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Unverholen droht der russische Präsident Wladimir Putin immer wieder mit dem Einsatz der Atombombe.Bild: www.imago-images.de / magann
Ukraine

Warum wir nicht auf Putins Atom-Bluff hereinfallen sollten

Der Ukraine-Krieg kann auch ohne nukleare Eskalation beendet werden.
24.10.2022, 07:59
Philipp Löpfe / watson.ch

Bill Maher ist ein berühmter linksliberaler amerikanischer Comedian. In seiner letzten Sendung fragte er sich jedoch besorgt, ob die USA wirklich einen Atomkrieg riskieren sollten, nur um zu entscheiden, ob die Provinzen Luhansk und Donezk zu Russland oder der Ukraine gehören.

Maher greift damit ein Thema auf, das linke und rechte Putin-Versteher von Yanis Varoufakis über Tucker Carlson bis Roger Köppel seit Wochen predigen: Die Ukraine ist uns keinen Atomkrieg wert – und damit meinen sie implizit: Gebt Putin, was er will.

Die Putin-Versteher wollen, dass wir in eine plumpe Falle tapsen, die der russische Präsident dem Westen gestellt hat. Oder wie es Andrij Sahorodnjuk, der ehemalige Verteidigungsminister der Ukraine, in "Foreign Affairs" ausdrückt:

"Viele Menschen fürchten, dass Putin seine Drohung, Atomwaffen einzusetzen, wahr machen könnte. Aber der Westen kann Putin so einschüchtern, dass er davon abgehalten wird, sich ernsthaft einen solchen Angriff zu überlegen."

Sinnbild einer atomaren Apokalypse ist der legendäre Film "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" von Stanley Kubrick. Dieser Film wurde 1964 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und unter dem Eindruck der Kuba-Krise gedreht.

Es ist eine Satire, in der ein verrückt gewordener amerikanischer General einen Angriff auf die Sowjetunion befiehlt. Am Ende reitet ein Bomberpilot cowboymäßig auf einer Atombombe und löst damit die Apokalypse aus.

7th March 1963: American actress, Tracy Reed, being made up before shooting begins on the set of the film 'Dr Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb'. (Photo by Reg Lancaster ...
Tracy Reed, die Hauptdarstellerin aus Stanley Kubricks Klassiker "Dr. Strangelove".Bild: Hulton Archive / Reg Lancaster

Ein in die Enge getriebener Putin könne ebenfalls durchdrehen, befürchten nun die Bill Mahers und Roger Köppels dieser Welt. Tatsächlich wird Putin militärisch zunehmend in die Enge getrieben. Eine wachsende Schar von Militärexperten hält seinen Krieg gegen die Ukraine bereits für verloren. Zudem hat der russische Präsident schon mehrmals mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht und betont, das sei "kein Bluff".

Wir sollten uns weder von den Drohungen des russischen Präsidenten, noch von den Untergangs-Propheten ins Bockshorn jagen lassen. "Das Bild vom Atompilz als Schlusspunkt dieser Geschichte erzeugt Angst und behindert klares Denken", stellt Timothy Snyder in einem von der NZZ veröffentlichten Essay fest. "Der Fokus auf dieses Szenario verhindert, dass wir sehen, was tatsächlich passiert, und dass wir uns auf wahrscheinlichere Szenarien vorbereiten." Snyder ist Geschichtsprofessor an der Yale University und gilt als führender Osteuropa-Experte.

Von einem nuklearen Angriff kann sich Putin tatsächlich nichts erhoffen. Geopolitisch würde er riskieren, dass ihm selbst seine wichtigsten Verbündeten China und Indien die kalte Schulter zeigen. Schon als es kürzlich in der Uno um die Anerkennung der russischen Annexion der besetzten ukrainischen Gebiete ging, spielten die beiden nicht mehr mit.

Auch mit dem Einsatz von taktischen Nuklearwaffen kann Putin eine drohende Niederlage kaum mehr abwenden. Selbst das Zünden einer kleinen Atombombe würde keinen entscheidenden Unterschied machen.

Snyder hält das so fest:

"Es gibt keine bedeutsamen Ansammlungen von ukrainischen Soldaten oder ukrainische Ausrüstung, die ins Visier genommen werden kann, da die Ukraine sehr dezentral kämpft."

Militärisch würde der Einsatz einer solchen Bombe zudem nur dann Sinn machen, wenn gut geschützte und ausgerüstete russische Truppen danach sofort in das zerstörte Gebiet vorstoßen könnten. Genau dies können die demoralisierten und schlecht ausgerüsteten Soldaten derzeit gar nicht leisten.

Zerstörte Häuser in Kiew. Bereits heute terrorisiert Putin die Zivilbevölkerung.
Zerstörte Häuser in Kiew. Bereits heute terrorisiert Putin die Zivilbevölkerung.Bild: AP / Roman Hrytsyna

Seit dem Angriff auf die Brücke, welche die Krim mit Russland verbindet, setzt ein frustrierter Putin wieder auf Terror gegen die Zivilbevölkerung. Ein Einsatz einer Atombombe gegen eine Stadt in der Ukraine wäre die schreckliche Fortsetzung dieses Terrors, doch er wäre sinnlos. Die Führung der Ukraine hat mehrmals betont, dass auch dies den Widerstand der Soldaten und der Bevölkerung nicht brechen würde.

Schließlich würde ein Einsatz einer Atomwaffe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine heftige Reaktion der Nato zu Folge haben. Jake Sullivan, der nationale Sicherheitsberater von Präsident Joe Biden, hat schon vor Wochen öffentlich erklärt, die USA hätten den Russen klargemacht, wie sie darauf reagieren würden. Es würde verheerend sein für die Russen – und ja, auch das sei kein Bluff.

Das Argument, ein frustrierter Putin würde nach dem Motto "Nach mir die Sintflut" einen atomaren Weltuntergang in Gang setzen, ist wenig wahrscheinlich. "Wenn Frustration über eine Niederlage ein Motiv für den Einsatz von Atomwaffen wäre, wäre dies bereits geschehen", so Snyder. "Das ist aber nicht der Fall. Es gab kaum etwas Demütigenderes als die russische Niederlage vor Kiew."

Vielleicht sitzt Putins Feind auch bald nicht mehr in Kiew. Snyder spielt mit der Hypothese, wonach der Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow und Jewgeni Prigoschin, der Chef der Söldner-Truppe Wagner, einen Staatsstreich anstreben. Sie würden bewusst gegen die militärische Führung hetzen, ihre eigenen Männer jedoch für einen kommenden innenpolitischen Machtkampf schonen, spekuliert Snyder.

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Seit Putin keine TV-wirksame "militärische Spezialoperation" mehr führt, sondern die Söhne russischer Mütter in die Schlacht wirft, wackelt auch seine Position im Kreml und mögliche Nachfolger bringen sich in Position. Snyder schreibt in seinem Essay darüber:

"Sollte dieses Szenario eintreten, braucht Putin gar keinen Vorwand mehr, um sich aus der Ukraine zurückzuziehen – er wird dies für sein eigenes politisches Überleben tun."

Andrij Sahorodnjuk gibt sich derweil siegessicher. Der Ex-Verteidigungsminister ist überzeugt, dass es der ukrainischen Armee gelingen wird, die Russen nicht nur aus dem Donbass, sondern auch von der Krim zu vertreiben. Der Westen dürfe sich deshalb auf keinen Fall von Putins Atom-Bluff einschüchtern lassen, betont er.

Stattdessen solle er der Ukraine genügend Waffen liefern. "Angesichts der sich häufenden Rückschläge wird die Moral der russischen Truppen zusammenbrechen und die Soldaten werden nach Hause fliehen", meint Sahorodnjuk.

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