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Ob Mädchen in Afghanistan auch unter den Taliban weiterhin Schulen besuchen dürfen, ist eine der bangen Fragen. Bild: Getty Images Europe / Paula Bronstein

Analyse

Angst vor dem Leben unter den Taliban: Was jungen Frauen in Afghanistan droht

Nachdem die islamistischen Taliban am Sonntag die Macht in Afghanistans Hauptstadt Kabul übernommen haben und der Präsident des Landes geflohen ist, herrschen teils Chaos, teils gespenstische Ruhe in der Millionenmetropole. Die allermeisten Schulen Kabuls blieben am Montag geschlossen. Geschäfte, Banken und der Geldwechslermarkt hatten weiter geschlossen.

Manche Menschen trieb allerdings nackte Verzweiflung aus dem Haus und an den Flughafen Kabul. Seit Sonntag hatten sich Hunderte, vielleicht Tausende Menschen auf den Weg dorthin gemacht in der Hoffnung, aus dem Land zu kommen. Manche von ihnen standen auf Listen westlicher Länder und sollten geordnet evakuiert werden. Andere hatten Linienflüge gebucht und wollten so das Land verlassen.

"Erfahrungen aus Gebieten, die schon länger von den Taliban beherrscht werden, geben allerdings Anlass zu vorsichtigem Optimismus – zumindest in puncto Bildung."

Naim Ziayee, Vorsitzender der Afghanischen Kinderhilfe

Auch Wahid Akbarzada versucht gerade, seine Leute aus Afghanistan rauszuholen. Er ist der Vereinsvorsitzende des privaten Hilfsprojektes "Impuls Afghanistan". Der Verein realisiert humanitäre Projekte, wie beispielsweise Mädchenschulen. Akbarzadas Leute, das sind elf Frauen von Impuls Afghanistan. Sie sind aktuell vor Ort. Ihre Aufgabe war es, Vorbilder für junge Afghaninnen zu sein – und sie zu motivieren, zu studieren.

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Akbarzada hat die Möglichkeit, für die Frauen Visa zu besorgen, mit denen sie nach Pakistan ausreisen könnten. Allerdings ist ungewiss, wie die Gruppe in das Nachbarland gelangen soll.

Die Sorge um die Projektmitarbeitenden ist nicht die einzige, die Akbarzada und andere Hilfsorganisationen und -vereine aktuell umtreibt. Es steht auch die Frage im Raum, wie es weitergehen wird für die Afghanen und vor allem die Afghaninnen. Gegenüber watson berichtet Akbarzada:

"Es ist eine sehr ungewisse Situation. Die Leute vor Ort sind skeptisch und unsicher. Vor allem wegen der Erfahrungen, die vor 20 Jahren gemacht wurden, als die Taliban das Land regierten. Für Mädchen und Frauen stellt sich die Frage, ob sie weiterhin die Möglichkeit haben werden, zur Schule zu gehen und wenn ja, ob sie dann eine Burka tragen müssen. Das sind alles Fragen, die noch nicht geklärt sind."

Naim Ziayee, der Vorsitzende der Afghanischen Kinderhilfe in Deutschland, gibt sich gegenüber watson hoffnungsvoll: "Erfahrungen aus Gebieten, die schon länger von den Taliban beherrscht werden, geben allerdings Anlass zu vorsichtigem Optimismus – zumindest in puncto Bildung: Dort können auch Mädchen weiter zur Schule gehen und Lehrerinnen weiter unterrichten."

Trotzdem könne davon ausgegangen werden, dass es zu massiven Veränderungen im alltäglichen Leben der Frauen kommen wird. Ziayee spricht zum Beispiel von klaren Kleidungs- und Verhaltensvorschriften. "Ein Radrennen junger Sportlerinnen, wie es jüngst in Kabul noch möglich war, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr geben", sagt Ziayee.

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Viele Afghanninen und Afghanen versuchen das Land zu verlassen. Bild: Getty Images Europe / Paula Bronstein

Klar sei aber auch: "Noch ist es zu früh, um zuverlässig einschätzen zu können, wie sich das Leben der jungen Afghaninnen und Afghanen unter einer Taliban-Herrschaft verändern wird." Die Afghanische Kinderhilfe unterstütze zwei Polikliniken und eine Mädchenschule – alle drei Einrichtungen seien aktuell aufgrund der unsicheren Lage geschlossen, sollen aber schnellstmöglich wieder öffnen.

Vivien Hashemi von der Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen "ZAN" ist deutlich pessimistischer. Sie macht sich große Sorgen um Frauen und Mädchen in Afghanistan. Sie nennt sie die Leidtragenden. Auch während der letzten 20 Jahre – also während des Militäreinsatzes – habe es vor allem im ländlichen Gebiet weiterhin viele Defizite gerade bei der Bildung und Gleichstellung von Frauen und Mädchen gegeben. Hashemi meint:

"Unter dem Regime der Taliban durften Mädchen nicht zur Schule, von der Universität ganz zu schweigen. Um das Haus zu verlassen, mussten sie vollverschleiert sein und auch dann war ihnen dies nur in männlicher Begleitung möglich. Bei einem Regelbruch gab es öffentliche und teils brutale Bestrafungen."

Viele junge Frauen fürchteten sich auch jetzt davor, zwangsverheiratet zu werden. "Die Taliban lehnen jeglichen westlichen Einfluss ab, den sie als 'nicht-islamisch' definieren", sagt Hashemi. Aus ihrer Sicht ist nicht erkennbar, dass die Taliban ihre Einstellungen geändert habe. So könnten die Fortschritte, die für Frauen und Mädchen erreicht wurden, zunichtegemacht werden.

Gegenüber watson sagt sie:

"Wie aus einem UN-Bericht von 2018 hervorgeht, sind rund dreiviertel aller Frauen Analphabetinnen. Trotzdem konnte gleichzeitig der Aufbau von Universitäten, der Wirtschaft sowie Kunst und Kultur gefördert werden, sodass sich das Leben der jungen Menschen in Afghanistan stark verändern wird. Bereits jetzt sind Bilder auf den sozialen Netzwerken im Umlauf, die zeigen, wie alle Abbilder von Frauen in der Öffentlichkeit entfernt werden. Die Fernsehsender mussten zudem ihren Normalbetrieb einstellen, reine Musikkanäle laufen schon nicht mehr. Die verzweifelten Videos und Bilder aus dem Flughafen Kabuls sprechen Bände. Die Menschen wollen nur eins – Hauptsache weg von den Taliban."

Dass viele Menschen wegwollen aus Afghanistan, das lässt sich in diesen Tagen auch am Flughafen in Kabul beobachten. Dort ist es am Montag zu chaotischen Szenen gekommen: Afghanen, die vor den Taliban fliehen wollten, rannten auf das Flugfeld, um in Sicherheit gebracht zu werden. Der Flugverkehr musste zeitweise eingestellt werden.

Ein Flugzeug der US-Luftwaffe hat einem Medienbericht zufolge mit einem einzigen Flug rund 640 afghanische Zivilisten in Sicherheit gebracht. Die Internetseite "Defense One" veröffentlichte am Montag ein Foto des vollgepackten Innenraums der Transportmaschine vom Typ C-17, in dem die Afghanen auf dem Boden sitzen – der vor lauter Menschen nicht mehr zu sehen ist. "Defense One" berichtete, panische Afghanen hätten sich in Kabul über die halboffene Rampe ins Flugzeug gezogen.

Die Besatzung habe sich entschieden zu fliegen, statt die Menschen wieder von Bord zu zwingen. Aus Sicherheitskreisen habe es geheißen, nach der Landung in Katar seien 640 Zivilisten aus der Maschine ausgestiegen. Nach Angaben des Herstellers Boeing ist die riesige Frachtmaschine eigentlich für bis zu 134 Passagiere ausgelegt. Das US-Verteidigungsministerium bestätigte den Bericht zunächst nicht.

(Mit Material von dpa)

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