Franziska Giffey im Januar 2021 bei einem Statement im Familienministerium.
Franziska Giffey im Januar 2021 bei einem Statement im Familienministerium.
Bild: www.imago-images.de / Political-Moments
Interview

"Würde mich freuen, wenn heute genauer hingeschaut würde": Plagiatsjäger zur Affäre Giffey

20.05.2021, 12:5020.05.2021, 16:19

Diesmal also Franziska Giffey. Die SPD-Politikerin wird am Donnerstag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus dem Amt als Familienministerin entlassen – auf Giffeys eigenen Wunsch. Sie begründet ihn mit der Affäre um ihre Doktorarbeit, bei der sie unsauber gearbeitet haben soll.

Giffey hat einen Hochschulabschluss als Diplom-Verwaltungswirtin. Zwischen 2005 und 2010 promovierte sie berufsbegleitend in Politikwissenschaften, am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität (FU) Berlin – einem der prestigereichsten Institute für Politologie in Deutschland. "Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft", so lautete der Titel ihrer Doktorarbeit.

Im Februar 2019 wurde bekannt, dass die FU ihre Arbeit wegen eines Plagiatsverdachts überprüft. Im Mai 2019 veröffentlichte die Plattform "VroniPlag", deren Mitglieder seit 2011 wissenschaftliche Arbeiten auf Plagiate überprüfen, ihr Ergebnis zu Giffeys Arbeit: Demzufolge gab es auf mehr als einem Drittel der Seiten der Arbeit problematische Textstellen – fehlerhafte Quellenangaben, bewusst falsche Zitierungen.

Ende Oktober 2019 gab die FU bekannt, Giffey werde der Doktortitel nicht entzogen, sondern eine Rüge erteilt – eine Sanktion, die gesetzlich eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Nach lauter Kritik beschäftigte sich ab Januar 2021 ein neues Prüfungsgremium der FU erneut mit Giffeys Arbeit. Im Mai sickerte durch, dass Giffey ihr Titel wohl entzogen würde.

Was war so problematisch an Giffeys Arbeit? Warum ist es wichtig, wissenschaftliches Fehlverhalten zu bestrafen? Und hat sich für Studierende durch die Plagiatsskandale der vergangenen Jahre etwas geändert? watson hat Gerhard Dannemann gefragt, Professor für Rechtswissenschaften und Mitarbeiter von "VroniPlag".

watson: Herr Dannemann, was haben Sie gedacht, als Sie vom Rücktritt Franziska Giffeys erfahren haben?

Gerhard Dannemann: Der Rücktritt kam für mich schneller als erwartet, weil die Freie Universität Berlin ihre Entscheidung noch nicht bekannt gegeben hat.

Halten Sie es für den richtigen Schritt?

Als Rechtswissenschaftler bin ich nicht besonders kompetent, diese Frage zu beantworten. Frau Giffey hat angekündigt, dass sie vom Ministeramt zurücktreten wird, wenn ihr der Doktorgrad entzogen wird, und da erscheint es mir konsequent, wenn sie diese Zusage einlöst.

"Da werden immer wieder Quellen angeführt, die gar nicht das aussagen, was Frau Giffey mit ihnen belegen will."

Warum waren die Mängel in Franziska Giffeys Arbeit gravierend?

Es gibt drei grundsätzliche Regeln zum Umgang mit Quellen. Erstens: Man muss alle Quellen, die man verwendet hat, in dem Kontext erwähnen, in dem man sie verwendet.
Zweitens: Man muss alle wörtliche Übernahmen als Zitate kennzeichnen. Drittens: Man muss alle Belege, die man anführt, selbst überprüfen oder zumindest klarstellen, wo man das nicht getan hat ("zitiert nach").

VroniPlag Wiki hat 119 Stellen in der Dissertation von Frau Giffey dokumentiert, an denen sie gegen eine oder mehrere dieser Regeln verstoßen hat. Besonders gravierend und für die Wissenschaft gefährlich scheint mir dabei die hohe Anzahl von Blind- und Fehlzitaten. Da werden immer wieder Quellen angeführt, die gar nicht das aussagen, was Frau Giffey mit ihnen belegen will.

Wie würden Sie einem jungen Auszubildenden, der mit akademischen Standards wenig vertraut ist, erklären, ob solche Mängel den Rücktritt von einem Ministeramt rechtfertigen?

Ich bilde Studierende und Promovierende aus. Denen könnte man aus dem Büchlein "Hinweise zur Anfertigung von Seminararbeiten" zitieren, in dem der Erziehungswissenschaftler Wolfrang Kramp 1979 schrieb: "Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt. Er ist ein Verstoß gegen die Prinzipien wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens und hat – aufgedeckt – schon manchen Wissenschaftler um Ehre und Karriere und manchen Prüfungskandidaten um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und das ist gut so. Denn wer gegen die Zitierpflicht verstößt, verletzt nicht nur das Gebot der intellektuellen Redlichkeit, sondern auch seine Pflicht, den Leser zutreffend und genau über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu informieren."

Ich sollte aber hinzufügen, dass ich es für wenig zielführend halte, wenn der Rücktritt von Politikerinnen und Politikern schon gefordert wird, während die Untersuchungen zu möglichen Plagiaten noch laufen. Das baut einen ungeheuren Druck auf die Universität auf, die Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis ermitteln und bewerten soll. Nicht alle Universitäten halten diesem Druck stand.

"Herr zu Guttenberg ist, wie vor und nach ihm auch viele andere Politikerinnen und Politiker, nicht über einen Plagiatsskandal gestolpert, sondern über seinem Umgang mit diesem Skandal. Bei Frau Giffey ist das anders."

Guttenberg, Schavan und jetzt Giffey: Ist es aus Ihrer Sicht richtig, dass in Deutschland Spitzenpolitiker von Ihren Ämtern zurücktreten, wenn Ihnen Plagiate nachgewiesen werden?

Herr zu Guttenberg ist, wie vor und nach ihm auch viele andere Politikerinnen und Politiker, nicht über einen Plagiatsskandal gestolpert, sondern über seinem Umgang mit diesem Skandal. Er hat noch jedes Plagiat in seiner Arbeit bestritten, als die ganze Welt schon im Guttenplag Wiki nachlesen konnte, dass er zum Beispiel 18 Seiten am Stück aus einer Diplomarbeit abgeschrieben hatte. Und Frau Schavan behauptet bis heute, in ihrer Dissertation alles richtig gemacht zu haben. Damit war sie als Wissenschaftsministerin unhaltbar. Bei Frau Giffey ist das jeweils anders.

Was bedeuten die Plagiatsaffären der vergangenen Jahre für Studierende? Sind die Anforderungen an Abschlussarbeiten und Dissertationen heute strenger als vor der Affäre um Guttenberg?

Nein. Die drei von mir genannten Regeln habe ich in meinem Grundstudium gelernt, also in etwa zu der Zeit, als Frau Schavan ihre Doktorarbeit verfasst hat. Und diese Regeln sind noch deutlich älter.

"Kein Mensch wird ernstlich Pandemiebekämpfung aufgrund von Forschung betreiben wollen, die Halbwahres oder Falsches blind abgeschrieben oder die Daten verfälscht, erfunden oder unterdrückt hat."

Geschieht Studierenden der heute jungen Generation Ungerechtigkeit, weil heute bei wissenschaftlichen Arbeiten genauer hingeschaut wird als in früheren Jahren?

Ich würde mich freuen, wenn heute genauer hingeschaut würde, denn wissenschaftliches Fehlverhalten korrumpiert die Wissenschaft. Kein Mensch wird ernstlich Pandemiebekämpfung aufgrund von Forschung betreiben wollen, die Halbwahres oder Falsches blind abgeschrieben oder die Daten verfälscht, erfunden oder unterdrückt hat. Die Regeln zu guter wissenschaftlicher Praxis sind meist einfach zu verstehen und anzuwenden. Sie erfordern Arbeit und Ehrlichkeit, die sich dadurch bezahlt macht, dass man auf die Ergebnisse vertrauen kann.

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