Viele Tote von Butscha werden wohl nie identifiziert werden können.
Viele Tote von Butscha werden wohl nie identifiziert werden können.Bild: Imago / ZUMA Wire
Analyse

Massengräber, zerstückelte Leichen und Vermisste: Bericht über Gräueltaten von Butscha veröffentlicht

Kurz nachdem Russland Ende Februar in die Ukraine eingefallen war, wurde die Kleinstadt Butscha zur Hölle auf Erden. Einen Monat lang wurde im Vorort Kiews gemordet und gefoltert. Nach viermonatigen Ermittlungen liegen nun neue erschreckende Zahlen vor.
12.08.2022, 10:50

Einst war es ein ruhiges, unbekanntes Pendlerstädtchen nahe der ukrainischen Hauptstadt: Butscha. Spätestens seit dem April dieses Jahres ist dieser Name allen ein Begriff. Denn die Bilder, die nach dem Abzug der Russen gemacht wurden, gingen um die Welt: Leichen, die mitten auf der Strasse liegen, teilweise mit noch zusammengebundenen Händen.

Später wurden weitere Leichen in Massengräbern, Autos, Kellern, Brunnen und anliegenden Wäldern gefunden. Lange gab es nur Schätzungen sowohl zu den Toten als auch zu deren Todesursachen. Nach monatelangen Ermittlungen sollen nun die genauen Zahlen vorliegen.

458 Leichen gefunden

Mychailyna Skoryk-Schkariwska, die stellvertretende Bürgermeisterin von Butscha zog am Montag die düstere Bilanz: Insgesamt 458 Leichen wurden in und rund um Butscha gefunden. Davon wurden 419 erschossen, gefoltert oder zu Tode geschlagen. Dies dürfte die genauste Opferzahl sein, welche der Behörde vom Massaker je vorliegen wird, so Skoryk-Schkariwska.

Die 57-jährige Tanya Nedashkivs'ka trauert um ihren Mann an der Stelle, an der er begraben wurde.
Die 57-jährige Tanya Nedashkivs'ka trauert um ihren Mann an der Stelle, an der er begraben wurde.Bild: dpa / Rodrigo Abd

39 Opfer scheinen eines natürlichen Todes gestorben zu sein, informiert Skoryk-Schkariwska laut der "Washington Post" weiter. Doch auch deren Tod dürfte im Zusammenhang mit dem Krieg stehen, denn die Bewohner und Bewohnerinnen Butschas waren der russischen Besetzung einen Monat lang ausgesetzt.

So war beispielsweise eine gesunde 34-Jährige an einem Herzinfarkt gestorben. Dies, während sie mit ihren drei jungen Kindern in einem Keller Schutz vor Raketenangriffen suchte. In einem anderen Fall war eine ältere Frau gestorben, kurz nachdem ihre Schwester von russischen Truppen erschossen worden war. Zwei Todesfälle, die unter normalen Umständen wohl nicht eingetreten wären.

Der 15-jährige Jura Nechyporenko legt auf dem Friedhof in Butscha Schokolade auf das Grab seines Vaters Ruslan.
Der 15-jährige Jura Nechyporenko legt auf dem Friedhof in Butscha Schokolade auf das Grab seines Vaters Ruslan.Bild: dpa / Petros Giannakouris

Langwierige Ermittlungen

32 Tage lang dauerte die russische Besetzung Butschas – vom 27. Februar bis zum 31. März. 32 Tage, während derer der Bevölkerung Butschas unsägliches Leid zugefügt wurde. Vier Monate dauerte es, um dieses Leid in Zahlen zu fassen. Eine lange Zeit, welche das Ausmass der brutalen Vorfälle unterstreicht.

Erschwert wurden die Untersuchungen zudem durch unterbrochene Strom- und Internetverbindungen. So mussten die ersten dokumentierten Beweise noch von Hand geschrieben werden, wie Skoryk-Schkariwska berichtet.

Mitglieder des Ermittlungsteam heben am 13. Juni in der Nähe von Butscha ein Massengrab aus.
Mitglieder des Ermittlungsteam heben am 13. Juni in der Nähe von Butscha ein Massengrab aus.Bild: Imago / NurPhoto

Trotz intensiver Ermittlungen war es ein Ding der Unmöglichkeit, alle Leichen zu identifizieren. 50 Leichen bleiben namenlos. Sowohl die gesamte Todeszahl, als auch alle Identitäten werden wohl nie bekannt sein, vermutet Skoryk-Schkariwska.

In der Gesamtstatistik ist beispielsweise ein Leichensack voller Körperteile enthalten – die Überreste zu zerstückelt, verwest und verstümmelt, um sie noch identifizieren zu können. Sie gehörten wohl zu mehreren Menschen. Angaben der Ermittler zufolge gebe es Hinweise darauf, dass zwei rechte Arme von Russen stammten.

Viele Leichen wurden von den Russen zudem verbrannt. Wohl, um Spuren der Folter zu vertuschen. Teilweise waren von den Leichen nur noch Aschehaufen übrig – diese konnten auch mit DNA-Analyse nicht identifiziert werden. Zehn Bewohner werden noch als vermisst gemeldet.

Ein Zehntel der übrig gebliebenen Bevölkerung starb

Wie Skoryk-Schkariwska weiter berichtet, seien die Leichen der ukrainischen Soldaten den ukrainischen Behörden übergeben worden, wo sie separat gezählt worden seien. Die in der Zählung enthaltenen Leichen dürften demnach alle zu Zivilisten gehört haben. 366 davon waren Männer, 86 davon waren Frauen. Bei fünf Leichen konnten aufgrund ihres schlechten Zustandes das Geschlecht nicht identifiziert werden. Neun Leichen gehörten zu Kindern, die das 18 Lebensjahr noch nicht erreicht hatten.

Die meisten Bewohner und Bewohnerinnen Butschas flüchteten, bevor die Russen in die Stadt einfielen. Von geschätzt 39.000 Bewohnern blieben nur 4000 zurück. Innerhalb nur eines Monats starb ein Zehntel davon.

Massenbeerdingung am Dienstag

Einen Tag nach der Pressekonferenz der stellvertretenden Bürgermeisterin wurde am Dienstag eine Massenbeerdigung für 15 Tote abgehalten. Sie alle wurden fast vier Monate nach dem russischen Rückzug aus einem Massengrab ausgehoben und wiesen Schusswunden am Kopf oder in der Brust auf. 14 davon konnten nicht identifiziert werden.

Trauernde Geflüchtete aus Butscha bei einer Zentralen Friedenskundgebung in Stuttgart.
Trauernde Geflüchtete aus Butscha bei einer Zentralen Friedenskundgebung in Stuttgart.Bild: dpa / Marijan Murat

Jedes Grab der nicht identifizierten Leichen ist markiert. Falls die Leichen durch DNA-Analysen doch noch identifiziert werden können, kann im Nachhinein noch ein Namensschild angebracht werden und die Toten nochmals von der Familie begraben werden.

Mit den Ermittlungen und den nun veröffentlichten Zahlen wurde die Grausamkeit der russischen Truppen nochmals auf eine neue Weise verdeutlicht. Wie Skoryk-Schkariwska an der Pressekonferenz betonte, würden nun die Details jedes einzelnen Falles untersucht. Denn: Mit der Identifizierung der Opfer ist erst die Hälfte der Arbeit getan. Im nächsten Schritt sollen die Täter identifiziert und wegen Kriegsverbrechen angeklagt werden. (saw)

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