Polizisten kontrollieren die Corona-Maßnahmen in Berlin.
Polizisten kontrollieren die Corona-Maßnahmen in Berlin.Bild: Getty Images Europe / Michele Tantussi
Analyse

Kürzere Quarantäne, um Ausfälle zu verhindern? Was die Omikron-Welle für Müllabfuhr, Polizei und Krankenhäuser bedeutet

04.01.2022, 19:0505.01.2022, 07:43

Die Omikron-Variante des Coronavirus breitet sich weiter aus, in Deutschland wie in vielen anderen Ländern der Welt. Viel von dem, was bisher darüber bekannt ist, deutet darauf hin, dass mit der Verbreitung von Omikron eine gute und eine schlechte Nachricht verbunden ist.

Die gute Nachricht: Bei einer Infektion mit Omikron scheint das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, geringer zu sein als bei der bis vor Kurzem dominanten Delta-Variante. Sollte sich das bestätigen, dürfte das die Gefahr senken, dass Krankenhäuser durch schwer Erkrankte überlastet werden.

Die schlechte Nachricht: Die Omikron-Variante verbreitet sich offensichtlich erheblich schneller als Delta. Mehr Menschen infizieren sich gleichzeitig. Und wenn deutlich mehr Menschen als in den vorherigen Wellen der Pandemie in Quarantäne oder häusliche Isolierung müssen, kann das zu einem großen gesellschaftlichen Problem werden: Wenn Polizeireviere, Feuerwachen und Wasserwerke nicht mehr besetzt und in Krankenhäusern Ärztinnen und Pfleger ausfallen – oder niemand mehr da ist, der Busse oder Straßenbahnen fährt.

Um zu verhindern, dass durch solche Ausfälle das öffentliche Leben lahmgelegt wird, diskutieren Expertinnen und Politiker derzeit, die nötigen Quarantänezeiten für Kontaktpersonen von Corona-Infizierten zu verringern. Eine mögliche Änderung: Für dreifach geimpfte Personen soll die Möglichkeit geschaffen werden, sich mit einem negativen Test aus der Quarantäne freizutesten. Eine entsprechende Änderung der Regeln könnte bei der nächsten Corona-Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf den Weg gebracht werden.

Wie gut ist die öffentliche Infrastruktur – also die Einrichtungen, auf die jede und jeder täglich angewiesen ist – auf eine heftige Omikron-Welle vorbereitet, wie sie Expertinnen und Experten für Deutschland befürchten? Und wie bewerten Feuerwehrverband, Polizeigewerkschaft oder öffentliche Nahverkehrsunternehmen die Pläne, die Quarantänedauer zu verkürzen? Das hat watson die zuständigen Stellen gefragt.

Städtetagschef Dedy: "Städte und kommunale Unternehmen bereiten sich auf mögliche Ausfälle vor"

Der Deutsche Städtetag ist die Interessensvertretung von 3.200 Städten und Gemeinden in Deutschland. Die Kommunen und ihre Tochterunternehmen sind in Deutschland für einen erheblichen Teil der öffentlichen Infrastruktur zuständig, ohne die ein modernes Leben nicht denkbar wäre. Dazu gehören Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, ein Teil der Krankenhäuser, Straßenreinigung und Müllabfuhr.

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Städtetags, verweist darauf, dass Städte und Gemeinden in Deutschland auf mögliche Engpässe durch viele Omikron-Infektionen vorbereiten. Dedy erklärte wörtlich gegenüber watson:

"Städte und kommunale Unternehmen bereiten sich bei ihren Personalplanungen auf mögliche Ausfälle vor. Das gilt besonders in der Energieversorgung, bei der Feuerwehr, den Entsorgungsbetrieben. So werden beispielsweise Pandemiepläne erstellt, nach denen Teams separat voneinander arbeiten können. Eventuelle Corona-Infektionen und Quarantäne-Maßnahmen betreffen dann nur einen kleinen Teil der Belegschaft. Außerdem werden Dienstpläne so gestaltet, dass bei Engpässen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Urlaub herangezogen werden können und es werden Bereitschaftszeiten ausgeweitet."

Man wolle "Personalengpässe unbedingt vermeiden". Das gelte "besonders für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei und andere kritische Infrastrukturen."

Zu einer Verkürzung der Quarantänezeiten erklärte Dedy, es sei "nachvollziehbar", dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach eine solche Maßnahme "genau prüfen lässt".

Gewerkschaft der Polizei: "Ich fürchte, dass dadurch Vertrauen verloren geht"

Bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP), einer der beiden größten Interessensvertretungen für Polizeibeamte, sieht man eine Verkürzung der Quarantänezeiten grundsätzlich positiv, sofern sie medizinisch vertretbar ist. Der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow erklärte gegenüber watson:

"Wir halten uns mit einer Einschätzung zurück, bis es eine eindeutige wissenschaftliche Empfehlung gibt. Unser Interesse und unsere Sorge gelten vor allem der Gesundheit unserer Kolleginnen und Kollegen. Sollten alle bisherigen geäußerten Zweifel beseitigt sein, würde eine solche Lösung dabei helfen, Einsätze und Dienste zu planen."
Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP).
Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Bild: Inga Kjer/photothek.net / Inga Kjer

Die Einsatzfähigkeit der Polizei sieht Malchow nicht akut gefährdet. Er befürchtet aber einen Vertrauensverlust von Bürggern gegenüber der Polizei, weil die Beamtinnen und Beamten womöglich nicht mehr in der Lage sein werden, sich um alle ihre Aufgaben wie gewohnt zu kümmern. Malchow wörtlich:

"Die Polizei wird das schaffen. Notwendig ist jedoch, dass die Polizeien zeitnah boostern. Das läuft schon gut. Gleichsam müssen die Länderpolizeien eng zusammenarbeiten und sich unterstützen. Der hohe Einsatzaufwand durch zahlreiche Demonstrationen und sogenannte Spaziergänge erfordert jedoch unter Umständen, andere polizeiliche Aufgaben zu vernachlässigen, zum Beispiel bei der Verkehrsüberwachung. Das kann man machen. Die Frage ist, wie lange die Bürgerinnen und Bürger es akzeptieren, wenn einige mit bestimmten Vergehen durchkommen, weil die Polizei das nicht mehr verfolgen kann. Ich fürchte, dass dadurch Vertrauen in die Polizei verloren geht. Leider passiert das vor Ort, direkt im Kontakt mit der Polizei und nicht im Kontakt mit der Politik. Ich fürchte, dass die Polizei noch mehr zum Blitzableiter für verärgerte Bürger wird."

Feuerwehrverband: "Feuerwehren benötigen keine komplett neuen Maßnahmen"

Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV), Dachorganisation der deutschen Feuerwehren, blickt ebenfalls vorsichtig optimistisch auf die Herausforderungen durch eine Omikron-Welle. DFV-Präsident Karl-Heinz Banse antwortete auf die Frage von watson zur Einsatzfähigkeit:

"Die Feuerwehren haben in den zurückliegenden zwei Jahren Erfahrung gesammelt, wie der Arbeitsalltag unter Pandemiebedingungen zu organisieren ist. Dies wird uns auch durch die erwartete Omikron-Welle tragen. Die Feuerwehren benötigen hier keine komplett neuen Maßnahmen. Viele arbeiten bereits seit Monaten mit festen Gruppen, die sich nicht mischen. Dadurch sollen Begegnungen und Ansteckungen vermieden werden. Denkbare Personalengpässe durch eine rasche Zunahme von Omikron-Infektionen können bei den Feuerwehren ausgeglichen werden, da es generell vorgeplante Personalreserven etwa bei den Freiwilligen Feuerwehren gibt. In Deutschland gibt es aktuell knapp 35.000 Berufsfeuerwehrangehörige und mehr als eine Million Freiwillige Feuerwehrleute. Diese können sich in Notsituationen aushelfen."

Forderungen zur Quarantäneverkürzung will Banse nach eigenen Angaben nicht erheben. Man richte sich nach den Experten.

Öffentlicher Nahverkehr: Größte Verkehrsunternehmen sehen bisher keine Gefahr für den Betrieb

Im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) könnte ein rascher Anstieg der Infektionszahlen und Quarantäneanordnungen erhebliche Folgen haben: Ausfälle von Bussen und Bahnen, mit den entsprechenden Auswirkungen für Pendlerinnen und Pendler. Die Verkehrsbetriebe der vier größten deutschen Städte Berlin, Hamburg, München und Köln sehen bisher keine akute Notlage auf sich zukommen – geben aber an, gut vorbereitet zu sein.

Ein Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) teilte watson mit, man liege "bei den Inzidenzen unter dem allgemeinen Durchschnitt", es habe bei der BVG bisher "keine Infektionsketten gegeben". Er ergänzt aber, dass die BVG betroffen sein könnten, falls "die Omikron-Variante wirklich zu einer 'Wand' an Erkrankungsfällen in der Gesellschaft führen sollte". Um Infektionen zu vermeiden, sei die Einhaltung der geltenden Hygieneregeln essenziell. Man werde Anstrengungen unternehmen, um "die Motivation unserer Beschäftigten hochzuhalten."

Ein Sprecher des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV) sieht derzeit "das Leistungsangebot der Busse und Bahnen nicht gefährdet." Man behalte aber die Entwicklung "sorgfältig im Auge" und ergreife "bei Bedarf entsprechende Maßnahmen".

Bei den Münchner Verkehrsbetrieben (MVV) äußert man sich vorsichtig. Das Risiko, dass der ÖPNV in der bayerischen Hauptstadt lahmgelegt wird, sei "sicher ähnlich einzuschätzen wie in anderen Wirtschaftszweigen." Die Branche sei aber unter anderem durch erprobte, und in der Pandemie aktualisierte Notfallpläne, "relativ gut vorbereitet" und könne "schnell reagieren".

Reisende in der Münchner U-Bahn.
Reisende in der Münchner U-Bahn. Bild: www.imago-images.de / LEONHARD SIMON

Ein Sprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS), der Busse und Bahnen in der Region Köln-Bonn betreibt, sieht "für das Rheinland keine Anzeichen, dass der ÖPNV wegen zu vieler Positiv-Fälle lahmgelegt werden könnte." Man sei auf NRW-Ebene des Landes Nordrhein-Westfalen "im engen Austausch mit den Verkehrsunternehmen und den weiteren Verkehrsverbünden". "Eventuelle personelle Engpässe" könnten so früh erkannt und "Gegenmaßnahmen eingeleitet" werden.

Keiner der Sprecher der vier Verkehrsbetriebe will sich dazu äußern, ob kürzere Quarantänezeiten wünschenswert sind. "Ich bin kein Mediziner und kann entsprechend die Sinnhaftigkeit einer Verkürzung der Quarantänezeit nicht beurteilen", schreibt dazu etwa ein VRS-Sprecher.

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