Die beiden trennen 68 Jahre: Lilli Fischer (l.) aus Erfurt ist die jüngste Delegierte beim CDU-Parteitag, Otto Wulff (r.) der älteste.
Die beiden trennen 68 Jahre: Lilli Fischer (l.) aus Erfurt ist die jüngste Delegierte beim CDU-Parteitag, Otto Wulff (r.) der älteste.
Bild: imago images / Sven Simon / Paul blau / watson-montage
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#Neuland: So erleben die jüngste und der älteste Delegierte den CDU-Parteitag

Otto Wulff war schon dabei, als Konrad Adenauer Vorsitzender war. Lilli Fischer kennt nur Frauen an der CDU-Spitze – und fragt sich, ob ein Mann auch Kanzlerin werden kann. Beide werden am Wochenende den neuen Vorsitzenden wählen.
14.01.2021, 08:3315.01.2021, 07:02

"Das Internet ist für uns alle Neuland." Ein Satz für die Geschichtsbücher. Als die Bundeskanzlerin und damalige CDU-Chefin Angela Merkel ihn 2013 aussprach, da war das Internet vielen in ihrer Partei tatsächlich noch eher fremd. Was Merkel damals nicht ahnen konnte: Fast acht Jahre später würde die Corona-Pandemie den Alltag der Bundesrepublik umkrempeln und auch die CDU durchwirbeln. Der 33. Parteitag der CDU findet online statt, die Infektionszahlen haben eine Präsenzveranstaltung unmöglich gemacht.

Das Neuland kommt zu den CDU-Mitgliedern nach Hause. Am kommenden Wochenende werden sie digital debattieren, Beschlüsse fassen – und darüber abstimmen, wer neuer Chef der Partei und womöglich Kanzlerkandidat für die kommende Bundestagswahl im Herbst wird: Armin Laschet, Friedrich Merz oder Norbert Röttgen?

Es ist eine technische Herausforderung – und eine menschliche.

Watson hat mit dem ältesten und mit der jüngsten der 1001 Parteitagsdelegierten gesprochen. Wir wollten wissen, wie beide diesen historischen digitalen Parteitag begehen werden, ob so eine digitale Veranstaltung ein Zukunftsmodell ist – und für wen sie stimmen werden.

Der älteste Delegierte: Otto Wulff (88)

Ein Mann der alten Schule: Otto Wulff ist Vorsitzender der Senioren-Union.
Ein Mann der alten Schule: Otto Wulff ist Vorsitzender der Senioren-Union.
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Einer der Delegierten, die am kommenden Wochenende digital anwesend sein werden, ist Otto Wulff. Er ist 88 Jahre alt und Vorsitzender der Senioren-Union, der Interessenvertretung der älteren Generation in der Partei. Wulff ist seit 1953 CDU-Mitglied. Er saß lange im Bundestag, in der Zeit, als das Parlament noch in Bonn tagte. Er wisse nicht mehr, auf wie vielen Parteitagen er schon war, irgendwann habe er aufgehört zu zählen, sagt er.

"Ich war bereits bei Konrad Adenauer dabei."

Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, war bis 1966 Chef der CDU. Nach ihm kamen sieben weitere Vorsitzende, zuletzt Annegret Kramp-Karrenbauer. Wen Wulff nun gerne als Chef seiner Partei sehen möchte, will er nicht verraten. Die geheime Wahl sei ihm heilig, erzählt er, mehr noch: Es sei Familientradition. Wulff wurde noch in der Weimarer Republik geboren – wenige Monate, bevor die Nazis an die Macht kamen. Er erinnert sich an die Erzählungen seines Vaters von dem Tag, an dem er zum letzten Mal frei wählen durfte, damals, im März 1933. Der kleine Otto Wulff konnte an diesem Tag noch nicht einmal krabbeln.

Grimmig beobachteten SA-Männer Wulff Senior, als der seine Stimme abgab. "Mein Vater stand zu der Verantwortung, das zu tun, was er für richtig hielt und die Demokratie verlangt". Und das ist laut Wulff die geheime Wahl.

Für wen er selbst, knapp 88 Jahre später, an diesem Wochenende stimmt, das weiß nur er selbst, wenn er am Samstag vor seinem Tablet sitzt und die geheime Abstimmung läuft.

Wie im Theater

Dass der Parteitag nun via Livestream abläuft, kann der Vorsitzende der Senioren-Union gut verstehen. Trotzdem findet er es schade, dass der persönliche Kontakt ausbleibt. Wie vielen anderen verlangen die Corona-Maßnahmen ihm einiges ab. Sie haben seinen Alltag auf den Kopf gestellt.

Seit Beginn der Pandemie fehlen Wulff vor allem die Besuche im Theater. Aufzeichnungen im Fernsehen hätten auf ihn nicht die gleiche Wirkung. Bei dem Parteitag sei es nun ähnlich, da sei Politik eben doch wie Theater. Live nehme man die Gefühle agierender Menschen intensiv wahr. "Die Mattscheibe", meint er, "bietet das nicht, auch große Musik erlebt man eindringlicher ohne Fernsehkabel."

"Die Delegierten wollen keine Talkshows."

Auch die Reden sind natürlich nicht dasselbe. Gerade Friedrich Merz wird nachgesagt, dass er an einem guten Tag einen ganzen Saal für sich gewinnen kann. Das funktioniert digital vermutlich schlechter. Es fehlten die Emotionen, die Reden auf Parteitagen auslösen, erklärt Otto Wulff. So etwas verlangten die Parteimitglieder allerdings.

Drei Herren stehen zur Wahl: Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Armin Laschet (v.l.n.r.) wollen CDU-Chef werden.
Drei Herren stehen zur Wahl: Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Armin Laschet (v.l.n.r.) wollen CDU-Chef werden.
Bild: www.imago-images.de / Stefan Boness/Ipon

Geschichten von 1001 Delegierten

Für den ehemaligen Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen ist ein digitaler Parteitag daher kein Zukunftsmodell: Natürlich habe das digitale Format Vorteile, es sei einfacher und man müsse nicht reisen. Aber Wulff sagt eben auch:

"Mir fehlt der persönliche Austausch vor Ort."

In den Jahrzehnten vor der Pandemie hat er bei Parteitagen Parteikollegen und Freunde getroffen. Man habe hinter den Kulissen auch mal beraten und überlegt, wer was sagen könnte, wie man zu welchem Thema steht. Parteitage seien gut dafür, sich auf den neuesten Stand zu bringen.

Und Parteitage sind gut dafür, Absprachen zu treffen. Unvergessen: der Aufstieg des damaligen Chefs der Jungen Union, Paul Ziemiak, bei Angela Merkels letztem Parteitag als Parteivorsitzende in Hamburg 2018. Damals war ihre designierte Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei einer Party am Rande der Veranstaltung an Ziemiak herangetreten und hatte ihm das Amt des Generalsekretärs angeboten – angeblich auf der Tanzfläche.

"Entscheidend ist, dass Sie sich den Vorrang der persönlichen Begegnung erhalten."

So etwas ist bei einem digitalen Parteitag natürlich nicht möglich. Da gibt es keine Party und auch keine Tanzfläche. Dieses Mal sitzt jeder alleine hinterm Bildschirm, auch Otto Wulff. Er befürchtet, dass die Gefühle bei zunehmender Digitalisierung leiden und rät jungen Menschen daher, sich wieder von Angesicht zu Angesicht zu treffen, sobald die Pandemie vorbei ist. In Richtung der jüngeren Generationen gibt er den Tipp: "Entscheidend ist, dass Sie sich den Vorrang der persönlichen Begegnung erhalten."

Die jüngste Delegierte: Lilli Fischer (20)

Nachwuchs-Politikerin Lilli Fischer sitzt für die CDU im Erfurter Stadtrat.
Nachwuchs-Politikerin Lilli Fischer sitzt für die CDU im Erfurter Stadtrat.
Bild: Paul Blau

Zu diesen jüngeren Generationen gehört Lilli Fischer. Für Fischer gehören Bildschirme und Livestreams zum normalen Alltag – und das schon lange vor der Pandemie. Sie gehört zur sogenannten Generation Z, die mit dem Internet groß geworden ist. Als 2007 das erste iPhone auf den Markt kam, war Fischer gerade sieben Jahre alt. Auf Facebook addeten sich Freunde zu dem Zeitpunkt schon seit drei Jahren, auf Youtube gingen längst Panda-Videos viral. Lilli Fischer ist ein Digital Native.

Trotzdem: den Umgang mit dem CDU-Stream musste auch sie erst lernen. Jeder Delegierte habe eine Einweisung bekommen, inklusive Infos für den Fall, dass die Technik versagt. Alles sei super vorbereitet und kommuniziert worden.

Lilli Fischer hat auch mehrere Wahlempfehlungen bekommen, von der Jungen Union und von der Frauen-Union, bei beiden ist sie Mitglied. Die Frauen-Union will unbedingt Friedrich Merz verhindern, die Junge Union spricht sich für ihn aus.

Fischer über Norbert Röttgen:

"Er spricht Themen wie Klimaschutz an und ihm ist bewusst, dass wir mit der Zeit gehen müssen."

In einen Interessenkonflikt kommt die 20-jährige Thüringerin dadurch nicht. Sie weiß schon, für wen sie stimmen wird und macht keinen Hehl aus ihrer Unterstützung für Underdog Norbert Röttgen. Dass sich der Rest der CDU schon mehr oder weniger auf einen Kampf Laschet gegen Merz eingestellt hat, stört sie nicht.

Gegenüber watson fasst sie ihre Faszination für den ehemaligen Umweltminister so zusammen: Jünger, weiblicher, digitaler, dafür stehe Norbert Röttgen. Außerdem sehe er auch sehr gut aus. "Er ist schon der George Clooney der CDU", sagt sie. Natürlich helfe auch das. Aber am Ende würden dann doch die Inhalte über den Vorsitz entscheiden und nicht das Grübchen im Kinn.

Hat die CDU ein Frauenproblem?

Dass beim diesjährigen Parteitag nur Männer zur Wahl stehen, stört Fischer nicht. Sie sei da unemotional, erklärt sie. Die kürzlich von der CDU-Spitze vorbereitete Frauen-Quote hält sie für unnötig, Eignung sei unabhängig vom Geschlecht: "Selbst wenn eine Frau zur Wahl gestanden hätte, hätte ich sie nicht gewählt, wenn ich einen Mann für besser geeignet gehalten hätte."

"Meine Generation stellt sich die Frage, kann ein Mann überhaupt Kanzlerin sein."

Fischer moderiert, zusammen mit ihrer jungen Parteikollegin Nora Zabel, den Podcast "Womensplaining". Der Name ist angelehnt an "Mensplaining", die Bezeichnung für herablassende Erklärungen von Männern. Fischer setzt sich also durchaus mit Geschlechterthemen auseinander. Sie gibt sich aber locker im Umgang damit. Vielleicht, weil sie in einer Welt groß geworden ist, in der sie Frauen nicht mehr als benachteiligt wahrnimmt.

Nun darf wieder ein Mann ran

Fischer jedenfalls glaubt, dass nach zwei weiblichen Parteivorsitzenden wieder ein Mann ran darf. Persönlich hat sie keine schlechte Erfahrung mit Männern an der CDU-Spitze gemacht – weil sie es schlicht noch nie erlebt hat. Als sie im Jahr 2000 geboren wurde, war bereits eine Frau Chefin der Partei. Das sollte so bleiben, bis Fischer volljährig wurde.

"Ich kenne keine Zeit ohne Angela Merkel."

Als Angela Merkel 2018 beim Parteitag in Hamburg ihre Abschiedsrede hielt, sei das sehr bewegend gewesen, erzählt die Thüringerin: "Da habe ich Gänsehaut bekommen und ein Tränchen weggedrückt." Die damals 18-Jährige war als Besucherin dabei, Delegierte war sie noch nicht. Das kommende Wochenende darf sie zum ersten Mal über den Vorsitz der Partei abstimmen.

Wo Fischer den Parteitag verfolgen wird, weiß sie noch nicht genau. Sie meint: "Eigentlich wollte ich im Bett liegen und auf meinem großen Fernseher schauen." Nun haben sich Journalisten angekündigt, die sie beim digitalen Parteitag vor Ort, in ihrer Wohnung, begleiten. Fischer sagt, sie müsse sich daher nochmal überlegen, wo es denn gut wirke. Wahrscheinlich schaut sie den Livestream auf ihrem Laptop. Ob sie dabei noch ein paar Snacks vorbereiten wird, weiß sie noch nicht, vielleicht kocht sie auch eine Suppe. So gesehen hat er schon was, so ein digitaler Parteitag.

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