Tessa Ganserer kandidiert bei der Bundestagswahl für die Grünen.
Tessa Ganserer kandidiert bei der Bundestagswahl für die Grünen.
Christian Hilgert
Interview

Grünen-Kandidatin Tessa Ganserer über fehlende Sensibilität in der Sprache und den Begriff "Transfrau": "Finde es schrecklich, dass es immer eine Erklärung dafür benötigt"

25.09.2021, 10:2126.09.2021, 14:07

Ich treffe die Grünen-Politikerin Tessa Ganserer aus Nürnberg in einem Videochat. Ganserer ist die erste aktive Abgeordnete eines deutschen Landtags, die sich als trans* geoutet hat. Sie kandidiert in Nürnberg nun für den Deutschen Bundestag, hat auf Platz 13 der bayerischen Grünen-Landesliste eine realistische Chance, nach Berlin zu kommen.

Es dauert nicht lange, da trete ich in ein Fettnäpfchen. Ein Gespräch über Sensibilität in der Sprache und über die politischen Ziele der 44-Jährigen:

Watson: Frau Ganserer, Sie sind 1998 in die Politik gegangen, wie kam das?

Tessa Ganserer: Für das jüngere Publikum ist das schon verdammt lang her. Für mich ist es auch schon ein halbes Leben. Und wenn ich heute auf das Jahr 1998 blicke – vor allem jetzt, so kurz vor der Bundestagswahl –, dann war das für mich damals eine sehr ähnliche Situation wie für die jungen Menschen heute.

Inwiefern denn?

Ich war damals 21 Jahre alt und kannte nur 16 Jahre Helmut-Kohl-Regierung. Und es war die erste Bundestagswahl oder die erste Wahl überhaupt, bei der ich wählen durfte. Obwohl ich mich ja schon wahnsinnig lang für Politik interessierte. Ich habe mir einen ökologischen und gesellschaftlichen Aufbruch für die Bundesrepublik Deutschland ersehnt.

"Ich finde es schrecklich, dass es immer eine Erklärung dafür benötigt, dass ich anhand von körperlichen Merkmalen bei meiner Geburt versehentlich dem falschen Geschlecht zugeordnet wurde."

Und deshalb eine Parteimitgliedschaft?

Ich wollte da auf Nummer sicher gehen. Also nicht nur mein Kreuzchen machen, sondern auch einen Beitrag dazu leisten, dass dieser politische, ökologische, gesellschaftliche Aufbruch auch gelingt. Dass der Regierungswechsel gelingt. Und heute, nach 16 Jahren Angela Merkel ist es einfach wieder mal an der Zeit, dass die Union in die Opposition geht.

Die Grünen waren also die einzige Partei, die diesen ökologischen Wandel repräsentierten?

Ja, das war einer der Gründe, warum für mich klar war, dass die Grünen meine politische Heimat sind. Aber das war nicht alles, es war auch das Gesamtkonzept.

Und das ist?

Klare Positionen gegen Rechtsextremismus, für eine offene Gesellschaft, auch soziale Themen. Es war immer dieses Gesamtpaket.

Sie sind eine Transfrau, ...

Nein.

Nein?

Wie schaue ich denn aus?

Na, Sie sind eine Frau.

Genau, so sehe ich das auch. Ich finde diese permanente Reduzierung auf eine Eigenschaft schrecklich.

Tessa Ganserer steht als Queer-Politikerin häufig in der Öffentlichkeit.
Tessa Ganserer steht als Queer-Politikerin häufig in der Öffentlichkeit.
Amberg

Googelt man Sie, findet man nur Artikel oder Videos, die Sie als Transfrau bezeichnen.

Ich finde es schrecklich, dass es immer eine Erklärung dafür benötigt, dass ich anhand von körperlichen Merkmalen bei meiner Geburt versehentlich dem falschen Geschlecht zugeordnet wurde. Das ist eine Eigenschaft, für die ich ja auch nichts kann, mit der ich geboren wurde. Ich bin eine Frau und ich definiere mich nicht allein über die Eigenschaft, trans* zu sein. Genauso wenig wie ich mich darüber definiere, dass ich Linkshänderin bin, dass ich Legasthenikerin bin.

"Ich habe keine Fühler auf dem Kopf und ich habe auch keine leuchtenden Augen.
Ich bin ein Mensch."

Es ärgert Sie, dass man Sie so oft darauf anspricht?

Ich will mich nicht permanent darauf reduzieren lassen. Aber genau das passiert heute in unserer Gesellschaft. Und allein wenn wir uns dann auch auf die Schreibweise anschauen: "Transfrau" – groß und zusammengeschrieben. Was sollte das denn bitte sein? Hallo? Ich habe keine Fühler auf dem Kopf und ich habe auch keine leuchtenden Augen. Ich bin ein Mensch.

Wir sollten also in der Sprache und Schrift sensibler sein.

Ja, und nicht so fokussiert auf diese Eigenschaft. Der Duden hat noch keine vernünftige Lösung gefunden. Das zeigt, dass dieses Thema gesellschaftlich jahrzehntelang tabuisiert und stigmatisiert wurde. Es sind ja offensichtlich AfD und CSU, die versuchen mit Kampfbegriffen Stimmung zu machen, wie "Gendergaga" oder "Genderwahn". Damit wollen sie ein Drohszenario aufbauen, weil sich die Sprache ändert. Aber wenn wir schon über sprachliche Korrektheit reden: Ich habe noch nie von einem Politiker gelesen, er als Bierbauchmann oder Glatzkopfmann bezeichnet wird.

Welche Schreibweise schlagen Sie vor? Einfach Frau?

Ja richtig. "Frau Tessa Ganserer. Die erste Abgeordnete, die sich während ihrer aktiven Amtszeit als trans* geoutet hat." Oder "Frau Tessa Ganserer ist trans*". Und "trans" sollte kleingeschrieben werden, mit Sternchen. In den Medien passiert das sehr, sehr oft, dass überhaupt nicht nach Selbstbeschreibungen gefragt wird. Es werden einfach Begrifflichkeiten genutzt. Wo musste ich kürzlich so schmunzeln? Ach ja, der "Bayerische Rundfunk" hat es in einem winzigen Absatz über die Direktkandidaten in Nürnberg Nord geschafft, mich als transident, transgender und transsexuell zu bezeichnen. Ich werde meist nicht gefragt wie ich das gerne hätte und selbst wenn, dann wird es trotzdem oft anders gemacht. So ist das generell bei der Berichterstattung über trans* Personen. Das passiert ja meist nicht mit böswilliger Absicht.

"Die Herausforderungen beim Thema Klimaschutz sind massiv. Hier muss ganz dringend was passieren. Die Verkehrspolitik ist mir persönlich
ein wichtiges Anliegen."

Auf Ihrer Website steht die Queerpolitik im Fokus. Aber Sie haben ja auch andere politische Inhalte im bayerischen Landtag. Sie sind Sprecherin für Fragen des öffentlichen Dienstes. Jetzt kandidieren Sie für den Bundestag und haben ja auch gute Chancen, nach Berlin zu kommen. Können Sie sich vorstellen, in ein Ministerium einzuziehen? Etwa ins Innenministerium oder das Verkehrsministerium?

Ich möchte jetzt nicht gleich in ein Ministerium. Die Themenfülle in der parlamentarischen Arbeit ist unendlich groß. Deswegen arbeiten die Abgeordneten einer Fraktion sehr arbeitsteilig. Wenn jemand in der Energiepolitik arbeitet, heißt das nicht, dass dieser jemand sich nicht für Queerpolitik einsetzt, oder dass ihm oder ihr die ökologischen Themen egal sind. Ich stehe als Queer-Politikerin in der Öffentlichkeit. Aber ich beschäftige mich auch mit Mobilitätspolitik, Wald und Forstwirtschaft. Die Herausforderungen beim Thema Klimaschutz sind massiv. Hier muss ganz dringend was passieren. Die Verkehrspolitik ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen. In diesem Bereich ist in den letzten Legislaturperioden in Sachen Klimaschutz viel zu wenig passiert. Wir brauchen ganz dringend eine ökologische Verkehrswende.

Sie sind jetzt 44 Jahre alt. Was würden Sie für die jüngere Generation machen?

Ich will, dass jede Generation in politische Entscheidungsprozesse mit eingebunden ist. Ich maße mir nicht an, zu wissen, wie die Generation der heute 18-Jährigen tickt. Ich bin sehr froh, dass die Grünen dieses Mal so viele junge Menschen in den Bundestag schicken werden wie noch nie. Das stimmt mich extrem hoffnungsvoll für die Politik und für die junge Generation.

Warum?

Nur sie kann ihre Erfahrungen, ihr Lebensgefühl und das Wissen, was junge Menschen wirklich bewegt, einbringen. Das Thema Absenkung des Wahlalters ist mir auch ein zentrales Anliegen. Ich wünsche mir außerdem eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts. Damit Menschen mit Migrationshintergrund leichter die Möglichkeit haben, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, und sich am politischen Meinungsbildungsprozess beteiligen und wählen dürfen.

Für die Grünen sitzt Tessa Ganserer Seit 2013 im bayerischen Landtag.
Für die Grünen sitzt Tessa Ganserer Seit 2013 im bayerischen Landtag.
Bild: www.imago-images.de / LEONHARD SIMON

Und in der Queerpolitik?

Wir kennen keine genauen Zahlen. Aber roundabout 10 Prozent der Menschen sind in irgendeiner Form queer. Bei der jüngeren Generation sehen wir eine zunehmende Tendenz. Ich leite daraus ab, dass heute die Gesellschaft offener, toleranter ist. Es ist leichter, zu seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit zu stehen. Nichtsdestotrotz erleben Jugendliche, egal ob schwul, lesbisch, bisexuell, trans* oder inter*, auch heute noch in Schulen massive Diskriminierung. Da braucht es viel mehr Akzeptanz und Aufklärung in Schulen: andere Lehrpläne, Fortbildungen für Lehrerinnen, flächendeckend Safe Spaces für Jugendliche und Aufklärungsprojekte.

Frau Ganserer, ich möchte gern von der Politik wegkommen und etwas Persönliches über Sie erfahren. Was würden denn Ihre besten Freundinnen und Freunde über Sie sagen? Was sind Sie für ein Mensch?

Oh je. Keine Ahnung. Hoffentlich nur Gutes. Wahrscheinlich, dass ich oftmals sehr, sehr nachdenklich bin und sehr konzentriert, aber trotzdem auch humorvoll und selbstironisch. Und naturverbunden.

Sie gehen viel wandern?

Wenn es der Zeitplan zulässt. Wahnsinnig gerne, ja.

Wenn ich Sie jetzt in Ihrer Wohnung besuchen würde, welche Bücher würde ich in Ihrem Bücherregal finden und welches Buch würden Sie mir als Erstes in die Hand drücken?

Das ist mittlerweile gar nicht mehr so einfach. Also ich habe in meiner Jugend wahnsinnig gerne gelesen. Aber für meine politische Arbeit bin ich sehr viel mit lesen beschäftigt. Da bin ich froh, wenn ich nach Feierabend etwas anderes machen kann. Deswegen habe ich viele meiner Bücher in den letzten Jahren verschenkt. Manche Bücher sind einfach viel zu schade fürs Bücherregal. Da ist es dann besser, loszulassen. Aber welches Buch ich Ihnen sofort ans Herz legen würde, das ist ein wunderschönes Kinderbuch, wo ich auch ein Vorwort schreiben durfte: "Das schönste Kleid der Welt" von Holger Edmaier.

Ein Kinderbuch?

Dieses Buch hat die Aktion "100% Mensch" herausgebracht, um das Thema Trans kindgerecht aufzuarbeiten und zu erklären. Die haben das jetzt auch auf ungarisch übersetzt. Als Antwort auf Viktor Orbáns Politik. Der Präsident Ungarns hatte ja die Aufklärungsarbeit in diesem Bereich verboten.

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