertretung für Menschen mit Migrationshintergrund. Nun möchte sie das Konzept ausweiten auf die anderen Ministerien. Im Auswärtigen Amt sei das gut möglich gewesen, weil die politische Spitze für solche Ideen offen gewesen wäre. Bei anderen Ministerien könnte das schwieriger werden, erklärt Sio gegenüber watson.

People of Color seien in den Ministerien unterrepräsentiert, so Sio. Im Zuge der Proteste um den gewaltsamen Tod von George Floyd im vergangenen Jahr und der daraus entstandenen Protestbewegung sei zwar generell mehr Bewusstsein für Rassismus entstanden. Aber gerade politische Strukturen und Behörden sind besonders behäbig, wenn es um Wandel geht. Sio möchte das beschleunigen.

Sie möchte, dass in Ministerien genauso viele Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten, wie es dem Bevölkerungsanteil entspricht: 25 Prozent. Hierfür möchte sie in den Ministerien ein strukturelles Diversitätsmanagement einführen, um die Diskriminierung bestimmter Gruppen zu vermeiden. Für die Umsetzung ihres Konzepts hat sie, wie die anderen Kandidaten auch, Zeit bis Ende September.

Lu Yen Roloff: Klimahauptstadt Potsdam

Lu Yen Roloff kandidiert für den Bundestag.
Lu Yen Roloff kandidiert für den Bundestag.Bild: watson / lukas weyell

Lu Yen Roloff ist 41 Jahre und tritt im Wahlkreis Potsdam als unabhängige Kandidatin an. Mit dem Startkapital, das Join Politics allen vier erfolgreichen Bewerbern zur Verfügung stellt, finanziert Roloff nun einen großen Teil ihres eigenen Wahlkampfs. Im Gegensatz zu ihren prominenten Gegenbewerbern in ihrem Wahlkreis hat sie keine große Partei im Rücken, die sie unterstützt.

Dass sie in Potsdam antritt und nicht in Hamburg, wo sie vorher gewohnt hat, liegt daran, dass in diesem Wahlkreis auch Annalena Baerbock (Die Grünen), Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und die frühere FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg antreten. Ihre prominenten Gegenkandidaten haben alle aussichtsreiche Plätze auf der Landesliste ihrer Partei vertreten und brauchen das Direktmandat nicht, um in den Bundestag zu kommen. Roloff hofft daher darauf, als unabhängige Kandidatin mithilfe der Erststimmen ins Parlament gewählt zu werden.

Annalena Baerbock könne ihr ruhig das Direktmandat überlassen, erklärt Roloff gegenüber watson. Das hätte ihr zufolge den Vorteil, dass zwei klimafreundliche Politiker den Wahlkreis Potsdam im Bundestag vertreten. Roloff muss hierfür mindestens 50.000 Stimmen gewinnen. Dafür will sie Potsdam dann zur Klimahauptstadt machen. Über die weiteren Themen können ihre Unterstützer über eine Online-Plattform abstimmen.

Für die Grünen wollte Roloff nicht antreten. Die etablierten Parteien seien ihr zu starr und unbeweglich. Außerdem hätten die Grünen sich zu sehr von ihren eigenen Idealen abgewandt. Dass einige andere Klima-Aktivisten wie Jakob Blasel von Fridays for Future für die Grünen antritt, sieht Roloff nicht kritisch. Es gebe viele verschiedene Wege fürs Klima zu kämpfen.

Auch die Klimaliste, die gerade bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz angetreten war, findet sie sympathisch. Allerdings hätte sie es für richtig gehalten, dass die Kandidaten der Klimaliste kurz vor der Wahl ihre Kandidaturen zurückgenommen hätten, um den Grünen nicht notwendige Stimmen zu klauen.

Verena Hubertz: Als SPD-Kandidatin in den Bundestag

Verena Hubertz kandidiert im Wahlkreis Trier für die SPD.
Verena Hubertz kandidiert im Wahlkreis Trier für die SPD.Bild: watson / lukas weyell

Verena Hubertz hat für ihre Kandidatur für den Bundestag hingegen eine Partei im Rücken, und zwar die älteste Partei Deutschlands. Für die SPD tritt die gebürtige Triererin in ihrem Heimatwahlkreis an und hat dafür ihrem gut laufenden Start-Up den Rücken gekehrt, wie watson bereits berichtete. Die vergangenen Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, bei der die SPD abermals als stärkste Partei hervorging, haben Hubertz' Kandidatur noch einmal ordentlichen Auftrieb gegeben. Sie ist daher optimistisch und hat nun mit der Förderung durch Join Politics weiteren Rückenwind erhalten.

Normal sei es nicht, dass eine SPD-Kandidatin noch Zuschüsse durch eine Plattform wie Join Politics bekommt. Aber normal war noch nie Verena Hubertz' Art und Weise, an Dinge heranzugehen. "Normal ist langweilig", sagt sie gegenüber watson. Von den Fördermitteln finanziert sie einen Mitarbeiter, der sich nun Vollzeit um ihr Modell eines Zukunftsfonds 2.0 kümmern kann und die Idee in ihrem Wahlkreis verankert. Die Idee dahinter ist ein Staatsfonds, der nicht nur junge Unternehmen aus Deutschland an die Weltspitze führen, sondern zugleich auch Rentner an Unternehmenserfolgen beteiligen soll.

"Normal ist langweilig."

Als ehemalige Start-Up-Unternehmerin findet Hubertz das Konzept von Join Politics spannend und wichtig. Es ersetze Parteien nicht, sondern ergänze sie. "So wie Start-Ups eben in der Wirtschaft neue Impulse setzen und alte Strukturen aufbrechen, hilft Join Politics dabei, in der Politik neue Ideen reinzubringen." Für Hubertz heißt das konkret, neue Gesichter und Menschen in den politischen Entscheidungsprozess einzubinden.

Exklusive Umfrage: 59 Prozent der Deutschen wünschen sich Karl Lauterbach als Gesundheitsminister

Eine Mehrheit der Deutschen würde es positiv beurteilen, wenn der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach das Gesundheitsministerium in der neuen Regierung übernehmen würde. Bei einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsunternehmen Civey im Auftrag von watson durchführte, gaben 59 Prozent der Befragten an, einen Gesundheitsminister Lauterbach positiv zu sehen. Rund ein Drittel (33 Prozent) würde Lauterbach auf dem Ministerposten negativ beurteilen.

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