A Ukrainian woman meets outside the Embassy of the Russian Federation in Mexico, to continue with the protests against the Russian military invasion in Ukraine, they ask for the stop the War. On Febru ...
Mit all den Krisen, die wir momentan erleben, sind wir manchmal einfach überfordert.Bild: NurPhoto / Eyepix
Meinung

Erschöpft in meinem Sein

Weltschmerz ist ein Phänomen, das gerade Millennials häufig spüren. Unsere Autorin hat dieses Gefühl seit Beginn des Krieges in der Ukraine schlimmer denn je. Und sie ist wütend, wenn sie gut gemeinte Ratschläge hört. Die Welt tut weh – und vielleicht ist das auch manchmal gut so.
02.03.2022, 09:0708.06.2022, 18:40

Als am Donnerstag um 5.30 Uhr mein Wecker klingelte, da begann mein Herz zu rasen.

Und das zog sich so durch den Tag. Nach etwa 18 Stunden Arbeit lag ich im Bett: Es pochte in der Brust, die Augen schmerzten, die Angst hämmerte sich durch meinen Körper hindurch, die Gedanken waren leer – der Kopf so voll.

"Wie soll das noch gut ausgehen?", war einer der wenigen Gedanken, die ich zwischen all den anderen noch verstehen, überhaupt noch hören konnte. In mir drin, ganz tief.

Die Welt tut weh. Und sie bohrt immer weiter in der Wunde. Als würde ich nicht schon schreien, als hätte ich nicht schon fast aufgegeben. Auf dem Rücken liegend, die Augen verschließend, kaum mehr atmend – wartend auf das Ende.

"Hilflosigkeit und Schmerz werden zu Resignation. Resignation wird zu Apathie. Realität und Fantasie verschwimmen."

Ja, es fühlt sich manchmal ganz genauso an. Hilflosigkeit und Schmerz werden zu purer Resignation. Resignation wird zu einer raumfüllenden Apathie. Realität und grausame Fantasie verschwimmen.

Der Donnerstag war so ein Tag. Die folgenden waren nicht viel besser.

Neben all den privaten Problemen, die wir ja alle haben, hauen mich Tag für Tag neue Schreckensnachrichten um – und manchmal weiß ich nicht mehr, wie ich damit umgehen soll.

Klimakrise.

Menschenrechtsverletzungen.

Genozide.

Flucht.

Terrorismus.

Mittelmeer.

Tod.

Pandemie.

Pandemie.

Und nochmal Pandemie.

Und jetzt der Krieg in der Ukraine.

Wie es den Menschen geht, die dort gerade vor Bomben und Maschinengewehren fliehen, die in Bunkern sitzen und hören, wie ihre Heimat stirbt, wie ihre Lieben sterben – ich kann es mir kaum vorstellen. Natürlich ist mein Weltschmerz dagegen ein belangloser Witz.

Aber ich fühle ihn. Den Schmerz.

"Wenn ich vor so vielen Unsicherheiten stehe, bleibt mir nur das Altbewährte, um mich frei zu fühlen."

Und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Laut einer Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte leiden viele Menschen meiner Generation darunter. Weltschmerz: Die Erschöpfung des Seins. Angefüttert durch immer wieder aufflammende oder neue Krisen auf der Welt – jetzt, unmittelbar in unserer Nachbarschaft.

Ich antworte unter normalen Umständen auf dieses Gefühl mit einer Erdung. Das klingt esoterisch, so fühlt es sich aber nicht an. Eher wie eine Szene aus einem kitschigen Liebesfilm, in dem der oder die Verlassene auf dem Boden liegt, traurige Musik anmacht und stumm ins Nichts starrt.

Genauso sieht es manchmal bei mir Zuhause aus: Ich liege auf dem kalten Laminat, höre Musik, irgendwas, das ich schon kenne. Es gibt mir Sicherheit, das Bekannte. Wenn ich vor so vielen Unsicherheiten stehe, bleibt mir nur das Altbewährte, um mich frei zu fühlen.

Manchmal lege ich die Hand auf meinen Hals, fühle meinen Puls, denke dabei an nichts, außer das leichte Pochen an meinen Fingern und die Musik, die durch meine Wohnung schallt.

"Am Freitag fühlte es sich an, wie am Tag zuvor. Herzrasen. Angst. Schmerz. Ich wollte nur noch raus aus meinem Selbst."

Am Donnerstag war es anders. Am ersten Kriegstag. Da schoss das Blut wie wahnsinnig durch mich hindurch. Ich konnte Müdigkeit nicht von Adrenalin unterscheiden. Um mich abzulenken, hörte ich ein Hörbuch, das ich auch schon fast mitsprechen kann. Und ich schlief. Irgendwann. Nicht fest, nicht gut, aber ich schlief.

Um 5.30 Uhr am Freitag fühlte es sich an, wie am Tag zuvor. Herzrasen. Angst. Schmerz. Ich wollte nur noch raus aus meinem Selbst.

Boden – war meine Antwort. Und dann tat ich etwas, das ich normalerweise nicht tue. Aus irgendeinem Grund legte ich mich hin, die Lautsprecherbox in meiner Hand – und wie fremdgesteuert bewegte sich meine Hand mit dem Lautsprecher hin zu meiner Brust. Ich war selbst davon ein wenig überrascht.

Ich legte also die Musik auf meinen Brustkorb. Es vibrierte. Überall. Bekannte Töne, bekannte Rhythmen – in mir drin. Und irgendwas änderte sich. Ich konnte plötzlich Ruhe finden, verspürte nicht den Drang, die nächste Pushnachricht auf meinem Handy zu verfolgen. Ich, ich selbst, war wie weggeblasen. Aber vollkommen klar in meinen Gedanken. Ohne Sorgen. 20 Minuten lang.

"Alles wirkt in solchen Zeiten wie von der derzeitigen Krise ummantelt. Im Internet kannst du nicht fliehen. Und das tut weh!"

Wie mit diesen Gefühlen umzugehen ist, ist so individuell wie die Gefühle selbst. Immer wenn ich diese Tipps höre oder lese – achtsam Nachrichten konsumieren, akzeptieren, dass es diese Probleme gibt, dass man nicht überall helfen kann, im Kleinen helfen, aktiv werden –, dann werde ich persönlich wütend. Anderen hilft das sicherlich – und ich will diese Ratschläge auch nicht abtun.

Aber wie soll ich mich rausnehmen, wenn ich tagtäglich damit konfrontiert sein MUSS? Wie sollen das andere tun, die einen Job an einem Computer haben und ständig im Internet unterwegs sein MÜSSEN?

Twitter, Instagram, Tik Tok, LinkedIn, (ja auch) Facebook, Nachrichtenapps, Werbungalles wirkt in solchen Zeiten wie von der derzeitigen Krise ummantelt. Im Internet kannst du nicht fliehen. Und das tut weh!

Da hilft es vielleicht manchmal, wenn wir nur 10 Minuten am Tag den Boden spüren. Unten ankommen. Die Vibration eines Lautsprechers auf der Brust. Ein Lied, das nicht zu traurig ist, aber auch nicht zu glücklich. Etwas, das der Stimmung gleicht.

Und in genau solchen Momenten – seit Freitag vibriert es übrigens täglich auf meiner Brust –, da fühle ich diese Akzeptanz, von der selbst ernannte Self-Care-Psychologen immer sprechen.

Und manchmal, da denke ich auch: Die Welt tut weh, und das ist vielleicht auch manchmal gut so. Würden wir nichts mehr fühlen, wäre die Welt wohl morgen eine noch schlimmere.

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