Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Parteichefin von Bündnis 90/Die Grünen, beim virtuellen Parteitag der Grünen im Juni.
Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin und Parteichefin von Bündnis 90/Die Grünen, beim virtuellen Parteitag der Grünen im Juni.
Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup
Exklusiv

Mehr als 20 weibliche Abgeordnete von Union, SPD, FDP und Linken kritisieren Sexismus gegenüber Annalena Baerbock

07.07.2021, 14:2502.09.2021, 14:20

Nun hat sich auch Sigmar Gabriel öffentlich mit der grünen Kanzlerkandidatin solidarisiert. Auf Twitter erklärte der ehemalige SPD-Chef und Vize-Kanzler, "was mit Annalena Baerbock passiert, zeigt nur, wie armselig Wahlkampf ist." Er wirft den Journalisten "Voyeurismus" vor und den Wunsch, "endlich mal wieder eine Frau scheitern zu sehen, die sich wagt, was zu wollen."

Aber wie sexistisch ist die Kritik an Annalena Baerbock? Seit die Grünen im April bekannt gegeben haben, dass die Co-Vorsitzende der Partei auch ihre Kanzlerkandidatin ist, ist der öffentliche Druck auf sie gestiegen: Es sind Ungenauigkeiten und falsche Details in ihrem Lebenslauf bekannt geworden, Baerbock musste dem Bundestag Sondereinkünfte nachmelden, die sie als Parteichefin erhalten hatte. Und am vergangenen Mittwoch machte der österreichische Plagiatsgutachter Stefan Weber Vorwürfe gegen Baerbock öffentlich, die sich auf ihr Buch "Jetzt" beziehen. Teile darin seien abgeschrieben.

Offenlegung der Redaktion:
Wir haben bei allen weiblichen Bundestagsabgeordneten von CDU, CSU, SPD, FDP und Linken nachgefragt, bevor die Plagiatsvorwürfe gegen Annalena Baerbock bekannt wurden.

Der Redaktion ging es um ein Bild aus dem Bundestag, inwieweit Hetze, Sexismus und Ungerechtigkeiten insbesondere Politikerinnen gegenüber zum politischen Alltag gehören.

Lebenslauf, Sondereinkünfte, nun Plagiat, falsche Reaktion auf die Vorwürfe: Baerbock wurde für all das kritisiert, von Vertreterinnen und Vertretern der politischen Konkurrenz, von Konservativen wie Linken, von Sozialdemokraten und Liberalen. Und von Journalisten und anderen Beobachtern. Das ist kaum verwunderlich: Es ist Wahlkampfzeit, Parteien kämpfen gegeneinander um Stimmen – sich an echten oder zumindest vermuteten Schwächen der Gegner abzuarbeiten, ist normal. Und dass Medien Kanzlerkandidaten und eben -Kandidatinnen auf ihre Schwächen abklopfen, bedeutet auch, dass sie ihre Arbeit tun.

Annalena Baerbock steht besonders im Fokus, seit sie Kanzlerkandidatin ist.
Annalena Baerbock steht besonders im Fokus, seit sie Kanzlerkandidatin ist.
Bild: Getty Images Europe / Steffi Loos

Über Baerbock waren aber auch Kommentare wie der des Journalisten Rainer Meyer alias Don Alphonso zu lesen. Meyer schrieb im Juni in einer seiner Kolumnen für die "Welt", die grüne Kanzlerkandidatin sei "eine Parteichefin, die sich von der, salopp gesagt, Pixelschubse in Brandenburg zur Büroleiterin in Brüssel befördert hat, und deren Lebenslauf nach den Korrekturen die Frage aufwirft, warum gerade diese nur so mittelmäßig erfolgreiche Parteisoldatin mit Hang zu Aufbauschung Bundeskanzlerin werden soll."

Wäre es ihm anders ergangen, weil er ein Mann ist? Co-Grünen-Chef Robert Habeck und Annalena Baerbock.
Wäre es ihm anders ergangen, weil er ein Mann ist? Co-Grünen-Chef Robert Habeck und Annalena Baerbock.
Bild: dpa / Kay Nietfeld

Vertreter der Grünen beklagen seit Wochen, mit Baerbock werde unfair umgegangen. Sie werde anders behandelt als ihre beiden männlichen Konkurrenten, der Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet und der sozialdemokratische Anwärter Olaf Scholz. Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, sagte etwa am Abend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zur Kritik an Baerbock, auf die "einzige Frau im Rennen" werde "draufgehauen", viele Vorwürfe seien "weit unter der Gürtellinie".

Doch wie sehen das Politikerinnen anderer Parteien?

Von 162 haben 27 weibliche Abgeordnete aus allen vier Fraktionen geantwortet

watson hat nachgefragt – und zwar bei allen weiblichen Bundestagsabgeordneten von CDU, CSU, SPD, FDP und Linken. Wir haben die 162 Parlamentarierinnen – unter Verweis auf Zitate wie das von Meyer – um eine Antwort auf folgende Frage gebeten:

"Empfinden Sie die Kritik, die derzeit an der Eignung Annalena Baerbocks zur Bundeskanzlerin geäußert wird, zumindest teilweise als sexistisch – und können Sie diese Antwort begründen?"

27 Abgeordnete aus allen vier Fraktionen haben geantwortet: jeweils neun aus der Unionsfraktion und der Linksfraktion, sechs von der SPD, drei von der FDP.

Mehr als 20 von ihnen schreiben in ihrer Antwort, dass sie die Kritik an Baerbock für zumindest teilweise sexistisch halten. Unter ihnen ist etwa Daniela Ludwig, CSU-Abgeordnete und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, die gegenüber watson erklärt: "Frauen in der Politik haben sich in den vergangenen Jahren durch harte Arbeit Spitzenpositionen erarbeitet. Ganz einfach! Wer sich daran stört, hat selbst ein Problem, mit dem er oder sie klarkommen sollte."

Als zumindest teilweise sexistisch bezeichnen die Kritik an Baerbock gegenüber watson auch die ehemalige SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks, die ehemalige FDP-Vize Katja Suding und Linken-Netzpolitikerin Anke Domscheit-Berg. Keinen Sexismus erkennt hingegen Linken-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen.

Die Antworten haben wir allesamt erhalten, bevor die Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock bekannt wurden. Deshalb gehen die Politikerinnen in ihren Antworten darauf nicht ein.

Die Antworten der Abgeordneten im Überblick, nach Fraktionszugehörigkeit geordnet.

Union

Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung: "Wer sich daran stört, hat selbst ein Problem"

Daniela Ludwig ist seit 2019 Drogenbeauftragte der Bundesregierung.
Daniela Ludwig ist seit 2019 Drogenbeauftragte der Bundesregierung.
Bild: www.imago-images.de / Reiner Zensen

Daniela Ludwig, die seit 2002 für die CSU im Bundestag sitzt, wendet sich in ihrer Antwort klar gegen sexistische Bemerkungen – und sagt, mit Bezug auf Ausdrücke wie die in der "Welt"-Kolumne über Baerbock:

"Frauen in der Politik haben sich in den vergangenen Jahren durch harte Arbeit Spitzenpositionen erarbeitet. Ganz einfach! Wer sich daran stört, hat selbst ein Problem, mit dem er oder sie klarkommen sollte. Kommentare wie diese schüren nur Hass und Häme und das ist das Letzte, was wir brauchen."

Gitta Connemann: "Frauen werden noch immer anders beurteilt"

Die CDU-Abgeordnete Connemann, seit Januar 2015 stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, antwortet auf die Frage von watson, ob sie die Kritik an Baerbock zumindest teilweise als sexistisch empfindet:

"Nein und ja. Es gibt keine pauschale Antwort. Zum Teil wird die Sexismuskarte bei durchaus begründeter Kritik gezogen. Wer seinen Lebenslauf frisiert, hat Kritik verdient – egal ob Mann oder Frau. Da darf für Frau Baerbock keine Ausnahme gelten. Die Forderung nach Klarheit und Wahrheit hat mit Sexismus nichts zu tun. Wer so etwas behauptet fährt Ablenkungsmanöver.

Aber einiges an Kritik ist auch klar sexistisch – von der Kleidung über die Familiensituation, bis zum Spitznamen. Das betrifft übrigens nicht nur Frau Baerbock allein, sondern alle Politikerinnen in Spitzenpositionen. Frauen werden – auch in der Politik – noch immer anders beurteilt als Männer. Was trägt Sie? Welche Frisur hat sie? Bringt sie Familie und Beruf unter einen Hut? Ich kann mich nicht erinnern jemals etwas despektierliches über eine Krawatte oder die Qualitäten eines Vaters gelesen zu haben. Und auch herabsetzende Spitznamen findet man bei den männlichen Kollegen nur selten."

Jana Schimke: "Ich empfinde die Erkenntnisse zu Baerbock als problematisch"

Die CDU-Abgeordnete Jana Schimke, die Mitglied des Sozialausschusses ist, sieht keine sexistischen Elemente in der Kritik an der grünen Kanzlerkandidatin Baerbock. Mit Bezug auf Zitate wie die von "Welt"-Autor Meyer, die watson als Beispiel genannt hatte, antwortete sie:

"Die aufgeführten Äußerungen sind mir nicht bekannt. Auch habe ich Äußerungen dieser Art in seriösen Medien nicht wahrnehmen können. Allerdings empfinde ich die Erkenntnisse, zum Beispiel mit Blick auf den Lebenslauf von Frau Baerbock, als problematisch. Letztlich muss aber jeder Spitzenpolitiker, der sich dazu entscheidet, ein Amt, wie das des Bundeskanzlers anzustreben, darüber im Klaren sein, dass alle Versäumnisse oder Fehler der Vergangenheit ans Licht kommen und entsprechend diskutiert werden."

Emmi Zeulner: "Teilweise unterste Schublade"

Die CSU-Abgeordnete Zeulner sieht die Kritik an Baerbock dagegen teilweise als eindeutig sexistisch an – und wünscht sich stattdessen mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit den Grünen. Gegenüber watson erklärt sie:

"Die Art und Weise, wie teilweise mit Annalena Baerbock in der Diskussion umgegangen wird, ist aus meiner Sicht unterste Schublade und geht gar nicht. Die Stärke unserer freiheitlichen Grundordnung ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Diese macht unser Land stark und bringt uns weiter.

Seit die AfD in den Deutschen Bundestag eingezogen ist, hat sich die Diskussionskultur verändert – es wird mehr diffamiert und denunziert mit dem Ziel zu destabilisieren. Daran will ich mich nicht beteiligen – für mich steht immer die inhaltliche Auseinandersetzung im Vordergrund. Und da gibt es bei den Grünen genügend Angriffspunkte."

Katrin Staffler: "Wir sollten über Inhalte streiten"

Katrin Staffler ist Mitglied des Bildungs- und des Europaausschusses. Sie spricht sich mit Blick auf die Kritik an Baerbock klar gegen diskriminierende Äußerungen aus.

"Wir sollten über politische Inhalte streiten. Kritische Bemerkungen zu Geschlecht, Religion, Nationalität oder sexueller Orientierung sind weder angebracht noch bringen sie uns weiter. Deshalb stelle ich mich klar dagegen!“

Antje Tillmann: "Wortwahl ist inakzeptabel"

Antje Tillmann, CDU-Abgeordnete aus Thüringen und Mitglied im Finanzausschuss, wendet sich gegen die Form, in der die Kritik teils geäußert wird. Sie betont gegenüber watson aber, dass inhaltliche Kritik an Baerbock gerechtfertigt sei.

"Die Wortwahl ist für mich inakzeptabel. Der Fakt, dass sie ihren Lebenslauf geschönt hat, um mehr darzustellen, als sie ist, darf aber sehr wohl genannt werden. Wenn jemand sich für fähig hält, aus dem Stand Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin zu werden, darf er oder sie sich nicht beschweren, wenn die Qualifikation hinterfragt wird. Das muss aber für Männer und Frauen gleich gelten."

Katja Leikert: "An Baerbock sollten dieselben Maßstäbe angelegt werden wie an männliche Bewerber"

Die hessische CDU-Abgeordnete Leikert sieht eine Grenze der Kritik überschritten, wenn Annalena Baerbock für private Entscheidungen kritisiert wird. Leikert erklärt gegenüber watson:

"Als Kanzlerkandidatin sollten an Annalena Baerbock die gleichen Maßstäbe angelegt werden wie an ihre männlichen Mitbewerber – und umgekehrt. Wie Frau Baerbock beispielsweise gemeinsam mit ihrem Mann das Thema Kinderbetreuung organisiert, ist Privatsache und geht niemanden etwas an. Sexistische Bezeichnungen gehen gar nicht. Sachliche Kritik, beispielsweise an Ungenauigkeiten im Lebenslauf, muss aber erlaubt sein."

Andrea Lindholz: "Frauen leiden besonders unter niveaulosen sexistischen Sprüchen"

Die CSU-Abgeordnete Lindholz, die dem Innenausschuss im Bundestag vorsitzt, betont – wie andere Vertreterinnen der Konkurrenz der Grünen – dass Baerbock sich selbstverständlich sachliche Kritik auch an ihrer Qualifikation gefallen lassen müsse. Aber auch sie unterstreicht das Sexismus-Problem in der deutschen Politik. Wörtlich erklärt Lindholz gegenüber watson:

"Jede Kandidatin und jeder Kandidat für das wichtigste politische Amt in Deutschland sollte bestens qualifiziert sein und einen ordentlichen Lebenslauf vorlegen können. Das gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Natürlich gibt es kritische Fragen nach der persönlichen Eignung und Erfahrung, wenn man eine der größten Industrienationen der Welt führen will. Sachliche Nachfragen dazu haben erstmal nichts mit Sexismus zu tun.

Davon klar zu unterscheiden sind niveaulose sexistische Sprüche, die leider auch vorkommen, unter denen Frauen besonders leiden und für die es keinen Platz in unserer politischen Kultur geben darf."

Anita Schäfer: "Berechtigte Kritik an Baerbock wird mit Sexismus-Vorwurf abzuwehren versucht"

Anita Schäfer, rheinland-pfälzische Abgeordnete der CDU, Mitglied des Verteidigungsausschusses und seit 1998 im Bundestag, sieht keinen Sexismus in der Kritik an Annalena Baerbock. Ein Problem sieht sie dagegen darin, dass mit dem Vorwurf des Sexismus versucht werde, Kritik gegen Baerbock abzuwehren. Gegenüber watson meint Schäfer:

"Die von Ihnen genannten Zitate sind mir nicht bekannt. Die Kritik an Frau Baerbock habe ich nicht als geschlechtsbasiert empfunden, sondern fokussiert auf tatsächlich vorhandene Mängel an ihrem Lebenslauf und ihrem Umgang damit. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen, welche sich auf das Amt des Bundeskanzlers bewerben, wird zu Recht erwartet, dass sie das nötige Rüstzeug mitbringen, um den hohen Anforderungen und Verantwortung gerecht zu werden.

Nach 16 Jahren weiblicher Kanzlerschaft und zwei weiblichen Verteidigungsministern ist Deutschland weit über den Punkt hinaus, dass das Geschlecht ein ernstzunehmendes Kriterium für hohe politische Ämter wäre. Im Gegenteil habe ich die Debatte so wahrgenommen, dass die berechtigte Kritik an Frau Baerbock mit dem Vorwurf des Sexismus abzuwehren versucht wird. Die Umfragezahlen zeigen aber, dass die Bevölkerung sich davon nicht an der Nase herumführen lässt.“

SPD

Barbara Hendricks, ehemalige Bundesumweltministerin: "Bei Männern gibt es das so gut wie nie"

Barbara Hendricks war von 2013 bis 2018 Bundesumweltministerin.
Barbara Hendricks war von 2013 bis 2018 Bundesumweltministerin.
Bild: imago images / Political-Moments

Die SPD-Abgeordnete und ehemalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sieht die Grenze zum Sexismus dort überschritten, wo Kritik an Annalena Baerbock an ihr als Frau anknüpft. Sie meint gegenüber watson:

"Natürlich muss Annalena Baerbock Kritik an ihrer Politik und ihrer Person erwarten und auch ertragen. Aber jede Kritik, die an ihr als Frau anknüpft, ist zugleich sexistisch. Bei Männern gibt es das so gut wie nie."

Wiebke Esdar: "Diese Hassmaschinerie ist beschämend"

Die SPD-Abgeordnete Wiebke Esdar, Mitglied im Finanz- und Bildungsausschuss, erkennt in der Kritik an Baerbock ein klares Sexismusproblem. Sie antwortet auf die Frage von watson, ob die Kritik an Baerbock zumindest teilweise sexistisch sei:

"Ja, absolut. Spitzenpolitikerinnen stehen sicher besonders im Fokus - bei Ihnen werden Angriffe, Diffamierungen und Gewaltandrohungen im Netz öffentlich sichtbar. Sexismus gehört aber für viele Frauen in Deutschland – ob nun im Beruf, in der Freizeit oder auf dem Heimweg durch den Park – zum erschütternd traurigen Alltag. Diese Hassmaschinerie gegen Frauen ist beschämend für unsere Gesellschaft und muss gestoppt werden."

Leni Breymaier: "Öffentliche Bewertung von Frau Baerbock ist nicht in Ordnung"

Die baden-württembergische Sozialdemokratin Leni Breymaier, die Mitglied im Familienausschuss ist – und bekannt als Vertreterin eines Verbots der Prostitution – sieht ebenfalls ein erhebliches Sexismus-Problem im Umgang mit Baerbock. Sie erklärt gegenüber watson:

"Wer in die Küche geht, weiß, dass es da heiß und dampfig sein kann. Das heißt, auch Frauen müssen mehr aushalten, als wenn sie im Gastraum bleiben. Auch wenn ich das berücksichtige, ist die öffentliche Bewertung von Frau Baerbock teilweise nicht in Ordnung. Frau Merkel hat sich durch Auftritt und Stil als Kanzlerin geschlechtlich weitgehend neutralisiert. Das hat ihr sicher geholfen bei ihrer Arbeit. Aber als Modell für andere Frauen wünsche ich mir das nicht. Und darum müssen die Dinge auch klar benannt werden. Und die sexualisierte Kritik an Frauen muss aufhören."

Esther Dilcher: "Erscheint mir berechtigt, die Frage nach der Vereinbarkeit mit der Rolle der Mutter zu stellen"

Esther Dilcher, Mitglied im Haushaltsausschuss, sieht das anders. Sie hält auch die Frage nach der Vereinbarkeit des Amts als Kanzlerin mit der Mutterrolle für gerechtfertigt. Dilcher erklärt gegenüber watson:

"Die Kritik empfinde ich persönlich nicht als sexistisch. Einzig die Frage nach Vereinbarkeit des Amtes der Bundeskanzlerin mit der Rolle als Mutter könnte ich als sexistisch einordnen. In unserer Gesellschaft ist es aber immer noch gelebte Praxis, dass überwiegend Frauen die Kinderbetreuung wahrnehmen. Sei es, dass sie diese selbst übernehmen oder die Betreuung organisieren.

Ich persönlich empfinde es als große Stärke von Frauen, all diese Aufgaben – Beruf, Karriere, Familie, Ehrenamt oder Pflege von Angehörigen oder/und Kindern – erfolgreich zu managen. Richtig ist, dass Männern diese Frage so gut wie nie gestellt wird. Gleichwohl müsste diese Frage keinem gestellt werden, wenn Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowohl für Väter als auch Mütter erleichtert würde durch wesentlich bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Im Fall des Amtes der Bundeskanzlerin erscheint es mir jedoch durchaus berechtigt, die Frage nach der Vereinbarkeit mit der Rolle der Mutter zu stellen. Schließlich ist dieses Amt kein gewöhnlicher 40-Stunden-Job, sondern ein Amt, in dem die meisten Bürgerinnen und Bürger einen Einsatz 24/7 erwarten."

Heike Baehrens: "Gut, dass sich alle demokratischen Parteien gegen Sexismus positionieren"

Die Sozialdemokratin Heike Baehrens, Mitglied im Gesundheitsausschuss, sieht Sexismus gerade seit dem Einzug der AfD in den Bundestag im Jahr 2017 im Aufwind. Sie wünscht sich ein Bündnis der anderen Parteien dagegen. Gegenüber watson erklärt sie:

"Politischer Wettbewerb ist immer hart und führt bisweilen zu Grenzüberschreitungen. Leider hat auch Sexismus in diesem Zusammenhang eine lange Tradition. Das reicht vom anzüglichen Altherrenwitz bis hin zu handgreiflichen Handlungen. Diese Art männlicher Machtdemonstration dürfen wir als Gesellschaft nicht weiter hinnehmen.

Darum ist es gut, dass sich alle demokratischen Parteien lautstark gegen Sexismus positionieren. Mit dem gesunkenen Frauenanteil und dem Einzug der AfD hat sich leider in dieser Legislaturperiode die Atmosphäre im Deutschen Bundestag verändert. Ich würde mir wünschen, dass sich in allen Fraktionen der Frauenanteil mit dieser Wahl wieder erhöht."

Martina Stamm-Fibich: "Aus welchem Grund sollte eine Mutter nicht Kanzlerkandidatin werden?"

Martina Stamm-Fibich, die für die SPD im Gesundheitsausschuss sitzt, ist der Ansicht, dass bei Annalena Baerbock eindeutig andere Maßstäbe verwendet würden als bei ihren männlichen Mitkonkurrenten. Sie meint dazu:

"Einige der Äußerungen, die derzeit an der Eignung Annalena Baerbocks zur Bundeskanzlerin geäußert werden, empfinde ich als sexistisch. Es werden Begriffe verwendet, die bei einem Mann nicht verwendet würden. Und das wäre in Ordnung, denn Mann und Frau sind unterschiedlich und nicht alle Begriffe passen auf beide Geschlechter. Aber bei Annalena Baerbock werden Begriffe verwendet, die abwertend sind.

Ihr werden nicht die gleichen Kompetenzen zugetraut wie einem Mann – weil sie eine Frau ist. Das ist für mich Sexismus. Und aus welchem Grund sollte eine Mutter nicht Kanzlerkandidatin werden, ein Vater aber kann selbstverständlich Kanzlerkandidat werden? Diese Unterschiede machen für mich einen sexistischen Umgang mit Annalena Baerbocks Kanzlerkandidatur aus. Und man muss nicht Kanzlerkandidatin sein, um sexistischen Bemerkungen ausgeliefert zu sein. Ich kann aus meiner Zeit als Abgeordnete etliche Geschichten erzählen, in denen ich als Frau abwertend behandelt wurde."

FDP

Katja Suding, ehemalige FDP-Bundesvorsitzende: "Nach 16 Jahren Merkel sollte das Geschlecht keine Rolle mehr spielen"

Katja Suding war bis zum Frühjahr 2021 stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP. Sie scheidet mit der Bundestagswahl aus dem Parlament aus.
Katja Suding war bis zum Frühjahr 2021 stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP. Sie scheidet mit der Bundestagswahl aus dem Parlament aus.
Bild: www.imago-images.de / Christian Spicker

Katja Suding wünscht sich mit Blick auf die Kritik an Annalena Baerbock einen differenzierten Blick. Sie erklärt gegenüber watson:

"Kritik an der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ist natürlich nicht per se sexistisch, sondern gehört in einer Demokratie schlicht dazu. Kritische Fragen zu ihrem Programm und ihren Haltungen, aber auch zu ihrem frisierten Lebenslauf und den nur scheibchenweise erfolgten Korrekturen von unsauberen Angaben sind bei einer Kandidatur um ein so hohes Staatsamt notwendig und berechtigt.

Wenn ihre Eignung zur Kanzlerin hingegen allein aufgrund ihres Frau- oder Mutterseins infrage gestellt wird, dann ist das nicht nur sexistisch, sondern auch völlig absurd. Nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel sollte das Geschlecht der Spitzenkandidaten bei dieser Bundestagswahl wirklich keine Rolle mehr spielen."

Bettina Stark-Watzinger: "Die Debatte muss sich zu jeder Zeit an Baerbocks Ideen orientieren"

Bettina Stark-Watzinger ist seit dem FDP-Parteitag im Mai Teil des FDP-Präsidiums – und Parlamentarische Geschäftsführerin der liberalen Bundestagsfraktion. Sie wünscht sich, wie Suding, eine klare Unterscheidung zwischen Kritik an Baerbocks Qualifikation und ihren Fehlern – und sexistischen Bewertungen, die Baerbock wegen ihrer Rolle als Mutter abwerten. Zu watson meint Stark-Watzinger:

"Grundsätzlich ist eine Kritik an Frau Baerbocks mangelnder Erfahrenheit im Management von Regierungsverantwortung oder an ihrem Umgang mit fragwürdigen Nennungen in ihrem Lebenslauf nicht sexistisch. Dass eine Kandidatin, die die Kanzlerschaft anstrebt, genau durchleuchtet wird, ist an sich nichts Ungewöhnliches und kann der betreffenden Person in ihren Ambitionen sogar nutzen.

Die letzten Wochen belegen jedoch auch deutlich, wie schnell die öffentliche und veröffentlichte Meinung umschlagen kann. Aber auch die Auseinandersetzung mit und um eine Person muss immer sachlich und fair erfolgen. Wenn beispielsweise Frau Baerbocks Rolle als Mutter genutzt wird, um ihr die nötige Qualifikation als Kanzlerin abzusprechen, dann ist das nicht hinnehmbar. In einem solchen Fall ist die Grenze zum Sexismus klar überschritten. Die Debatte muss sich zu jeder Zeit an Frau Baerbocks politischen Ideen, Überzeugungen und Plänen orientieren und nicht an ihrer Rolle als Frau und Mutter."

Sandra Weeser: "Sorgt dafür, dass sich junge Frauen fragen, ob sie sich das antun sollen"

Sandra Weeser ist stellvertretende Landesvorsitzende der FDP Rheinland-Pfalz. Im Bundestag ist sie Obfrau der Liberalen im Wirtschaftsausschuss. Sie sieht die Kritik an Baerbock in Teilen als sexistisch an – und fürchtet, dass sie abschreckend auf junge Frauen wirkt, die in die Politik streben. Wörtlich meint sie zu watson

"Ja, leider stehen wir beim Thema Gleichberechtigung auch in der Politik an einem anderen Punkt, als ich nach 16 Jahren Bundeskanzlerin geglaubt habe. Das sind despektierliche Äußerungen. Frau Baerbock scheint einigen so viel Angst einzujagen oder gar als junge Frau als Provokation verstanden zu werden, dass sie sich lieber an ihren Äußerlichkeiten oder ihrem Geschlecht abarbeiten als an ihren politischen Positionen. Und da gibt es genug, um sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Für mich ist das indiskutabel. Und es sorgt doch schlimmstenfalls dafür, dass sich junge Frauen, egal aus welcher politischen Richtung sie kommen, insbesondere mit Familie nochmal mehr fragen, warum sie sich das antun sollten. Das führt leider letztlich dazu, dass Frauen in Parteien dann teilweise eher im Hintergrund bleiben, die ganze Organisationsarbeit leisten, aber viel zu wenige weibliche Stimmen und Gesichter nach vorne treten. Daran müssen wir alle arbeiten. Für mich ist das nochmals ein Weckruf."

Linke

Anke Domscheit-Berg, Netzpolitikerin: "Wer so ungleich urteilt, für den gehört offenbar die Frau immer noch an den Herd"

Anke Domscheit-Berg war früher Mitglied der Piratenpartei – und hat sich parteiübergreifend Respekt für ihre Arbeit als Netzpolitikerin erarbeitet. Seit 2017 gehört sie zur Linksfraktion im Bundestag.
Anke Domscheit-Berg war früher Mitglied der Piratenpartei – und hat sich parteiübergreifend Respekt für ihre Arbeit als Netzpolitikerin erarbeitet. Seit 2017 gehört sie zur Linksfraktion im Bundestag.
Bild: imago images / Sebastian Gabsch

Anke Domscheit-Berg sieht in der Kritik an Baerbock klar sexistische Elemente. "Mich regt wirklich auf, wie mit Annalena Baerbock umgegangen wird, es sind altbekannte Muster, die hier erkennbar auftauchen", schreibt sie watson in ihrer Antwort auf die Frage zum Umgang mit der grünen Kanzlerkandidatin – und fährt fort:

"Im Wahlkampf sind auch härtere Auseinandersetzungen üblich, aber sie sollten sich auf einer fachlichen Ebene abspielen. Die Kritik an Annalena Baerbock als Person nimmt groteske Züge an und hat eine sehr deutliche, sexistische Komponente. Frauen, die Anspruch auf eine Führungsposition erheben, wird regelmäßig die Kompetenz abgesprochen. Baerbock hat einen Masterabschluss von einer der renommiertesten Universitäten Englands, und dennoch wird behauptet, sie hätte nicht richtig studiert, das ist an Absurdität kaum zu überbieten. Ich habe auch einen Master in England gemacht, man könnte mir das Gleiche vorwerfen, es ist einfach lächerlich.

Hier haben offenbar viele Männer, die an alten Zeiten kleben, Angst vor der Möglichkeit, es könnte erneut eine Kanzlerin an der Spitze unseres Landes regieren.

Offensichtlich sexistisch ist auch die Beurteilung der Fähigkeit für eine Spitzenposition anhand der Mutterschaft. Merkel warf man immer wieder vor, dass sie keine Kinder hat. Annalena Baerbock wiederum wirft man vor, dass sie Kinder hat. Dass man es als Frau also gar nicht recht machen kann, ist eindeutig Sexismus. Und welchem männlichen Kanzlerkandidaten hat man je vorgeworfen, dass er Kinder hat oder infrage gestellt, dass man mit Kindern Kanzler sein kann?

Wer so ungleich urteilt, für den gehört offenbar die Frau immer noch an den Herd und in das Kinderzimmer und der hat noch nicht begriffen, dass es auch Väter gibt, die sich liebevoll um den Nachwuchs kümmern können und das auch wollen."

Sevim Dagdelen: "Die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen muss sich Kritik stellen wie jeder andere auch"

Sevim Dagdelen, Mitglied des Außenausschusses, sieht eher ein Problem darin, dass Kritik an Baerbock mit dem Sexismus-Vorwurf abgewehrt werde. Gegenüber watson erklärt sie:

"Die Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen muss sich Kritik stellen wie jeder andere Mitbewerber um den Einzug ins Kanzleramt auch. Wer meint, fehlende Erfahrung mit einem frisierten Lebenslauf kompensieren zu müssen, wer rumeiert bei Waffenlieferungen in Kriegsgebiete, wer mit hohem moralischem Rigorismus die Bürger bevormunden und Klimaschutz zulasten der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung betreiben will, um Vermögende zu schonen, sollte sich nicht wundern, wenn Vertrauen verspielt wird und der eigene Stern bei den Wählern rapide sinkt. Dass sich sexistische Beleidigungen verbieten, steht außer Frage. Wer immer aber unbequeme sachliche Kritik mit dem Vorwurf des Sexismus zu delegitimieren versucht, leistet damit Emanzipation und Gleichbehandlung einen Bärendienst."

Gesine Lötzsch: "Angriffe auf Baerbock sind nur Spitze des Eisbergs"

Gesine Lötzsch, die von 2010 bis 2012 Bundesvorsitzende der Linkspartei war und im Bundestag unter anderem dem Vermittlungsausschuss angehört, sieht Angriffe auf Baerbock als Symptom für gesellschaftliche Probleme. Sie meint:

"Die Angriffe auf Annalena Baerbock sind nur die Spitze des Eisbergs. Das hat schon weit vor dem Wahlkampf begonnen. Wir erleben bei CDU/CSU, FDP und AfD eine Sehnsucht nach männlichen Führungskräften. Frauenfeindliche Weltbilder aus den 50er Jahren des vorigen Jahrtausends werden wieder aus der Mottenkiste gekramt.

Wer arbeitet zu schlechten Löhnen in der Pflege, in Krankenhäusern und in den Reinigungsfirmen? In der Regel sind das Frauen. Gewalt gegen Frauen wird verharmlost. Femizide werden in Deutschland nicht anerkannt. Oder nehmen wir Rentnerinnen, die von ihrer Rente nicht leben können, weil sie Kinder großgezogen haben. Frauen müssen heute mehr für ihre Gleichberechtigung kämpfen als vor 16 Jahren. Damals wurde Angela Merkel Kanzlerin."

Doris Achelwilm: "Politikerinnen werden nach anderen Maßstäben als Politiker bewertet"

Die Bremerin Doris Achelwilm ist Sprecherin der Linksfraktion für Gleichstellung – und Mitglied im Familienausschuss. Sie sieht eine klare Ungleichbehandlung Baerbocks im Vergleich zu ihren männlichen Mitbewerbern. Wörtlich meint sie gegenüber watson:

"Politikerinnen werden nach anderen Maßstäben als Politiker bewertet, das zeigt auch der Medienumgang mit der Kandidatur von Annalena Baerbock, die in Teilen sicherlich sexistisch ist. Eine sachliche Auseinandersetzung wird etwa dann beendet, wenn Politikerinnen auf mütterliche Aufgaben oder vermeintlich weibliche Eigenschaften reduziert werden.

Auch wenn die Gestaltung des Lebenslaufs von Baerbock kritisiert werden kann, ist bedenkenswert, dass diese Unstimmigkeiten mitunter vehementer kommentiert werden als die Korruptionsskandale und Maskendeals der Union – vorwiegend Männer. Wenn bei Frauen doppelt so streng hingeschaut wird, während Politiker auch nach nachgewiesener Selbstbereicherung weiter schalten und walten können, ist das auch sexistische Doppelmoral."

Cornelia Möhring: "Kritiker Baerbocks wollen, dass der Politikbetrieb gefälligst so bleibt, wie er ist"

Die Hamburger Linken-Abgeordnete Möhring hält die Kritik an Baerbock ebenfalls als teilweise sexistisch. Sie komme vor allem von Männern, die an ihrer Macht festkleben. Wörtlich meint sie:

"Klar ist es sexistisch, wenn das Geschlecht als Befähigungsmerkmal aufgemacht wird. Worum es leider überhaupt nicht geht: Welche Bedingungen brauchen wir als Gesellschaft, damit Sorgeverantwortung kein Ausschlussgrund für politische Führungspositionen bleibt? Ausnahmen bestätigen die Regel und werden genau deshalb angegriffen. Denn die Kritikerinnen und Kritiker von Annalena Baerbock wollen, dass der Politikbetrieb gefälligst so bleibt wie er ist.

Mit Seilschaften gefestigt und von Mann zu Mann vererbbar, zeitlich völlig entgrenzt und mit einem Verständnis von politischer Macht, das sich vor allem um den einzelnen Politiker bzw. Mann und die Festigung seiner sowie der Macht seiner Klientel dreht. Wenn dann eine Frau sich anmaßt zu sagen, ich kann es anders oder besser, wird sie da angegriffen, wo ihre Stärke und Schwäche zugleich liegt: in der Erfahrung und den Kompetenzen, die die Sorgearbeit mit sich bringt."

Żaklin Nastić: "Ich mag diese chauvinistischen Töne überhaupt nicht"

Żaklin Nastić, Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte, sieht bei der Kritik an Baerbock unterschiedliche Standards im Vergleich zu ihren Mitbewerbern. Gleichzeitig kritisiert sie bei der grünen Kanzlerkandidatin "falsche Angebereien". Wörtlich meint sie zu watson:

"Es ist zumindest auffällig, dass der geschönte Lebenslauf von Armin Laschet und sein von günstigen Beziehungen geförderter Aufstieg kaum Empörung auslösen, bei der Frau und Mutter aber direkt die Eignung infrage gestellt wird. Ich mag diese chauvinistischen Töne überhaupt nicht und bekämpfe Frauenfeindlichkeit besonders gegen ärmere Frauen.

Aber eines muss klar sein – egal ob Frau oder Mann: Wer sich für das höchste Amt in diesem Land bewirbt, der muss auf Lügen und falsche Angebereien verzichten! Wenn eine Verkäuferin einen Pfandflaschenbon falsch abrechnet, ist sie ihren Job los. Wer beim Jobcenter nicht cent-genaue Angaben macht, wird sanktioniert. Wer bei der Grundsicherung nicht alle Details offen legt, bekommt nichts. Wer dies alles vom höchsten Staatsamt aus kontrollieren will, von der darf auch erwartet werden, dass sie selbst keine Sonderrolle einzunehmen versucht!"

Nicole Gohlke: "Kritik an Baerbock hatte immer wieder sexistische Züge"

Die bayerische Abgeordnete Nicole Gohle ist Mitglied im Bildungsausschuss. Sie erkennt ein Sexismus-Problem in der Kritik an Baerbock. Wörtlich meint sie zu watson:

"Die Kritik an Annalena Baerbock hatte immer wieder sexistische Züge. Das zeigt sich an Verniedlichungen oder Versuchen, sie immer wieder als ernsthafte Politikerin zu demontieren. Ihre Eignung als Kanzlerin von ihrer Mutterrolle abhängig zu machen, halte ich für grundfalsch.

Viel wichtiger ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Programm der Grünen. Mir fehlt ein klares Bekenntnis von Baerbock zu Umverteilung, bezahlbaren Mieten und einem Klimaschutz, der die Beschäftigten nicht abhängt, sondern der sozial ausgestaltet ist. Statt über das Aussehen von Frau Baerbock zu fabulieren, werden wir die Grünen inhaltlich stellen."

Kerstin Kassner: "Ton und Wortwahl ist sehr herablassend"

Kerstin Kassner ist Obfrau der Linksfraktion im Petitions- und Tourismusausschuss. Sie sieht klar sexistische Züge in der Kritik an Baerbock – und wünscht sich mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit ihren Positionen. Sie erklärt:

"Die Kritik – insbesondere aus konservativen Medien – an Annalena Baerbock empfinde ich in Teilen als sexistisch. Ihre Eignung als Kanzlerin infrage zu stellen aufgrund ihrer Eigenschaft als Mutter passt nicht einmal in die neunziger Jahre und ist ganz offensichtlich eine Vorgehensweise, die niemals bei einem Mann angewendet würde. Auch die Kritik um ihren Lebenslauf ist völlig überzogen. Darüber hinaus ist der Ton und die Wortwahl der Kritik – gerade bei den Springer-Medien – sehr herablassend und despektierlich; und das in einem Ausmaß, das bei männlichen Kandidaten so nicht bekannt ist.

Kritik an Annalena Baerbock und dem Wahlprogramm ihrer Partei, das sie als Spitzenkandidatin vertritt, sollte klar inhaltlich fundiert sein und sich nicht auf sie als Person beziehen."

Caren Lay: "Mit keinem Mann würde man so umgehen"

Caren Lay ist Obfrau der Linken im Bauausschuss. Auch sie sieht ein Sexismus-Problem, das sich in der Kritik an Baerbock zeige. Lay meint gegenüber watson:

"Es gibt genügend Gründe Annalena Baerbock in der Sache zu kritisieren. Etwa beim mangelnden sozialen Ausgleich im Klimaschutz oder bei ihrem klaren Nein zu einem bundesweiten Mietendeckel. Es ist jedoch völlig unter der Gürtellinie, sie stattdessen mit sexistischen Untertönen zu belegen oder die Unvereinbarkeit von Kanzlerschaft und Mutterschaft zu behaupten. Mit keinem Mann würde man so umgehen."

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