Diese drei und acht weitere Politiker haben watson Rede und Antwort gestanden, was sie im Homeoffice so treiben.
Diese drei und acht weitere Politiker haben watson Rede und Antwort gestanden, was sie im Homeoffice so treiben.
Bild: imago images / Jürgen Heinrich / Sven Simon / Future Image / Getty
Exklusiv

Von Spargel schälen bis Trampolinspringen: Unsere Politiker im Homeoffice

Halb Deutschland ist im Homeoffice gefangen. Für viele eine ungewohnte Situation, die neue Herausforderungen mit sich bringt – auch für Politiker.
09.04.2020, 06:2510.04.2020, 17:20

Die meisten befinden sich derzeit mitten in Woche Nummer drei der Homeoffice-Zeitrechnung. Und so mancher hat auch schon die ersten positiven wie negativen Erfahrungen gemacht: Stundenlange Telefonkonferenzen, Arbeiten ohne persönlichen Kontakt und parallele Kinderbetreuung trifft erstaunlich effizientes und bequemes Arbeiten dank E-Mails und legerer Kleidung, sprich Jogginghose, im "Büro".

Auch Deutschlands Politiker bleiben von der neuen Erfahrung im Homeoffice nicht verschont. Watson hat nachgefragt, wie Politiker der verschiedenen Parteien mit der ungewohnten Situation umgehen und was ihnen hilft durchzuhalten. Von Essen, über Wäsche machen und Spargel schälen bis Trampolinspringen ist alles dabei.

Robert Habeck (Grüne) macht die Wäsche neben Telefonschalten

Ist kreativ nebenbei: Während Telefonschalten macht Grünen-Chef Robert Habeck gern die Wäsche.
Ist kreativ nebenbei: Während Telefonschalten macht Grünen-Chef Robert Habeck gern die Wäsche.
Bild: imago images / Sachelle Babbar

Robert Habeck hat begonnen, Telefonkonferenzen für Hausarbeit zu nutzen, wie er im Interview mit watson erklärt: "Ich habe bei Telefonkonferenzen angefangen, Dinge nebenher zu tun. Beispielsweise mache ich die Wäsche nebenbei und verbinde zwei Nützlichkeiten miteinander. Und ich gehe länger laufen, da kriegt man den Kopf frei."

Insgesamt zeigt er sich aber auch genervt vom Homeoffice: "Die Neugier, die man am Anfang hatte, ist einer Ernüchterung gewichen. Ständig läuft man mit'm Knopf im Ohr rum. Die Leute, mit denen man spricht, sieht man höchstens auf dem Bildschirm, oft zeitverzögert. Ist wie Trockenschwimmen, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht fehlt."

Katja Kipping (Linke) macht Sport auf dem Trampolin

Schaut gerne Serien während sie auf dem heimischen Trampolin Sport treibt: Linken-Chefin Katja Kipping.
Schaut gerne Serien während sie auf dem heimischen Trampolin Sport treibt: Linken-Chefin Katja Kipping.
Bild: imago images / Jens Schicke

Gegenüber watson verrät die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, dass sie sich während der Ausgangsbeschränkung mit Trampolinspringen vor dem heimischen Fernseher fit halte. Auch für sie hat sich der Alltag gewandelt: "Die Corona-Krise hat unser Leben komplett verändert. Wir haben als Partei alles umgestellt. Wir machen alle Sitzungen als Video- oder Telefonkonferenz."

Zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit als Parteivorsitzende und Bundestagsabgeordnete darf sich die Spitzenpolitikerin, wie viele andere Bundesbürger auch, noch um die Betreuung und den Unterricht ihrer schulpflichtigen Tochter kümmern, die jetzt notgedrungen zu Hause unterrichtet wird: "Meine Tochter ist sehr pädagogisch in der Kritik an ihren Aushilfspädagogen. Sie sagte, wir würden das ganz gut machen, aber sie vermisst ihre Lehrerin schon sehr."

Lars Klingbeil (SPD) macht Wäsche bei Videokonferenzen – und räumt den Keller auf

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hier in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus.
SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hier in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus.
Bild: watson

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Lars Klingbeil: Ich habe vorher schon viel digital gearbeitet. Eigentlich könnte man denken, dass sich der Alltag dann gar nicht so sehr ändert. In der Realität tut er das aber natürlich doch. Normalerweise pendle ich zwischen meinem Büro im Willy-Brandt-Haus, dem Bundestag und meinem Wahlkreis in Niedersachsen. Das alles fällt weitestgehend flach und ich sitze zu Hause am Schreibtisch. Man muss sich aber auch nichts vormachen: Wenn man im Homeoffice sitzt, ist man im Vergleich zu denen, die gerade in Kurzarbeit gehen und Einkommensverluste haben, sehr privilegiert. Und die belastende Situation vieler Telefonkonferenzen ist nichts im Vergleich zu dem, was in Krankenhäusern, Supermärkten und anderswo gerade für uns alle geleistet wird.

Was nervt?

Man wird nicht Politiker, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch hocken will. Ich bin normalerweise sehr viel unterwegs und spreche direkt mit Leuten. Der direkte Austausch fehlt mir jetzt total. Ich mache gerade abends immer ein Instagram Live-Gespräch mit wechselnden Gesprächspartnern. Da kann man das zumindest ein bisschen ausgleichen.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Um Robert Habeck zu toppen, mache ich während der Schalten jetzt nicht nur die Wäsche, sondern koche noch, räume den Keller endlich mal auf und streiche den Flur neu. Und mache Sport. Aber eigentlich tue ich das, was man tun sollte: Aufmerksam zuhören und meinen Job machen.

Dorothee Bär (CSU) gönnt sich im Homeoffice auch mal einen "Bad Hair Day"

Die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär.
Die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär.
Bild: imago images / photothek

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Dorothee Bär: Alle Termine, die ich als Bundespolitikerin in ganz Deutschland normalerweise wahrnehme, finden nun digital statt. Das ist natürlich nicht dasselbe – die physische Interaktion fehlt mir schon sehr. Andererseits hoffe ich, dass sich auch für die Zeit nach Corona die Erkenntnis entwickelt, dass Videoschalten zu Ressourceneinsparung sinnvoll sind, um zum Beispiel nicht für einen einzigen Termin eine lange Anreise antreten zu müssen.

Was nervt?

Richtig nervig finde ich nichts, außer, dass das Büro immer aufgeräumt sein muss (lacht). Wie für viele andere Familien auch, ist es natürlich auch nicht immer ganz einfach, den Kindern bei ihren Lernaufgaben zu helfen und seinem eigenen Job nachzugehen.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Aufpassen natürlich! Bei Videokonferenzen im gepflegten Officelook und bei Telefonkonferenzen ist auch mal ein "Bad Hair Day" drin… (lacht)

Sawsan Chebli (SPD) räumt während Telefonkonferenzen auf

Hätte nicht gedacht, dass Homeoffice so effizient sein kann: Sawsan Chebli.
Hätte nicht gedacht, dass Homeoffice so effizient sein kann: Sawsan Chebli.
Bild: imago images / Metodi Popow

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Sawsan Chebli: Bis auf Senatssitzungen, die regulär mit physischer Präsenz stattfinden, erfolgt der Großteil meiner Arbeit und der Abstimmungen über Telefonkonferenzen. Es ist die Arbeit am PC statt mit den Menschen vor Ort. Das ist eine komplett neue Erfahrung. Und ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass Homeoffice so effizient sein kann.

Was nervt?

Mir fehlt der direkte Austausch. Ich bin gern unter Menschen, bin kein Büro- und schon gar kein Homeoffice-Typ. Vor allem als Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement bin ich viel in der Stadt unterwegs, besuche Organisationen, die sich für unsere Demokratie stark machen, schaue mir ihre Initiativen persönlich an. Ich freue mich schon darauf, dass hoffentlich bald wieder tun zu können.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Viele Video- und Telefonschalten moderiere ich persönlich. Da bin ich ständig gefordert und kann nichts nebenbei machen. Bei den Telkos, bei denen ich "nur" Zuhörerin bin, stelle ich auf stumm, gehe gern auf den Balkon oder nutze auch mal die Zeit, um aufzuräumen oder was zu kochen. Das geht ganz gut zusammen.

Philipp Amthor (CDU) fehlt der Humor im Homeoffice

CDU-Politiker Philipp Amthor.
CDU-Politiker Philipp Amthor.
Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Philipp Amthor: Mein Kalender ist dieser Tage wieder etwas selbstbestimmter, aber die Arbeitsbelastung dadurch nicht wirklich geringer. Auch dieser Tage starte ich mit den ersten Telefonaten in der Regel gegen 7.00 Uhr und ende selten vor 22.00 Uhr.

Was nervt?

Die Arbeit im Homeoffice ist natürlich weniger persönlich und über Video- und Telefonschalten fehlt manchmal auch einfach das Momentum zum Scherzen.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

In der Regel höre ich den Beteiligten zu (lacht).

Katarina Barley (SPD) schält Spargel bei Videokonferenzen

Katarina Barley hat bei einer Telefonkonferenz schon mal Essen vorbereitet.
Katarina Barley hat bei einer Telefonkonferenz schon mal Essen vorbereitet.
Bild: imago images / Sven Simon

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Katarina Barley: Mein Alltag ist komplett verändert. Normalerweise bin ich ständig in Bewegung und persönlicher Begegnung. Beides fällt nun weg. Es ist nun viel mehr Arbeit am Bildschirm, aber durchgetaktet ist mein Arbeitstag immer noch.

Was nervt?

Ich mache viele Videoschalten mit dem Smartphone. Mein Eindruck ist, dass die Augen darunter deutlich mehr leiden als unter Arbeit am PC, die ich vor meinem Politikerinnendasein häufig stundenlang gemacht habe. Und die technischen Mängel nerven natürlich auch – da lernen wir alle gerade viel dazu.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Bei den mehreren Stunden an Schalten pro Tag muss man zwangsläufig auch manche Dinge nebenher machen, wie zum Beispiel kochen. Während einer Videoschalte habe ich einmal Spargel geschält, weil ich auf dem Handy immer nur den gerade Sprechenden sah und nicht bedacht habe, dass das auf größeren Monitoren anders sein könnte. Das hat zu allgemeiner Heiterkeit geführt. Ich achte in Zukunft mehr darauf, wann ich meine Kamera eingeschaltet habe.

Konstantin Kuhle (FDP) isst während Telefonschalten

Konstantin Kuhle, hier im Bundestag bei einer Rede.
Konstantin Kuhle, hier im Bundestag bei einer Rede.
Bild: imago images / Christian Spicker

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Konstantin Kuhle: Der Alltag von uns Bundestagsabgeordneten ist normalerweise davon geprägt, außerhalb von Sitzungswochen des Parlaments möglichst viel im Land unterwegs zu sein, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wegen der Corona-Pandemie sind aber keine klassischen Termine möglich. Ob Unternehmensbesuche, Vereinsjubiläen oder Podiumsdiskussionen an Schulen und Hochschulen – alles fällt flach. Die meiste Zeit verbringt man derzeit als Abgeordneter damit, besonders betroffenen Bürgerinnen und Bürgern oder Unternehmen am Telefon einen Zugang zu den verfügbaren Hilfsprogrammen zu vermitteln. Auch das ist eine wichtige Aufgabe in dieser Zeit.

Was nervt?

Es ist in der aktuellen Krise ein großes Privileg, wenn man in einem Beruf arbeitet, bei dem man den ganzen Tag von zu Hause aus arbeiten kann. Diesen Luxus haben insbesondere die Beschäftigten im Gesundheitssystem nicht. Darüber sollte man sich im Klaren sein und deswegen wiegen die Nachteile der Arbeit im Homeoffice, wie die mangelnde frische Luft oder die fehlende Trennung zwischen Privat- und Berufsleben, auch nicht allzu schwer.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Sagen wir es so: Der Kühlschrank ist zu Hause leider näher als im Büro.

Ralf Stegner (SPD) findet Telefon- und Videokonferenzen ganz praktisch

Ralf Stegner kleidet sich im Homeoffice auch mal legerer.
Ralf Stegner kleidet sich im Homeoffice auch mal legerer.
Bild: imago images / Future Image

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Ralf Stegner: Unmittelbare Kontakte sind natürlich schöner, aber man gewöhnt sich auch an die Effizienz der Telefonschaltkonferenzen, der Videokonferenzen und der Mailkommunikation. Insgesamt ist die Arbeit kaum weniger – aber doch sehr anders.

Was nervt?

Das Ungewisse an der Situation, von der niemand weiß, wie lange sie andauert. Und bei all den guten Beispielen, die es gibt, nerven diejenigen kolossal, die versuchen, aus der gegenwärtigen Notlage für sich selbst Profit zu schlagen.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Da ich in der Regel einen aktiven Part dabei habe, konzentriere ich mich auch darauf. Nur die Kleidung ist im Homeoffice legerer.

Michael Kellner (Grüne) muss mit seinen Kindern um das W-LAN kämpfen

Als Bundesgeschäftsführer auch oft das Sprachrohr der Partei: Michael Kellner.
Als Bundesgeschäftsführer auch oft das Sprachrohr der Partei: Michael Kellner.
Bild: Getty Images Europe / Maja Hitij

watson: Wie verändert sich Ihr Alltag durch das Homeoffice?

Michael Kellner: Ich muss wieder englische Grammatik lernen als Aushilfslehrer für meinen Sohn. Freizeit, Familienzeit und Arbeit vermengen sich und verschwimmen ineinander.

Was nervt?

Die fehlende Bewegung nervt und gefühlt meine viereckigen Augen vom Starren auf den Bildschirm.

Was machen Sie während Video- und Telefonschalten?

Bei Videokonferenzen werfe ich zuerst meine Kinder aus dem W-LAN, damit die Bandbreite ausreicht. Bei Telefonkonferenzen erledige ich schon lange gerne Hausarbeiten aller Art. Darin bin ich mittlerweile routiniert.

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