Der Rückhalt für Kreml-Chef Wladimir Putin bröckelt langsam.
Der Rückhalt für Kreml-Chef Wladimir Putin bröckelt langsam.Bild: www.imago-images.de / imago images
Analyse

Diese (schlechten) Optionen hat Putin in der Ukraine

Die ukrainische Offensive hat die Russen auf dem linken Fuß erwischt. Hardliner fordern eine Mobilmachung, doch deren Risiken sind für Kreml-Herrscher Wladimir Putin enorm.
19.09.2022, 16:13
Peter Blunschi / watson.ch

Selbst die Chinesen beginnen zu zweifeln. Das musste Wladimir Putin beim Treffen mit Xi Jinping am Donnerstag im usbekischen Samarkand öffentlich einräumen. Xi habe "Fragen und Bedenken" zur Lage in der Ukraine, erklärte Putin. Sein Verweis auf die "ausgewogene Position" Chinas lässt ebenfalls nicht auf bedingungslose Unterstützung schließen.

Chinas Haltung zum Ukraine-Krieg ist in der Tat ambivalent. Man stärkt den Russen den Rücken, um sie an sich zu binden und ein Gegengewicht zum Westen zu schaffen. Aber Peking liefert keine Waffen und hält sich an die Sanktionen. Denn die USA und Europa sind für die schwächelnde chinesische Wirtschaft viel wichtiger als Russland.

Putin und Xi Jinping in Samarkand. Der Chinese wirkt nicht sonderlich beeindruckt.
Putin und Xi Jinping in Samarkand. Der Chinese wirkt nicht sonderlich beeindruckt.Bild: Pool Sputnik Kremlin / Sergei Bobylev

Nun schwindet bei den Chinesen offenbar der Glaube an die russische Kriegführung. Dazu beigetragen hat mit Sicherheit der rasante Vormarsch der ukrainischen Armee in der Region Charkiw und die panikartige Flucht der russischen Soldaten und ihrer Verbündeten. Nach dem Abzug aus Kiew ist es der zweite schwere Rückschlag für Russland.

"Die ukrainische Offensive in Charkiw hat die Illusion der russischen Unbesiegbarkeit zerstört", heißt es in einer umfangreichen Analyse der deutschen Politologin Liana Fix und des US-Historikers Michael Kimmage in "Foreign Affairs". Erstmals müsse sich Wladimir Putin mit der ernsthaften Möglichkeit auseinandersetzen, dass er den Krieg verlieren könne.

Das vermeintliche "strategische Genie" hat sich mit der Ukraine-Invasion in eine fast ausweglose Lage manövriert. Putin sei jetzt "mit einer Reihe von garstigen Optionen" konfrontiert, heißt es weiter. Denn die Hardliner in Russland toben und fordern eine massive Ausweitung des Krieges. Doch der Kreml-Herrscher zögert, aus guten Gründen.

Mobilmachung

Während die Soldaten in der Ukraine flüchteten, feierte Moskau seinen 875. Geburtstag – etwa mit einem Feuerwerk.
Während die Soldaten in der Ukraine flüchteten, feierte Moskau seinen 875. Geburtstag – etwa mit einem Feuerwerk.Bild: www.imago-images.de / imago images

In der Ukraine kämpfen Berufssoldaten, Wagner-Söldner und "Freiwillige", etwa Milizen aus den Separatistengebieten im Donbass. Ihre Verluste sind hoch und die Kampfmoral ist tief. Die Kriegstreiber rufen deshalb lautstark nach einer Mobilisierung der Wehrpflichtigen. Das aber würde den Anschein von Normalität zerstören, den Putin aufrechterhalten will.

Der russische Präsident weiß, dass sein Volk nicht kriegslüstern ist. In den großen Städten Russlands ist von Kriegsbegeisterung laut Korrespondentenberichten nichts zu sehen. Die Bevölkerung ist apathisch und verdrängt das Geschehen im Nachbarland. Der Kreml hält sich weiterhin an die Bezeichnung des Krieges als "militärische Spezialoperation".

Bei einer auch nur teilweisen Mobilmachung wäre es damit vorbei. Der Krieg würde mitten in die Gesellschaft getragen. Söhne, Brüder, Ehemänner, Freunde würden eingezogen und ins Gefecht geschickt. "Einen derartigen Wandel in der Einstellung der russischen Bevölkerung zu verlangen, könnte für Putin leicht ins Auge gehen", heißt es in "Foreign Affairs".

Für die Ukraine wäre die russische Mobilmachung heikel, doch die Soldaten müssten erst ausgebildet werden, was Monate in Anspruch nehmen dürfte. Die Ukraine hätte Zeit, weiter mit westlicher Hilfe aufzurüsten und ihre Truppen zu verstärken. Und es wäre ein großes Risiko, unerfahrene Soldaten gegen die kampferprobten Ukrainer ins Feld zu schicken.

Es ist fraglich, ob eine solche Perspektive die Kampfmoral der Wehrpflichtigen erhöht. Kommt hinzu, dass viele erfahrene russische Offiziere in der Ukraine gefallen sind.

Und es stellt sich die Frage, womit die Truppen kämpfen sollen. Denn nach bald sieben Monaten Krieg ist die russische Armee nicht nur personell, sondern auch materiell ausgepowert.

Waffen

Ukrainische Soldaten auf einem zerstörten russischen Panzer in der Region Charkiw.
Ukrainische Soldaten auf einem zerstörten russischen Panzer in der Region Charkiw.Bild: AP / Leo Correa

Nicht wenige westliche Beobachter übersehen, dass den Russen offenbar die Waffen ausgehen. Auf ihrer panischen Flucht ließen sie viel Material zurück. Zwar kam es zu "Vergeltungsschlägen" gegen die Strom- und Wasserversorgung in der Stadt Charkiw. Und am Donnerstag wurde ein Staudamm in Wolodymyr Selenskyjs Heimatstadt Krywyj Rih bombardiert.

Quantitativ aber bleiben die Angriffe überschaubar, was darauf hindeutet, dass die Russen mit ihren Präzisionsraketen haushälterisch umgehen müssen. Gefürchtete Systeme wie Hyperschallraketen und Vakuumbomben kamen in der Ukraine zum Einsatz, aber groß sind die Vorräte offenbar nicht. Auch bei konventionellen Waffen sieht es schlecht aus.

Der große Exporteur Russland sucht weltweit nach Waffen, wird anscheinend aber nur in ebenfalls stark sanktionierten Ländern wie Iran und Nordkorea fündig. Iran liefert vor allem Kampfdrohnen, an denen es der vermeintlichen Großmacht Russland mangelt. Von Nordkorea gibt es angeblich Raketen und sogar Artilleriegranaten.

"Es ist geradezu absurd, dass die russische Rüstungsindustrie, in die in den letzten dreizehn Jahren viel Geld geflossen ist, offenbar nicht in der Lage ist, dieses Material in ausreichender Zahl selbst zu produzieren", meint der österreichische Russland-Kenner Gerhard Mangott. Auch für die Defizite bei den Hightech-Waffen hat er eine Erklärung.

Russlands Ex-Präsident und heutiger Chef des Sicherheitsrates Dmitri Medwedew besucht einen Waffenhersteller.
Russlands Ex-Präsident und heutiger Chef des Sicherheitsrates Dmitri Medwedew besucht einen Waffenhersteller.Bild: www.imago-images.de / imago images

Für deren Herstellung sei Russland auf westliche Komponenten wie Halbleiter angewiesen, die nicht mehr geliefert würden. China will aus den erwähnten Gründen nicht in die Bresche springen. "Die russische Wirtschaft, auch die Rüstungsindustrie, wurden von Putin nicht auf das Szenario eines langen Abnutzungs- und Zermürbungskrieg vorbereitet", folgert Mangott.

Status quo

Dies erschwert auch die Alternative zur Mobilmachung. Putin könnte versuchen, sich in nächster Zeit durchzuwursteln und neue Kämpfer zu finden, vor allem in den Gefängnissen. Das Ziel wäre, neue ukrainische Vorstöße abzuwehren und weiterhin zivile Ziele zu attackieren. Damit verbunden wäre die Hoffnung auf ein Ende der westlichen Militärhilfe.

Dabei würde Putin auf die "Energiewaffe" bauen, mit der er die Europäer in der Winterkälte "weichkochen" will. Ob das klappt, ist eine andere Frage. Obwohl die Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 ganz eingestellt und insgesamt stark gedrosselt wurden, füllen sich die Speicher in Europa. In den letzten Tagen sind die Gaspreise sogar gefallen.

Gas ist immer noch teuer, ebenso Strom. Die kalte Jahreszeit bleibt für Europa eine Herausforderung. Falls es einen milden Winter gibt (Langfrist-Prognosen deuten darauf hin), könnte der Kontinent jedoch mit einem blauen Auge davonkommen. "Putin droht im Gaskrieg gegen Europa eine herbe Niederlage", schreibt die "Frankfurter Rundschau".

Verhandlungen?

Vielleicht bleibt Putin keine Wahl, als über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Die Analyse von "Foreign Affairs" verweist darauf, dass Russland ein formidabler Gegner sei, wenn es angegriffen werde (Napoleon und Hitler haben dies auf die harte Tour erfahren). Bei eigenen Angriffskriegen aber hätten sich die Russen mehr als einmal blamiert.

In der Ukraine könnte es ähnlich laufen. Es fragt sich, ob Wladimir Putin dies politisch überleben würde. "Putin dachte, er würde Selenskyjs Ukraine in den Abgrund stoßen. Womöglich hat er dies mit seinem eigenen Regime geschafft", meint "Foreign Affairs".

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