Sonia Glenn, a DC-area activist, during a civil disobedience direct action for reproductive rights at the White House dressed as the Statue of Liberty. The Women's March organized the protest in respo ...
Frauen demonstrieren gegen das Abtreibungsverbot, das in mehreren konservativen US-Staaten eingeführt wurde.Bild: picture alliance / NurPhoto / Allison Bailey
International

USA: Was das Abtreibungsverbot für Frauen und Mädchen bedeutet

17.07.2022, 16:0917.07.2022, 16:11

Im Land der Freiheit und des Fortschritts verlieren in acht Bundesstaaten Frauen und Mädchen ihr Recht auf Abtreibung. Das gilt selbst dann (Utah ausgenommen), wenn sie durch eine Vergewaltigung ungewollt schwanger werden.

In Texas, Ohio, Tennessee und South Carolina dürfen Frauen bis zur sechsten Schwangerschaftswoche abtreiben. Ein kleines Zeitfenster, um eine Schwangerschaft festzustellen.

So kam es zu dem Vorfall, dass in Ohio einem 10-jährigen Mädchen die Abtreibung verwehrt wurde. Das Kind war durch eine Vergewaltigung in der sechsten Woche schwanger.

In Texas wurde eine Frau nach einer Fehlgeburt in Gewahrsam genommen, weil der Verdacht bestand, sie hätte den Abbruch selbst herbeigeführt.

Wo beginnt der "Schutz des Lebens" – und wo hört er auf?

Diese Extremfälle heizen die hitzige Diskussion um das Recht auf Abtreibung an. Es geht um die Frage, wer verliert an Grundrechten? Die Frauen oder das ungeborene Kind? Lassen sich beide Standpunkte zu einem Kompromiss vereinen?

Eine deutsche Gynäkologin und Geburtshelferin reagiert schockiert.

"Nicht nur als Fachärztin, sondern erst mal auch als Frau bewerte ich das Abtreibungsverbot als äußerst kritisch", sagt sie gegenüber watson. Für Sandra Reifenstein ist es ein riesiger Rückschritt für Frauenrechte.

Eine junge Frau demonstriert gegen das Abtreibungsverbot vor dem Weißen Haus in Washington DC.
Eine junge Frau demonstriert gegen das Abtreibungsverbot vor dem Weißen Haus in Washington DC.Bild: IMAGO / NurPhoto / AllisonxBailey

"Menschen lassen sich Dinge nicht verbieten. Mit solchen Verboten erreicht man nicht, dass nun jede Frau das unerwünschte Kind bekommt", sagt sie.

"Ich finde es ganz schwierig, dass Frauen in den USA in dieser Situation allein gelassen werden."

Reifenstein arbeitet für das Familienplanungszentrum Balance in Berlin, wo sie unter anderen Frauen bei der Durchführung des operativen und medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs begleitet.

"Ich finde es ganz schwierig, dass Frauen in den USA in dieser Situation allein gelassen werden." Viele würden nun nach Informationen aus dem Internet suchen und im Verborgenem auf gefährliche Methoden zurückgreifen, die zu physischen Schäden führen können, meint Reifenstein gegenüber watson.

Big-Brother is watching

Von einer Google-Suche "Wie kann ich abtreiben" raten Aktivisten ab. Das amerikanische Unternehmen hat allerdings verkündet, die Standorte von seinen Kundinnen zu löschen, wenn sie eine Abtreibungsklinik besucht haben.

Auch die Perioden-Apps sollen vom Handy runter. "Löscht heute eure Zyklus-Apps", forderte die US-amerikanische Autorin Jessica Khoury noch am selben Tag, als der Supreme Court das Recht auf Abtreibung gekippt hat.

Nicht selten dokumentieren Frauen den Verlauf ihres Zyklus mit Hilfe einer Menstruations-App. Diese sensiblen Daten können jedoch auf eine Schwangerschaft bei Nutzerinnen hinweisen und damit gegen sie verwendet werden.

Gynäkologin: "Keiner geht diesen Schritt leichtfüßig"

"Schwanger können Frauen immer werden – egal, ob sie mit Pille oder Spirale verhüten", erklärt Reifenstein. Am Ende stehen sie oft allein mit der unerwünschten Schwangerschaft da. Auch das könne zu einer psychischen Belastung führen.

Die Gynäkologin betont, dass Frauen einen Abbruch nicht leichtfertig begehen würden. "Es kommt keine Frau völlig frei nach Lust und Laune zu mir, um ihre Schwangerschaft abzubrechen. Keiner geht diesen Schritt leichtfüßig."

In Deutschland ist die Abtreibung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche möglich, sobald die betroffene Frau sich vor dem Eingriff an eine staatlich anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle wendet. Dort werden die Schwangeren über ihre Möglichkeiten aufgeklärt.

Auch wenn gesundheitliche Risiken bestehen oder ein Sexualdelikt vorliegt, ist eine Abtreibung legal.

In Deutschland gibt es viele Beratungsstellungen für Schwangere, unter anderem den Verein donum vitae Berlin-Brandenburg.
In Deutschland gibt es viele Beratungsstellungen für Schwangere, unter anderem den Verein donum vitae Berlin-Brandenburg.Bild: epd-bild / Juergen Blume

"Der Gesetzgeber verfolgt ein Schutzkonzept, das im Einklang mit den Anforderungen des Grundgesetzes auf Hilfe statt Strafe setzt", erklärt Olaf Tyllack gegenüber watson.

Er ist Bundesvorsitzender von donum vitae, ein von katholischen Christen gegründeter Verein. Nach dem Ausstieg der katholischen Bischöfe aus dem gesetzlichen Beratungssystem möchte der Verein das katholische Element im System der staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungen erhalten.

Für Tyllack seien die Regelungen einiger US-Bundesstaaten zweifellos bedenklich. Gleichzeitig könne er die "schlichte Freigabe der Abtreibung" auch nicht gutheißen. In liberalen Staaten wie Oregon und Colorado ist die Abtreibung unabhängig der Schwangerschaftswoche jederzeit möglich.

Weiter meint Tyllack:

"Bei einem Schwangerschaftsabbruch hat sich eine Frau gegen das Leben mit diesem Kind entschieden. Aber dafür darf eine Frau nicht verurteilt werden."

Eine Freiheit, die nun viele US-amerikanische Frauen und junge Mädchen verloren haben.

Wenn laut Gesetz Kinder Kinder kriegen sollen

Den Fall des 10-jährigen Vergewaltigungsopfers aus Ohio empfindet Tyllack als unerträglich. "Ein Abbruch nach Vergewaltigung sollte wie in Deutschland zulässig sein."

"Ein Kinderkörper ist nicht dafür ausgerichtet, ein Baby zu bekommen."

Wie verantwortlich ist es, ein Gesetz zu unterstützen, das Kinder dazu zwingt, Kinder zu bekommen?

"Ein Kinderkörper ist nicht dafür ausgerichtet, ein Baby zu bekommen. Eine solche Schwangerschaft ist aus rein medizinischer Sicht kritisch zu sehen", erklärt auch Reifenstein.

Es sei zudem psychischer Stress für das Kind, eine Schwangerschaft auszutragen. Oft enden diese in Frühgeburten oder das Kind weise ein sehr niedriges Geburtsgewicht auf.

Ein Blickwinkel der Pro-Life Bewegung

Der Verein sundaysforlife vertritt die Meinung der Abtreibungsgegner.

Er hat sich zum Ziel gesetzt, gegen die "systematische Entmenschlichung ungeborener Kinder anzukämpfen". Die Abtreibungsindustrie verschleiere die Risiken einer Abtreibung durch Fehlinformationen.

Anstatt von einem "Zellklumpen" zu sprechen, solle darauf hingewiesen werden, wie weit ungeborene Kinder bereits entwickelt seien.

Um die Realität vor Augen zu halten, veröffentlicht der Verein Bilder von abgetriebenen Embryos und Feten in der sechsten bis 22. Schwangerschaftswoche.

Abtreibungsgegner*innen demontrieren in Augsburg Wie jeden Sonntag demonstrierten am 8.5.2022 in Augsburg rund ein Dutzend christliche Fundamentalist*innen bzw. Abtreibungsgegner*innen von Sundays for ...
Abtreibungsgegner von Sundays for Life demonstrieren jeden Sonntag vor dem Rathaus in Augsburg.Bild: imago images / Alexander Pohl

Die Embryos zeigen früh menschliche Züge mit ausgebildeten Händchen und Füßchen. Im Alter von zwanzig Wochen sieht der Fötus einem vollständigen Baby ähnlich. Für den Pro-Life Verein sind Abtreibungen ein brutaler Gewaltakt, der ein Menschenleben beendet. Aber ab wann fühlt ein ungeborenes Kind tatsächlich Schmerzen?

Bis zur zwölften Schwangerschaftswoche seien Schmerzempfindungen der Föten laut aktueller Studienlagen so gut wie auszuschließen, erklärt Reifenstein. Das Empfinden käme frühestens ab der zwölften Woche, eher aber ab Woche 26.

Alle Schwangerschaften, die nach dem dritten Monat in Deutschland abgebrochen werden, seien Ausnahmen und nur im Rahmen einer medizinischen Indikation durchzuführen, führt die Gynäkologin weiter aus.

Was bedeutet ein Kind für eine Mutter, die keine sein will?

"Kinder geben einem unendlich viel, sie kosten einem aber auch unglaublich viel an Kraft. Man muss es wirklich wollen", meint Reifenstein.

Ihr komme es so vor, als würde in dieser Debatte niemand an die Kinder denken, die ungewollt ins Leben geboren werden.

Vor allem bei Schwangerschaften durch Sexualdelikte äußert Reifenstein Zweifel:

"Das muss man sich mal vorstellen, die Frau wird gezwungen, dieses Kind, das aus einer Vergewaltigung entstanden ist, auszutragen. Das ist eine entsetzliche Botschaft, dass man sich nicht auf die Seite des Opfers stellt. Wenn man Vergewaltigungsopfern das Recht auf Abtreibung verweigert, bestraft man sie nochmal."
Eine Schwangerschaft ist eine lebensverändernde Entscheidung.
Eine Schwangerschaft ist eine lebensverändernde Entscheidung. Bild: dpa / Stephen Brashear

Für Alicia Düren, Mitgründerin von sundaysforlife, löse eine Abtreibung nicht die Probleme einer Vergewaltigung. Im Gegenteil, das Kind könne im Heilungsprozess helfen. Zudem gebe es die Alternative einer Adoption. In Fällen von minderjährigen Schwangeren spricht Düren von Frauen, die sich unter Druck gesetzt fühlen, eine Abtreibung zu vollziehen.

Ein Kind, das bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde, sei kein Monster, meint die Abtreibungsgegnerin. Die Gesellschaft solle sowohl der Mutter helfen als auch eine Stimme für die "Rapebabys" sein.

Wenn Frauen nach einer Fehlgeburt im Knast landen

Zurück in die USA. Nach dem Abtreibungsverbot steht die Frage im Raum: Ist es nachweisbar, ob eine Fehlgeburt natürlichen Gründen unterliegt oder selbst herbeigeführt wurde?

Reifenstein sagt:

"Ob eine Blutung bei einer Fehlgeburt natürliche Gründe innehält oder durch Tabletten eingeleitet wurde, kann man bei einer gynäkologischen Nachuntersuchung ganz sicher nicht mehr feststellen."

Die Gynäkologin fragt sich, ob ihre Kollegen in den USA nach bestimmten Medikamenten oder Substanzen im Blut suchen.

Reifenstein meint:

"Allein der Fakt, dass sich Frauen nach einer Fehlgeburt fürchten müssen, in Gewahrsam genommen zu werden, grenzt an psychischer Gewalt. Für beide Frauen – egal, ob sie die Abtreibung eingeleitet hat oder nicht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es sowas gibt. Dass man Frauen so behandelt."

Wo bleibt der Schutz der Mutter?

In der Debatte um das Abtreibungsrecht darf außerdem nicht außer Acht gelassen werden, dass die USA – im Vergleich zu anderen Ländern – eine hohe Müttersterblichkeitsrate aufweisen.

Black woman feeling depression symptoms alone at home
Vor allem afroamerikanische Frauen sind betroffen von der Muttersterblichkeit in den USA.Bild: iStockphoto / tommaso79

Der Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC zeigt, dass vor allem afroamerikanische Frauen an einer schwangerschaftsbedingten Ursache sterben.

Dazu kommen die Hürden einer komplexen und kostspieligen Krankenversicherung, teure Kinderbetreuung, weder Mutter-, Eltern- noch Kindergeld.

Frauen aus den betroffenen US-Staaten werden durch das Abtreibungsverbot gezwungen, ein Kind ins Leben zu bringen, ohne die Abfederung eines bezahlbaren Gesundheitssystems und einer sozialen Familienpolitik.

Die Forderung von Abtreibungsgegnern, dass jedes ungeborene Leben Schutz verdiene, geht also Hand in Hand mit dem Schutz der werdenden Mutter – von Anfang an.

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