Taliban-Kämpfer im afghanischen Distrikt Mihtalarm

Taliban-Kämpfer im afghanischen Distrikt Mithalarm. Bild: Sputnik / Stringer

Interview

"In Extrem-Situationen muss man mit dem Henker selbst verhandeln" – Menschenrechts-Aktivist über Taliban-Flüge von Katar

Das Ende des Afghanistan-Einsatzes und dessen dramatischen Folgen halten die Welt in Atem. Die Taliban haben die Macht übernommen, im Land herrschen Angst und Unsicherheit, Tausende wollen vor den neuen Machthabern fliehen. Die Lage ist chaotisch, aktuell besonders, nach den grausamen Anschlägen am Flughafen von Kabul am Donnerstagnachmittag. Täglich erreichen uns neue Informationen – eine davon war, dass es die katarische Luftwaffe war, die vergangene Woche Mullah Abdul Ghani Baradar aus Katar in die afghanische Stadt Kandahar flog. Baradar ist ein Mitbegründer der radikalislamischen Taliban. Er gilt als einer der Führer, der wohl in Zukunft große Macht im Land haben wird.

Abdul Ghani Baradar gilt als aktueller Anführer der Taliban

Abdul Ghani Baradar gilt aktuell als einer der Taliban-Führer. Bild: AA / Sefa Karacan

Die Nähe zwischen Katar und den Taliban wurde daraufhin von einigen Politikern scharf kritisiert. Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock richtete sich im ARD-Sommerinterview direkt an das katarische Emirat:

"Wenn ihr weiter die Taliban auf diese Weise unterstützt, wenn ihr weiter auf diese massive Art zu Menschenrechtsverletzungen beitragt, können wir nicht demnächst bei euch Fußball spielen."

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Mit dem letzten Aspekt bezieht sich Baerbock auf die Fußball-Weltmeisterschaft, die im Winter 2022 in Katar stattfinden soll. Sie fordert eine Absage der WM – und kritisiert gleichzeitig die Transportflüge der katarischen Regierung für die Taliban scharf.

Während Baerbock Katar dafür kritisiert, befindet sich Außenminister Heiko Maas seit Sonntag auf Afghanistan-Mission: Innerhalb weniger Tage will er fünf Länder besuchen, die alle eine Rolle bei den weiteren Bemühungen um eine Ausreise Schutzbedürftiger aus Afghanistan spielen – unter anderem auch Katar. In der Hauptstadt Doha sitzt das politische Büro der militant-islamistischen Taliban, das als Außenministerium der neuen Machthaber in Afghanistan fungiert und mit dem der deutsche Unterhändler Markus Potzel seit Tagen Gespräche über Ausreisefragen führt.

Kritik an Baerbock-Aussage zu Katar

Ist Baerbocks Kritik berechtigt? Oder ist Maas' Weg der Richtige? Und können es Länder wie Deutschland heute noch verantworten, an der WM 2022 in Katar teilzunehmen?

Menschenrechts-Aktivist Martin Lessenthin blickt seit Jahren kritisch auf die Lage in Katar. Mit Blick auf die katarischen Flüge für Taliban-Vertreter nach Afghanistan ist er anderer Meinung als Baerbock. Er ist Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und sagt gegenüber watson:

"Meiner Ansicht nach könnte sich Frau Baerbock durch diese Äußerung etwas verrannt haben. Denn die Flüge können natürlich auch dazu gedient haben, Verhandlungspartner zu fliegen. Da gilt aus meiner Sicht, dass jede Verhandlung – auch mit dem möglichen Henker – Menschenleben retten kann."

Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Seine Argumentation: Baradar ist zwar als Chef der Taliban auch für Hinrichtungen und für die Unterdrückung von Frauen verantwortlich. Er könnte aber trotzdem an Verhandlungen teilnehmen, die dazu beitragen, Leben zu retten.

Lessenthin fügt an: "In Extremsituationen muss man, um Menschenleben zu retten, im Zweifel auch mit dem Henker selbst verhandeln. Jede Person, die in Afghanistan mit Menschenrechtsverletzungen rechnen muss und Opfer des Terrorregimes werden kann, soll in Sicherheit gebracht werden. Egal, durch welchen Player diese Sicherheit erreicht werden kann."

Katar als Vermittler zwischen Taliban und USA

Für Lessenthin ist auch wichtig, dass Katar immer wieder als Vermittler zwischen Taliban und den USA eingetreten ist. Seit 2013 haben die Taliban in Doha ein Büro, zuletzt lobte sogar US-Präsident Joe Biden die Vermittlerrolle Katars bei den innerafghanischen Gesprächen. Seit 2019 war auch Baradar in diesem Büro und hatte Gespräche mit Diplomaten der verschiedensten Länder geführt.

"Es ist vergleichbar mit dem Treffen des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un."

Aufgrund dieser Verhandlungen sei es "logisch, dass die Taliban als Verhandlungspartner in einer Weise befördert werden müssen. Es ist vergleichbar mit dem Treffen des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Menschenrechte und Rettung von Menschenleben können das Gespräch mit derartigen Machthabern als sinnvoll erscheinen lassen."

Einziger Unterschied zu den Gesprächen zwischen Trump und Kim Jong-un, das 2018 in China stattfand: Beide Machtinhaber waren damals legitimierte Staatsoberhäupter. Baradar ist dagegen erst mithilfe Katars nach 20 Jahren wieder nach Afghanistan zurückgekehrt. Eine neue Regierung unter Führung der Taliban soll dort erst entstehen.

CIA-Direktor William Burns soll sich mit Taliban-Chef Baradar getroffen haben

CIA-Direktor William Burns soll sich mit Taliban-Chef Baradar getroffen haben. Bild: www.imago-images.de / Al Drago - Pool Via Cnp

Dennoch ist er auch weiterhin Teil von Verhandlungen. Wie die "Washington Post", die sich auf amerikanische Regierungskreise bezog, berichtete, hat es ein Treffen zwischen Baradar und William Burns, dem Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, in Kabul gegeben. Der genaue Inhalt ist unklar. Es wurde aber darüber spekuliert, dass es um die Organisation der Evakuierungsflüge gegangen sei.

Lessenthin kritisiert WM in Katar dennoch

Unabhängig von der Baerbock-Kritik an der Nähe zwischen Katar und Afghanistan ist Lessenthin aber auch der Meinung, dass Katar das größte Fußball-Turnier der Welt nicht austragen dürfte.

"Eine WM in einem solchen Staat ist natürlich absurd. Grundsätzlich hat so ein Turnier den Geruch von Sport und Fußball an sich, aber in Katar kommt der Gestank von verkauften Seelen und verrottendem Fleisch dazu."

Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Der Menschenrechts-Aktivist spielt besonders auf die schlechten Arbeitsbedingungen der Stadion-Bauarbeiter an. Wegen schlechter Sicherheitsvorkehrungen, Arbeitsbedingungen und unwürdigen Unterkünften sollen laut einem Bericht des englischen "Guardian" zwischen 2011 und 2020 mehr als 6500 Arbeiter ums Leben gekommen sein. Das Organisationskomitee der WM spricht hingegen von 34 Todesfällen, die sich auf Baustellen und damit direkt an den Stadien ereignet hätten.

Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Bild: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte / Internationale Gesellschaft für Menschenrechte

Lessenthin führt dazu aus: "Wenn man sich die Baugeschichte anschaut und sieht, wie die Bauarbeiter behandelt und gestorben sind und das dann auch noch vor der Öffentlichkeit versteckt wurde, da kann man nur sagen, dass sich Katar nicht nur Spiele gekauft hat, sondern auch Seelen. Gleichzeitig denkt die katarische Regierung, mit dem Event im Westen gut anzukommen und die FIFA hat sich dafür nützlich gemacht."

WM-Boykott als Mittel, um Zeichen zu setzen?

Auch wegen der schlechten Bedingungen für die Bauarbeiter und der vielen Toten in Vorbereitung auf das Turnier wird von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren immer wieder ein Boykott der Weltmeisterschaft gefordert. Im März erklärte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf eine Anfrage der Sportschau zum Thema: "Der DFB setzt sich in seinem Einflussbereich gemäß seiner Satzung und Werte dafür ein, dass an den Missständen gearbeitet wird und Menschenrechte geachtet werden."

Zu einem Boykott blieb der DFB vage und verwies auf eine Nachhaltigkeitsstrategie der FIFA, die auch "Chancen aufzeigt, dank des Fußballs über das Turnier hinaus Gutes zu bewirken und den notwendigen Veränderungsprozess in Katar anzustoßen bzw. zu beschleunigen."

Befürworter der WM in Katar argumentieren immer wieder, dass man das Turnier als Bühne nutzen könne, um während des Turniers auf die schlechte Menschenrechtssituation im Emirat hinzuweisen.

T-Shirt-Aktion der Nationalmannschaft im März

Die T-Shirt-Aktion der deutschen Nationalmannschaft beim Länderspiel im März gegen Island wendete sich gegen WM-Gastgeber Katar. Bild: www.imago-images.de / Uwe Kraft

Im März äußerte sich dazu der deutsche Nationalspieler Toni Kroos in seinem Podcast "Einfach mal Luppen" dazu. Er ist der Meinung, "dass vielleicht diese Aufmerksamkeit der WM auch noch mal eine große Aufmerksamkeit auf diese Probleme lenken kann und man dadurch versuchen kann, für die Zukunft ein paar Sachen anzuschieben, die verbessert werden können. Ich glaube, dass der Fußball die Chance hat, mit der Reichweite eines Turniers vielleicht darauf aufmerksam zu machen." Auch Amnesty International lehnte im Gespräch mit watson den Boykott der Katar-WM ab, da dieser den Dialog zerstören würde.

Dieser generellen Argumentation steht Lessenthin kritisch gegenüber: "Ich kann nicht ermessen, an welche Aktionen gedacht wird. Das kann auch einfach eine billige Ausrede sein, um der FIFA und ihren Protagonisten das große Geld und die Einschaltquoten zu sichern und das Business weiter am Rollen zu halten. Da würde ich persönlich einen Verzicht jeder Form von Kollaboration vorziehen."

Er warnt eher: "Es wäre zu befürchten, dass es sich dabei um banale Aktionen handelt, die dem Umstand, gegen den man protestiert, einfach nicht gerecht werden."

"Ich persönlich würde einen Verzicht jeder Form von Kollaboration vorziehen."

Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Vielmehr sieht Lessenthin auch die Aktivitäten deutscher Vereine kritisch. Der FC Bayern München fährt beispielsweise jährlich ins Wintertrainingslager in die katarische Hauptstadt Doha und hat seit 2018 auch die staatliche Fluggesellschaft Katars als Sponsor. Der Sprecher der Menschenrechts-Organisation fordert: "Es wäre gut, wenn der Verband und die Spieler nicht über Gesten nachdenken, sondern sich im Vorfeld mit den unterschiedlichen Menschenrechtsverletzungen von Katar beschäftigen."

Er zählt beispielsweise auf, dass es undenkbar sei, dass sich führende Kräfte des katarischen Emirats gegenüber homosexuellen Menschen öffnen – oder sich gegen die Ausgrenzung von Frauen in gesellschaftspolitischen Positionen einsetzen würden. Außerdem würden "bewaffnete Gruppen in Syrien unterstützt oder Menschen in Ägypten, die die Gleichberechtigung der Frauen nicht akzeptieren."

All dies sind aus Lessenthins Sicht Gründe dafür, die Weltmeisterschaft in Katar abzusagen. Unabhängig vom Flug der katarischen Luftwaffe, der den Taliban-Anführer Baradar zurück nach Afghanistan brachte.

Interview

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