Eines von derzeit 87 aktiven Feuern in den USA: Das Creek Fire in der Nähe des kalifornischen Örtchens Shaver Lake.
Eines von derzeit 87 aktiven Feuern in den USA: Das Creek Fire in der Nähe des kalifornischen Örtchens Shaver Lake.
Bild: www.imago-images.de / PETER DASILVA
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"Gesamte US-Westküste in Flammen": Was du über die Brände wissen musst

16.09.2020, 18:1628.09.2020, 11:33

Die Skyline von San Francisco ist in Orangerot getaucht, in Los Angeles sehen die Anwohner durch den Feuernebel die Sonne nicht mehr aufgehen, der benachbarte US-Bundesstaat Oregon liegt beinahe komplett unter einer Glocke aus Rauch: Die US-Westküste steht in Flammen. Von Washington bis Kalifornien lodern derzeit 87 Feuer. 35 Menschenleben haben sie bislang gekostet – es wird jedoch befürchtet, dass es noch weit mehr Opfer geben wird.

Denn die mehr als 30.000 Feuerwehrleute im Einsatz sind bislang machtlos gegen die Flammen. Vergangenen Freitag rief der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom deshalb den Klimanotstand aus, zum ersten Mal überhaupt. Aber was haben die Flammen überhaupt mit dem Klimawandel zu tun – und was können wir selbst gegen Waldbrände tun? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Wie wurden die Brände ausgelöst?

Erst einmal: Waldbrände sind in Kalifornien normal. Fast in jedem Jahr brennt es in den Sommermonaten. "Das Ökosystem in Kalifornien ist an Feuer angepasst, aber nicht in der Intensität, wie wir sie jetzt haben", sagt Susanne Winter, Programmleiterin Wald beim WWF gegenüber watson.

Ausgelöst wurden die Brände in diesem Jahr hauptsächlich durch sogenannte Trockengewitter: Es blitzt und donnert, ohne dass jedoch Niederschlag fällt. Wenn einzelne Blitze dann den ausgetrockneten Boden erreichen, können sie Feuer entfachen. Die meisten Brände werden aber durch Menschen entfacht: Durch achtlos weggeworfene Zigarettenkippen oder falsch entsorgte Grillkohle, auch Explosionen bei Gender-Reveal-Parties lösten in der Vergangenheit immer wieder Brände in den ausgetrockneten Wäldern aus.

Warum sind die Brände aus ökologischer Sicht so dramatisch?

Für die Bewohner der betroffenen Gebiete in Kalifornien sind die Brände eine absolute Katastrophe, das steht außer Frage. Aber auch aus ökologischer Sicht sind sie ein Desaster. Etwa 15 Prozent unserer weltweiten CO2-Emissionen sind auf Waldbrände zurückzuführen, sagt Winter. Große Feuer wie die derzeit lodernden führen zudem dazu, dass ganze Landschaften abbrennen, die teilweise Jahrhunderte brauchen, bis sie sich regeneriert haben. "Die geschädigte Fläche wird von Jahr zu Jahr größer", so Winter.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

"Durch den Klimawandel wird die Trockenphase um 30 bis 50 Prozent weltweit verlängert, damit steigt auch die Gefahr für Feuer", sagt Winter. Logisch: Hitze und ein ausgetrockneter Boden machen es den Flammen leicht, sich den Weg durch den Wald zu fressen. Und das Feuer sorgt dann wieder für Emissionen, die wiederum das Klima aufheizen – ein klassischer Teufelskreis also.

Warum ist die Siedlungspolitik ein Problem?

Kalifornien ist DER Golden State der USA – angesichts mediterraner Temperaturen, Palmen und weitläufigen Stränden kann man es niemandem verübeln, der hier seine Zelte aufschlagen beziehungsweise sein Häuschen bauen möchte. Allerdings ist es dementsprechend voll in dem Staat an der Westküste – und die Mieten sind hoch. Die Folge: Es wird praktisch überall gebaut, auch in den Waldbrandgebieten.

Wenn dann Feuer ausbrechen, ist der Schaden an Menschen und Eigentum entsprechend hoch. "Zudem werden Feuer unterdrückt, was beim nächsten Brand dazu führt, dass sie umso intensiver werden", sagt Winter. Denn normalerweise ziehen kleine Bodenfeuer in Kalifornien durch den Wald oder werden sogar gelegt, um die Biomasse am Boden und damit das Brandmaterial zu reduzieren, erklärt die Waldexpertin. Solche Feuer seien nicht weiter schlimm und leicht zu löschen, wenn sie auf eine Siedlung treffen. Sie seien aber jahrzehntelang unterdrückt worden – auch wenn sie inzwischen in einigen Nationalparks wieder zugelassen werden.

Wie reagiert die Politik?

Vor Ort sind sich die Verantwortlichen relativ einig: Der Klimawandel trägt zumindest eine Mitschuld an der derzeitigen Lage. "Die Hitzewellen werden immer heißer, die Dürren immer trockener", sagte Kaliforniens Gouverneur Gavon Newsom – räumte aber Verbesserungsbedarf bei der Waldpflege ein. Der Klimawandel sei "real" und verschärfe die Krise, so der Demokrat. Der Gouverneur von Washington, Jay Inslee, bezeichnete die Waldbrände als "apokalyptisch".

"Es ist zum Verrücktwerden, dass wir in dieser Zeit, wo unsere Gemeinden vor dieser riesigen Herausforderung stehen und die gesamte Westküste der USA in Flammen steht, einen Präsidenten haben der leugnet, dass das nicht einfach Waldbrände sind, sondern Klimabrände", sagte er dem Sender ABC. Auch der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, gab Trump eine Mitschuld an den Bränden – weil er wiederholt den Klimawandel leugnet. Er bezeichnete den US-Präsidenten als "Klima-Brandstifter" – und machte die Brände damit zum Wahlkampfthema.

Und Trump?

Nach langem Schweigen stattete Trump den Brandgebieten am Montag doch noch einen Besuch ab. Bei einem Treffen mit Newsom und anderen Regierungsmitgliedern in Kalifornien spielte er die Gefahr des Klimawandels erneut herunter. "Es wird anfangen kühler zu werden, schauen Sie einfach zu", sagte er. Aussagen der Wissenschaft zum Klimawandel zweifelte er an, stattdessen kritisierte er das Forstmanagement der Staaten. Und weil Wahlkampf ist, ließ er sich auch einen Stich in Richtung der demokratischen Regierung der betroffenen Staaten nicht nehmen: Andere Länder hätten schließlich nicht solche Probleme wie die Westküste.

Waldexpertin Winter hält Trumps Verhalten für äußerst problematisch: "Wenn der Klimawandel die Feuer noch heftiger macht, müssen alle noch besser vorbereitet sein", sagt sie. "Das funktioniert nicht, wenn man schon beim ersten Schritt scheitert – nämlich bei der Anerkennung des Problems." Immerhin sagte Trump am Dienstag Bürgern aus Kalifornien, deren Häuser zerstört wurden, Soforthilfe zu.

Wie können die Brände eingedämmt werden?

Klimaschutz, Waldbewirtschaftung und Siedlungspolitik: Das sind der Expertin zufolge die drei Säulen, die dafür sorgen, dass die Brände einigermaßen in Zaum gehalten werden. Wälder müssen so bewirtschaftet werden, dass sie Vielfalt zulassen und ab und zu durch ein kontrolliertes Feuer verjüngt werden. Damit das funktioniert, muss aber auch die Bebauung entsprechend geplant werden. "Neben einer entsprechenden Siedlungspolitik und Bewirtschaftung des Waldes ist das Entscheidende, dass große Brände sofort gelöscht werden können", sagt Winter. Dafür brauche die Feuerwehr Personal und Ausstattung.

Was kann ich selbst tun?

Nicht nur in Kalifornien brennt es, sondern auch in Brasilien, Australien, Russland und in Südeuropa – und das in "außerordentlich hohem Maß". Und auch wenn all diese Brände Hunderte oder Tausende Kilometer von uns entfernt lodern, haben wir einen gewissen Einfluss auf sie. "Die Brände in Brasilien, von Bolsonaro angeheizt, produzieren wir auch mit unserem Konsum mit – weil Wald zerstört wird, um Soja anzubauen, das dann in den Futtertrögen von unserem Vieh landet", sagt Winter. "Rund ein Sechstel aller in der Europäischen Union gehandelten Lebensmittel tragen zur Entwaldung in den Tropen bei."

Ein Bündnis aus über 100 Naturschutzverbänden fordert die EU unter dem Hashtag #together4forests deshalb dazu auf, ein entwaldungsfreies Lieferkettengesetz festzuschreiben. Die Petition an Komissionspräsidentin Ursula von der Leyen kannst du hier unterschreiben. Dem Wald hilfst du natürlich aber auch, wenn du wenig oder kein Fleisch konsumierst und auf Produkte verzichtest, die Kokos- oder Palmöl enthalten.

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