Die CDU in Sachsen-Anhalt weigerte sich jüngst der Erhöhung des Rundfunkbeitrags zuzustimmen und heizte damit eine Debatte über die Sinnhaftigkeit der Abgabe an.
Die CDU in Sachsen-Anhalt weigerte sich jüngst der Erhöhung des Rundfunkbeitrags zuzustimmen und heizte damit eine Debatte über die Sinnhaftigkeit der Abgabe an.
Bild: www.imago-images.de / Jens Schulze
Meinung

Warum der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk wichtig ist – aber für junge Zuschauer zu wenig bietet

06.12.2020, 17:29

Eigentlich ging es gar nicht wirklich um Fernsehen: Die Debatte entbrannte am vergangenen Donnerstag, nachdem die CDU in Sachsen-Anhalt angekündigt hatte, sich möglicherweise von ihren Koalitionspartnern in der Kenia-Koalition zu lösen und mit der AfD, zusammen gegen die Erhöhung des Rundfunkbeitrags zu stimmen.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht wurde inzwischen wegen seiner Äußerungen, im Notfall auch mit einer CDU-Minderheitsregierung zu regieren, von Ministerpräsident Reiner Haseloff entlassen. Stahlknecht hatte im Interview mit der "Magdeburger Volksstimme" offen darüber nachgedacht, ohne SPD und Grüne zu regieren. Der große Tabubruch war die offene Spekulation auf den Koalitionsbruch und auf die Zusammenarbeit mit der AfD.

Gleichzeitig löste die Affäre aber auch eine erneute Debatte über den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk aus. Die Kritik von Stahlknecht entzündete sich an der, seiner Ansicht nach, einseitigen Berichterstattung und dem moralisierenden "erhobenen Zeigefinger". Kurz gesagt, die Öffentlich-Rechtlichen sind ihm zu links. Ein Vorwurf, der fast so alt ist wie der Rundfunk in der BRD. In den 1960ern wurde das ZDF maßgeblich deshalb in die Wege geleitet, weil dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer die ARD zu "rot", heißt sozialdemokratisch, war.

Andersherum kamen Mitarbeiter des Öffentlich-Rechtlichen auch schonmal in die Kritik, mit konservativen Parteien zu klüngeln. Der Wechsel vom damaligen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm vom Bundeskanzleramt zum Bayerischen Rundfunk als dessen Intendant im Jahr 2010 wurde ebenso heftig kritisiert, wie das als zu unkritisch wahrgenommen Interview des MDR mit AfD-Politiker Björn Höcke im vergangenen Sommer.

Ein großer Teil der Deutschen vertraut ARD und ZDF

Nun ist es immer schwierig, wenn Politiker sich an unliebsamer Berichterstattung der Medien abarbeiten. Insbesondere dann, wenn sie ihnen politische Agitation unterstellen, hat es oft ziemlich schnell ein "Gschmäckle". Die Unterstellung, die Öffentlich-Rechtlichen seien zu weit links, bläst in das Horn der "Lügenpresse"-Rufer und wird am Ende nur einer Partei nützen: Der AfD, die den Kampf gegen die angeblichen "Mainstream-Medien" am glaubhaftesten verkörpern.

Und wer sich ernsthaft mit der Funktion der Öffentlich-Rechtlichen auseinandersetzt, wird nicht umhinkommen, deren Nutzen zu erkennen. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Spaltung erfüllen unabhängige, finanziell auch nicht von Geldgebern oder Zuschauern abhängige, Medien einen enorm wichtigen demokratischen Zweck.

Im Gegensatz zu den USA, wo sich mit CNN und Fox News zwei Pole in der politischen Berichterstattung herausgebildet haben, ist durch die Sonderstellung der Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland nie eine vergleichbare Entwicklung entstanden. ARD und ZDF sind mit ihrem Bildungsauftrag und staatstragenden Funktion demokratiefördernd, auch wenn das von rechter Seite immer wieder gerne hinterfragt wird.

Und auch die Deutschen wissen durchaus, was sie an ARD, ZDF und Deutschlandfunk haben. Während der Corona-Krise zeigte sich wieder einmal, dass die Öffentlich-Rechtlichen diejenigen Medien sind, denen in schweren Zeiten vertraut wird. Wie auch bei vorherigen Katastrophen- oder Krisenzeiten hatte die "Tagesschau" beispielsweise einen enormen Zuschauerzuwachs zu vermelden in den ersten Wochen des ersten Lockdowns im Frühjahr.

Öffentlich-Rechtliche haben den Anschluss verpasst

Aber, und jetzt kommt ein dickes Aber, man kann durchaus Kritik am gebührenfinanzierten Rundfunk formulieren, denn: Die Öffentlich-Rechtlichen haben es die letzten Jahre verpasst den Anschluss an ihre Zuschauer zu finden – insbesondere junge Menschen nutzen das Angebot kaum noch, zumindest linear. Und das darf eigentlich nicht sein: Laut Selbstverständnis sind ARD und ZDF Einrichtungen, die die gesamte Bevölkerung erreichen sollen. Und nur so ist auch der Rundfunkbeitrag zu rechtfertigen.

Fakt ist, dass durch die Digitalisierung immer weitere Informationsquellen und Inhalte zur Verfügung stehen. Die Öffentlich-Rechtlichen sind nicht mehr der alleinige Informations- und Unterhaltungskanal, der sie im übrigen schon seit den 1990ern nicht mehr sind, aber gerne wären. Sie spielen nun nur noch eine, wenn auch große, Geige im großen Konzert der Anbieter. Dass das ZDF irgendwann mal mit Streaming-Diensten wie Netflix konkurrieren würde, hätte auf dem Lerchenberg wahrscheinlich noch bis vor zehn Jahren keiner für möglich gehalten.

An das Internet hat man sich erst sehr widerwillig angenähert. Innerhalb der Redaktionen wurde gescherzt, dass der Teletext die letzte technische Neuerung war, die man akzeptiert und verinnerlicht hat. Lange hatte man Internet-Anbieter als nicht-konkurrenzfähig zum großen Fernsehen wahrgenommen. Heute verbringen die Deutschen laut Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mehr Zeit mit Netflix als mit ARD oder ZDF.

Und das wird in den kommenden Jahren sicher nichts anders werden: Unter-30-Jährige schauen kaum mehr lineares Fernsehen. Die Realität hat die Öffentlich-Rechtlichen längst eingeholt und diese passen sich ihr nur widerwillig und langsam an. Denkt man an Modernisierung der Rundfunkanstalten, wird selbst gestandenen Medienprofis Angst und Bange.

Teletext und VHS-Kassetten

Der Vorwurf, der oft zu hören ist: Verkrustete Strukturen, ein aufgeblasener bürokratischer Apparat und wenig Bereitschaft, sich auf neue Technologien und Digitalisierung einzulassen. Und ganz verkehrt sind diese Anschuldigungen wohl auch nicht. Wer sich mit Mitarbeitern der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unterhält, hört immer wieder die gleichen Horrorstories von endlosen Excel-Tabellen, Anträgen und alteingesessenen Alpha-Tieren, die erklären, dass man das schon immer so gemacht habe.

Hinzu kommt bei der ARD noch ein Wirrwarr aus neun verschiedenen Landesrundfunkanstalten samt Intendanten und Verwaltung. Das ist nicht nur teuer, es ist auch wahnsinnig umständlich und erschwert eine Modernisierung. Verschiedene Formate für Anträge, keine einheitlichen Formate oder Richtlinien, der WDR hat sogar bis vor kurzem noch eine eigene Mediathek, die zusätzlich zu der der ARD betrieben wurde, weil er sich lange geweigert hatte, dem gemeinsamen Online-Angebot beizutreten.

Man kann darüber schmunzeln und sich wie Jan Böhmermann darüber lustig machen, welch anachronistischen Blüten der deutsche Föderalismus bei den Sendeanstalten da treibt. Aber in einer Hinsicht ist es doch sehr schade und bedenklich: Ein riesiger Teil des Rundfunkbeitrags fließen in die Verwaltung und den aufgeblasenen bürokratischen Apparat. Synergie-Effekte zu nutzen und zu vereinheitlichen, würde Gelder und Mittel freisetzen, die man an anderer Stelle gut benötigen könnte.

Jan Böhmermann hat sich mit den verkrusteten Strukturen beim ZDF einmal satirisch auseinandergesetzt. Manche Teile stimmen sogar (Spoiler: Es sind weder die Chemtrails noch die Kontrolle durch Regierungsspecher Steffen Seibert).

Mehr Geld für junge Inhalte

Von dem gigantischen Budget, das die Öffentlich-Rechtlichen jedes Jahr erhalten, gehen 38 Millionen Euro an das junge Angebot Funk, das sich an Zuschauer zwischen 14 und 29 richtet. Das klingt nach einer ganzen Menge und tatsächlich wächst das Netzwerk und hat inzwischen beachtliche Reichweiten generieren können. Gemessen am Gesamtbudget von ARD, ZDF und Deutschlandfunk, immerhin ganze acht Milliarden Euro im Jahr 2019, sind das aber auch nur Peanuts.

Nicht einmal ein halbes Prozent des Jahresbudgets fließen in Angebote für junge Zuschauer. Das sind weniger als sieben Cent von den 17,50 Euro, die jeder Haushalt monatlich beisteuert. Zur Erinnerung: Der Rundfunkbeitrag soll um 86 Cent auf 18,36 Euro erhöht werden – der eigentliche Stein des Anstoßes zur aktuellen Debatte. Davon sind aber keine höheren Ausgaben für Formate für junge Zuschauer vorgesehen, das Geld dient lediglich der Deckelung der aktuellen Ausgaben. Denn eigentlich ist der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk noch teurer, bislang wurde die Differenz von Rücklagen bezahlt.

Klar, ein großer Anteil der Ausgaben wird zur Aufrechterhaltung eines komplexen und auch qualitativ hochwertigen Nachrichtenprogramms benötigt, für das die Öffentlich-Rechtlichen auch sehr geschätzt werden. Aber sehr viel Geld fließt auch in Sportberichterstattung und Lizenzen (immerhin 242 Millionen Euro), teure Pensionen und Unterhaltungsformate (311 Millionen Euro). Nachrichten und Dokus machen mit 114 Millionen Euro gar nicht so einen großen Anteil der Kosten aus.

Wie viele Zuschauer unter 30 schauen das Traumschiff?

Und hier stellt sich die Frage, wie viele Zuschauer unter 50 schauen nun "Das Traumschiff"? Wie viele "Notruf Hafenkante" oder die "Rosenheim Cops"? Und wie viele unter 40, wie viele unter 30? Und wie viel Budget bekommen diese Produktionen im Vergleich zu neuen innovativen Funk-Formaten wie der Webserie "Aurel" mit Comedian Aurel Mertz?

Wenn die Öffentlich-Rechtlichen ein Angebot für alle machen wollen, wie sie es sich selbst auf die Fahnen geschrieben haben und damit auch den Rundfunkbeitrag rechtfertigen, dann dürfen sie die junge Zielgruppe nicht abhängen und müssen mehr in junge Formate investieren. Die Strukturen sind an sich da und mit den Mediatheken besitzen ARD und ZDF ein ausgezeichnetes Portal, um Netflix und co. Konkurrenz zu machen.

Denn einen Vorteil hat die dezentrale Struktur, insbesondere der ARD: Die Öffentlich-Rechtlichen sind mit ihren Landesstudios ganz nah am Bürger, ebenso wie mit ihrem Korrespondentennetz in aller Welt. Sie können Lokaljournalismus ebenso betreiben wie große Dokus über Bundespolitik oder US-Wahlkampf. Mit ihrem jahrzehntelang gewachsenen Know-how in Sachen Dokumentationen und Reportagen können sie dem Doku-Hype auf Netflix Paroli bieten, ebenso wie Qualitätsserien produzieren, die in Deutschland spielen statt in New Mexico.

Aber dafür muss auch der Wille da sein – und die finanziellen Mittel. Das bedeutet, Prioritätensetzung überdenken und mehr Mut zu jungen Inhalten. Denn eigentlich ist es ja ganz einfach: Wenn ich meine Interesse im Programm der Öffentlich-Rechtlichen wiederfinde, zahle ich auch gerne den Rundfunkbeitrag.

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