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Nah dran

Geflohen aus Moskau: "In Russland wird es in naher Zukunft nichts Gutes geben"

Alexander ist 37 Jahre alt und Architekt. Als Wladimir Putin die Atomwaffenstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzte, beschloss er, zu gehen. Doch irgendwann will er wieder heim.
09.07.2022, 16:0515.07.2022, 16:48
Ekaterina Bodyagina

Es wirkt, als würde er gleich weinen, während er spricht.

"Es scheint jetzt seltsam, aber vor dem Krieg habe ich mich oft bei dem Gedanken ertappt, dass ich das Glück hatte, genau in dieser Zeit, genau an diesem Ort zu leben", sagt Alexander. "In den vergangenen zehn Jahren war Moskau in der Lage, mit den Weltstädten wie New York, London und Paris zu konkurrieren – daran wollte ich zumindest glauben."

In Paris studierte Alexander Architektur, wollte dort aber nicht bleiben und kehrte in sein geliebtes Moskau zurück. Er beschäftigte sich mit urbanen Studien und der Verbesserung des städtischen Raums.

"All das wurde eines Tages durch das Dekret eines Mannes hinweggefegt, der das Land um mehrere Jahrzehnte zurückwarf. Alles, was ich tat, wurde abgewertet. Moskau wird nicht mehr die Stadt der Zukunft sein. Alle Ressourcen werden nun in die Erhaltung des Bestehenden fließen."

Alexander ist nicht der echte Name des Mannes. Die Redaktion hat ihn geändert.

Flucht vor Putin
Nachdem Russland Ende Februar in die Ukraine einmarschiert ist, beschlossen viele Russinnen und Russen, ihr Land zu verlassen. Einige für eine Weile, andere für immer.

Die genaue Anzahl der Fliehenden ist nicht bekannt. Die Schätzungen der Exptertinnen und Experten liegen zwischen 150.000 und 300.000 Menschen.
Die meisten Geflüchteten (57 Prozent) sind unter 35 Jahre alt.

Watson sprach mit vier jungen Russinnen und Russen, die ihr Land verlassen haben.

Das sind ihre Geschichten:
1) Alexander – geflohen aus Moskau: "In Russland wird es in naher Zukunft nichts Gutes geben"

2) Maria – Hoffnung auf Wandel zerschlagen: "Im Land zu bleiben, bedeutet, das Geschehen zu unterstützen"

3) Victor – Kritik an Putin schon seit 2011: "Opa ist einfach verrückt geworden"

4) Marina – Scham für die eigene Herkunft? "Irgendwann beschloss ich, dass ich nicht mehr lügen würde"

Als bekannt wurde, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Atomwaffenstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzte, beschloss Alexander, Russland zu verlassen. Ein geeigneter Flug war nach Armenien. "Ich erinnere mich, dass ich während des Lockdowns eine Frankie-goes-to-Hollywood-Platte mit dem Titel 'Two tribes' kaufte – in dem Video zu diesem Titel kämpft Tschernenko mit Reagan, und am Ende zerstört eine Atomexplosion den Planeten."

Konstantin Tschernenko war der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Von 1984 bis 1985 war er auch der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets – und damit das Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Zur gleichen Zeit – also während des Kalten Krieges und der damit verbundenen Atom-Aufrüstung – war der Republikaner Ronald Reagan der Präsident der Vereinigten Staaten (1981-1989).

Alexander hörte dem Lied mit anthropologischem Interesse zu. "Eine Aufzeichnung aus dem Kalten Krieg – die Vergangenheit, die Geschichte. Und plötzlich wird das alles wieder zur Realität der Gegenwart", sagt er.

Von Moskau über Jerewan in Armenien nach Berlin: Das ist die Fluchtroute des Russen Alexander.
Von Moskau über Jerewan in Armenien nach Berlin: Das ist die Fluchtroute des Russen Alexander.Bild: Screenshot: Google Maps / Grafik: Joana Rettig

Der 37-Jährige war gut einen Monat in Armenien, als eine bekannte Menschenrechtsorganisation ihn zu einem Projekt in Deutschland einlud. Alexander zögerte lange – er befürchtete, dass es Probleme bei seiner Rückkehr nach Russland geben würde, wenn er diesen Schritt unternehmen sollte.

Doch er nahm das Angebot an und beschloss, dass es keinen Sinn hatte, jetzt zurückzugehen. "Als Architekt weiß ich, wie viel Zeit, Mühe und Ressourcen es kostet, etwas zu schaffen. Nehmen Sie mich – die Gesellschaft, die Familie, die staatlichen Institutionen haben in mein Aufwachsen, in mein Wachstum investiert", sagt er. Jetzt sei er an der Reihe, etwas zu schaffen, zurückzugeben, was in ihn investiert wurde.

"Mein Weggang – wie auch der meiner anderen jungen Landsleute – ist ein enormer Verlust von Ressourcen. Es ist ein schrecklicher Gedanke, aber es scheint unmöglich zu sein, in unserem Land etwas zu bauen – alle 20 Jahre gibt es irgendwelche Katastrophen."

Kritik am russischen Umgang mit Geschichte

Alexander glaubt, dass einer der Gründe dafür der russische Umgang mit Geschichte ist: "Das 20. Jahrhundert war für Russland ein ständiges Trauma: der Bürgerkrieg, die Unterdrückung in den 1930er Jahren, der Zweite Weltkrieg. All dies ist unreflektiert. Die Gesellschaft braucht neue Helden und moralische Kompasse."

Er ist froh, in Deutschland zu sein, sagt er. Hier würde er lernen, wie man mit dem historischen Gedächtnis arbeitet. "Ich möchte von innen sehen, wie es Deutschland geschafft hat, die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs zu integrieren – wie man damit auf der Ebene der Architektur und der Stadtplanung umgeht. Was wird zum Beispiel mit ehemaligen Konzentrationslagern gemacht? Natürlich möchte ich diese Erfahrungen später in Russland anwenden können."

Er will also irgendwann zurück.

Doch Alexander hat Angst. Angst davor, Russland könne mit einer Welle noch härterer Repressionen gegen Andersdenkende vorgehen. Und zwar nicht nur die Regierung – sondern auch seine Landsleute. Getrieben von Propaganda, von Falscherzählungen, von Geschichtsverdrehungen.

"Ich möchte nicht zynisch klingen, aber der Krieg hat die Ukrainerinnen und Ukrainer in gewisser Weise geeint. Vor ihren Augen entsteht eine strahlende Zukunft. In Russland hingegen wird es in naher Zukunft wohl nichts Gutes geben – und statt weiterzumachen, werden wir unser Leben lassen müssen, um wieder aufzubauen, was zerstört wurde."

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