Die unübersehbare Kampagne für Wahltraut stammt von der Hamburger Kreativagentur +KNAUSS.
Die unübersehbare Kampagne für Wahltraut stammt von der Hamburger Kreativagentur +KNAUSS.
bild: hella wittenberg
Interview

"Wie schwul ist die CDU?" - Gründerinnen der "feministischen Wahlomatin" Wahltraut im Interview

29.08.2021, 09:27

Nicht mehr lange bis zur Bundestagswahl und sie wird wohl die wichtigste im bisher noch jungen Jahrtausend. Nicht nur wird die kommende Regierung die Maßnahmen gegen den Klimawandel zentral beeinflussen. Der 26. September wird auch entscheiden, wie maßgeblich die Gleichberechtigung von Frauen und der LGBTQIA+-Community vorangetrieben wird. Welche Parteien entsprechende Gesetze umsetzen wollen, weiß Wahltraut. Die digitale Wahlberaterin funktioniert wie der Wahl-O-Mat, setzt den Fokus allerdings auf feministische und gleichstellungspolitische Themen.

Watson hat im Interview mit den beiden Gründerinnen über Idee, Umsetzung und Ziele von Wahltraut gesprochen.

Frauen wollen keine Blumen

"Beim klassischen Wahl-O-Mat sind gleichstellungspolitische Fragen nur unzureichend vertreten. Feministische Schwerpunkte in den Wahlprogrammen zu finden, erfordert viel Zeit und Geduld", sagt Co-Initiatorin Sally Lisa Starken. Im Frühjahr 2020 startete sie gemeinsam mit Cordelia Röders-Arnold die Kampagne #stattblumen, die die strukturellen Benachteiligungen von Frauen während der Corona-Pandemie kritisierte. Der Appell an die Bundesregierung sammelte über 10.000 Unterschriften und die Reaktionen waren überwältigend positiv. "Zwei Ministerien sind mit uns in Kontakt getreten. Wir haben mit Hubertus Heil und Franziska Giffey spannende Diskussionen über Gleichstellungsthemen geführt", bestätigt Cordelia.

Die Wahltraut-Gründerinnen Sally Lisa Starken (links) und Cordelia Röders-Arnold.
Die Wahltraut-Gründerinnen Sally Lisa Starken (links) und Cordelia Röders-Arnold.
hella wittenberg

"Das war gut und wichtig, aber ein Gespräch reicht nicht, um Politik an so vielen Stellen zu verändern. Dafür gibt es Wahlen. Also haben wir gesagt: Warte Mal, nächstes Jahr wird doch das Team zusammengestellt, das den Auftrag bekommt, sich endlich um diese Themen zu kümmern", erzählt sie weiter. "Eigentlich müssten wir doch im nächsten Schritt checken, wer ist denn wirklich bereit, sich für diese Themen nachhaltig einzusetzen? Und daraus entstand dann die Idee, eine feministische Wahlomatin zu bauen."

Vom Konzept zum Internet-Tool

Wahltraut deckt 12 Themenbereiche mit insgesamt 32 Fragen ab. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, die Abschaffung der Abtreibungsparagrafen im Strafgesetzbuch, Außenpolitik, die Frauen berücksichtigt, aber auch Fragen rund um Anti-Rassismus und Inklusion sind dabei. Nutzerinnen und Nutzer können jeweils ihre Positionen zu den einzelnen Thesen eingeben und vergleichen, inwieweit diese mit den Parteien übereinstimmen. "Wir haben die letzten zehn Monate daran gearbeitet. Erst im kleinen Team mit unserer PR-Managerin Carina, die auch schon bei der ersten Aktion dabei war. Dann haben wir Agenturen gefunden, die uns das Ganze technisch umgesetzt haben. Sehr schnell wurde es dann sehr groß und es sind immer mehr Menschen pro bono eingestiegen", erinnert sich Cordelia.

"In den Rückmeldungen, die wir gerade bekommen, sind Frauen aller Altersgruppen vertreten. Wahltraut wird in vielen Whatsapp-Gruppen von Familien, Vereinen und anderen Communities geteilt"
Sally Lisa Starken

Die Antworten von Wahltraut basieren auf den eigenen Aussagen der großen Parteien, die für den Bundestag kandidieren. Die knapp 60 Thesen stammen von den Initiatorinnen in Zusammenarbeit mit einem unabhängigen Gremium, das unter anderem UN Women Germany, Doctors for Choice und Aktivistinnen und Aktivisten inkludierte. Die Parteien haben daraufhin ihre Zustimmung, Ablehnung oder Neutralität zurückgemeldet und wie sie die genannten Forderungen erreichen wollen.

Cordelias Resümee: "Wir haben auf dem Weg ganz viele Sachen gemerkt, die wir vorher gar nicht auf dem Schirm hatten. Ich glaube, wir hatten ganz am Anfang nicht gedacht, dass wir die Wahlprüfsteine durch ein Gremium aufstellen lassen. Dass wir uns die nicht selbst erarbeiten, sondern in Zusammenarbeit mit Expert*innen. Das war natürlich eine Wahnsinns-Arbeit von mehreren Monaten." Die hat sich dann auch ordentlich gelohnt: Innerhalb der ersten beiden Tage nach der Veröffentlichung haben über 60.000 Menschen das feministische Online-Tool benutzt.

Auf dem Instagram-Kanal gibt's noch mehr Infos zu den Wahlprogrammen der Parteien.

Für wen Wahltraut interessant ist

Die Zielgruppe des Mega-Projekts war von Anfang an breit gesteckt. "Wir wollen auch Leute außerhalb unserer Bubble erreichen und wirklich in der Masse dieses Thema platzieren. Dass wir jetzt miteinander sprechen und dass wir in ganz vielen kleinen Tageszeitungen und Lokalpresse erschienen sind, das zeigt einfach, dass das Thema rausgekommen ist aus unserem persönlichen Umfeld. Das freut uns ganz besonders", betont Cordelia. Seit Tagen läuft das E-Mail-Postfach der beiden heiß. "In den Rückmeldungen, die wir gerade bekommen, sind Frauen aller Altersgruppen vertreten. Wahltraut wird in vielen Whatsapp-Gruppen von Familien, Vereinen und anderen Communities geteilt", freut sich Sally,

Um möglichst viele Menschen anzusprechen, auch diejenigen, die mit den Themen noch nicht intensiv vertraut sind, gibt es ein Gender-Glossar auf der Webseite. "Wir haben natürlich überlegt, wie einfach können wir die Fragen formulieren, dass niemand direkt bei Punkt Zwei aussteigt. Deswegen gibt es die Hilfeseite, auf der Parität, Ehegattensplitting und so weiter erklärt werden", führt sie weiter aus.

Wer bei Wahltraut vertreten ist

In der aktuellen Version von Wahltraut kann man die Einordnungen der fünf Parteien finden, die auch im Bundestag vertreten sind. CDU, SPD, Die Grünen, Freie Demokraten und Die Linke haben ihre Haltung zu den Wahlprüfsteinen übermittelt, die Anfrage an die AfD blieb unbeantwortet. Für Sally wenig überraschend: "Uns war fast klar, dass wir von der AfD keine Antwort bekommen. Als demokratisch legitimierte Partei im Bundestag haben wir sie natürlich trotzdem kontaktiert. Ich hab ins Wahlprogramm geschaut, aber selbst reininterpretieren wollten wir nicht. Das wäre Meinungsmache von uns gewesen."

"Nach der Wahl hören wir natürlich nicht auf, aber wir machen sehr wahrscheinlich erstmal eine Woche Urlaub."
Cordelia Röders-Arnold

Vollzeitjob und Ehrenamt

Seit über einem Jahr arbeiten die beiden Initiatorinnen nach Feierabend und an Wochenenden für Wahltraut, das nur durch ehrenamtliche Tätigkeit umgesetzt wurde. Cordelia ist “Head of Menstruation” bei einhorn, einem Berliner Start-Up für nachhaltige Kondome und Tampons, Sally Podcasterin bei dem Spotify-Format "Allgemein gebildet". Mittlerweile koordinieren sie ein Team aus acht Personen sowie die Kommunikation mit Presse, Agenturen und Nutzerinnen und Nutzern.

Wie sie weiterhin motiviert bei der Sache bleiben, verrät Cordelia: "Ich ziehe immer noch Energie aus der Aufbruchstimmung, die während der Corona-Pandemie entstanden ist. Mein intensivster Moment war, als wir mit 14 Frauen diese Forderungen konzipiert haben und so viel Input kam. Da hab ich echt Gänsehaut bekommen. Zu sehen, wie viel Kraft da ist, eine Veränderung zu bewegen. So viele starke Frauen, die zusammen das erkämpfen möchten, was ihnen bisher verwehrt wurde und was uns jeden Tag wieder vor Augen geführt wird."

Wie es weitergeht

Bis zum 26. September werden die zwei Feministinnen wohl kaum zur Ruhe kommen können. "Im Team-Meeting vorhin haben wir alle gesagt, wie k.o. wir eigentlich sind", lacht Cordelia. "Nach der Wahl hören wir natürlich nicht auf, aber wir machen sehr wahrscheinlich erstmal eine Woche Urlaub." Die Ziele werden sie auf jeden Fall weiterverfolgen und die regierenden Parteien an ihre Versprechen erinnern, sollten sie diese nicht weiterverfolgen. "Wir haben noch eine Menge Energie", stimmt Sally zu. "Das war es noch lange nicht."

Merz zu Lanz: "Möchte mich nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk belehren lassen"

Er zog am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" besonders viel Aufmerksamkeit auf sich: CDU-Politiker Friedrich Merz. Es ging um die Bundestagswahl, um Hans-Georg Maaßen und ums Gendern. Neben Merz waren jedoch noch drei weitere Gäste in der Show: Journalistin Nicole Diekmann, Ökonomin Claudia Kemfert und Intensivkrankenpfleger Ricardo Lange.

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