Moderator Markus Lanz nimmt Grünen-Politikerin Göring-Eckardt voll in die Mangel.
Moderator Markus Lanz nimmt Grünen-Politikerin Göring-Eckardt voll in die Mangel.
Bild: ZDF/screenshot

Schlagabtausch mit Grünen-Politikerin – Markus Lanz fürchtet um seine Süßigkeiten

30.04.2021, 06:2230.04.2021, 06:35
Deana Mrkaja
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Bei "Markus Lanz" ist es der Abend, an dem sich viele Menschen ständig ins Wort fallen. Allen voran der Moderator selbst, der die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt in die Ecke drängt und das Programm ihrer Partei stark kritisiert. Doch nicht nur er übt am Donnerstagabend Kritik - der Physiker Professor Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz Zentrum lässt kein gutes Wort am neuen Infektionsschutzgesetz der Regierung. Stattdessen prognostiziert er einen "Corona-Jojo-Effekt". Als er sich in Rage redet, wirkt er fast schon verzweifelt.

Die Bilder aus Indien, die in den vergangenen Tagen vermehrt in Deutschland eintreffen, sähen laut Moderator Markus Lanz nach "Apokalypse" aus, beginnt die Sendung. "Ja, das ist es auch. Es ist eine Katastrophe auf vielen Ebenen", beschreibt Silke Diettrich die Situation vor Ort. Die aus Neu-Delhi zugeschaltete Journalistin sagt, Neu-Delhi gehe die Luft aus - und meint dies wörtlich. In den Krankenhäusern gebe es keine Sauerstoffflaschen mehr, weshalb der Stoff als Ware auf Schwarzmärkten gehandelt würde. Ärzte würden die Patienten bitten, Sauerstoff zu besorgen. Und trotzdem habe der Gesundheitsminister des Landes gesagt, es gebe keinen Sauerstoffmangel im Land.

Silke Diettrich beschreibt die verzweifelte Lage in Indien.
Silke Diettrich beschreibt die verzweifelte Lage in Indien.
ZDF/Screenshot

Noch im Dezember habe es geheißen, dass die Pandemie eingedämmt wurde. So wurde auch wieder im ganzen Land gelockert. Auch in dieser schwierigen Lage - wo pro Tag 300.000 Neuinfektionen dazukommen - fänden Pilgerfeste mit mehreren Millionen Menschen statt, beschreibt die ARD-Korrespondentin. "Die Leute fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen", beschreibt Diettrich die Situation. Die Krematorien seien überfüllt und kämen nicht mehr hinterher. In Indien leben vielen Menschen auf engstem Raum, teilweise in Slums, wo sich einige Personen eine Toilette teilen. Zudem kommt auf auf 13.000 Menschen nur ein Intensivbett, sagt Diettrich.

"Die Leute sind am Anschlag!"
Silke Diettrich

In Indien gebe es viele Tagelöhner, beschreibt die Journalistin, die seit dem Lockdown, der vor zwei Wochen verhängt wurde, kein Geld verdient haben. Die Menschen hätten nichts zu Essen. Dass die Situation dramatisch ist, beschreibt auch der Physiker Professor Michael Meyer-Hermann. Der Experte für Systemimmunologie hat einige indische Kollegen, sagt er bei "Lanz" und macht darauf aufmerksam, dass es bisher keine "verlässlichen Daten" aus dem Land gebe, die auf eine höhere Sterberate der indischen Mutation schließen lassen. "Das Virus lässt aber nicht nach. Es breitet sich im Raum aus. Das sollten wir uns merken. In dem Moment, wo wir dem Virus Raum geben, breitet es sich unbekümmert aus. Wir können unsere hohen Inzidenzen nicht ignorieren", mahnt er.

"Die Notbremse ist keine Lösung!"

"Ich sitze hier und staune", hat Meyer-Hermann an die Redaktion von "Markus Lanz" geschrieben, schildert der Moderator. Wie "Sisyphos" sitze er da, würde genau vorhersagen, was passiert, und dennoch würde niemand auf ihn hören. "Wir machen grundsätzliche Fehler. Und das spiegelt sich auch im neuen Gesetz." Er sagt, dass die Notbremse bewirke, dass immer dann, wenn die Zahlen nach unten gingen, wieder geöffnet würde, was dazu führt, dass die Zahlen wieder steigen. Deshalb sagt er auch: "Die Notbremse ist keine Lösung!"

Meyer-Hermann (r.) kritisiert die Notbremse der Regierung stark.
Meyer-Hermann (r.) kritisiert die Notbremse der Regierung stark.
ZDF/Screenshot

Er vergleicht die Wirkung der Notbremse mit einem "Jojo-Effekt" und sagt, dass dies die "Gesellschaft unglaublich viel" koste. Und er wird noch deutlicher:

"Wir verlieren mit dieser Taktik. Das ist keine Lösung des Problems."
Prof. Meyer-Hermann

Experte kann die Reaktion der Regierung nicht nachvollziehen

Vor einigen Wochen habe der nennenswerte Schwellenwert noch bei 35 gelegen. Die Maßnahmen waren dennoch dieselben wie jetzt bei dem neuen Wert von 100 - zu einem großen Teil. Für die Bevölkerung habe es also keine Veränderung gegeben, außer "drei Mal so viel Toten". Der Physiker sitzt kopfschüttelnd da und sagt verzweifelt: "Warum machen wir das? Ich verstehe es einfach nicht. Ich komme nicht dahinter!"

Der Systemimmunologe ist verzweifelt und fordert andere Bewertungskriterien für die Bekämpfung der Pandemie.
Der Systemimmunologe ist verzweifelt und fordert andere Bewertungskriterien für die Bekämpfung der Pandemie.
ZDF/Screenshot

Seiner Meinung nach gebe es eine ganz einfache Lösung. Er spricht sich für eine dauerhafte Niedriginzidenz aus. Statt - wie bei der Notbremse ab einem bestimmten Wert zu öffnen, sollten wir darüber nachdenken, wie dieser Wert dauerhaft niedrig gehalten werden könnte. Das habe er gemeinsam mit seinen Kollegen bereits im vergangenen Oktober mehrfach geäußert und "allen gesagt". "Wer sind alle?", fragt Lanz nach. "Das Kanzleramt und die Ministerpräsidenten", sagt Meyer-Hermann, aber nennt keine konkreten Namen. Was ihn wundert, ist, dass er mit manchen Ministern spreche, sie sich einig sind, er am nächsten Tag jedoch aus der Presse erfahre, dass dennoch ein ganz anderer Weg gewählt wurde: "Das ist dann so diskrepant, dass man sich schon wundert."

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) habe kürzlich gesagt, wenn er früher schon gewusst hätte, wie Dinge passieren, hätten die Minister auch entsprechend gehandelt, zitiert Lanz den Politiker. Da sitzt Meyer-Hermann kopfschüttelnd und verzweifelt: "Was soll ich da sagen? Alle Fakten liegen auf dem Tisch. Wir haben im Oktober ganz klar gesagt, wohin es gehen wird und was machen sie? Erst einmal drei Wochen nichts. Und dann beschließen sie die Hälfte von dem, was notwendig gewesen wäre."

Am Ende spricht sich der Experte für eine kontinuierliche Reduktion der Fallzahlen aus, bevor über eine Öffnungsstrategie nachgedacht wird. Er selbst ist zudem Befürworter der No-Covid-Strategie und sieht diese auch eher als "Öffnungsstrategie".

Lanz: "Das ist so ein billiger Neidreflex!"

Ob sich drei ältere Ehepaare, die alle geimpft sind, treffen dürften, will Lanz von der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Professorin Alena Buyx, wissen. Die Ethikerin erklärt zwar, dass das RKI gesagt habe, dass von Geimpften wohl nur ein sehr geringes Risiko ausginge, jedoch ginge es um die "Knappheitssituation" im Land. Was sie meint, sind die wenigen geimpften Menschen in Deutschland. Sie spricht von "Gerechtigkeitsargumenten", doch bevor sie ihre Gedanken zu Ende bringen kann, fällt ihr der Moderator bereits ins Wort und wendet sich an die "Spiegel"-Journalistin Christiane Hoffmann: "Ganz ehrlich, wie klein kann man sich machen, Frau Hoffmann. Das ist so ein billiger Neidreflex!" "Nein, das stimmt nicht", versucht sich Buyx noch zu retten und sagt, sie verstehe es, wenn sich manche Menschen "doppelt benachteiligt fühlen".

Was sie meint, sind vor allem junge Menschen, die weder die Aussicht auf eine Impfung, noch auf Lockerungen haben. Hoffmann stimmt ihr zu und sagt auch, dass sie verstehe, wenn sich ihre beiden Töchter, die seit 1,5 Jahren auf ihr Leben verzichteten, sich ungerecht behandelt fühlen. "Warum würde es Ihren Töchtern besser gehen, wenn die Alten sich nicht treffen?", fragt Lanz provozierend nach. Sie hätten es dadurch nicht besser, antwortet diese und ehe sie weiter ausführen kann, fällt ihr Lanz ins Wort: "Sage ich doch, sie hätten keinen Nachteil."

Die Gäste bei "Markus Lanz": (v.l.n.r.): Katrin Göring-Eckardt, Alena Buyx, Christiane Hoffmann, Silke Diettrich und Michael Meyer-Hermann.
Die Gäste bei "Markus Lanz": (v.l.n.r.): Katrin Göring-Eckardt, Alena Buyx, Christiane Hoffmann, Silke Diettrich und Michael Meyer-Hermann.
ZDF/Screenshot

Dann geht die Diskussion wild durcheinander und während auch die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt versucht zu erklären, dass die jungen Menschen die Möglichkeit hätten, ihre Freiheitsrechte einzuklagen, sobald älteren Geimpften alles erlaubt würde, versteht man kaum ein Wort mehr. Am Ende bleibt die Meinung des Moderators stehen, dass junge Menschen es verstehen würden, wenn "die Oma ihre Freundin" trifft. Es ginge nicht um die Rückgabe von Privilegien, sondern um die Rückkehr zum Normalzustand.

Doch zum Schluss der Sendung geht es noch um die Grünen, die derzeit ein Umfrage-Hoch erleben. Ob diese Hochphase sie an den "Schulz-Zug" erinnere, will Lanz von Göring-Eckhardt wissen - vor einigen Jahren erfuhr auch Martin Schulz als damaliger Kanzler-Kandidat der SPD hohe Zustimmung. Es gebe Unterschiede zur SPD damals, erklärt die Politikerin und sagt, dass sie "richtig was vor" habe.

Lanz wirft den Grünen vor, nicht divers zu sein und misst die Partei dabei an ihren eigenen Werten

Das Wahlprogramm der Grüne enthalte "viele Eingriffe in die Freiheit, in unser aller Leben", kritisiert Lanz. Zum Beispiel sei darin eine verbindliche Zuckerreduktion vorgesehen in Lebensmitteln. "Warum darf ich kein süßes Zeug essen?" "Doch, das dürfen Sie. Es geht darum, dass Sie wissen, was drin ist", erklärt Göring-Eckhardt. Es würde zudem darum gehen, dass der Hersteller zu weniger Zuckerzusatz verpflichtet würde. "Ich möchte die Freiheit haben zu sagen, ich esse das so", kommentiert Lanz provokant. "Ja, Sie können sich doch auch einen Löffel Zucker mehr reinmachen, wenn Sie wollen." Den Grünen ginge es jedoch um die Gesundheit. Als "libertären Paternalismus" bezeichnet Buyx ein solches Verhalten. Man versuche, die Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken, aber lasse sie dann individuell entscheiden.

Zudem fordert die Partei eine Frauenquote von 40 Prozent auf allen Ebenen des Wissenschaftsbetriebs. Darauf bezogen fragt Lanz etwas am Thema vorbei, was die Grünen machen würden, wenn es im Bergbau nicht genügend Frauen gebe. "Wir reden hier auf allen Ebenen des Wissenschaftsbetriebes", sagt Göring-Eckhardt. "Was, wenn es die nicht gibt?", will der Moderator wissen. "Die gibt es!", ist sich die Politikerin sicher, sie wollten das Abbild der Gesellschaft darstellen. Dann geht es hin und her: "Was, wenn es keine geeigneten Frauen gebe?", hakt er nach. "Wir finden sie!" - "Geht's jetzt ernsthaft um Geschlechter?", will Lanz wissen, obwohl er das Thema selbst begonnen hat. "Es geht um Diversität."

Doch genau an diesem Punkt hat der Moderator Göring-Eckhardt wieder. "Funktioniert das auch in Parteien?", fragt er nach und liest die Landesliste der Partei für die anstehenden Wahlen in Berlin vor - dabei findet sich von 20 Namen nur eine Person, die einen Migrationshintergrund hat. "Warum findet man nicht mehr Personen?" - "Das war genau der Moment, wo wir gesagt haben, wir müssen Leute finden", erklärt Göring-Eckhardt, doch der Moderator will nicht locker lassen. "Wenn Sie es nicht schaffen als Partei, die sich so viel damit beschäftigt, wie sollen es dann andere schaffen?" Die Grünen-Politikerin erklärt, dass bereits zumindest genauso viele Frauen wie Männer in der Partei und dass die Listen aus Hessen und aus Bayern deutlich diverser seien.

Auch wenn es um den Klimaschutz geht, lässt Lanz kein gutes Wort an der Partei und bezeichnet viele Parteiformulierungen als "schwammig". Während die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Meinung ist, den Menschen und Unternehmen in Bezug auf das Erreichen des 1,5 Prozent-Zieles "ein Angebot" zu machen, kritisiert der Moderator, er habe das Wort "Angebot" schon so häufig gehört, er fühle sich wie in einem "Supermarkt". Am Ende des Abends schließt Lanz damit, dass sich das Programm so lese, als wollten die Grünen keinem wehtun. "Wir wollen gestalten und es werden harte Veränderungen auf uns zukommen", hält Göring-Eckhardt bis zum Schluss tapfer dagegen.

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