Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag
Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem ReichstagBild: picture alliance/Christophe Gateau/dpa

"Geschmacklos und übergriffig": Gedenkstätte mit Asche von Holocaust-Opfern in der Kritik

04.12.2019, 09:04

Vor dem Reichstagsgebäude hat das umstrittene Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) eine Gedenkstätte errichtet.

  • Teil der Aktion ist eine Stahlsäule, die nach Angaben der Gruppe Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält. Diese sei in mehreren Ländern an Orten der Nazi-Verbrechen geborgen worden.
  • Die Gedenkstätte steht auf dem Gelände der ehemaligen Krolloper, in der die Reichstagsabgeordneten im März 1933 für das Ermächtigungsgesetz stimmten. "An diesem Ort legte vor genau 86 Jahren der deutsche Konservatismus die Demokratie in die Hände von Hitler und seinen Nazischergen", erklärte das ZPS.
  • "Es geht um die letzte deutsche Diktatur und darum, ob sie uns wieder droht", sagte ZPS-Gründer Philipp Ruch am Montag. Die Aktion mahnt davor, sich wieder mit Faschisten einzulassen.

Aber die Aktion löst scharfe Kritik aus.

Der "Jüdischen Allgemeinen" sagte Christoph Heubner, Vize-Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees: "Auschwitz-Überlebende sind bestürzt darüber, dass mit diesem Mahnmal ihre Empfindungen und die ewige Totenruhe ihrer ermordeten Angehörigen verletzt werden."

Auch das Berliner Büro des "American Jewish Commtitee" schrieb auf Twitter: "Diese Aktion (...) ist nicht nur eine skandalöse Störung der Totenruhe. Die Asche der Ermordeten eignet sich ebenso nicht für schiefe historische & politische Vergleiche. Die Opfer werden so nochmal entwürdigt & entmenschlicht."

Der Grünen-Politiker Volker Beck hat sogar Strafanzeige gegen das Zentrum für politische Schönheit gestellt. "Falls es sich tatsächlich um die Asche von in der Shoah Ermordeten handeln sollten, wäre dies eine strafbare Verletzung der Totenruhe", erklärte er auf Twitter.

Gegenüber watson kritisierte Beck, dass die Aktion eine Respektlosigkeit gegenüber den Toten und zudem eine Missachtung der Traditionen zu Tod und Trauer im Judentum sei. "Auch wenn die Aktion sicher gut gemeint und die Asche der Shoah-Opfer vielleicht nur eine Metapher ist, ist das eine schräges Bild, geschmacklos und übergriffig."

Für die Intention hinter der Aktion zeigt Beck zwar Verständnis: Demnach sei es wichtig, davor zu warnen, dass demokratische Parteien Rechtsextremisten nicht zur Macht verhelfen dürfen. Das Versagen konservativer und nationalliberaler Kräfte zum Ende der Weimarer Republik sei hierfür ein Lehrstück. "Hieran zu erinnern und vor einer Wiederholung zu warnen, ist angesichts der 17 CDU-Funktionäre in Thüringen, die mit der AfD über Kooperation reden wollen, hochaktuell und dringend nötig", teilte Beck watson mit. Doch dieser richtige Zweck heilige nicht die Mittel der Aktion.

Auch die Journalistin und Autorin Ramona Ambs hat via Facebook scharfe Kritik an der Aktion geübt. An die Künstlergruppe gerichtet schreibt sie: "Wenn Ihr Euch nur ein wenig mit jüdischer Ethik befasst hättet, könntet Ihr wissen, dass das, was Ihr da macht, NULL mit Judentum zusammen geht. Aber wozu sich mit Juden auseinander setzen, wenn man die Opfer doch prima zweitverwerten kann, um eine politische Message zu verbreiten und sich gleichzeitig noch als Retter der toten Juden fühlen?"

Lea Rosh, Vorsitzende des Fördervereins "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", dagegen nannte die ZPS-Aktion großartig. "Es ist ja eine politische Botschaft, die damit einhergeht. Es ist die Botschaft: Guckt hin, hier ist die Macht an die Nazis übertragen worden."

Das "Zentrum für politische Schönheit" ist bereits mehrfach mit Aktionen aufgefallen, die Aufsehen erregt haben. So hatte es vor gut zwei Jahren eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals in Nachbarschaft des Wohnhauses des AfD-Politikers Björn Höcke in Thüringen aufgestellt.

(ts/ll/ mit dpa)

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