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22. Februar: Eine Mutter mit ihren Kindern wird in einem Bus aus dem Donbas evakuiert.Bild: TASS / Vladimir Smirnov
Politik

Hört auf mit euren Sprüchen aus dem Poesiealbum: In diesem Krieg gibt es nur einen Bösewicht

25.02.2022, 07:39

Irgendwann, am ersten Vormittag des russischen Kriegs gegen die Ukraine, sind die John-Lennon-Zitate aufgetaucht. In meinem Facebook-Feed, Wörter aus dem Song "Imagine": "Stell Dir vor, alle Menschen leben in Frieden". Hier und da auch der Klassiker unter den Anti-Kriegssprüchen: Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Ach ja, und fluffig-nachdenkliche Bemerkungen, dass der Mensch ja nichts dazu gelernt habe, wenn jetzt schon wieder Krieg herrsche.

Sprüche – wie aus dem Poesiealbum.

Sprüche, die suggerieren, dass es irgendwie in der schlechten Natur des Menschen liege, aufeinander zu schießen. Und dass es doch so einfach wäre, friedlich miteinander zu leben. Was willste machen, der Mensch ist halt schlecht.

Es sind Sprüche, die mich heute zornig machen. Weil sie unfassbar naiv sind.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat in der Nacht auf Donnerstag einen Angriffskrieg auf die Ukraine befohlen. Die russische Luftwaffe bombardiert dutzende Orte im ganzen Land, russische Artillerie überrollt die Ukraine an mehreren Stellen. In diesen Krieg sind die Menschen in der Ukraine nicht hineingerutscht wegen irgendeiner urmenschlichen Charakterschwäche, die man mit gutem Willen und Vernunft ganz einfach überwinden könnte.

Es ist Zeit, die Poesiealbum-Sprüche stecken zu lassen – und auszusprechen, worum es hier geht.

"Das hier ist ein Überfall des russischen Regimes auf die Ukraine. Es ist ein Verbrechen, mit einem klar erkennbaren Täter und einem ebenso klar erkennbaren Opfer."

Das hier ist ein Überfall des russischen Regimes auf die Ukraine. Es ist ein Verbrechen, mit einem klar erkennbaren Täter und einem ebenso klar erkennbaren Opfer. Der Täter ist das Putin-Regime. Das Opfer ist die ukrainische Demokratie, die sich in den vergangenen acht Jahren unter denkbar schwierigen Bedingungen entwickelt hat. Wer für eine freie Gesellschaft ist, der steht heute auf der Seite der Ukraine.

Wer auf der Seite Russlands steht, unterstützt einen faschistoiden Kriegsverbrecher, der es nicht erträgt, dass sich die Völker in seiner Nachbarschaft aus seinem Einfluss befreien und in Freiheit leben wollen.

Unter Putin ist Russland ein Land, das spätestens seit dem Georgienkrieg 2008 Nachbarstaaten das Messer an die Kehle hält, sobald sie versuchen, sich seiner imperialistischen Politik zu entziehen und sich nach Westen zu orientieren: Putin tut das mit der Ukraine, er tut es mit Georgien (wo russische Truppen bis heute einen Teil des Landes besetzt halten), er tut es mit Moldau (wo russlandfreundliche Separatisten seit Jahren den Landesteil Transnistrien kontrollieren).

Dass der russische Präsident sich diese kriminelle Aggressivität nicht gegenüber Estland, Litauen, Lettland, Polen oder Tschechien traut, hat vor allem einen Grund: Diese Länder sind seit Jahren Teil der Nato.

"Alle früher von der Sowjetunion kontrollierten Staaten, die der Nato beigetreten sind, haben das freiwillig getan.
Und diese Entscheidung hat Russland zu akzeptieren!"

Die Nato-Osterweiterung ist ja ein beliebtes Argument derjenigen, die mit Blick auf den russischen Angriff auf die Ukraine von "Schuld auf beiden Seiten" faseln. Was viele dieser Leute nicht wissen oder nicht begreifen wollen: Es war nicht die ach so fiese Nato, die sich diese Länder einverleibt hat, um Russland auf die Pelle zu rücken.

Alle früher von der Sowjetunion kontrollierten Staaten, die seit 1999 der Nato beigetreten sind, haben das freiwillig getan. Weil der größte Teil der Tschechinnen, Slowaken, Polinnen, Letten, Estinnen und Litauer nach Jahrzehnten der kommunistischen Unterdrückung aus Moskau keine Lust mehr hatten auf russischen Einfluss.

Und diese Entscheidung hat Russland zu akzeptieren!

Das wohl widerwärtigste Beispiel für die Idiotie von der angeblichen "Schuld auf beiden Seiten" hat am Donnerstag Gerhard Schröder geliefert, ehemaliger SPD-Bundeskanzler und seit Jahren Lobbyist Putins. In einem Post auf dem Business-Netzwerk LinkedIn schrieb Schröder, es sei "Verantwortung der russischen Regierung", den Krieg zu beenden. Er ergänzte aber im nächsten Absatz: "Es gab viele Fehler – auf beiden Seiten".

Ein paar Wörter später warnte er davor, es mit den Sanktionen gegen Russland doch bitte nicht zu weit zu treiben.

Schröder schrieb dies (oder ließ es schreiben), während russische Panzer über die Straßen der Ukraine rollten, während die Meldungen über zivile Todesopfer der russischen Bomben über die Nachrichtenagenturen liefen, während Menschen in Kyiw und Charkiw sich in U-Bahn-Stationen flüchteten, um vor den Bomben in Sicherheit zu kommen.

Auch das muss heute gesagt werden: Gerhard Schröder, dieser vollkommen schambefreite Bundeskanzler außer Dienst, ist kein Naivling, der Poesiealbum-Sprüche gegen den Krieg teilt.

Dieser Mann ist eine Schande für Deutschland.

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