Ein Ostern in Freiheit? Zurzeit ist das noch undenkbar.
Ein Ostern in Freiheit? Zurzeit ist das noch undenkbar.
Bild: dpa / Annette Riedl

Vor Osterwochenende: Kommunen fordern flexiblere Corona-Politik

21.03.2021, 12:36

Deutschland droht ein zweites Ostern mit Corona-Fesseln. Die Zeichen stehen vor der Bund-Länder-Schalte eher auf eine Verschärfung der Corona-Regeln. Die Rufe nach flexiblerer Handhabung werden lauter. Und manche machen ein bisschen Hoffnung für das Osterfest.

Vor dem Hintergrund rasant steigender Corona-Infektionszahlen dringen die Kommunen auf flexiblere Regeln für Beschränkungen. Der Deutsche Städtetag sowie der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderten vor der nächsten Bund-Länder-Runde am Montag eine Abkehr von der starren Fokussierung auf den Inzidenzwert, der die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche beschreibt. Ab einem Wert von 100 sollen gemäß einer von Bund und Ländern vereinbarten Notbremse Öffnungsschritte wieder kassiert werden. Immer mehr Bundesländer haben diese Marke in den vergangenen Tagen überschritten. Auch im bundesweiten Durchschnitt liegt die Sieben-Tage-Inzidenz inzwischen über 100.

Das Robert Koch-Institut (RKI) teilte am Sonntag mit, die Zahl der binnen einer Woche gemeldeten Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner liege nun bei 103.9. Am Vortag hatte sie 99.9 betragen. Die bundesweite Inzidenz von über 100 ist vor allem von symbolischer Bedeutung und hat keine zwingenden Folgen für den Umgang mit der Pandemie. Entscheidend ist die Inzidenz in einzelnen Regionen.

Unterstützung der Bürgermeister für Bund und Länder bröckelt

Innerhalb eines Tages meldeten die Gesundheitsämter 13.733 neue Corona-Infektionen. Am Sonntag vor einer Woche waren es noch 10.790. Außerdem wurden 99 neue Todesfälle innerhalb eines Tages mit dem Coronavirus gemeldet – nach 70 registrierten Todesfällen am vergangenen Sonntag. Die Daten geben den Stand des RKI-Dashboards vom frühen Sonntagmorgen wieder, nachträgliche Änderungen sind möglich. Sonntags sind die vom RKI gemeldeten Fallzahlen meist niedriger, unter anderem weil am Wochenende weniger getestet wird.

Städtetagspräsident Burkhard Jung zeigte sich unzufrieden mit der Corona-Politik. "Ich mache mir Sorgen, dass die Corona-Politik von Bund und Ländern die Unterstützung vor Ort verliert - auch bei den Oberbürgermeistern", sagte Jung den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Sonntag). Die Geschlossenheit unter den Oberbürgermeistern bekomme Risse. Jung monierte Festlegungen zu Corona-Tests ohne Beachtung der Infrastruktur, Beschlüsse zur Öffnung von Schulen und Kitas ohne eine erkennbare Teststrategie und zu viel Bürokratie.

Kritik an Fokussierung auf Inzidenzwert

Jung forderte von Bund und Ländern, nicht nur auf die Inzidenzwerte zu schauen. "Wir sollten in Deutschland einen neuen Corona-Indikator einführen, der auch die Impfquote, die Belastung der Intensivstationen und die Fallsterblichkeit berücksichtigt." Auch der Städte- und Gemeindebund mahnte, der Inzidenzwert sollte nicht der einzige Maßstab sein. Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg sagte der "Welt am Sonntag", auch Aspekte wie die Belastung der Krankenhäuser in der Region oder klar eingrenzbare Hotspots müssten berücksichtigt werden.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Bevölkerung bereits auf verschärfte Corona-Regeln eingestellt. "Wir werden leider auch von dieser Notbremse Gebrauch machen müssen", sagte sie am Freitag. In Hamburg gelten schon seit Samstag wieder härtere Corona-Auflagen.

Ministerpräsidenten senden unterschiedliche Signale

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verlangte, die Notbremse müsse überall in Deutschland gleich und konsequent angewendet werden. "Sonst wird sie ein zahnloser Tiger, und die Sicherungswirkung verpufft", sagte der CSU-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Öffnungsschritten erteilte Söder eine Absage. "Wer jetzt die falschen Schritte geht, riskiert, dass aus der dritten Welle eine Dauerwelle wird", warnte er. Auch Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) hatte die Bürger eher auf Verschärfungen eingestimmt. Sein Thüringer Kollege Bodo Ramelow (Linke) hält Öffnungen ebenfalls nicht für geboten. Thüringen hat bundesweit den höchsten Inzidenzwert.

Es gibt aber auch Ministerpräsidenten, die mit Blick auf Ostern zumindest kleine Öffnungsschritte zulassen wollen. Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff sagte der "Welt am Sonntag": "Im Hinblick auf die Osterferien könnte für Landeskinder autarker Urlaub möglich sein – also innerhalb der Grenzen Sachsen-Anhalts, etwa im Harz." Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte der Zeitung, man müsse Möglichkeiten schaffen, "dass die Menschen in den anstehenden Osterferien bei uns wandern und in einem Gartenlokal einkehren können, statt nach Mallorca zu fliegen und am Ballermann zu feiern". Dreyer will sich bei der Schalte am Montag für "flexiblere Lösungen im Sinne von Modellkommunen und -landkreisen" einsetzen.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz warnte indes: "Aus meiner Sicht sollte es zu Ostern besser keine große Reisewelle geben. Das können wir uns in der aktuellen Infektionslage einfach nicht leisten." Auch eine allgemeine, bundesweite Öffnung der Außengastronomie zu Ostern lehnt Scholz ab. Familienbesuche über die Feiertage sollten aus seiner Sicht hingegen möglich sein.

Testballons für mehr Normalität

Versuche, sich wieder an mehr Normalität im Alltagsleben heranzutasten, gibt es einige. Beim Fußball waren bei der Drittliga-Partie Hansa Rostock gegen den Halleschen FC am Samstag 777 Zuschauer zugelassen. Rostock weist sehr niedrige Inzidenzwerte auf. Der Reisekonzern TUI fliegt an diesem Sonntagvormittag nach langer Zwangspause wieder die ersten Urlauber nach Mallorca. Und in Berlin öffnen die ersten Bühnen für ein Pilotprojekt, das Aufführungen vor getestetem Publikum ermöglichen soll.

Nach Ansicht des Gründers des Mainzer Pharmaunternehmens Biontech, Ugur Sahin, könnte die Lockdown-Politik im Herbst enden. "In vielen Ländern in Europa und in den USA werden wir wahrscheinlich Ende des Sommers in der Situation sein, nicht mehr in einen Lockdown zu müssen", sagte Sahin der "Welt am Sonntag". "Es wird natürlich weiterhin lokale Aufbrüche geben, das wird ein Hintergrundrauschen bleiben. Es wird Mutationen geben. Aber diese werden mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Schrecken verbreiten", erwartet Sahin. Das Virus werde aber nicht verschwinden. Man müsse dann sehen, "ob man jedes Jahr oder alle fünf Jahre eine Impfung braucht".

(vdv/dpa)

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