Dr. Cihan Celik (l.), Winfried Kretschmann (m.) und Prof. Thorsten Lehr (r.) sind sich einig darüber, dass der Impfstopp ein "Desaster" ist.
Dr. Cihan Celik (l.), Winfried Kretschmann (m.) und Prof. Thorsten Lehr (r.) sind sich einig darüber, dass der Impfstopp ein "Desaster" ist.
ZDF/Screenshot

"Ich persönlich hätte das Impfen fortgesetzt!": "Lanz"-Runde besorgt wegen Astrazeneca-Drama

17.03.2021, 06:4117.03.2021, 14:56
Deana Mrkaja
Deana Mrkaja
Deana Mrkaja
Folgen

Das Astrazeneca-Drama bewegt Deutschland. Am Montag hatte die Bundesregierung nach Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Instituts entschieden, die Verimpfung des Astrazeneca-Impfstoffs vorerst zu stoppen, nach sieben Fällen von Thrombosen nach einer Impfung in Deutschland, darunter drei Todesfälle. Der Pharmazeut Prof. Thorsten Lehr kritisierte am Dienstagabend bei "Markus Lanz" diese Entscheidung stark – und ist damit nicht allein. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagt, wie er zum Impfstoff steht und ob er sich damit impfen lassen würde. Zudem ging es in eine heiße Diskussion um die Masken-Affäre des ehemaligen CDU/CSU-Politikers Georg Nüßlein.

Die Gäste bei "MArkus Lanz" (v.l.n.r.): Markus Blume, Shakuntala Banerjee, Dr. Cihan Celik, Winfried Kretschmann und Prof. Thorsten Lehr.
Die Gäste bei "MArkus Lanz" (v.l.n.r.): Markus Blume, Shakuntala Banerjee, Dr. Cihan Celik, Winfried Kretschmann und Prof. Thorsten Lehr.
ZDF/Screenshot

"Ist es berechtigt, das weitere Impfen mit dem Astrazeneca-Impfstoff auszusetzen?", Moderator Markus Lanz direkt von dem Experten Lehr wissen. Es gäbe hierbei kein Richtig und kein Falsch, erläutert der Pharmazeut zunächst. Es sei richtig, die Thrombose-Fälle zunächst genau zu untersuchen. Doch dann kommen seine Befürchtungen: "Stünden wir nicht vor einer dritten Welle, würde ich sagen, lasst uns das erst mal in Ruhe untersuchen. Aber wir sind in einer sehr kritischen Situation!", warnt der Experte. Der Nutzen der Impfung übersteige deutlich das Risiko.

"Ich persönlich hätte das Impfen fortgesetzt!"
Prof. Thorsten Lehr

Damit steht er nicht allein an diesem Abend: Auch Kretschmann, der aus Baden-Württemberg zugeschaltet ist, sieht es ähnlich: "Wir haben ja schon genug Stress mit dem Impfen. Die Leute sind sauer, weil sie nicht drankommen. Sagen wir, wie es ist, wir hatten einen Mangel an Impfstoffen und jetzt wäre der Hochlauf gekommen. Jetzt kommt diese sehr schlechte Botschaft und wirft alle Pläne durcheinander." Für den Ministerpräsidenten steht zwei Tage nach der für ihn erfolgreichen Landtagswahl in Baden-Württemberg fest:

"Das zeigt, dass man in einer Pandemie nur auf Sicht fahren kann. Die Pandemie ist nicht durchplanbar."

"Wäre es aus Ihrer Sicht vertretbar gewesen, weiter zu impfen?", will Lanz von ihm wissen. Doch diese Frage möchte Kretschmann nicht konkret beantworten, er sagt nur, es sei die Aufgabe der Wissenschaft, dies abzuwägen. Doch eines steht an diesem Abend schon fest: Das sowieso bereits angeschlagene Image des Impfstoff ist schlecht. "Die Impfkampagne wird deutlich darunter leiden", ist sich Lehr sicher. Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei sowieso nicht so gut, da der Stoff einen schlechten Start hingelegt habe. Die unglückliche Kommunikation am Anfang habe dazu geführt, dass die Menschen in Deutschland wenig Vertrauen in dieses Präparat haben.

Lehr hätte die Impfungen mit AstraZeneca nicht gestoppt.
Lehr hätte die Impfungen mit AstraZeneca nicht gestoppt.
ZDF/Screenshot

Anstieg der Inzidenzen zu erwarten

Der Pharmazeut macht deutlich, was er vom Stopp des Verimpfung hält, nachdem es sowieso schon Schwierigkeiten bei der Akzeptanz gab:

"Jetzt kommt das nächste Desaster an den Start!"
Prof. Thorsten Lehr

Warum es desaströs werden könnte, zeigt der Experte mit Hilfe einer Chart. Die Inzidenzen würden nun weiterhin schnell ansteigen – auch aufgrund der britischen Mutante. Mit der jetzigen Anzahl an Impfungen hätten wir keinen Einfluss auf die dritte Welle, sodass die Anzahl der Vakzinen hätte zunehmen müssen, um diese noch rechtzeitig zu brechen. Er zeigt, dass wenn wir es schaffen würden, zwei Millionen Menschen am Tag zu impfen in ganz Deutschland, wir nur dann im Sommer eine Besserung erleben würden und ein "Animpfen" gegen die Pandemie. Doch mit der bisherigen Anzahl ginge das nicht und nun falle auch noch ein wichtiger Stoff aus, der mittlerweile sogar 40 Prozent des verimpften Stoffes in Deutschland ausgemacht hatte.

ZDF/Screenshot

"Würden Sie sich damit impfen lassen, Herr Kretschmann?"

Die stellvertretende Leitung des ZDF-Hauptstadtstudios, Shakuntala Banerjee, versteht nicht, wie die Bundesregierung mit den "wackeligen Säulen", auf denen die Öffnungsstrategie stand, nämlich Testen und Impfen, überhaupt darüber nachdenken konnte, Öffnungen zu erlauben. "Jetzt können wieder keine Versprechen gehalten werden", sagt sie.

Shakuntala Banerjee versteht die Strategie der Bundesregierung nicht.
Shakuntala Banerjee versteht die Strategie der Bundesregierung nicht.
ZDF/Screenshot

Kretschmann hatte von Anfang an "ein mulmiges Gefühl", sagt jedoch auch, dass der Druck aus der Bevölkerung enorm groß sei. "Wir müssen die Menschen bei er Stange halten", sagt der Grünen-Politiker. "Und zwar eine überwältigende Mehrheit. Schon zehn Prozent, die aus der Reihe tanzen, da gehen die Zahlen sofort hoch." Er selbst würde sich dennoch "gut überlegen", ob er am kommenden Montag weitere Öffnungen erlaube.

"Würden Sie sich mit Astrazeneca impfen lassen?", fragt Lanz ganz direkt bei Kretschmann nach. "Im Moment natürlich nicht, wenn damit gar nicht geimpft werden darf", sagt der Ministerpräsident zunächst leicht ausweichend. "Wenn er wieder angewendet werden darf?", hakt der Moderator nach. "Ja, na klar", sagt er schließlich. Covid zu bekommen, sei deutlich gravierender.

Auch der Lungenarzt Dr. Cihan Celik versteht die Skepsis gegenüber dem Impfstoff nicht ganz. Natürlich müssten die einzelnen Fälle untersucht werden, um herauszufinden, ob es ein Muster bei den Patienten gebe, aber seiner Meinung nach, hätten die Medien den Impfstoff von Anfang an medial aufgeblasen und somit zum Image beigetragen. "Was bei diesen sieben Fällen passiert ist, ist keine Sicherheitsgefahr für die große Menge an Menschen." Er selbst habe keine Bedenken.

Dr. Cihan Celik sieht keine größere Gefahr beim AstraZeneca-Impfstoff.
Dr. Cihan Celik sieht keine größere Gefahr beim AstraZeneca-Impfstoff.
ZDF/Screenshot

Politiker müssen sich für Fehler in der Pandemie entschuldigen

Am Ende kommt auch noch der CSU-Generalsekretär Markus Blume zu Wort. Er ist der Meinung, dass die Deutschen eine genaue Prüfung des Impfstoffes verlangen – diese solle aber nicht allzu lang dauern. Man müsse erst wissenschaftliche Klarheit herstellen, bevor politische Klarheit hergestellt werden kann. "Und das läuft nicht gut", sagt Lanz. Es gehe nicht darum, Noten zu verteilen, sagt Blume, sondern empfiehlt, wegzugehen von der Impfbürokratie, damit sich jeder impfen lassen kann, der will. Und er sagt noch etwas, dass Lanz überrascht. Der CSU-Politiker vertritt die Meinung, dass man sich für Fehler entschuldigen müssen. "Muss sich die EU entschuldigen? Frau von der Leyen?", hakt Lanz direkt nach. Nachdem der Moderator mehrfach nachbohrt, sagt er: "Ja, sie müsste um Entschuldigung bitten, dass man es nicht besser gemacht hat."

Markus Blume will, dass sich Politiker für ihr Fehlverhalten entschuldigen.
Markus Blume will, dass sich Politiker für ihr Fehlverhalten entschuldigen.
ZDF/Screenshot

"Als Frau Merkel gesagt hat, dass im Grunde nicht schiefgelaufen sei, war das falsch?", will der Moderator es noch genauer wissen. "Mein Grundgefühl hat sie damit nicht getroffen", gibt Blume zu. Am Ende kommt Lanz noch auf die Masken-Affäre zu sprechen. Der ehemalige stellvertretende Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Georg Nüßlein, soll sich selbst bereichert haben, indem er hohe Provisionszahlungen von Maskenherstellern erhalten hat, wenn er sicherstellt, dass die Masken von der Regierung gekauft würden. Es handelt sich dabei um eine Summe von mehr als 600.000 Euro. Für dieses Verhalten findet Kretschmann deutliche Worte:

"Das beschädigt die Politik ungemein. Zumal so etwas in der Krise passiert, auf Kosten der Krise. Schlimmer kann man es nicht machen."
Winfried Kretschmann

Ob seine Partei ein grundsätzliches, ein strukturelles Problem mit solchen Korruptionsfällen habe, will Lanz von Blume wissen. Auch dieser findet den Vorfall "erschütternd", geht jedoch nicht auf die Nachfragen ein, die der Moderator hat. Er will von ihm wissen, warum eine bestimmte Firma aus der Schweiz – unabhängig vom Fall Nüßlein – so stark profitiert habe, eine Firma, die Kontakte bis in die Parteispitze habe. Blume ist der Meinung, dass das Gesundheitsministerium bei verschiedenen Herstellern Masken geordert habe und man damals einfach genommen hätte, was es eben gegeben habe.

Lanz will wissen, wie es sein kann, dass einige Politiker am Gesetz vorbei Provisionen kassierten, sogenannte Nebeneinkünfte, die sie über ihre eigenen Firmen laufen lassen, damit niemand dahinterkommt? Doch Blume glaubt daran, dass man das Gesetz dafür nicht ändern müsse, sondern dass man an den "politischen Anstand und den moralischen Kompass" appellieren solle. Dafür hätte die CDU/CSU einen Verhaltenskodex aufgestellt. Er fordert eine Wiedergutmachung seines Ex-Parteikollegen und sagt ganz deutlich: "Ist doch nicht schön, wenn du diese – entschuldigen Sie die Worte – Scheiße da vorfindest von Dingen, bei denen man gar nicht glauben kann, dass da jemand drauf kommt."

Plastikfrei leben

1 / 5
Plastikfrei leben
quelle: e+ / aldomurillo
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Brust abtasten: So geht die Selbstuntersuchung

watson-Story

"Ich habe verlernt, zu lernen": Wie Hybrid-Unterricht und Dauerlockdown uns Schüler an die Grenze gebracht haben

Das Schuljahr 2020/21 war von Anfang bis Ende von der Corona-Pandemie geprägt. Laut einer aktuellen Bildungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) waren die Schulen in Deutschland zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 20. Mai 2021 im Bereich der gymnasialen Oberstufe durchschnittlich an 83 Tagen geschlossen. Das waren zwar weniger als im Durchschnitt der von der OECD betrachteten Länder (101 Tage), aber dennoch: Die Auswirkungen der Pandemie und der …

Artikel lesen
Link zum Artikel