Ein Geflüchteter aus der Ukraine hat Polen erreicht. Nach dem Grenzübertritt umarmt er seine Tochter und seine Enkelin.
Ein Geflüchteter aus der Ukraine hat Polen erreicht. Nach dem Grenzübertritt umarmt er seine Tochter und seine Enkelin.Bild: dpa / Michael Kappeler
Meinung

Ein Beweis für Sprachlosigkeit: Warum man in Zeiten wie diesen auch mal den Mund halten darf

Was macht es mit uns, wenn in der Ukraine plötzlich die schlimmsten Befürchtungen Realität werden? Ein kommentierender Einblick in das Innenleben der watson-Redaktion.
25.02.2022, 21:4510.06.2022, 11:15

Am Donnerstagmorgen, als die Welt zu realisieren begann, dass die schlimmsten Befürchtungen wahrgeworden waren, bat mich Joana um ein paar Minuten Zeit. Um ein Gespräch, ein Brainstorming, Planung – irgendetwas. Sie war, wie ich, schon jetzt gezeichnet vom Tag. Wir waren beide seit fünf Stunden im Einsatz. Aus dem Bett getrieben von den Eilmeldungen aus der Ukraine, an die Laptops geeilt wegen unseres Jobs, unserer Aufgabe: zu informieren.

Live-Ticker, Analyse, Reaktionen. Wir taten, gemeinsam mit dem ganzen Team, das, was Journalistinnen und Journalisten tun, wenn eine Katastrophe geschieht: Wir funktionierten.

Nun jedoch wollten wir einmal durchatmen, die Gedanken sortieren, Ideen entwickeln. Ich nahm meine Maske ab, schaute in Joanas ebenso vom Schlafmangel müde wie vom Adrenalin wache Augen. Und zuckte mit den Schultern.

"'Was könnte da geschehen?', fragte ich. Um mir selbst zu antworten: 'Keine Ahnung.'"

Eigentlich wollten wir besprechen, wie wir am Sonntag die Sondersitzung des Deutschen Bundestags covern, doch viel beizutragen hatte ich nicht. "Was könnte da geschehen?", fragte ich. Um mir selbst zu antworten: "Keine Ahnung, wir wissen eh noch gar nicht, was in den kommenden drei Tagen geschieht."

Flüchtende warten in Polen in einem Bus. Sie haben soeben die Grenze überquert.
Flüchtende warten in Polen in einem Bus. Sie haben soeben die Grenze überquert.Bild: dpa / Michael Kappeler

Joana ist Politik-Redakteurin bei watson, ab Mai wird sie unser Politikressort leiten. Ich bin Chefredakteur. Unsere Aufgabe ist es, in solchen Momenten Antworten zu haben. Um zu informieren. Doch wir hatten keine finalen Antworten. Vor allem ich nicht.

Und das ist okay.

Es ist okay, wenn man in Zeiten wie diesen einfach mal noch keine endgültige Einschätzung hat. Und es ist okay, das zuzugeben. Um sich dessen bewusst zu sein und umso bedachter zu sprechen, zu diskutieren, zu urteilen; und im Falle von Journalistinnen und Journalisten: zu berichten.

Sechs Stunden später wagten wir den nächsten Versuch. Zwölf Stunden hatten wir da bereits Live-Ticker befüllt, Experteninterviews eingetütet und Kommentare geschrieben. Fabian, unser CvD am Newsdesk, Joana und ich riefen Sebastian an, unseren Politikleiter. Wir saßen im Innenhof an der frischen Luft, drängten uns vors Smartphone und sprachen per Videocall.

Sebastian sah, seien wir ehrlich, nicht gut aus. "Ich habe den Überblick verloren und wollte uns nochmal ordnen", sagte er. Eine halbe Stunde zuvor hatte er eine Textidee verworfen, weil er seine Gedanken einfach nicht klar genug zu Wort brachte. Was deshalb bemerkenswert ist, weil Sebastian so etwas normalerweise nicht passiert. Er ist ein Virtuose des gesprochenen und geschriebenen Wortes; wenn er etwas sagt, dann sitzt es.

Heute nicht.

"So etwas war für die jungen Leute, für die wir jeden Tag watson.de machen, bisher unvorstellbar. Und viele von uns überfordert diese Situation."

Er entschied sich für einen anderen Kommentar und schob die ursprüngliche Idee auf einen der nächsten Tage. Weil es in solchen Momenten eben manchmal nicht anders geht. In Wochen wie diesen stoßen wir an unsere Grenzen. Als Journalistinnen und Journalisten, als Politikerinnen und Politiker, als Leserinnen und Leser, als Menschen. In Europa ist endgültig Krieg. Endgültig, weil in der Ukraine de facto seit 2014 Krieg herrscht; nur nicht in diesem enormen Ausmaß.

Wir haben Angst. Sind verunsichert. Wissen alle nicht, was kommt. Ganz zu schweigen von den Gedanken an die Millionen Menschen, die nun in einem Land leben, das mit der Supermacht Russland im Krieg ist.

Dennoch hagelte es – wie so oft vor allem in sozialen Netzwerken, aber auch in WhatsApp und anderen Messengern – Wertungen, Drohungen und Weltuntergangsszenarien. Es verbreiteten sich Falschmeldungen und unbestätigte Gerüchte. Weil viele Menschen noch immer nicht die Quelle prüfen, die online etwas behauptet. Sondern es glauben, weil's im Internet steht. Oder die Überschrift gut klingt.

Das Phänomen ist nicht neu, aber nach dieser Woche kann man nur noch einmal inbrünstig bitten:

"Lasst euch nicht verrückt machen von Social Media. Sondern konzentriert euch, wenn's in der Welt am heißesten wird, auf ausgeruhte Informationsquellen."

Denn dort arbeiten Menschen, die das tun, was anderen oft nicht möglich ist: Sie prüfen Fakten, verifizieren Bilder und Videos, ordnen ein.

"18 Stunden später ist die Welt um ein trauriges Kapitel reicher."

Um kurz vor Mitternacht schrieb mir Joana am Donnerstag ein letztes Mal an diesem Tag.

Nach 18 Stunden war der Arbeitstag geschafft. Wir alle wussten, dass die Welt um ein trauriges Kapitel reicher war.

Wir sind uns einig, dass nichts, aber auch gar nichts das rechtfertigt, was Wladimir Putin, dieser Kriegstreiber und Sadist, dem ukrainischen Volk gerade antut. Wir alle hoffen, dass der Konflikt nicht im 3. Weltkrieg endet. Doch wir wissen nicht, was kommt. Noch nicht. Und vielleicht ist es an der Zeit, sich einzugestehen, dass das manchmal auch völlig in Ordnung ist.

Nichts zu posten, nichts zu sagen, nichts zu schreiben, einfach mal den Mund zu halten, ist kein Indiz für Desinteresse oder Uninformiertheit.

Es ist ein Beweis für Sprachlosigkeit.

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