Hasskommentare im Netz kann die FDP-Politikern Pia Schröder besser ausblenden, als wenn sie bei politischen Veranstaltungen herabgesetzt wird.
Hasskommentare im Netz kann die FDP-Politikern Pia Schröder besser ausblenden, als wenn sie bei politischen Veranstaltungen herabgesetzt wird.
Bild: www.imago-images.de / Hanno Bode
Exklusiv

Politisch, weiblich, herabgesetzt – wie Frauen in der Politik Sexismus erleben

Sexismus gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Wie tief diese Vorurteile oder gar Frauenhass in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger verankert sind, hat dieser Bundestagswahlkampf mehr als deutlich gezeigt:
27.09.2021, 08:20
Annalena Baerbock wurde zum Hassobjekt von anonymen Internet-Trollen, Grünen-Vize Ricarda Lang wurde nach einem Talkshow-Auftritt massiv mit Kommentaren zu ihrem Körper überhäuft. Auch SPD-Politikerin Franziska Giffey hatte schwer mit Anfeindungen zu kämpfen, nachdem ihr der Doktortitel aberkannt wurde. Frauen werden deutlich kritischer beurteilt als Männer, das zeigt auch wieder einmal eine neue Studie der US-Sozialwissenschaftler Joseph Grenny und David Maxfield.
In dieser watson-Reihe berichten junge Politikerinnen von ihren Erfahrungen.
Ria Schröder, Ann Cathrin Riedel und Laura Schieritz von der FDP beziehungsweise den Jungen Liberalen:

Ria Schröder: "Frauen werden von Anfang an auf diese Rolle reduziert – nämlich gut auszusehen"

Ria Schröder kandidiert in Hamburg für den Bundestag.
Ria Schröder kandidiert in Hamburg für den Bundestag.
Bild: dpa / Carmen Jaspersen

Sexistische Kommentare bekommt sie von der politischen Gegenseite. Meist ist es der gleiche Typ Mensch, der die FDP-Bundestagskandidatin Ria Schröder aus Hamburg attackiert. Menschen, die einen herabwürdigen wollen. Dieser Typ Mensch, den Schröder meint, hat in ihrem Fall meist eine Parteizugehörigkeit zur AfD. "Ich habe ein paar mal sexistische Äußerungen von AfD-Kandidaten während Podiumsdiskussionen", erzählt die 29-Jährige.

Frauen sprechen lassen
Das Thema Gleichberechtigung ist der watson-Redaktion ein sehr wichtiges. Viele Politikerinnen waren und sind während des Wahlkampfes vor allem in sozialen Medien mit Hass und Hetze konfrontiert.

watson lässt sie nun sprechen. Haben sie Sexismus in ihrer politischen Laufbahn erlebt? Wenn ja, in welcher Form? Und wie werden sie von Ihrer Partei unterstützt oder gar geschützt?

In dieser Reihe erläutern 11 Politikerinnen ihre teils sehr unterschiedlichen Erfahrungen.

"Einer sagte beispielsweise, er habe einen Flyer von mir im Briefkasten gehabt, und ich sei ja schon ganz ansehnlich." An einer Hamburger Schule soll sich dieses Gespräch abgespielt haben. Und dieser Kandidat, Schröder nennt seinen Namen nicht, habe im selben Atemzug davon gesprochen, dass ebendiese Schule ja bekannt für ihre hübschen Mädchen sei. "So werden Frauen von Anfang an auf diese Rolle reduziert – nämlich gut auszusehen", sagt Schröder. "Da geht man schon ganz anders in eine politische Debatte."

Schröder spricht übers Telefon mit watson. Sie redet schnell, sorgt sich, dass ihr Handy-Akku vielleicht nicht mehr halten könnte. "Falls ich plötzlich weg sein sollte, rufe ich nochmal an, wenn ich zu Hause bin." Sie ist gerade auf dem Heimweg, kommt von einer Wahlveranstaltung, die sie gemeinsam mit Parteichef Christian Linder und dem Hamburger Spitzendkandidaten Michael Kruse ausgerichtet hatte.

Die 29-Jährige hat es in der Hamburger FDP für die Bundestagswahl auf Platz 2 der Landesliste geschafft. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende der FDP Hamburg und Mitglied im Bundesvorstand der Freien Demokraten. Bis 2020 war sie Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. Sie studierte Rechtswissenschaften und arbeitet als Juristin in einer Hamburger Kanzlei im Datenschutz- und IT-Recht.

Und trotzdem, sagt sie, muss sie sich dafür rechtfertigen, "dass ich ja keine Ahnung vom Leben hätte und wieso ich mir überhaupt anmaßen könne, eine politische Meinung zu haben". Das beschäftigt Schröder. "Sehr", sagt sie.

"Toxische Männlichkeit
gibt es nicht nur
bei älteren Menschen"
Ria Schröder, FDP

Im Netz seien die Kommentare zwar krasser, aber das gehe ihr nicht so nahe. "Da kommen Kommentare wie 'Du Fotze, dich will keiner sehen'. Aber damit komme ich besser klar, denn ich sage mir: Damit bin nicht ich persönlich gemeint, sondern da lässt einfach jemand seinen Frauenhass raus."

Schröder sieht zwei Entwicklungen. Eine positive, eine negative. "Ich nehme wahr, dass das Bewusstsein für das Thema Sexismus und auch die Solidarität steigen", erklärt sie. So etwas helfe ungemein, mit etwaigen Äußerungen zurechtzukommen. Doch auf der anderen Seite seien durch das Internet die Hürden kleiner geworden, solche Kommentare zu schreiben. "Da haut man schnell das raus, was einem einfällt." So steige eben auch die Zahl der sexistischen Äußerungen.

Die Politikerin glaubt nicht, dass dieses Problem durch eine immer bewusstere Jugend verschwinden werde. "Toxische Männlichkeit gibt es nicht nur bei älteren Menschen, sondern auch bei jüngeren. Das aufzubrechen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe." Und auch ihre Partei habe sich dem Thema intern angenommen.

Es komme immer wieder vor, dass Frauen entweder auf Veranstaltungen oder im Netz angegriffen würden. Für solche, aber auch andere Probleme habe man in der FDP eine Stelle geschaffen, einen Menschen, der als Ansprechpartner zur Verfügung stehe. "Diese Person ist nicht primär auf sexistische Anfeindungen spezialisiert, sie kümmert sich aber eben auch um das Wellbeing der Kandidaten", sagt Schröder. "Ich hatte auch schon öfter Kontakt mit dieser Person." Und bei Veranstaltungen, erzählt sie, gebe es immer eine Vertrauensperson, an die man sich wenden könne.

Ann Cathrin Riedel: "Das Problem ist, dass diese Männer der Meinung sind, sie könnten jemanden einfach so random anschreiben"

Ann Cathrin Riedel kandidiert in Berlin für den Bundestag.
Ann Cathrin Riedel kandidiert in Berlin für den Bundestag.
Bild: Paul Alexander Probst

Sie hat Glück. Das sagt Ann Cathrin Riedel von sich selbst. Sie klingt ruhig am Telefon. Gelassen. Erfahrungen mit Sexismus habe sie eher wenige gemacht. "Klar, ich werde hin und wieder auf LinkedIn gemansplaint." Mansplaining – der Begriff kommt aus dem Englischen und bezeichnet die meist herablassende Erklärungen eines Mannes, der davon ausgeht, er wisse mehr über ein Thema als die – meist weibliche – Person, mit der er spricht.

Die 33-jährige FDP-Politikerin kandidiert in Berlin für den Bundestag. Sie erzählt von vielen Flirt-Versuchen von unterschiedlichen Männern. Meist, kurz nachdem sie im Fernsehen aufgetreten ist. "Ich würde das aber nicht zwangsläufig als Sexismus bezeichnen", sagt Riedel.

"Da kommt dann eine Nachricht, in der steht dann sowas wie: 'Ey, bist du solo?
Ich will wissen, ob es sich
lohnt, nach Berlin zu kommen.' Solche Männer sehen mich
und andere Frauen ja
nur als Objekt an"
Ann Cathrin Riedel, FDP

"Diese Menschen meinen, sie würden flirten, dabei ist das teilweise einfach so platt", sagt sie. Man könne ja in ein Gespräch kommen. Dass man jemanden attraktiv finde, sei ja nicht sofort mit Sexismus gleichzusetzen. Sie stört nur die Art und Weise der Nachrichten.

"Da kommt dann eine Nachricht, in der steht dann sowas wie: 'Ey, bist du solo? Ich will wissen, ob es sich lohnt, nach Berlin zu kommen.' Solche Männer sehen mich und andere Frauen ja nur als Objekt an." Riedel schickt kurz nach dem Gespräch über WhatsApp Screenshots dieser Nachrichten. Männer schicken ihr via Instragram-Direktnachricht sogar Bilder von sich.

"Jochen aus dem Schwarzwald", so unterschreibt er seine Nachricht, schreibt ihr: "Unabhängig von deinem Engagement, finde ich dich als Frau gut." Kein "Hallo", kein Eingehen auf Riedels politische Inhalte.

"Das Einzige, das man tun kann, ist diese Menschen
zu ignorieren oder deren Accounts zu sperren"
Ann Cathrin Riedel, FDP

"MIKE" ist der Mann, den Riedel vorher im Gespräch schon erwähnt. Der Mann, der nicht ohne Chancen nach Berlin fahren möchte. Riedel antwortet nicht auf solche Nachrichten. Offensichtlich hat ihn das geärgert. "Keine Antwort ist auch 'ne Antwort", schreibt er. "Wer nicht will, der hat schon."

Die FDP-Politikerin glaubt nicht, dass sich das Problem Sexismus lösen lässt. Auch, wenn sie die eben erzählten Erlebnisse gar nicht als Sexismus deutet. Sie weiß ja, was andere Frauen erleben. Sie sagt: "Es ist ja nicht strafbar. Das Einzige, das man tun kann, ist diese Menschen zu ignorieren oder deren Accounts zu sperren."

Doch davor hat sie Angst.

"Ich habe Angst davor, diese Menschen zu sperren. Ich möchte sie nicht anspornen, mich auf anderen Plattformen zu stalken." Das seien Dinge, mit denen sich Frauen beschäftigen müssten. Sie sagt, das liege an dem Weltbild dieser Männer:

"Das Problem ist, dass diese Männer der Meinung sind, sie könnten jemanden einfach so random anschreiben. Und sie tun das aus einer Selbstverständlichkeit, einer Überheblichkeit heraus – als hätten sie irgendeinen Anspruch darauf, dass ich mich mit ihnen treffe."

Solche Erlebnisse gebe sie nicht an die Partei weiter. Es sei ihr zu anstrengend, da ein so großes Fass aufzumachen.

Riedel meint, den Grund gefunden zu haben, warum sie ihrer Ansicht nach, weniger Sexismus zu spüren bekommt als andere Politikerinnen. "Ich habe viel darüber nachgedacht, warum ich diese digitale Gewalt nicht so oft abkriege", sagt sie. Und sie glaubt, es liegt an ihren Themenschwerpunkten.

"Themen wie Feminismus, Rassismus oder das Klima sind alles Dinge, die im rechten Spektrum extreme Emotionen auslösen." Riedels Schwerpunkte sind allerdings Bürgerrechte und Cybersicherheit. "Da habe ich keine großen Berührungspunkte mit Rechten."

Laura Schieritz: "Ich will nicht hören, wie hübsch ich bin, wenn es gerade um eine politische Debatte geht"

Laura Schieritz kandidiert in Brandenburg für den Bundestag.
Laura Schieritz kandidiert in Brandenburg für den Bundestag.
Bild: James Zabel

Auf das Aussehen wird auch Laura Schieritz oft reduziert. "Sie werden keine junge, weibliche Bundestagskandidatin finden, die das noch nicht erlebt hat", erzählt sie im watson-Gespräch. "Diese scheinbaren Komplimente. Ich will nicht hören, wie hübsch ich bin, wenn es gerade um eine politische Debatte geht."

"Solche Kommentare kommen von oben herab. Aber das muss man aushalten."
Laura Schieitz, FDP

Schieritz ist FDP-Kandidatin in Brandenburg. Dort steht sie auf Listenplatz 3. Überall in ihrem Wahlkreis – Cottbus/Spree-Neiße – hängen Plakate von ihr. Und dann bekommt die 23-Jährige Nachrichten oder auch direkte Kommentare: "Ich bekomme dann Dinge zu hören wie: 'Sie sehen aber gut aus, dann werde ich dieses Mal wohl FDP wählen." So etwas, sagt Schieritz, lächelt sie einfach weg.

Obwohl sie sich wünschen würde, dass man ihr auf Augenhöhe begegnet. "Solche Kommentare kommen aber von oben herab." Und vor allem ältere Herren verstünden das Problem nicht. Auch, wenn es sie betroffen macht: An die Parteispitze oder den Vorstand würde sie sich in solchen Angelegenheiten nicht wenden. "Aber das muss man aushalten."

Schieritz ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, der Jugendorganisation der FDP. Im Landesvorstand der Freien Demokraten ist sie Beisitzerin. 2017 trat sie bereits als jüngste aller brandenburgischen Kandidaten zur Bundestagswahl an – verfehlte allerdings ein Mandat.

"Beleidigungen oder Hetze bin ich zum Glück nicht ausgesetzt."
Laura Schieritz, FDP

Sie sieht sich selbst als Feministin. Eine Frauenquote, ob in der Politik oder in Unternehmen, lehnt sie aber ab. 2020 klagte sie gegen das Paritätsgesetz in ihrem Bundesland. Dieses Gesetz sollte das Brandenburgische Landeswahlgesetz erweitern, es hatte politische Parteien dazu verpflichtet, bei der Aufstellung ihrer Landeslisten für die Wahlen zum Landtag Brandenburg abwechselnd Frauen und Männer zu berücksichtigen. Das Verfassungsgericht gab ihr und ihren Mitklägern Recht.

Insgesamt, sagt sie, sei sie von krasseren Angriffen verschont geblieben. Andere Frauen bekämen deutlich mehr zu spüren. "Beleidigungen oder Hetze bin ich zum Glück nicht ausgesetzt." Es seien eher diese "oft nett gemeinten" Äußerungen.

Wenn es um Kritik an ihren Inhalten geht, werde aber auch mit sexistischen Äußerungen um sich geworfen. "Bei Twitter kommen dann etwa öffentliche Kommentare wie: 'Wenigstens sieht sie besser aus als Claudia Roth oder Saskia Esken.'" Solidarität sei in solchen Momenten wichtig. Frauen müssten sich untereinander bestärken: "Ob in Privatnachrichten oder auch in öffentlichen Kommentaren." Unabhängig von der Parteizugehörigkeit.

Schieritz glaubt daran, dass es in Zukunft weniger werde. "Ich glaube, diese Form von Sexismus ist eine Generationenfrage. Junge Menschen sind diesbezüglich deutlich sensibler."

Weitere Storys aus dieser Reihe findest du hier:

Sawsan Chebli, SPD

Bild: dpa / Bernd von Jutrczenka

Anna Peters, Grüne Jugend

Bild: Elias Keilhauer

Jessica Heller, CDU

Bild: Julien Reiter

Ann Cathrin Riedel, FDP

Bild: Paul Alexander Probst

Emilia Fester, Grüne Jugend

Bild: grüne Jugend

Ana-Maria Trăsnea, SPD

Bild: Raluca Trăsnea

SPD kassiert viel Häme im Netz für Gruppenfoto: "Wie dumm"

"Deutschland braucht keine Fotos, Deutschland braucht eine Regierung." Der Satz stammt von Fraktionschef Rolf Mützenich, gesagt am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Der neue SPD-Fraktionschef kritisierte damit ein Selfie der Spitzen von Grünen und FDP, die sich zu Gesprächen getroffen hatten.

Wenige Stunden vor Mützenichs süffisantem Satz posierte der SPD-Politiker allerdings selbst für ein Foto. Und das brachte ihm und seiner Fraktion nun ein Stürmchen der Entrüstung ein. Zu sehen sind …

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