Donald Trump und Kim Jong-un bei deren Treffen in der demilitarisierten Zone zwischen Süd- und Nordkorea.
Donald Trump und Kim Jong-un bei deren Treffen in der demilitarisierten Zone zwischen Süd- und Nordkorea.
Bild: Getty Images AsiaPac / Handout
Interview

Experte über Nordkorea: "Jetzt kann Kim Jong-un die Bombe platzen lassen"

19.06.2020, 14:56

Nach der Sprengung des gemeinsamen Verbindungsbüros zwischen Süd- und Nordkorea spitzt sich der Konflikt zwischen den beiden Ländern weiter zu. Lange sah es danach aus, als würden sich die Beziehungen entspannen, aber mit der Entspannungspolitik ist es nun mit einem lauten Knall vorbei.

Das Verbindungsbüro war als neutraler Ort gedacht, an dem sich Vertreter beider Länder treffen und verhandeln konnten. Nun sollen alle Kommunikationswege zwischen den beiden Ländern gesprengt werden, wie Kim Yo-jung, die Schwester von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un mitteilte.

An der Grenze zwischen Nord- und Südkorea stehen sich Soldaten beider Seiten gegenüber.
An der Grenze zwischen Nord- und Südkorea stehen sich Soldaten beider Seiten gegenüber.
Bild: Getty Images AsiaPac / Pool

Nordkorea setzt auf Eskalation

Nach einer Zeit der Entspannung setzt Nordkorea wieder klar auf Eskalation. Die Frage ist jedoch: warum? Und welche Auswirkungen wird das auf die weltweite Sicherheitslage haben? Immerhin ist Nordkorea Atommacht mit engem Draht nach Russland und China, Südkorea wiederum US-amerikanischer Verbündeter.

Christian Hacke ist Experte für Außen- und Sicherheitspolitik. Er forschte viele Jahre zur Außenpolitik der USA und der Annäherung der BRD und der DDR im Ost-West-Konflikt. Watson wollte von ihm wissen, welche Konsequenzen die jüngste Eskalation zwischen Nord- und Südkorea hat und welche Rolle Donald Trump dabei spielt.

"Was Donald Trump getan hat, war 'Fake Diplomacy'."

watson: Herr Hacke, die Lage auf der koreanischen Halbinsel spitzt sich zu. Vor wenigen Tagen ist das Verbindungsbüro zwischen Süd- und Nordkorea gesprengt worden. Welche Bedeutung hatte dieses Büro?

Christian Hacke:
Die Sprengung ist die Konsequenz einer großen Enttäuschung des nordkoreanischen Regimes, weil es eben nicht vorangeht in den Gesprächen mit Südkorea und den USA. Kim Jong-un hatte sich vor allem erhofft, dass für ihn wirtschaftlich etwas rausspringen würde und er gleichzeitig nicht auf sein Nukleararsenal hätte verzichten müssen.

Donald Trump hatte sich nach dem gemeinsamen Treffen im vergangenen Jahr noch damit gebrüstet, einen großartigen Deal vereinbart zu haben…

Was Donald Trump getan hat, war "Fake Diplomacy". So führt man keine Verhandlungen mit einem Diktator. Das hätte man ganz anders einfädeln müssen.

"Fake Diplomacy": Donald Trump und Kim Jong-un bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen in Südkorea im Juni 2019.
"Fake Diplomacy": Donald Trump und Kim Jong-un bei ihrem letzten gemeinsamen Treffen in Südkorea im Juni 2019.
Bild: Getty Images AsiaPac / Handout

Was genau hat Trump falsch gemacht?

Auf der einen Seite hat Trump Kim Jong-un enttäuscht, weil der wirtschaftliche Aufschwung durch Aufhebung der Sanktionen eben nicht kam, den sich die Nordkoreaner versprochen haben. Auf der anderen Seite hat Kim Jong-un damit natürlich gewonnen, dass er sein Atomarsenal behalten darf. Es war für den nordkoreanischen Diktator auch schon ein Prestigeerfolg, dass Donald Trump sich überhaupt mit ihm auf Gipfelebene getroffen hat. Das hat sein Regime enorm aufgewertet.

"Jetzt kann Kim Jong-un die Bombe platzen lassen."

Bisherige US-Präsidenten hatten Gipfeltreffen mit Kim Jong-un immer vermieden. Warum?

Wenn man innenpolitisch keine Legitimation hat, weil es wie in Nordkorea keine freien Wahlen gibt, dann braucht man die Legitimation auf andere Weise. Zum Beispiel, indem man sich mit den Regierungschefs anderer Länder trifft, und sie einen als ebenbürtig anerkennen. Diese Anerkennung hat Donald Trump Kim Jong-un zukommen lassen. Das war ein großer Erfolg. Jetzt kann Kim Jong-un die Bombe platzen lassen, nämlich das Verbindungsbüro zu Südkorea.

Im Sommer 2019 testete Nordkorea erneut Raketen mit denen auch Atomsprengköpfe bis nach Südkorea oder Japan verschossen werden können.
Im Sommer 2019 testete Nordkorea erneut Raketen mit denen auch Atomsprengköpfe bis nach Südkorea oder Japan verschossen werden können.
Bild: Getty Images AsiaPac / Chung Sung-Jun

Apropos Bombe. Nordkorea ist nach wie vor im Besitz von Atomwaffen. Wie entscheidend ist das für den Konflikt?

Sehr. Es geht nicht darum, dass diese Waffen eine unmittelbare Gefahr für die umliegenden asiatischen Länder darstellt. Kim Jong-un wird diese Waffen nicht einfach so nutzen, um andere Länder anzugreifen. Aber durch Nuklearwaffen schreckt man jeden potenziellen Gegner davor ab, Nordkorea anzugreifen oder sich auch nur in irgendeiner Form in die inneren Angelegenheiten des Landes einzumischen.

Wie wichtig sind die Atomwaffen für Kim Jong-uns Macht als Diktator?

Die Militärmacht Nordkorea und dessen Status als Nuklearmacht sorgt dafür, dass dieses Regime an der Macht bleibt. Deshalb werden sie darauf nicht mehr verzichten. Das hat auch jeder Fachmann gesehen in den letzten Jahren, nur Donald Trump dachte, er könne mit seiner "Fake Diplomacy" die Dinge radikal ändern. Er ist damit total gescheitert.

"Trump hat große Hoffnungen geweckt, dass sich die Dinge radikal verändern würden."

Auch Donald Trump hat es gebraucht, einen außenpolitischen Erfolg zu vermelden…

Das war seine wirre Vorstellung und leider zahlt sich das vermutlich auch bei der nächsten Wahl aus. Viele Amerikaner denken nicht im Detail, sondern nehmen Donald Trump seine einfachen Erklärungen ab. Die Formel, dass es besser ist mit Nordkorea zu verhandeln, als aufeinander zu schießen ist für viele leicht verständlich. Das ist eine populistische, dumme Diplomatie, die in der Sache katastrophal ist, aber bei Trumps Wählern ankommt.

Was ist so falsch an Donald Trumps Verständnis von Diplomatie?

Es geht um die Kernfrage, ob man als Demokratie normale Beziehungen mit einer Diktatur unterhalten kann. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt hat in den 1970er Jahren die Beziehungen zur Sowjetunion, Polen und der DDR in einem langwierigen und schwierigen Prozess vorangebracht. Diese Ostpolitik war klug, umsichtig und später auch erfolgreich.

Was war Ihrer Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg?

Er hat die eigenen Interessen nicht vergessen und war gleichzeitig bereit, Eingeständnisse zu machen. Das ist das Gegenteil von der gedankenlosen und übereilten Art und Weise mit der Trump versucht hat, sein Prestige durch eine Vereinbarung mit Nordkorea aufzuwerten. Dabei bleibt Südkorea aber völlig auf der Strecke.

Inwiefern?

Für Südkorea sind die jüngsten Entwicklungen eine riesige Enttäuschung. Trump hat große Hoffnungen geweckt, dass sich die Dinge radikal verändern würden, und nun eskaliert der Konflikt nur weiter ohne merkliche Verbesserungen.

"Stellen Sie sich Deutschland im Jahre 1989 mit einer nuklear bewaffneten DDR und einer Sowjetunion vor, die so stark ist wie das heutige China."

Warum ist die aktuelle Lage so schwierig für Südkorea?

Stellen Sie sich Deutschland im Jahre 1989 mit einer nuklear bewaffneten DDR und einer Sowjetunion vor, die so stark ist wie das heutige China. Eine aufsteigende Weltmacht. Stellen Sie sich nun eine Diplomatie vor, die versucht eine Wiedervereinigung zu betreiben. Das ist die Situation von Südkorea. In allen Verhandlungen sind die Südkoreaner unterlegen. Nordkorea hat den enormen Vorteil, Nuklearmacht zu sein. Das ist Südkorea nicht. Sie haben nichts in der Hand. Umso stärker ist die Sorge der Südkoreaner in der derzeitigen Situation mit Trump, wo sie sich auf dessen Atomschutzschirm nicht verlassen können.

Welche Politik sollte die USA betreiben, um die Position Südkoreas zu stärken?

Meine Empfehlung ist es, dass die Amerikaner ihre Beistandspflicht gegenüber Südkorea nochmal deutlich machen. Es darf kein Zweifel darüber herrschen, dass die USA im Falle eines Angriffs durch Nordkorea zur Stelle sind. Dann müssen sie ihre Truppen in Südkorea verstärken, um klar zu machen, Südkorea genießt unseren Schutz. Auch nuklear.

Südkoreanische Soldaten bei einem Manöver 2007.
Südkoreanische Soldaten bei einem Manöver 2007.
Bild: Getty Images AsiaPac / Chung Sung-Jun

Wird das längerfristig dafür sorgen, dass das nordkoreanische Regime einlenken wird?

Nein. Das ist jetzt vorbei. Kim Jong-un ist ein Vorbild für andere Diktaturen geworden. Er hat den Trend zur Weiterverbreitung von Nuklearwaffen beschleunigt. Sein Verhalten hat gezeigt, dass man den USA durch die Macht der Atomwaffen widerstehen und sie damit sogar an den Verhandlungstisch zwingen kann. Das kann sich nun jeder von Teheran bis Peking abschauen.

Also rechnen Sie nicht damit, dass Nordkorea atomar abrüsten wird?

Eher würde Kim Jong-un Gras fressen, als dass er nur daran denken würde, seine Nuklearwaffen aufzugeben.

Trump soll Merkel im Telefonat mit ihr als "dumm" bezeichnet haben

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