Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I: So heißt der Wahlkreis, der mit Angela Merkels politischem Abschied im Herbst frei wird.
Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I: So heißt der Wahlkreis, der mit Angela Merkels politischem Abschied im Herbst frei wird.
Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup
watson live dabei

Nach 30 Jahren wird Merkels Wahlkreis frei: Zwei junge Politiker kämpfen um die Nachfolge der Kanzlerin

Drei Jahrzehnte lang hat Angela Merkel durchgehend das Direktmandat im Wahlkreis Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I an der Ostsee gewonnen. Zwei junge Politiker von SPD und CDU treten an, um sie zu beerben. watson hat beide getroffen.
26.04.2021, 05:0026.04.2021, 15:44

Im Herbst hört sie nach 16 Jahren als Regierungschefin auf. Es gibt junge Menschen, die kennen keine andere Kanzlerin als Angela Merkel. Nicht nur im Kanzleramt wird sie eine Lücke hinterlassen. Auch ihr Wahlkreis, den sie 30 Jahre lang bei jeder Bundestagswahl als Direktkandidatin gewonnen hat, wird dann eine Nachfolgerin beziehungsweise einen Nachfolger suchen.

Im Wahlkreis 15: Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I, den seit der Wende immer die Kanzlerin gewonnen hatte, treten zwei junge Politiker an, um Angela Merkel zu beerben. Watson war dabei, als sich Georg Günther von der CDU und Anna Kassautzki von der SPD zum ersten Mal in ihrem Wahlkreis begegneten.

"Das ist schwer zu vermitteln gegenüber den Bürgern"

Das Wetter ist windig und durchwachsen. Für kurz nach Ostern ganz schön kalt, wie Anna Kassautzki bestätigt. Watson trifft die junge SPD-Politikerin und ihren Kontrahenten von der CDU auf dem Marktplatz in Greifswald. Die Wolken haben sich zugezogen, auch wenn hin und wieder mal ein Sonnenstrahl durch die Decke bricht. Aber klar, es könnte besser um das Wetter stehen – es könnte auch besser um die Umfragewerte der beiden Volksparteien stehen.

War die SPD in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von Spott und Hohn, ist es nun die CDU, die wenig zu lachen hat. Im Zuge der Maskenaffäre und dem Richtungsstreit bei der Wahl des Kanzlerkandidaten hat die Union viel Zustimmung verloren. CDU-Jungpolitiker Günther bekommt ganz direkt mit, wie viel Vertrauen in die Politik durch die Maskenaffäre verloren gegangen ist: Er ist selbst Kommunalpolitiker.

"Das ist schwer zu vermitteln gegenüber den Bürgern. Es gibt so viele Politiker, die ehrenamtlich arbeiten und sich engagieren und die leiden alle unter dem Fehlverhalten einzelner. Ehrlich gesagt ist das wirklich eine Sauerei", erklärt er gegenüber watson. Günther ist 32 Jahre alt und managt seinen Bundestagswahlkampf neben seinem eigentlichen Job als Diplomfinanzwirt, der Kommunalpolitik und dem Vorsitz der Jungen Union in Mecklenburg-Vorpommern. Leicht ist das nicht. Für das Treffen mit watson hat er seine Mittagspause geopfert und ist mit seinem PKW von seiner Wohnung im südlicher gelegenen Süderholz nach Greifswald gekommen.

"Schädigend für unsere Demokratie"

Dass manche Abgeordneten politische Ämter als Geldquelle sehen, findet auch die 27 Jahre alte Anna Kassautzki skandalös. "Das ist schädigend für unsere Demokratie und das Vertrauen der Bevölkerung in sie. Gerade zu Krisenzeiten ist das jedoch essenziell", sagt sie. Auch Politiker anderer Parteien litten unter dem Vertrauensverlust, der durch die Maskenaffäre nur bestärkt wurde. Immer wieder werde sie mit Fragen konfrontiert, wie die, ob wir diese komplexe und teure Demokratie wirklich brauchen. "'Brauchen wir Parlamente? Warum geht das nicht alles viel schneller und einfacher?' Das bekomme ich immer wieder zu hören und das beunruhigt mich zutiefst. Und solche Geschichten machen das natürlich nicht besser", so Kassautzki. Auch sie betreibt den Bundestagswahlkampf neben diversen Parteiämtern und ihrem eigentlichen Beruf als Leiterin des Familienservices an der Uni Greifswald.

Dass auch Abgeordnete trotz ihrer hohen Diäten Nebentätigkeiten haben, sei ok und müsse bis zu einem gewissen Grad auch so sein. Da sind sich beide einig. Nur als es dann konkret um mehr Transparenz geht, zeigen sich Unterschiede. Im Punkt Lobbyregister möchte CDU-Kandidat Günther nicht ganz mitziehen. Auch hier, in Mecklenburg-Vorpommern, kam es im vergangenen Jahr zu einem prominenten Zwischenfall in Sachen Lobbyismus. Philipp Amthor, Shooting-Star der CDU und damals auf dem Weg zum Landesvorsitzenden der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, stolperte über eine Affäre. Er hatte seine Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter mit Lobbyismus für eine US-Firma vermischt, für die er zusätzlich tätig war. Für Günther ein anderer Fall als die Masken-Deals einiger Unionsabgeordneter im Bundestag. Amthor habe sich entschuldigt und seinen Fehler eingesehen. Bei der diesjährigen Bundestagswahl tritt er nun abermals an.

Trafen sich in Greifswald zum ersten Mal persönlich: CDU-Politiker Georg Günther (l.) und seine SPD-Mitbewerberin Anna Kassautzki.
Trafen sich in Greifswald zum ersten Mal persönlich: CDU-Politiker Georg Günther (l.) und seine SPD-Mitbewerberin Anna Kassautzki.
Bild: watson / Lukas Weyell

"Da werden Dinge einfach so entschieden"

Am Museumshafen nahe der Innenstadt ist es fast menschenleer. Die Corona-Pandemie hat auch in Greifswald dafür gesorgt, dass das öffentliche Leben in vielen Teilen zumindest teilweise zum Erliegen gekommen ist. An schönen sonnigen Tagen wären hier sonst viele Menschen gewesen und auch einige Touristen. Die Imbissstände sind geschlossen, die Schiffe verlassen. Wie im Rest Deutschlands greifen hier strenge Corona-Maßnahmen. Und wie im Rest Deutschlands sind sie auch in Mecklenburg-Vorpommern nicht unumstritten.

Beim Thema Corona sind sich die beiden Kontrahenten einig. "Da werden Dinge einfach so entschieden, die das Alltagsleben von vielen Millionen Menschen betreffen und überhaupt nicht wirklich kommuniziert, warum das so ist", erklärt Günther. Für ihn müsse der Bundestag bei der Gesetzgebung mit eingebunden werden. Kassautzki stimmt ihm zu. Es sei für die Abgeordneten nicht zumutbar, dass sie nun Entscheidungen gegenüber den Bürgern vertreten müssten, zu denen sie als gewählte Volksvertreter nicht einmal gefragt wurden. "Wenn ich hier in Greifswald unterwegs bin, spüre ich auch oft den Unmut der Leute über die scheinbar fehlende Strategie", erklärt Kassautzki.

Ähnlich sei es damals 2015/2016 während der sogenannten Flüchtlingskrise gewesen. Damals seien einige hundert Geflüchtete im Wahlkreis verteilt worden, ohne dass mit den Menschen vor Ort gesprochen worden war. Es habe einiges an Unruhe gegeben, obwohl es humanitär natürlich geboten war, da sind sich beide Jungpolitiker einig. "Man hat eine Unterkunft einfach direkt an einer viel befahrenen Straße mit Tempo 100 platziert, ohne einen Fußweg in die Stadt", erklärt Günther, der kommunalpolitisch aktiv ist. Das sei eben auch vorprogrammiert, dass es zu Problemen mit Anwohnern kommen würde. Einige Geflüchtete seien dann regelmäßig auf der Straße in die Ortschaft gelaufen, worüber sich Autofahrer beschwert hätten.

Anna Kassautzki studierte 2015 gerade im bayerischen Passau, an der Grenze zu Österreich, als die ersten Geflüchteten eintrafen. Sie half. Passend dazu trägt sie jetzt einen Pulli der Nichtregierungsorganisation "Sea-Watch". Die Aktivisten von "Sea-Watch" kümmern sich um die Rettung Geflüchteter auf dem Mittelmeer. Kassautzki findet, Deutschland könnte mehr Geflüchtete aufnehmen als aktuell. Einige Kommunen seien bereit dafür, viele hätten sich zu "sicheren Häfen" erklärt. Letztlich scheiterte die Aufnahme weiterer Menschen an Bundesinnenminister Horst Seehofer, der die Erlaubnis dafür erteilen müsste.

"Wenn ich hier in Greifswald unterwegs bin, spüre ich auch oft den Unmut der Leute": Anna Kassautzki tritt für die SPD an.
"Wenn ich hier in Greifswald unterwegs bin, spüre ich auch oft den Unmut der Leute": Anna Kassautzki tritt für die SPD an.
Bild: watson / Lukas Weyell

"Mir haben Neonazis aufgelauert"

Kassautzkis Haltung in Sachen Migration ist letztlich Resultat ihrer Sozialisation, erklärt sie. Überhaupt sei sie erst durch ihr Engagement gegen Rechtsextremismus zur Politik gekommen. "Das war in meiner Jugend immer ein Thema und auch nicht nur abstrakt. Mir haben auch Neonazis aufgelauert", erzählt sie. Auch Günther hat seine Erfahrungen damit. Als Schülersprecher hatte er sich für einen besseren Umgang mit einem dunkelhäutigen Schüler eingesetzt, der von Mitschülern immer wieder ausgegrenzt wurde. Sein Engagement wurde auch von Neonazis bemerkt, die ihm dann nach der Schule auflauerten.

Nun haben es beide abermals mit einem zumindest in Teilen rechtsextremen Gegner zu tun, der AfD. In ihrem Wahlkreis kandidierte für die Partei 2017 Leif-Erik Holm, heute Fraktionsvize der AfD im Bundestag. Er holte mit über 19 Prozent 2017 das zweitbeste Ergebnis bei den Erststimmen hinter Angela Merkel. Auch dieses Jahr wird Holm wieder als Direktkandidat antreten und keine schlechten Chancen haben. Zeitweise war Holms Kandidatur innerparteilich umstritten. Beinahe wäre er von rechts überholt worden. Holms Herausforderer Dario Seifert hatte die Wahl als ungültig angefochten. Seifert gilt als dem "Flügel" nahe, dem besonders rechten, nach der Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz offiziell aufgelösten, Teil der Partei. Er sei eine wirklich schlimme Person, erklären Günther und Kassautzki einstimmig über Seifert. Aber egal ob Seifert oder Holm, einen Sieg des AfD-Kandidaten gelte es zu verhindern. Da sind sie sich einig.

Dass die CDU in Thüringen mit Hans-Georg Maaßen selbst jemanden aufstellt, der mit rechtspopulistischen Tweets und Reden Stimmung macht, sieht SPD-Kandidatin Kassautzki kritisch. "Abgrenzung nach rechts sieht für mich anders aus. Es ist die Frage, ob Maaßen da für die richtige Partei kandidiert. Ich hätte ihn eher in der AfD vermutet." CDU-Mann Günther nimmt den Thüringer Landesverband in Schutz. Es sei deren Entscheidung Maaßen aufzustellen und wenn sie sich damit sicher seien, dann sei das auch richtig. Die Körpersprache Günthers lässt allerdings erahnen, dass auch er mit der Entscheidung fremdelt.

Dabei ist Günther keiner aus der Kuschelfraktion innerhalb der CDU. Beim Parteitag im Januar war er für Friedrich Merz, den stärksten Gegenkandidaten des aktuellen Vorsitzenden Armin Laschet. Günther bekannte sich öffentlich zu seiner Unterstützung für Merz. Er sei kein "Merz-Fan", aber für ihn wäre das der richtige Kandidat gewesen. Bürokratie-Abbau findet er unterstützenswert, Merz' Wirtschaftskompetenz imponiere ihm. Dieser hatte einmal die Idee, eine Steuererklärung müsse auf einen Bierdeckel passen. Das findet Günther, gelernter Diplom-Finanzwirt, gut. Es sei in Deutschland inzwischen viel zu kompliziert geworden, eine Steuererklärung richtig auszufüllen. Das ziehe einen ganzen Apparat an Bürokratie nach sich, die sich um die Bearbeitung kümmern müsse. Wenn er in den Bundestag gewählt wird, möchte Günther daran arbeiten, das zu ändern.

Georg Günther ist Vorsitzender der Jungen Union Mecklenburg-Vorpommern.
Georg Günther ist Vorsitzender der Jungen Union Mecklenburg-Vorpommern.
Bild: watson / Lukas Weyell

"So weit sind wir noch nicht"

Ein wichtiges Thema ist in Mecklenburg-Vorpommern aktuell auch der Bau der deutsch-russischen Pipeline Nord Stream 2. Auch hier sind die beiden sich überraschend einig. Beide stehen hinter dem gigantischen Bauprojekt. "Klar, wäre es besser, wenn wir rein mit erneuerbaren Energien unseren Bedarf decken könnte, aber so weit sind wir noch nicht", so Kassautzki. "Wir haben zwar teilweise eine Überproduktion, aber eben auch Tage, an denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Bis wir die Speichertechnologien entsprechend erforscht und ausgebaut haben, brauchen wir Übergangslösungen." Auch Günther ist der Meinung, dass ein Baustopp aus geopolitischen Gründen nicht zielführend ist. Im Konflikt mit Kreml-Machthaber Putin wurde in der Vergangenheit immer wieder ein Stopp des Projekts gefordert, um Russland damit einen Denkzettel zu verpassen.

Insgesamt scheinen beide in vielen Punkten auf derselben Linie zu sein. Erst als es um die Arbeitsbedingungen in den vielen touristischen Betrieben in der Region geht, gibt es so etwas wie eine Meinungsverschiedenheit. Anna Kassautzki ist der Meinung, dass es auch in Ostdeutschland mehr Tarifverträge geben müsse. Gewerkschaften seien dort immer noch nicht stark genug verankert. Gerade im Tourismus würden Mitarbeiter oftmals schlecht bezahlt. Die Insel Rügen liegt im Wahlkreis der beiden Kandidaten. Dort sind die Lebenshaltungskosten hoch, die Insel profitiert von den vielen Touristen vor Ort – wenn nicht gerade alles Corona-bedingt stillsteht.

Das spiegle sich aber nicht in den Löhnen der Mitarbeiter wider, findet Kassautzki. "Ein höherer Mindestlohn würde den Menschen und unserer Region zugute kommen. Es kann nicht sein, dass die Insel Rügen eines der teuersten Pflaster in Deutschland für Touristinnen und Touristen ist, aber dieser Reichtum nicht adäquat bei der Bevölkerung ankommt." Einige derjenigen Unternehmen in der Region, die Mitarbeiter mit niedrigen Löhnen abspeisen würden, seien auch in der Hand westdeutscher Unternehmer. Das sorge dafür, dass der Gewinn aus den Tourismusbetrieben in den Westen abwandert.

Georg Günther will das so nicht stehen lassen. "Es gibt viele Unternehmer, die hier aus der Region kommen und auch wirklich faire Löhne bezahlen." Natürlich gebe es auch ein paar, bei denen das nicht der Fall sei, aber die seien nicht zwangsläufig aus dem Westen. Er verweist auf die Linken-Abgeordnete Kerstin Kassner. Diese besitzt auf der Insel Rügen mit ihrem Mann eine Pension und hatte sich lange geziert, den Mindestlohn zu zahlen – obwohl sie im Bundestag selbst dafür geworben hatte.

Wer tritt Merkels Erbe an?

Wer der beiden das Direktmandat holt, das 30 Jahre lang Angela Merkel holte, ist ungewiss. Ob es überhaupt SPD-Frau Kassautzki oder CDU-Mann Günther wird, ist nicht ausgemacht. Im Wahlkreis sind Linke und AfD stark. Beide Parteien haben mit Kerstin Kassner und Leif-Erik Holm prominente, bundesweit bekannte Abgeordnete ins Rennen geschickt. Das könnte vor allem für Kassautzki zum Problem werden: Bei der vergangenen Bundestagswahl hatten beide Parteien, Linke und AfD, mehr Erst- und Zweitstimmen als die SPD. Die CDU lag weit vor allen anderen politischen Mitbewerbern. Ob sie das ohne die populäre Bundeskanzlerin als Direktkandidatin noch einmal schaffen wird, ist fraglich. Anders als bei den vergangenen Wahlen könnte es dieses Jahr wirklich spannend werden.

Dass Günther und Kassautzki beide in den Bundestag kommen, ist aber auch möglich. Über die Landesliste wäre ein Einzug auch ohne Direktmandat möglich. Darüber möchten beide aber noch nicht nachdenken. Für sie steht der Gewinn des Direktmandats an erster Stelle. Dafür machen sie nun neben Job und Parteiarbeit ordentlich Werbung. Das geht zwar Corona-bedingt zunächst einmal nur digital. Aber es bleibe zu hoffen, dass mit zunehmender Impfung im Sommer auch ein paar Präsenzveranstaltungen möglich sind. Auch da sind sich beide einig.

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