Wiebke Winter ist seit Januar Mitglied des CDU-Bundesvorstands – und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Klimaschutzvereins "Klima-Union" innerhalb der Partei.
Wiebke Winter ist seit Januar Mitglied des CDU-Bundesvorstands – und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Klimaschutzvereins "Klima-Union" innerhalb der Partei.
bild: Karlis Behrens
Interview

"Wir wollen Klima-Wohlstand schaffen": Wiebke Winter über das Programm der "Klimaunion"

Die Bremer CDU-Bundestagskandidatin hat einen klimapolitischen Verein in der Union gegründet – um das 1,5-Grad-Ziel in Partei- und Wahlprogramm zu verankern. Watson hat sie gefragt, warum das aus ihrer Sicht überhaupt nötig ist. Und was konservativen von grünem Klimaschutz unterscheidet.
13.04.2021, 17:5302.09.2021, 12:42

Der Klimaschutz bleibt eines der wichtigsten Themen für die Bevölkerung in Deutschland. Seit zwei Jahren bescheinigt das "Politbarometer", die Umfrage zur politischen Stimmung in Deutschland der Forschungsgruppe Wahlen, das. Auch die Corona-Krise hat daran grundsätzlich nichts geändert. Alle größeren Parteien außer der AfD haben sich mittlerweile zum Klimaschutz bekannt, auch CDU und CSU.

Einer Gruppe von CDU-Politikern ist das noch nicht genug: Sie haben die "Klimaunion" gegründet. Der Verein setzt sich dafür ein, dass das 1,5-Grad-Ziel ins Parteiprogramm kommt: das Ziel also, die globale Erhitzung auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen.

Eine der Gründerinnen der "Klimaunion" ist Wiebke Winter, Vorsitzende der Jungen Union in Bremen, Direktkandidatin für den Bundestag – und seit Januar Mitglied im Bundesvorstand der CDU.

Watson hat mit ihr darüber gesprochen, was der Verein erreichen will – und was passieren müsste, damit er sich auflöst. Und sie gefragt, welche Botschaft die Union für Fridays for Future hat.

"Ein halbes Grad mehr oder weniger macht einfach einen riesigen Unterschied."

Watson: Die Spitzen von CDU und CSU machen seit Monaten vollmundige Versprechungen zum Klimaschutz. Warum ist eine Klimaschutzunion aus deiner Sicht trotzdem notwendig?

Wiebke Winter: Der Plan der Bundesregierung sieht momentan vor, dass wir bis 2050 klimaneutral werden. Damit können wir aber das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichen. Ich glaube aber, dass es ganz wichtig ist, ob sich die Erde um 1,5 oder um 2 Grad erwärmt.

Woran machst du den Unterschied fest?

Die Schäden wachsen exponentiell durch das halbe Grad Unterschied. Bisher mussten wir in meiner Heimat, in Bremen und Bremerhaven, alle fünfhundert Jahre mit einer Sturmflut rechnen. Bei 1,5 Grad Erwärmung müssen wir das alle hundert Jahre. Bei 2 Grad alle 33 Jahre. Außerdem werden unumkehrbare Phänomene wie das Auftauen der Permafrostböden in Sibirien verstärkt, die den Klimawandel weiter anfachen. Ein halbes Grad mehr oder weniger macht einfach einen riesigen Unterschied.

Wann wäre der Punkt erreicht, an dem die Klima-Union sagt: "Uns braucht es gar nicht mehr, wir haben unser Ziel erreicht"?

In unserer Satzung steht, dass wir uns auflösen, wenn das 1,5-Grad-Ziel und die Klimaneutralität bis 2040 glaubhaft im CDU-Wahlprogramm und dann hoffentlich auch im Regierungsprogramm verankert sind.

Innerhalb der CDU ist schon kurz nach eurer Gründung Kritik laut geworden. Der Tenor: Solche Untergruppen würden die Union spalten. Der ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte, hat die Klima-Union kritisiert und sie in einem Tweet zusammen mit der rechtskonservativen Werteunion genannt. Was sagst du dazu?

Erstmal distanziere ich mich aufs Schärfste vom Vergleich mit der Werteunion. Inhaltlich gibt es da gar nichts zu vergleichen. Unser Ziel ist nicht, eine Vereinigung zu gründen. Uns geht es um die Inhalte, darum, dass 1,5-Grad-Ziel im Wahlprogramm und im Parteiprogramm zu verankern. Wir möchten das gerne innerhalb der CDU tun, deswegen wollen wir sehr eng an der Partei sein.

"Wichtig ist, dass wir das Ziel erreichen: Die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen und in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren klimaneutral werden."

Nervt dich die Kritik oder findest du sie konstruktiv?

Mir geht es um die Inhalte, die sollten im Vordergrund stehen.

Und wie bewertest du die Kritik inhaltlich?

Grundsätzlich verstehe ich schon, dass wir nicht für jedes Thema einen einzelnen Verein gründen können. Es gibt aber bestimmte Themen, die so wichtig und essenziell sind, dass sie das rechtfertigen. Und der Klimaschutz ist aus meiner Sicht so ein Thema.

Es wurde auch Kritik von außerhalb laut. Es heißt, die Klima-Union kopiere jetzt nur, was Grüne, SPD und Linke schon seit Langem fordern.

Mir geht es nicht darum, was die Grünen machen. Mir geht es darum, was die CDU macht. Wichtig ist, dass wir das Ziel erreichen: Die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen und in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren klimaneutral werden. Gerade den wirtschafts- und industriepolitischen Ansatz, den die Grünen nicht verfolgen, wollen wir stützen. Aber, weil wir gerade so viel über Kritik reden: Ich habe so viele Mails von Leuten bekommen, die mich fragen, wie sie Mitglied werden können.

Kannst du das beziffern?

Es ist auf jeden Fall eine dreistellige Zahl.

Wie optimistisch bist du, dass eure Position in CDU und CSU mehrheitsfähig wird?

Die meisten Mitglieder in beiden Parteien wissen ja schon, wie wichtig es ist, klimaneutral zu werden, das ist ein No-Brainer. Die Frage ist nur, wie schnell und auf welchem Weg. Ich glaube, wir müssen viele Leute informieren und ihnen Ängste nehmen. Es geht uns ja nicht darum, dass jetzt jeder Veganer werden muss oder nicht mehr in den Urlaub fliegen darf.

Worum geht es dann?

Es geht uns um eine wirtschaftspolitische Offensive. Wir müssen massiv erneuerbare Energien ausbauen. Das kann wahnsinnig viele Jobs schaffen. Und da können wir Vorreiter werden in Deutschland.

Trotzdem ist der Wandel zur Klimaneutralität eine Zumutung für viele, weil er viele Änderungen mit sich bringt. Glaubst du, einen so schnellen Wandel kann man Deutschland zumuten?

Ich glaube, dass wir einander sehr viel zutrauen können. Ich glaube, dass wir eine starke Nation sind und dass es weltweit sehr viele starke Menschen gibt. Ja, das ist eine Transformation. Aber wir wollen es den Menschen ja auch leicht machen. Wir sagen eben nicht: Du darfst kein Auto mehr fahren.

Sondern?

Unser Motto ist: Nimm deinen Sprit vom Deich, also aus regenerativer Energie, nicht das Öl vom Scheich. Ob die Leute ihr Auto mit Wasserstoff, Strom oder Benzin betanken, macht für sie doch keinen großen Unterschied. Richtig schlimm wird es nur, wenn wir nichts tun: Dann läuft Deutschland Gefahr, in ein paar Jahren ein riesiges Schwimmbad zu sein, davon wird auch keiner glücklich.

Besonders stark gepusht hat den Klimaschutz in den vergangenen Jahren Fridays for Future (FFF). Das Institut für Protestforschung hat 2019 die Parteipräferenz von FFF-Demonstranten untersucht: Nur 1,5 Prozent sympathisierten mit der Union. Welches Angebot macht die Klima-Union den hunderttausenden jungen Menschen, die bei Fridays for Future mitmarschieren?

Ich mache ihnen das Angebot, dass wir uns stark für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels einsetzen. Wir machen das aber ohne Kapitalismuskritik. Sondern, indem wir die Unternehmen und die Industrie mitnehmen. Wir wollen Klima-Wohlstand schaffen. Ich glaube auch, dass sich viele nach einer Klima-Union sehnen, weil ihnen Fridays for Future zu links geworden ist. Weil die Bewegung auch Themen miteinander verbindet, die mit dem Klimawandel gar nichts zu tun haben.

Ihr habt also eine politische Marktlücke entdeckt?

Darüber denke ich nicht nach. Wir haben auf jeden Fall gemerkt, wir brauchen eine politische Kraft für Klimaschutz in der Mitte, ohne Kapitalismuskritik, die ich im Übrigen auch nicht nachvollziehen kann.

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