Längst eine linke Bewegung: ein Fridays-for-Future-Demonstrant im Dezember 2019 in New York.
Längst eine linke Bewegung: ein Fridays-for-Future-Demonstrant im Dezember 2019 in New York.
Bild: Getty Images North America / Scott Heins
Analyse

Fridays for Future und der Antisemitismus: Warum die Klimaschützer jetzt ein Problem haben

Die internationalen Social-Media-Accounts von FFF teilen israelfeindliche Inhalte, deutsche Aktivisten distanzieren sich. Innerhalb der Bewegung zeigt sich jetzt, was seit Jahren sichtbar ist: Hass auf den jüdischen Staat finden viele Linke weltweit in Ordnung.
24.05.2021, 12:4824.05.2021, 16:26

Was haben die tausenden Bomben der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Israel, israelische Luftangriffe auf den Gazastreifen und Siedler im Westjordanland mit dem Kampf gegen die Klimakrise zu tun?

Für die Aktivisten, die die internationalen Profile der Klimaschutzbewegung Fridays for Future (FFF) auf Instagram und Twitter betreuen, anscheinend ziemlich viel. Mehrmals sind dort in den vergangenen Tagen Statements zum Nahostkonflikt gepostet worden, in Tweets und Instagram-Stories, alle mit einer eindeutigen Botschaft: Israel ist im Konflikt der Böse, die Palästinenser die unschuldigen Opfer. In einer Instagram-Story vom 11. Mai teilt der Fridays-for-Future-Account mit seinen über 400.000 Followern einen Boykottaufruf der anti-israelischen Bewegung BDS (die der Deutsche Bundestag 2019 in einem Beschluss mit großer Mehrheit als antisemitisch eingestuft hat).

Ein weiteres, besonders krasses Beispiel: Am 19. Mai postet der FFF-Account einen Twitter-Thread, in dem es unter anderem heißt: "Unsere Herzen sind bei all den Märtyrern, die ihre Leben verloren haben. Die Gewalt und der Verlust von Leben ist eine Tragödie und ihr Blut wird nicht vergessen werden. Mögen aus den Erinnerungen daran ein Segen und eine Revolution werden."

Das sind Sätze wie aus Mitteilungen von Terrororganisationen, die den Staat Israel vernichten wollen. In dem FFF-Thread trieft es vor antisemitischen Klischees: Israelis kommen darin nur als Siedler, "Kolonisierer" und "Imperialisten" vor. In einem Tweet ist eine Serie von Karten zu sehen, die die Entwicklung der Grenzen in Israel und den palästinensischen Gebieten auf völlig verzerrte und verkürzte Weise darstellt. Die Gewalt der Hamas gegen die Bevölkerung in Israel und ihre Unterdrückung kritischer Stimme im Gazastreifen wird mit keiner Silbe erwähnt.

Kurz gesagt: Die internationalen "Fridays for Future"-Accounts auf Twitter und Instagram servieren ihren hunderttausenden Followern Antisemitismus.

Michael Blume, Religionswissenschaftler und Beauftragter des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus, stuft die Botschaften in dem Thread vom 19. Mai gegenüber watson so ein:

"Der Thread von Fridays for Future International ist extrem einseitig anti-israelisch und enthält viel Antisemitismus. So wird das Existenzrecht Israels bestritten und von arabischen 'Märtyrern' geschrieben. Zu anderen, sehr viel verlustreicheren Konflikten wie dem komplett durch Öl finanzierten Krieg im Jemen zwischen Sunniten und Schiiten findet man dagegen nichts auch nur annähernd Vergleichbares."
Michael Blume, Beauftragter gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg.
Michael Blume, Beauftragter gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg.
Bild: dpa / Marijan Murat

Michael Blume fasst es so zusammen: "Hier zeigt eine Klimaschutzbewegung nur Interesse, wenn es gegen Juden geht."

Blume verweist darauf, dass das nicht der erste antisemitische Ausfall einer jungen Klimaschutzbewegung ist: "Es gab ja leider auch schon beim Extinction-Rebellion-Gründer Roger Hallam menschenverachtende Holocaust-Verharmlosung", sagt er.

Blume meint damit verstörende Aussagen Hallams in einem Interview mit der "Zeit" im Jahr 2019, in dem er Genozide als "fast normales Ereignis" und den industriellen Massenmord an den europäischen Juden als "weiteren Scheiß" bezeichnet hatte.

Fridays for Future Deutschland distanziert sich auf Twitter

Die deutsche FFF-Sektion hat sich von den israelfeindlichen Posts und Tweets distanziert. Der Twitter-Account von Fridays for Future Deutschland schrieb neun Stunden nach dem oben genannten Thread, Antisemitismus sei "in keinster Weise mit unserem Selbstverständnis vereinbar" – und ergänzte: "Wir distanzieren uns wie im Post angegeben in aller Deutlichkeit von allen Inhalten."

Luisa Neubauer, die bekannteste Vertreterin von "Fridays for Future" in Deutschland, teilte und bekräftigte die Botschaft kurz darauf über ihren eigenen Twitter-Account.

Auf dem internationalen Fridays-for-Future-Account wurde der Thread noch einmal rund zweieinhalb Stunden später um den Hinweis ergänzt: "Fridays for Future Deutschland unterstützt diesen Post nicht."

Auf zwei der Fotos in dem Thread, inklusive dem mit der verzerrten Karte Israels und der palästinensischen Gebiete, ist derselbe Hinweis ebenfalls hinterlegt, in kleinen Buchstaben am oberen linken Bildrand.

Auch von vorherigen antisemitischen Insta-Stories haben sich FFF Deutschland und Neubauer persönlich distanziert. Religionswissenschaftler Blume sagt dazu:

"Dass sich Fridays for Future Deutschland von diesem Antisemitismus distanziert hat, sehe ich als einen guten Anfang"

Carla Reemtsma, Sprecherin von Fridays for Future, erklärte gegenüber "Focus Online", die Bewegung beruhe auf einem klaren Bekenntnis zu den Menschen- und demokratischen Grundrechten. Sie sagte demnach: „Eine Vereinnahmung durch extremistische Gruppen gab es nie und gibt es auch heute nicht.“

Ob und wenn ja wie die deutschen Klimaaktivisten gegen die antisemitischen Botschaften der internationalen FFF-Accounts vorgehen wollen, dazu haben sie sich bisher nicht öffentlich geäußert. Anfragen von watson zu diesem Thema ließ Fridays for Future Deutschland unbeantwortet oder gab an, sich nicht äußern zu wollen.

Brisant sind die Botschaften der internationalen Fridays-for-Future-Accounts auch deshalb, weil Luisa Neubauer selbst am 9. Mai in der Politik-Talkshow "Anne Will" selbst mit einem Antisemitismus-Vorwurf Aufsehen erregt hatte. Neubauer hatte Armin Laschet, dem Kanzlerkandidaten der Union, vorgehalten, dass CDU-Bundestagskandidat Hans-Georg Maaßen antisemitische Inhalte verbreite (ein Vorwurf, den dem seither mehrere Medien nachgegangen sind und ihn erhärtet haben).

Bemerkenswert ist, dass nur Fridays for Future Deutschland sich ausdrücklich von den israelfeindlichen Botschaften distanziert hat. Fridays-for-Future-Sektionen aus anderen Ländern haben das nicht getan.

Viele Linke in anderen Ländern haben anti-israelische Einstellungen

Fridays for Future – das ist seit dem Auftreten der Bewegung ab 2019 nach und nach deutlich geworden – versteht sich inzwischen offensichtlich als linke Bewegung. "Climate Justice" ist das Schlagwort, Klimagerechtigkeit. Fridays for Future tritt inzwischen nicht mehr nur für eine strengere Klimapolitik ein, sondern auch für Feminismus, gegen Rassismus, gegen die europäische Flüchtlingspolitik und mit scharf formulierter Kapitalismuskritik. Diese Systemkritik werfen Fridays for Future Klimapolitiker von FDP und Union (wie etwa die Gründerin der Klima-Union Wiebke Winter) seit Längerem vor.

Wie andere, international vernetzte linke Bewegungen oder Parteiorganisationen machen jetzt auch die deutschen Vertreter von Fridays for Future eine unangenehme Erfahrung: Wenn es um den Nahostkonflikt, um Israel und die palästinensischen Gebiete geht, ticken die meisten deutschen Linken ganz anders als Gleichgesinnte in anderen Ländern.

Kurz gesagt: Deutsche Linke – und gerade junge deutsche Linke – sind heutzutage in ihrer Mehrheit solidarisch mit Israel. "Gegen jeden Antisemitismus", diese Losung taucht regelmäßig auf linken bis linksradikalen Demos in Deutschland auf.

Junge Teilnehmer einer Demo gegen Antisemitismus im April 2018 in Köln.
Junge Teilnehmer einer Demo gegen Antisemitismus im April 2018 in Köln.
Bild: Getty Images Europe / Michael Gottschalk

Dabei war Antisemitismus bei deutschen Linken bis Linksextremen bis in die 1980er Jahre ebenfalls verbreitet: Die Terrororganisation RAF ließ sich von palästinensischen Terroristen an der Waffe ausbilden und arbeitete mit ihnen zusammen. Linksextreme werden bis heute verdächtigt, einen der tödlichsten antisemitischen Anschläge in Deutschland nach dem Nationalsozialismus verübt zu haben: 1970 verbrannten dabei in einem Münchner Altenheim sieben jüdische Menschen, unter ihnen Überlebende des Holocaust.

Später aber ging, vor allem von den sogenannten "Antideutschen" aus, ein deutlicher Ruck zur Solidarität mit Israel durch linke Bewegungen in Deutschland. Heute gehört etwa der linke Grünenpolitiker Volker Beck zu den lautesten Verteidigern Israels in Deutschland.

US-amerikanische, spanische, italienische, kanadische Linke sind dagegen bis heute mehrheitlich pro-palästinensisch. Dass Israel als "Verbrecherstaat" oder "Kolonialmacht" bezeichnet wird, ist auf linken Demos in diesen Ländern die Regel – manchmal artet das in einer Verharmlosung des Holocaust aus. Und wer dieser Tage durch die Twitter-Feeds der jungen linken US-Demokratinnen Rashida Tlaib, Ilhan Omar und Alexandria Ocasio-Cortez scrollt, der findet reihenweise Anschuldigungen gegen Israel, bis hin zu Verunglimpfungen Israels als "Apartheid"-Staat – und kein einziges Wort zur palästinensischen Terrororganisation Hamas.

Pro-palästinensische linke Demonstranten in Rom im Mai.
Pro-palästinensische linke Demonstranten in Rom im Mai.
Bild: www.imago-images.de / Andrea Ronchini

Für Jüdinnen und Juden hat auch Antisemitismus von links heftige Konsequenzen: Laut einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte von 2018 berichten 38 Prozent der jüdischen Menschen in Italien und 34 Prozent in Spanien, dass sie persönlich den heftigsten antisemitischen Übergriff der vergangenen fünf Jahre durch linksgerichtete Menschen erlitten hätten.

Dass Fridays-for-Future-Gruppen außerhalb Deutschlands mit anti-israelischer Propaganda bis hin zu linkem Antisemitismus auftreten, ist also leider wenig überraschend.

Eine wichtige Frage ist, wie sich die deutschen Klimaschützer zu all dem verhalten. Der Antisemitismus-Beauftragte Michael Blume sagt dazu:

"Wir werden auch jetzt wieder sehen, wer Antisemitismus nur bei Anderen bekämpfen will – oder auch im eigenen Milieu dagegen vorgeht."

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