Beirut nach der Explosion: Rauch steigt auf von der Stelle, an der vor kurzem noch eine Lagerhalle stand.
Beirut nach der Explosion: Rauch steigt auf von der Stelle, an der vor kurzem noch eine Lagerhalle stand.
Bild: dpa / Hussein Malla
Der Zeuge

Junger Libanese: "Das Beirut, in dem wir aufgewachsen sind, gibt es nicht mehr"

06.08.2020, 18:0607.08.2020, 10:49
rami panayoti

Das Beirut seiner Kindheit gibt es nun nicht mehr, sagt Rami Panayoti: Der 27-jährige Unternehmensberater hat ein Haus in der Hauptstadt des Libanons, in dem er sich zum Zeitpunkt der Explosion glücklicherweise nicht befand. Mindestens 150 Menschen kamen ums Leben, als im Hafen von Beirut eine Lagerhalle mit der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat in die Luft gegangen ist, mehrere tausend wurden verletzt.

Rami hatte Glück: Seine Angehörigen sind alle wohlauf. Dennoch muss er nun beobachten, wie seine Heimatstadt in Trümmern versinkt – und hofft darauf, dass das Unglück nun zumindest den Beginn des politischen Wandels im Libanon bedeuten könnte.

"So viel Glas in Beirut zu Bruch gegangen ist, so sehr halten die Menschen nun zusammen."

Am Tag der Explosion bin ich glücklicherweise nicht in Beirut gewesen – und hatte trotzdem den Eindruck, direkt dabei gewesen zu sein: Ich war gemeinsam mit Freunden in den Bergen, etwa eine Autofahrstunde von der Hauptstadt entfernt, als wir beim Mittagessen einen enorm lauten Knall hörten. So laut, dass wir gleich aufgesprungen sind, weil wir fest davon überzeugt waren, dass gleich in der Nähe etwas explodiert sein muss.

Hektisch sahen wir uns um, suchten mehrere Minuten nach dem Ursprung des lauten Geräuschs, während gleichzeitig schon die ersten Einmeldungen über die Explosion auf unseren Handys eingingen: Videos vom Hafen von Beirut, die große Rauchwolken und Flammen zeigten – aber wir hatten noch keine Ahnung, was diese erschreckenden Bilder zu bedeutet hatten. Dass etwas Verheerendes passiert sein musste, spürten wir allerdings sofort – und kontaktierten zunächst alle unsere Verwandten und Freunde, um sicherzugehen, dass alle wohlauf sind.

Meine Familie besitzt mehrere Häuser. Eines davon, das zum Zeitpunkt der Detonation glücklicherweise leer war, befindet sich am Rand von Beirut – eigentlich weit genug von der Unglücksstelle entfernt. Und dennoch wurde es von der Explosion erfasst und beschädigt, so heftig rollte die Welle über die gesamte Stadt hinweg und riss alles mit, was ihr im weg stand.

"Das Beirut, in dem wir aufgewachsen sind, in dem wir ausgegangen sind, in dem wir Cafés und Restaurants besucht haben – dieses Beirut gibt es nun nicht mehr. Es wurde zerstört."

An jenem Tag traf ich mich mit meiner Familie in unserem Haus in Byblos, einer Hafenstadt in der Nähe von Beirut, um zu beraten, wie wir weiter vorgehen wollen. Nachdem wir sicher waren, dass keiner unserer Angehörigen der Explosion zum Opfer gefallen ist, kontaktierten wir unsere Nachbarn. Wir erfuhren, dass einer von ihnen verletzt worden ist und mit sieben Stichen genäht werden musste. In diesem Zusammenhang erfuhren wir auch, dass in unserem Haus die Fenster und ein paar Türen zu Bruch gegangen sind. Darüber waren wir sehr glücklich. Denn wer die aktuellen Bilder aus Beirut gesehen hat, weiß, wie nichtig ein paar zerbrochene Glasscheiben im Verhältnis zum sonstigen Ausmaß der Katastrophe sind.

Es mag für Außenstehende überraschend klingen – aber die Stimmung in Beirut selbst, wo wir tags darauf hingefahren sind, ist sehr gemischt. Natürlich herrscht viel Trauer: Es sind mindestens 150 Todesopfer, mehrere tausend Verletzte zu beklagen, Teile der Stadt wurden dem Erdboden gleich gemacht. Das Beirut, in dem wir aufgewachsen sind, in dem wir ausgegangen sind, in dem wir Cafés und Restaurants besucht haben – dieses Beirut gibt es nun nicht mehr. Es wurde zerstört.

"Zu Trauer und Zusammenhalt mischt sich allerdings auch Wut – Wut auf eine Regierung, von der sich die Bevölkerung im Stich gelassen fühlt."

Gleichzeitig erleben wir eine Welle der Solidarität: Ein jeder versucht, dem anderen zu helfen, alle gehen auf die Straße, um mit anzupacken und für die Mitmenschen da zu sein. Sie öffnen einander die Türen, bieten sich gegenseitig Schlafplätze an, Hotels nehmen diejenigen auf, die durch die Explosion ihre Wohnungen verloren haben. Die einen spenden Lebensmittel, die anderen räumen die Trümmer auf, wieder andere kehren die Scherben zusammen – unfassbar viele Scherben. So viel Glas allerdings zu Bruch gegangen ist, so sehr halten die Menschen nun zusammen. Und das ist wunderschön, so verheerend das Unglück auch ist.

Zu Trauer und Zusammenhalt mischt sich allerdings auch Wut – Wut auf eine Regierung, von der sich die Bevölkerung im Stich gelassen fühlt. Wir wissen zwar alle noch nicht, wie genau das Unglück verursacht wurde. Aber allein die Tatsache, dass eine so große Menge eines so gefährlichen, hochexplosiven Materials wie Ammoniumnitrat unter solch unsicheren Bedingungen mitten in einer Millionenstadt gelagert werden konnte, ist absolut fahrlässig. Die Regierenden haben meiner Ansicht nach auf ganzer Linie versagt.

Man sagt, Unfälle passieren – dieser hier hätte verhindert werden müssen. Nun, da er dennoch geschehen ist, hoffe ich, dass er die Lage im Libanon zumindest nachhaltig verändern wird: Im vergangenen Jahr ist die Wut der Menschen hierzulande auf die Politik zunehmend gestiegen. Korruptionsskandale, eine ungerechte Sozialpolitik und die Wirtschaftskrise lassen das Vertrauen in die Regierung zunehmend schwinden. Mit dem Unglück im Hafen von Beirut hat die Situation eine neue Konfliktstufe erreicht. Gleichzeitig bietet das Potenzial für die großen Veränderungen, die die Libanesen nun schon seit langer Zeit herbeisehnen.

Protokoll: Agatha Kremplewski und Oliver Marquart

Rami Panayoti hofft, dass sich die politische Lage im Libanon nach der Katastrophe ändert.
Rami Panayoti hofft, dass sich die politische Lage im Libanon nach der Katastrophe ändert.
Bild: rami panayoti

Der Zeuge

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