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Analyse

"IS"-Führer Bagdadi samt Sturmgewehr – Im Video verstecken sich 3 Botschaften

30.04.2019, 13:31

Der wohl meistgesuchte Mann der Welt ist alt geworden. Erstmals seit fünf Jahren taucht der Anführer des selbsternannten "Islamischen Staats" Abu Bakr al-Bagdadi wieder vor einer Kamera auf, er hat zugelegt, sein Bart ist grau geworden.

  • Seit 2014 hat die Öffentlichkeit Bagdadis Gesicht nicht mehr gesehen, damals hatte er in einer Moschee das Kalifat in Syrien ausgerufen.
  • Dann kam der Krieg und die US-Geheimdienste sprachen zwischenzeitlich sogar von seinem Tod. Andere glaubten, er halte sich in der syrischen Wüste versteckt.

Aber Aussehen und Sprache sprechen dafür: Der Mann im Video, hinter dem eine Kalaschnikow an der Wand lehnt, er ist der echte Terroristenführer. (Zur Waffe gleich mehr) Und er räumt seine Niederlage ein.

"Der Kampf um Baghus ist vorbei", sagt der 47-jährige IS-Befehlshaber. Er erwähnt auch weitere Niederlagen, unter anderem im nordirakischen Mossul und im libyschen Syrte. Und dann beginnen seine Drohungen.

Bagdadi spricht von der langen Schlacht, vom Dschihad und von der Rache für die letzte gefallene IS-Instanz, Baghus, im März. Die Anschläge von Sri Lanka etwa seien bereits Teil des neuen IS-Terrors. Bei ihnen sind 253 Menschen getötet und fast 500 verletzt worden.

Was bedeutet das plötzliche Auftauchen Bagdadis und warum jetzt? 3 Erklärungsversuche:

Der "IS" schaltet intern um:

Was Experten seit Monaten beschreiben, bekommt mit dem Auftritt Bagdadis jetzt ein neues, altes Gesicht. Nachdem der "Islamische Staat" in Syrien militärisch besiegt und sein Kalifat zerschlagen ist, schalten seine Anhänger jetzt wieder auf ihre "alte" Taktik um.

Kämpfer kehren in ihre Heimatländer zurück, Terrorzellen bilden sich im Schutz der Bevölkerungen, die Vernetzung und Rekrutierung von Nachwuchs auf Social Media und vor Ort gehen weiter. Man darf nicht vergessen:

  • Der "IS" besitzt noch immer finanzielle Ressourcen.
  • Der "IS" bleibt eine Marke, die zumindest behaupten kann: Für eine gewisse Zeit waren wir erfolgreich, wir haben einen Staat geschaffen.
  • Und der "IS" hat nach wie vor Führungspersonal.

Dieses Führungspersonal hat jetzt wieder ein Gesicht: Bagdadi. Sein Auftritt richtete sich nicht nur an Außenstehende sondern vor allem auch an Anhänger. Der "IS" ist nicht frei von internen Spannungen und Entzweiung. Außerdem kann die Organisation ohne Staat nicht mehr so straff organisiert sein wie zuvor.

Der Auftritt von Bagdadi kann die Wogen glätten und hilft dem "Islamischen Staat" in den "Überlebensmodus" zu schalten, wie Sofia Koller ihn einmal definierte. Sie forscht zu gewalttätigem Extremismus bei der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik". Insofern ist sein Video intern so etwas wie ein Nachbrenner.

Die Logik des Terrors funktionert nach Außen hin weiter

Terrorismus hat das Ziel, mit Hilfe von Gewalt gegen die Zivilbevölkerung Unsicherheit und Spaltung zu erzeugen.

So gesehen ist Bagdadis Video selbst eine Art medialer Anschlag. Die New York Times spricht sogar von einer "Infomercial", also einer Art Werbespot mit Nachrichtengehalt.

Die Bühne stimmt: Webseiten weltweit schreiben (wie wir) über sein rund 20-minütigen Beitrag. Eine einfache IS-Botschaft erreicht so ohne Aufwand eine maximale Öffentlichkeit: Die Organisation ist noch da, und Anschläge folgen.

Aber nicht nur das: Indem er dem "IS" wieder einen Kopf gibt, suggeriert Bagdadi auch einen gewissen Grad der Organisation. Deshalb hocken vermutlich auch einige seiner "Offiziere" vermummt mit im Video. Der Motor des Terrors, so soll diese Anordnung zeigen, er brummt noch. In welcher Größenordnung das in Wahrheit stimmt, lässt sich kaum sagen. Die Marke "IS" aber wird dadurch nach außen hin gestärkt. Die Unsicherheit und Alarmstufe unter der Bevölkerung bleibt hoch.

Das Sturmgewehr an seiner Seite und die Botschaft für den Dschihad

Viele Fachblogs, so seltsam es klingt, beschäftigen sich auch mit der Waffe, die hinter Bagdadi prominent positioniert ist.Es handelt sich dabei um eine AKS-74U.

Sie taucht in der Geschichte des Dschihads immer wieder auf. Schon Osama Bin Laden positionierte genau diese Waffe in Terror-Videos hinter sich. Auch der Führer von al-Qaida im Irak, Abu Musab al-Zarqawi, signalisierte seine Gewaltbereitschaft mit ihrer Hilfe.

Sie ist auch ein Symbol für den Sieg über die Besatzung der Sowjets in Afghanistan, wie auch dieser Blog schreibt:

Indem Bagdadi sie in Szene setzt, will er seinem Video eine besonders historische Fallhöhe geben. Er bekennt sich damit auch zu den Wurzeln des Dschihad-Terrorismus und reicht die Hand an andere Terror-Organisationen, die dem "IS" ideologisch oft kritisch gegenüberstehen. Die Botschaft gegenüber Netzwerken wie al-Qaida und Dschabhat Fath asch-Scham könnte lauten: Jetzt zusammen.

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