Ein Bild, an das man sich bereits gewöhnt hat: Maskenpflicht in Deutschland.
Ein Bild, an das man sich bereits gewöhnt hat: Maskenpflicht in Deutschland.
Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Wie Deutschland: Warum sind einige Länder weniger von Corona betroffen?

11.05.2020, 07:15

Die Ausbreitung des Coronavirus in verschiedenen Ländern gibt Rätsel auf. Fast jedes Land auf der Welt ist von Covid-19 betroffen, aber das jeweilige Ausmaß ist völlig unterschiedlich. Warum sind beispielsweise in Frankreich über 25.000 Tote zu beklagen, im Nachbarland Deutschland dagegen nur etwas mehr als 7000? Warum sind im Iran über 6000 Menschen gestorben, im benachbarten Irak aber nur etwa 100? Und warum sind Metropolen wie New York, Paris oder London so stark betroffen, während Bangkok, Bagdad oder Lagos bisher größtenteils verschont geblieben sind?

Die Antworten auf diese Fragen sind auch deshalb so interessant, weil sich aus ihnen wirksame Mittel im Kampf gegen das Coronavirus ableiten ließen. Bisher gibt es allerdings noch keine allumfassende Erklärung, sondern lediglich Theorien und Spekulationen. Weltweit laufen Untersuchungen, in denen der Einfluss von Demografie, Vorerkrankungen, Klima oder genetischen Bedingungen untersucht wird.

Die "New York Times" hat mit vielen Experten weltweit gesprochen, laut Angaben der Zeitung mehr als 25. Dabei haben sich vier Kernfaktoren herauskristallisiert, die eine Rolle dabei spielen, wie hart ein Land vom Coronavirus getroffen wird.

  • Demografie
  • Kultur
  • Umwelt
  • Schnelligkeit der Reaktion der Regierung.

Demografische Faktoren

Junge Menschen sind deutlich seltener von schweren Krankheitsverläufen betroffen als ältere. Oft bleiben sie symptomfrei. Hilft es Ländern also, wenn ihre Bevölkerung im Schnitt jünger ist?

Was dafür spricht:

  • Viele Länder, die von der Pandemie bisher relativ verschont geblieben sind, haben eine überdurchschnittlich jüngere Bevölkerung.
  • Afrika ist der jüngste Kontinent der Welt, auf dem mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind. Hier gibt es nur etwa 45.000 gemeldete Fälle, ein winziger Bruchteil der 1,3 Milliarden Einwohner.
  • In Italien, einem der am stärksten betroffenen Länder, liegt der Mittelwert des Alters bei über 45 Jahren. Das Durchschnittsalter derer, die dort an Covid-19 starben, lag bei etwa 80 Jahren.

Was dagegen spricht:

  • Japan, das Land mit der ältesten Durchschnittsbevölkerung der Welt, hat weniger als 520 Todesfälle zu verzeichnen.
  • Die Region Guayas in Ecuador, das Epizentrum eines Ausbruchs, der bis zu 7000 Todesopfer gefordert haben könnte, ist eine der jüngsten Regionen des Landes, in der nur 11 Prozent der Einwohner über 60 Jahre alt sind.

Was das für Deutschland bedeuten könnte:

In Deutschland sind die Menschen im Durchschnitt ähnlich alt wie in Italien, hier liegt der Altersdurchschnitt bei etwa 44 Jahren. 19 Prozent der Gesamtbevölkerung sind 67 Jahre und älter, gehören somit zur Risikogruppe. Ein unkontrollierter Ausbruch des Virus könnte in Deutschland fatale Folgen haben.

Kulturelle Faktoren

Soziale Distanzierung ist in manchen Ländern bereits seit langem ein Teil der Kultur: In vielen südostasiatischen Ländern begrüßen Menschen sich ohne Berührung, mit vor der Brust gefalteten Händen. In vielen nicht-westlichen Ländern gibt es viel weniger Alten- und Pflegeheime, in denen sich das Virus besonders schnell ausbreiten kann. Zudem gehört das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in vielen dieser Länder bereits zur Normalität. Können diese Gewohnheiten helfen, das Virus einzudämmen?

Was dafür spricht:

  • In Japan, Vietnam und Thailand, wo Distanzierung zum kulturellen Leben dazugehört, sind die Infektionszahlen relativ gering.

Was dagegen spricht:

  • In vielen Ländern des Nahen Osten begrüßen sich Menschen üblicherweise mit Umarmung und Kuss. Distanzierung findet kulturell bedingt eher nicht statt, trotzdem sind in Ländern wie dem Irak oder Syrien wenige Menschen infiziert, was allerdings auch auf die Abschottung der Länder zurückzuführen sein kann.

Was das für Deutschland bedeuten könnte:

Auch in Deutschland gehören gewisse Vorsichtsmaßnahmen, wie die Abstandsregel oder die Maskenpflicht, bereits zum Corona-Alltag. Social distancing wurde von vielen bereits verinnerlicht. Das kann helfen, das Virus einzudämmen. Trotzdem ist Deutschland aufgrund der gut ausgebauten Mobilität anfälliger als andere Länder.

Umwelt- und Klimafaktoren

Es scheint zutreffend, dass Coronaviren in wärmeren, feuchten Klimazonen weniger ansteckend sind. Auch die Ausbreitung der Influenza lässt nach, sobald es wärmer wird. Spielen diese Faktoren bei der Ausbreitung von Corona also eine Rolle?

Was dafür spricht:

  • Die großen Ausbrüche wurden zunächst in China, Italien und den USA festgestellt, also in Teilen der gemäßigten Klimazone und weniger in tropischen Ländern.
  • In warmen Ländern des afrikanischen Kontinents ist das Virus noch kaum in Erscheinung getreten. Der Senegal hat bis heute den offiziellen Angaben zufolge neun Tote, Ruanda gar keine.

Was dagegen spricht

  • Mittlerweile kam es zu verheerenden Ausbrüchen in der Amazonasregion in Brasilien, was die Theorie zu widerlegen scheint.

Was das für Deutschland bedeuten könnte:

Einige Forscher vermuten, dass die Ausbreitung des Coronavirus hierzulande im Sommer aufgrund des Temperaturanstiegs nachlassen wird. Dafür könnte es im Herbst und Winter eine zweite Welle geben, die im schlimmsten Fall noch höher ausfällt. Doch ob Temperaturunterschiede überhaupt eine Rolle spielen, ist nicht gewiss. Es ist zu vermuten, dass dieser Faktor eher vernachlässigbar ist.

Früher und konsequenter Lockdown

Für viele Experten sind schnelle und konsequente Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ausschlaggebend. Einige Länder, die früh in den Lockdown gegangen waren, haben nachweislich weniger Infizierte und Todesfälle. Vietnam und Griechenland konnten so beispielsweise einen großen Ausbruch verhindern. Ist der Lockdown also der entscheidende Faktor?

Was dafür spricht:

  • In afrikanischen Ländern, die durch HIV, Tuberkulose und Ebola mit Pandemieplänen vorbereitet waren, blieb der Ausbruch bisher aus. In Sierra Leone wurden an den Flughäfen schon Temperaturen gemessen und Masken getragen, als es in Ländern Europas noch überhaupt keine Maßnahmen gab.
  • Der Senegal und Ruanda schlossen früh ihre Grenzen, dort gibt es offiziell fast überhaupt keine Infizierten
  • Vielerorts ist ein Rückgang der Infektionszahlen zu beobachten, nachdem Schulen, Geschäfte und Restaurants geschlossen wurden.

Was dagegen spricht:

  • In einigen Ländern des Nahen Osten, zum Beispiel im Libanon, leben viele Menschen dichtgedrängt in Slums. Infektionen blieben nach offiziellen Angaben jedoch größtenteils aus.
  • Kambodscha und Laos veranlasste nur wenige Maßnahmen, doch beide Länder meldeten in den vergangenen drei Wochen keinen einzigen neuen Fall.

Was das für Deutschland bedeutet:

Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern relativ früh mit Kontaktbeschränkungen reagiert und konnte somit eine hohe Welle von Infizierten verhindert. In anderen Ländern hatte sich zu diesem Zeitpunkt das Virus schon unbemerkt ausgebreitet. Für Gesundheitsexperte und SPD-Politiker Karl Lauterbach war das der entscheidende Faktor.

Bei "Markus Lanz" im ZDF betonte er:

"80 Prozent unseres Erfolgs sind die bestürzenden Bilder aus Italien gewesen. Und dann haben wir alles dicht gemacht, bevor viele infiziert waren."
Karl Lauterbach
quelle: "Markus lanz" vom 5.5.2020

Gleichzeitig sprach er sich gegen frühzeitige Lockerungen aus. Unkontrollierte Menschenansammlungen könnten schnell dafür sorgen, dass die Fälle wieder steigen.

Zusatzfaktor: Glück

Zuletzt lässt sich sagen, das Glück wohl auch eine erhebliche Rolle spielt. Wenn eine Person die Möglichkeit hatte, hunderte Menschen anzustecken, die dann wiederum tausende anstecken, steigen die Infektionszahlen exponentiell an. Die Forscher sprechen dann von Super-Spreadern.

Außerdem ist zu beachten, dass einige Länder möglicherweise noch gar nicht vom Virus erreicht wurden. Viele Fälle und Corona-Tote könnten unbemerkt geblieben sein. Die Dunkelziffer kann in den Ländern stark variieren.

Bis es gesichertes Wissen über die Gründe für die Ausbreitung des Virus gibt, wird also noch Zeit vergehen. Bis dahin bleibt es wichtig, alle möglichen Faktoren zu berücksichtigen.

(om/lau)

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