Eine Frau in Frankreich demonstiert für die Rechte der Afghaninnen.
Eine Frau in Frankreich demonstiert für die Rechte der Afghaninnen.Bild: www.imago-images.de / Alain Pitton
Analyse

"Sie demonstrieren unter Lebensgefahr" – Afghaninnen kämpfen weiter für ihre Rechte

15.08.2022, 19:0818.08.2022, 20:55

Frauen ziehen durch die Straßen, halten Plakate in die Luft, schwenken die Fahne ihres Landes Afghanistan. Sie sind wütend.

Wütend auf ihre Regierung.

Wütend auf jene, die sie im Stich gelassen haben.

Friedlich demonstrieren sie für Essen, Arbeit und Freiheit. Für Rechte, die für Frauen in Deutschland als selbstverständlich gelten – aber die Afghaninnen haben sie mit der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 verloren.

Wie hat sich das Leben im vergangenen Jahr für die Mädchen und Frauen in Afghanistan verändert? Was erdulden Aktivistinnen und Anwältinnen? Darüber hat watson unter anderem mit dem Afghanischen Frauenverein, der deutschen UN Women und der Journalistin Shikiba Babori gesprochen.

Taliban will Frauen in der Gesellschaft unsichtbar machen

Den Jahrestag der Machtübernahme der Taliban nahmen die Frauen als Anlass, um am vergangenen Samstag erneut auf die Straßen zu gehen. "Das ist extrem mutig. Sie demonstrieren unter Lebensgefahr", sagt Christina Ihle gegenüber watson. Die Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins weist auch auf die "stillen Heldinnen" hin, die im Verborgenen weiterhin Mädchen unterrichten.

"Die Taliban haben die Frauen Schritt für Schritt aus der Öffentlichkeit verbannt."
Journalistin Shikiba Babori

Laut der Frauenrechts- und Hilfsorganisation "Medica Mondiale" haben sich die Afghaninnen das ganze Jahr über dem Regime der Taliban widersetzt, zum Teil von zu Hause aus: Krankenpflegerinnen und Ärztinnen, die Gewalt-betroffene Frauen beraten. Lehrerinnen, die online und geheim weiter unterrichtet haben.

Mädchen dürfen ab der siebten Klasse nicht mehr in die Schule gehen.
Mädchen dürfen ab der siebten Klasse nicht mehr in die Schule gehen.Bild: AP / Ebrahim Noroozi

In Großstädten wie Kabul ist für Mädchen ab der siebten Klasse Schluss mit der Schulausbildung. "Die Taliban haben die Frauen Schritt für Schritt aus der Öffentlichkeit verbannt", erklärt die in Kabul geborene Journalistin und Ethnologin Shikiba Babori im Gespräch mit watson. "Das Frauenministerium wurde bald nach der Machtergreifung durch Taliban im August 2021 durch das 'Ministerium der Tugenden und Laster' ersetzt."

Laut "Medica Mondiale" will die Taliban die Stimmen der Frauen aus der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft und der Kultur verbannen. 75 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Afghanistan wurden Ihle zufolge entlassen – etwa aus Behörden, Banken und Medien. "Afghanistan ist heute das einzige Land auf der Welt, in dem keine einzige Frau ein politisches, administratives oder öffentliches Amt innehat", sagt die Sprecherin von "Medica Mondiale", Helena Haack, gegenüber watson.

Im August 2021 versuchen zahlreiche Menschen aus Afghanistan zu fliehen.
Im August 2021 versuchen zahlreiche Menschen aus Afghanistan zu fliehen.Bild: AP / Omar Haidari

Menschen, die sich gegen die Taliban stellen und in den vergangenen zwanzig Jahren für Gleichberechtigung und die Sichtbarkeit von Frauen gekämpft haben, sind laut Haack in ihrem Leben bedroht. "Insbesondere Frauenrechtsaktivistinnen sind der Härte und Gewalt der Taliban ausgesetzt", meint Haack. So dürfen unter anderem Staatsanwältinnen und Richterinnen ihren Beruf nicht mehr ausüben und werden verfolgt, weil sie in der Vergangenheit auch Taliban vor Gericht gestellt haben.

"Von einigen habe ich lange nichts mehr gehört. Diese Ungewissheit ist quälend."
Journalistin Shikiba Babori

Gerade diese Frauen leben in Todesangst, sagt Düzen Tekkal im Gespräch mit watson. "Eine der ersten Amtshandlungen der Taliban, als sie die Stadt Kabul einnahmen, war es, die Gefängnistore der Stadt zu öffnen", erklärt die Gründerin und Leiterin der Nichtregierungsorganisation Háwar. Alle Frauen, die in irgendeiner Weise für die vormalige Regierung gearbeitet haben, fürchten um ihr Leben. "Einige von ihnen sind verschwunden und nie wieder aufgetaucht", erklärt Tekkal. Wer könne, versuche zu fliehen.

Düzen Tekkal, Gründerin von Háwar, ist besorgt über die Lage der Afghaninnen.
Düzen Tekkal, Gründerin von Háwar, ist besorgt über die Lage der Afghaninnen. Bild: IMAGO / Jürgen Heinrich

"Es gibt aber auch Journalistinnen und Menschenrechtsaktivistinnen, die sich bewusst dazu entschieden haben, im Land zu bleiben", erklärt Babori. Diese Frauen und ihre Familien haben sich einer großen Lebensgefahr ausgesetzt. Die mit dreizehn Jahren nach Deutschland emigrierte Journalistin beschreibt die Lage der Frauen unter der Taliban in ihrem Buch "Die Afghaninnen – Spielball der Politik", erschienen im Campus Verlag. "Es kam im letzten Jahr vermehrt zu Entführungen, Vergewaltigungen und Ermordungen. Menschen wurden ohne Gerichtsurteile getötet", sagt Babori, die mit Afghan:innen vor Ort täglich in Kontakt steht. "Von einigen habe ich lange nichts mehr gehört. Diese Ungewissheit ist quälend."

Depressionen, Zwangsehen und Selbstmordrate steigen drastisch an

Seit dem vergangenen Jahr sei die ohnehin hohe Selbstmordrate unter Afghaninnen nochmals angestiegen, erfuhr Babori durch ihre Kontakte in Afghanistan. Auch leiden zunehmend Mädchen und Frauen an physischen Erkrankungen wie Depressionen. Viele Familien leben in extremer Armut durch die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes. "Eltern verkaufen ihre Kinder, Mädchen werden zwangsverheiratet. Im schlimmsten Fall verschenken Eltern ihre Kinder, um eine Person weniger ernähren zu müssen – vor allem die Mädchen", erklärt Babori. Denn diese stellen eine höhere Belastung für die Familien dar.

Demnach erhalten viele Frauen weder Schutz von der eigenen Familie noch von der Gesellschaft oder der Regierung. Das deutsche Komitee der Nichtregierungsorganisation UN Women fordert, dass umfangreiche Finanzmittel bereitgestellt werden, um Frauen vor Ort gezielt zu unterstützen.

Mädchen in Afghanistan verlieren ihre Rechte unter der Taliban-Herrschaft.
Mädchen in Afghanistan verlieren ihre Rechte unter der Taliban-Herrschaft.Bild: AP / Mstyslav Chernov

So kann Deutschland den Afghaninnen helfen

Elke Ferner, Vorsitzende der deutschen UN Women, verlangt von der Bundesregierung, dass gefährdete afghanische Frauenrechtlerinnen und ihre Familien in Deutschland aufnehmen. Die Taliban-Führung müsse weiterhin kontinuierlich dazu aufgefordert werden, die verbindlichen Verpflichtungen aus den internationalen Verträgen, denen Afghanistan beigetreten ist, in vollem Umfang zu erfüllen, meint Ferner gegenüber watson.

Die Taliban sind abhängig von finanzieller Hilfe aus dem Ausland und wollen international anerkannt werden – das sei ein gutes Druckmittel, erklärt die Journalistin Babori.

"Seit langem fordern afghanische Frauenrechtlerinnen, dass die westlichen Staaten ihre Milliardenhilfen an Bedingungen knüpfen", sagt die gebürtige Afghanin. Aber leider wurde dieses "Druckmittel" bisher wenig genutzt. Gerade jetzt, wo die Fußballweltmeisterschaft (WM) in Katar stattfindet, kann die Weltgemeinschaft laut Babori ein Zeichen setzen.

Die Journalistin Shikiba Babori sieht die WM in Katar als Chance, um Druck auf die Taliban auszuüben.
Die Journalistin Shikiba Babori sieht die WM in Katar als Chance, um Druck auf die Taliban auszuüben. bild: privat / Rossbach

WM in Katar und Frauenrechte in Afghanistan

Katar gehört neben Pakistan und Saudi Arabien zu einem der großen Unterstützer der Taliban. Die WM sei eine Chance, Druck auf Katar und damit auf die Taliban auszuüben, erklärt Babori. "Man kann die Spiele boykottieren und dadurch auf die schlimmen Frauenrechtsverletzungen in Afghanistan hinweisen und somit Katar dazu bringen, ebenfalls auf die Taliban Druck auszuüben." Denn ohne die Frauen wird das Land nicht wieder selbst auf die Beine kommen, sagt Frauenrechtlerin Tekkal.

"In den Gefängnissen werden sie mit Elektroschocks gefoltert."
Journalistin und Frauenrechtlerin Düzen Tekkal

Und doch schließen die Taliban die Hälfte der Bevölkerung aus. "Es steht nirgends im Koran, dass Frauen unterdrückt werden dürfen. Es ist ein Konzept, das den Menschen verkauft wird", sagt Babori und weist auf die patriarchalisch rückständige Gesellschaft Afghanistans hin. Die Extremisten fürchten sich vor selbstbewussten Frauen: denn sie könnten widersprechen und bisherige politische sowie gesellschaftliche Strukturen infrage stellen.

Fußballfans protestieren gegen die WM 2023 in Katar, ein Land, das unter anderem die Taliban unterstützt.
Fußballfans protestieren gegen die WM 2023 in Katar, ein Land, das unter anderem die Taliban unterstützt. Bild: IMAGO / ULMER Pressebildagentur

Wie etwa die Afghaninnen, die auch jetzt wieder auf die Straße gehen. Diese Frauen, deren Proteste gewaltsam niedergedrückt werden. Frauen, die festgenommen werden – ohne Gewissheit, was mit ihnen passieren wird.

Schüsse werden Frauenrechte und Menschenrecht nicht aufhalten

Tekkal zufolge gehen die Frauen hohe Risiken ein, wenn sie demonstrieren. "Die Taliban sperren sie willkürlich ein, in den Gefängnissen werden sie körperlich und psychisch misshandelt, mit Elektroschocks gefoltert." Ihnen werde unter anderem damit gedroht, dass die Taliban ihre Familienmitglieder umbringen.

Viele Afghaninnen gehen ein großes persönliches Risiko ein, um für ein selbstbestimmtes Leben und für Frauenrechte einzutreten. Elke Ferner von der deutschen UN Women ist der festen Überzeugung: Keine Schüsse werden Frauen- und Menschenrechte je aufhalten.

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