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Interview

Politik auf Tiktok: Linken-Politikerin Reichinnek fordert Partei zum Handeln auf

Heidi Reichinnek ist Vorsitzende der Gruppe der Linken im Bundestag
Im Bundestag macht sich Heidi Reichinnek (Linke) besonders für Frauen, Kinder und Jugendliche stark.Bild: Die Linke / Felix S. Schulz
Interview

"Wir sind nicht naiv: Wir brauchen Unterstützung, sonst sind wir weg"

Heidi Reichinnek ist Vorsitzende der Gruppe der Linken im Bundestag – und eine Tiktok-Berühmtheit mit knapp 148.000 Fans. Im Interview spricht sie über die Rolle der Plattform in der Politik, problematische Trends und ihre Partei.
13.04.2024, 12:05
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watson: Welcher Tiktok-Tanz ist Ihr liebster, Frau Reichinnek?

Heidi Reichinnek: Da ich mich daran nicht beteilige, kenne ich diese Tänze nicht.

Verfolgen Sie Tiktok als Privatperson gar nicht?

Ich bin zum Glück auf der Seite des Algorithmus, auf der nicht getanzt wird.

Was braucht ein politisches Video, um auf der Plattform zu funktionieren?

Meine Inhalte müssen faktenbasiert sein, aber eben nicht so rübergebracht werden, dass Menschen nach zehn Sekunden schon keinen Bock mehr haben. Politik ist oft unnötig langweilig und kompliziert.

Heidi Reichinnek hat auf Tiktok knapp 148.000 Follower:innen
Auf Tiktok präsentiert Reichinnek auf flapsig-humorige Art, was aktuell politisch abgeht.Bild: Die Linke / Felix S. Schulz

Mittlerweile folgen Ihnen knapp 148.000 Menschen. Warum sind Tiktok-Accounts für Politiker:innen wichtig?

Tiktok ist die am stärksten wachsende Plattform, dort erreiche ich junge Menschen. Am Anfang hat es mich Überwindung gekostet, ich hatte Angst, zu alt zu sein. Deshalb haben wir genau darauf geachtet, was wir dort transportieren. Ich will auch zeigen, dass wir Politiker:innen – zumindest die meisten – normale Menschen sind. Und ich kann dort in den Dialog treten: antworten, diskutieren, Ideen und Konzepte präsentieren

Haben Sie Sorge, sich zu flapsig zu präsentieren?

Wir machen uns durchaus Gedanken, was wir wie zeigen. Tiktok ist eine Plattform, die man ernst nehmen sollte. Ich vertrete hier Menschen im Bundestag, da kann ich mich nicht zum Affen machen.

In den Kommentaren bekommen Sie viele positive Rückmeldungen. Wie gehen Sie damit um, wenn doch Hass kommt?

Ich muss ganz klar sagen: Ich habe eine tolle Community! Da kommt nicht nur positives Feedback, sondern auch viele Fragen und Ideen – und sie verteidigen mich, wenn doch mal Hass kommt. Das ist meine Motivation. Manchmal, wenn man hier im Berliner Hamsterrad ist und als Gruppe in der Opposition keinerlei Gesetze einfach so ändern kann, fragt man sich, wofür man das alles tut: Ich mache es für diese jungen Leute, die sich freuen, dass ich ausspreche, was sie belastet.

Und Hass macht Ihnen nichts?

Natürlich gibt es Tage, an denen mich das mehr trifft. Das ist es aber wert, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich über meinen Content freuen. Für konstruktive, auch harte Kritik allerdings bin ich immer offen.

Kanzler Olaf Scholz (SPD) ist auf Tiktok und hat angekündigt, dass auch die Bundesregierung bald einen Kanal haben soll. Halten Sie das für sinnvoll?

Es ist gut, wenn Regierung und Minister:innen dort sind – ob ich die Videos und Inhalte gut finde, tut erstmal nichts zur Sache. Die Politik muss auf einer Plattform mit 23 Millionen deutschen Accounts ansprechbar sein. Es darf aber nicht darum gehen, sich super toll darzustellen – es müssen kurz und prägnant Inhalte vermittelt werden.

Werben Sie dafür auch in Ihrer Partei?

Wir brauchen in jedem Abgeordnetenbüro eine Person, die sich nur mit Öffentlichkeitsarbeit und den sozialen Medien beschäftigt. Das haben bei Weitem nicht alle, aber es werden immer mehr.

Sie haben verschiedene Formate, in denen Sie entweder AfD-Politiker:innen und deren Politik entlarven wollen, oder auf Unstimmigkeiten zwischen Aussagen und Handeln der Ampel hinweisen: Was versprechen Sie sich von dieser Form des Debunking?

Unsere Aufgabe als Opposition ist es, die Regierung zu kontrollieren, klar zu sagen, wenn etwas schiefläuft und eigene Ideen einzubringen. Auf Tiktok kann ich diese Oppositionsaufgaben ebenfalls in Teilen wahrnehmen. Beim Umgang mit der AfD liegt das Problem aber woanders.

Nämlich?

Die AfD ist stark und provokant – und erzählt nur Mist. Das will ich deutlich machen, schließlich gibt es Menschen, die sich von diesem Quatsch in eine Radikalisierungs-Spirale ziehen lassen. Bevor das passiert, müssen Politiker:innen rechtzeitig ansetzen und zeigen, dass das alles nicht stimmt. Die AfD ist keine Partei, die für Menschen da ist und ihnen hilft – sie ist das Gegenteil. Videos, in denen wir die AfD demaskieren, werden oft geliked und geteilt – und damit verbreiten sie sich weiter, das kann einen Unterschied machen.

Vor Ihrer Zeit im Bundestag haben Sie in der Sozialarbeit gearbeitet. Wie wirken sich diese Erfahrungen auf Ihre Social-Media-Strategie aus?

Ich rede mit den Menschen auf Augenhöhe. Egal, wer mit welchem Anliegen kommt: Ich habe erst einmal Respekt. Das sollte uns Menschen grundsätzlich verbinden, aber ich weiß, es gibt viele, die das anders handhaben. Es stimmt aber einfach nicht, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Es sind auch immer die äußeren Umstände, die einen Einfluss darauf haben – und die dich aus der Bahn werfen können. Ich und meine Partei möchten für diese Menschen da sein. Für billigen Populismus bin ich nicht anfällig.

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Apropos Mantras wie "Jeder ist seines Glückes Schmied", auf Social-Media wird Manifestation gehypt. Was halten Sie davon?

Nichts! Natürlich ist es eine wunderbare Erzählung, die man den Menschen eintrichtert, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, sich gemeinsam für ihre Rechte einzusetzen. Wenn jede:r für seine Probleme verantwortlich ist, müssen nicht die Strukturen geändert werden. Dabei wäre es doch viel sinnvoller, wenn Menschen einander unter die Arme greifen, statt aufeinander herabzublicken und zu sagen: "Selbst schuld."

Sie nutzen in Ihren Tiktoks häufig Ausschnitte von Ihren Reden. Beeinflusst Social Media, wie Sie im Bundestag sprechen?

Am authentischsten bin ich, wenn ich meine Reden selbst schreibe. Ich und mein Team überlegen uns, welche Takes man in die Rede einbringen kann, die im Plenum und darüber hinaus funktionieren.

Sind Sie lustig?

Ich bin sehr ironisch, das hilft in der Politik ungemein. Man darf sich hier nicht zu ernst nehmen.

Sie sind Vorsitzende der Gruppe der Linken im Bundestag. Wie wollen Sie dafür sorgen, dass Ihre Partei bei der Wahl 2025 wieder in Fraktionsstärke einziehen kann?

Das ist ein Gruppenprojekt. Wir haben die besten Konzepte, aber das müssen die Leute mitbekommen. Deswegen müssen wir massiv in die Öffentlichkeit gehen – und ich sage es ungern, aber die Faschos machen genau das richtig gut.

Sie meinen die AfD.

Die geben unglaublich viele Mittel in die Öffentlichkeitsarbeit. Ich bin froh, dass wir Mittel in die inhaltliche Arbeit stecken, aber wir müssen auch die Öffentlichkeit mehr in den Fokus nehmen. Niemand liest unsere 30-Seiten-Positionspapiere. Wir müssen zudem weiterhin vor Ort präsent sein. Die Linke war immer die Kümmererpartei, wir haben über 130 Anlaufstellen von "Linke hilft", wir haben Sozialsprechstunden. Wir versuchen, Lösungen zu finden, ihnen klarzumachen, dass die Notlage nicht ihre Schuld, sondern ein Systemfehler ist.

Hilft das gegen die AfD?

Ja, die Faschos werden immer behaupten, dass sie für die kleinen Leute da sind, das stimmt aber nicht. Deren Parteiprogramm hat nichts Soziales an sich und daran werden sie irgendwann scheitern. Wir kümmern uns um die Menschen und das wird sich auszahlen.

Ist die Linke geschlossen genug für so ein Gruppenprojekt?

Als Vorsitzende der Gruppe im Bundestag versuchen Sören Pellmann und ich den engen Draht zu unseren Parteivorsitzenden zu verstärken. Wir bleiben auch mit unseren Landesverbänden und der Linksjugend im engen Austausch. Natürlich können solche Gespräche auch nerven, aber am Ende zahlt es sich aus, alle mitzunehmen. Klar ist aber: Es ist gut möglich, dass wir bei der nächsten Wahl rausfliegen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich sage Menschen oder Verbänden, die auf mich zukommen und fragen, ob ich mich zu diesem oder jenem Problem im Plenum mehr einbringen kann, dass ich das nur noch etwas länger als ein Jahr machen kann. Dass ich nicht mehr hier bin, wenn sie mich und meine Partei nicht wählen. Das klingt rabiat, aber es ist Fakt – und den muss man selbstbewusst nach vorne tragen. Wir sind nicht naiv: Wir brauchen Unterstützung, sonst sind wir weg.

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