Parteichef Christian Lindner hat mit seiner Partei bei der Bundestagswahl einen Achtungserfolg erzielt.
Parteichef Christian Lindner hat mit seiner Partei bei der Bundestagswahl einen Achtungserfolg erzielt.Bild: imago images / Christoph Hardt
Meinung

Wer Erstwähler beschimpft, weil sie sich für die FDP entscheiden, ist unreif und ignorant

29.09.2021, 13:0629.09.2021, 15:14

Was ist nur mit diesen jungen Leuten los? Mit Fassungslosigkeit haben vor allem Menschen aus dem politisch linken Lager die Meldung zur Kenntnis genommen: Bei der Bundestagswahl haben sich die meisten Erstwählerinnen für die FDP entschieden.

Mit 23 Prozent Stimmanteil laut einer Nachwahlbefragung von infratest dimap in dieser Gruppe haben die Liberalen sogar die Grünen überholt, die AfD belegte den letzten Platz (sieben Prozent). "Ich glaube, die Erstwähler sind einfach zu jung zu wissen wie FDP sich tatsächlich benimmt", meint eine Userin auf Twitter, und schiebt ein "naiv" hinterher. Ein anderer vermutet: "Die hoffen alle darauf mal reich werden zu können und verwechseln BWL mit VWL." User Peter Schultz schreibt: "Da schlägt das marode Bildungssystem aber mal voll durch."

Und so weiter.

Unreif, naiv, doof. Es ist der Sound einer Mischung aus verletztem Stolz und politischer Ratlosigkeit. Linke und linksliberale Parteien haben sich in der Vergangenheit selbst in eine gefährliche Lage gebracht: Sie waren sich zu sicher, dass die junge Generation auf ihrer Seite steht. Entsprechend haben sie gar nicht erst versucht, politische Konkurrenten wie eben die FDP inhaltlich zu stellen.

Spott, Häme und stoisches Ignorieren reichten ihnen aus – gegen die FDP. die in den vergangenen vier Jahren teilweise bedrohlich schlechte Umfragewerte hatte. Die Liberalen hatten sich am politischen Existenzminimum häuslich eingerichtet – zumindest dachten das ihre linken Gegner.

Hätten sie mal besser zugehört. Während andere sie unterschätzten, haben die Liberalen innerlich und äußerlich ihr Profil geschärft. Sie haben sich ein gutes Stück wegbewegt vom Image der Wirtschaftslobbyisten-Partei aus den Nullerjahren. Sie haben sich hinbewegt zu einer modernen Erzählung, welche die Lebenswirklichkeit der Menschen unter 30 in den Blick nimmt.

Verstaubte Klassenkampf-Rhetorik ist ein Erfolgsrezept von vorgestern

Sahra Wagenknecht poltert gegen "Lifestyle-Linke", Olaf Scholz verspricht stabile Renten. Christian Lindner erklärt Digitalisierung zur Priorität. Wo junge Wählerinnen anbeißen, die einen Gutteil ihrer Wachzeit auf Tik Tok und Instagram verbringen, kann man sich denken. Wenn man sich die Zeit zum Denken überhaupt nimmt.

Und weil viele der etablierten ehemaligen und aktuellen Volksparteien offenbar nicht so recht wollen, ist ihnen auch ein weiteres gesellschaftliches Update entgangen. Verstaubte Klassenkampf-Rhetorik ist ein Erfolgsrezept von vorgestern.

Die Selfie-Kultur ist das beste Symbol dafür. Wer sich auf Social Media selbst inszeniert, zeigt, dass sie oder er aufsteigen und an den Früchten des Kapitalismus teilhaben will. Früher hat man die Linse frontal auf seinen Lieblings-Star gerichtet. Heute dreht man die Kamera um und setzt auch sich selbst in den Fokus, der Rest der Welt ist Kulisse. Die FDP hat es seit ihrem Wiedereinzug in den Bundestag 2017 geschafft, dieses Lebensgefühl zumindest rhetorisch widerzuspiegeln.

Die FDP sagt: Reichtum ist leider geil – und du kannst dabei sein.

Davon zeugen nicht nur ihre krachig-bunten bis überdrehten Wahl-Kampagnen. Die Partei betont zudem immer wieder, in den Bürgern keine potenziellen Opfer zu sehen, die man mit staatlicher Unterstützung zu retten gedenkt. Die FDP sagt: Reichtum ist leider geil – und du kannst dabei sein.

Man kann davon halten, was man will. Man kann es ohne jeden ernsthaften analytischen Ansatz unreif, naiv oder doof nennen, auf dieses tatsächlich etwas schlichte Glücksversprechen anzuspringen. Wer es aber ernst meint mit dem Anspruch, die gesamte Gesellschaft voranbringen zu wollen, kann sich eine solche apolitische Ignoranz nicht leisten.

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