Andreas Tölke begleitet geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer.
Andreas Tölke begleitet geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer. bild: andreas tölke
Interview

Vom Journalismus in die Flüchtlingshilfe: Wie Erfahrungen Andreas Tölke verändert haben

16.05.2022, 10:4510.06.2022, 11:26

Über 30 Jahre war Andreas Tölke als Journalist tätig – bis er 2015 Geflüchtete bei sich aufnahm und sich von diesem Zeitpunkt an komplett der Flüchtlingshilfe widmete. Mittlerweile ist der 61-Jährige Vorstandsmitglied der NGO "Be an Angel". In den vergangenen Jahren kümmerte sich der Verein vor allem um Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan. 2021 wurden sie dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Seit der Eskalation des Ukraine-Kriegs Ende Februar fährt Tölke mit "Be an Angel" regelmäßig an die moldauische Grenze und evakuiert geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer.

Im Interview mit watson spricht Andreas Tölke über seinen Weg in die Flüchtlingshilfe, wie er mit der psychischen Belastung umgeht und wieso auch die Freiheit in Deutschland durch Putin bedroht wird.

watson: Andreas, du fährst seit dem 4. März mit der Organisation "Be an Angel" immer wieder nach Moldau. Was macht ihr da?

Andreas Tölke: Wir evakuieren die Menschen aus der moldauischen Hauptstadt Chisinau. Bis zu fünf Busse fahren täglich Richtung Deutschland. Wir fahren aber auch von Chisinau aus in die Ukraine und evakuieren Menschen von dort. Das sind auch rund zwei Busse täglich. Wir unterstützen zudem Hospitäler und Krankenhäuser, wo wir versuchen, so viel medizinische Geräte und Medikamente wie möglich reinzubringen.

Was wird dort besonders benötigt?

Das größte Problem, und das hört sich für uns lächerlich an, sind Schmerzmittel. Viele Verletzte sterben wegen der Schmerzen. Dafür und für die Evakuierung von Menschen mit Behinderungen brauchen wir auch weiter unglaublich viel Geld.

Was hat dich dazu gebracht, deine Karriere als Journalist zu beenden und dich ganz der Flüchtlingshilfe zu widmen?

Ich war 30 Jahre lang als Journalist tätig und fand immer, dass ich sehr viel von der Welt genommen und relativ wenig zurückgegeben habe. Ich wusste aber nicht: Wo kann ich denn hin mit meinem Hilfsangebot, wenn ich dauernd unterwegs bin? Und dann hat es sich im Jahr 2015 zufällig ergeben.

"Am Ende hatte ich über 400 Menschen beherbergt"

Was ist damals passiert?

Ich habe eine große Wohnung. Damals kamen hier jeden Tag rund 1300 Menschen in Berlin an. Ich habe dann bei einer Organisation angerufen und gesagt: "Dann schickt mir halt welche vorbei." Und so hatte ich das erste Mal Kontakt mit Geflüchteten. Auf einmal saßen sie bei mir in der Wohnung – das ging über sechs Monate. Am Ende hatte ich insgesamt 400 Menschen beherbergt. Eigentlich war gedacht, dass der deutsche Staat dann übernimmt – das hat er nur unzureichend. Deshalb braucht es Organisationen wie "Be an Angel", die die Leute unterstützen.

"Be an Angel" ist eine NGO, die sich für Geflüchtete in Deutschland einsetzt. Das Ziel der Organisation ist es, Flüchtlinge so schnell wie möglich in die Gesellschaft zu integrieren, sodass sie unabhängig und eigenständig sind. Heißt: "Be an Angel" begleitet sie bei Behördengängen , unterstützt sie bei der Wohnungssuche und vermittelt die Geflüchteten in Berufe oder Ausbildungen.

Du sagst, du hast das Gefühl, zu viel von der Welt genommen zu haben. Hast du ein schlechtes Gewissen, dass du jetzt ausgleichen willst?

Es geht mir nicht um mein persönliches Karma-Punktekonto Ich denke, jeder macht das, was er oder sie machen kann. Wenn man es mit reinem Herzen und Enthusiasmus macht und daran glaubt, dass man auf dieser Welt etwas verändern kann, macht man so lange weiter, bis diese Welt richtig toll ist.

In Moldau werden provisorische Aufnahme-Unterkünfte mit Krankhausbetten errichtet.
In Moldau werden provisorische Aufnahme-Unterkünfte mit Krankhausbetten errichtet.bild: andreas tölke

Bis die Welt toll sein wird, könnte noch einige Zeit vergehen. Wie gehst du mit dieser psychischen Belastung um?

Ich habe 2015 oft morgens unter der Dusche geheult, bin wieder herausgekommen zu meinen Gästen und war der große, starke deutsche Held. Der, der versucht, Menschen zu unterstützen. Nach zwei Monaten habe ich mir eine Psychologin gesucht. Ich bin dahin gegangen, weil ich irgendwo hinmusste mit meinen Themen. Aber es geht gar nicht um mich. Es geht um Menschen, die in Afghanistan vor dem Krieg geflohen sind. Die aus dem Krieg in Syrien kamen. Denen geht es viel, viel schlechter als mir.

Aber zu helfen kann auch aufzehrend sein.

Ich habe Glück: Zum einen bin ich jetzt fast 62 Jahre alt und habe schon ein bisschen Lebenserfahrung hinter mir. Da wird man etwas gelassener. Und zum anderen habe ich eine relativ gute Resilienz. Ich kann ganz gut mit solchen Situationen umgehen.

Wie hat dir die psychologische Betreuung bei deiner Tätigkeit geholfen?

Sie war wichtig, um mir selbst klar zu machen: Wie grenze ich mich ab? Das ist wahrscheinlich auch bei allen Menschen, die jetzt Ukrainern helfen, das größte Thema. Also: Wie hilfsbedürftig ist jemand? Wie sehr muss ich jemanden unterstützen? Wie sehr will ich jemanden unterstützen? Diese Fragen zu beantworten ist ganz, ganz schwierig.

Und wie schafft man das in der Realität?

Man muss sich klar abgrenzen, wenn man Menschen zu Hause aufnimmt. Es muss deutlich kommuniziert werden: "Das kann ich. Das mache ich gerne. Das mache ich nicht. Ich möchte bitte nicht, dass nachts um drei bei mir im Treppenhaus die Kinder spielen. Ich habe keine Lust darauf, einen Grundkurs über ukrainische Volksmusik zu machen, weil die Lautstärke so hoch ist." Wenn man erwachsen miteinander umgeht, dann kann das Gegenüber auch sagen: "Ich möchte dies oder jenes von dir." Dann funktioniert das auch.

Geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer steigen in Moldau in Busse, die sie nach Deutschland bringen.
Geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer steigen in Moldau in Busse, die sie nach Deutschland bringen.bild: andreas tölke

Du sagtest, dass du rund 400 Menschen seit 2015 bei dir aufgenommen hast. Ist dir ein Schicksal besonders im Gedächtnis geblieben?

Ja, das war wirklich die fürchterlichste Geschichte bis heute: Ein afghanischer Vater saß mit seiner Frau und seinen beiden Kindern bei mir am Küchentisch und hat mir die Fotos von der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland gezeigt. Auf dem Foto war noch ein Baby dabei. Und dann sagte der Vater, die Schmuggler hätten das Baby über Bord geworfen, weil es geschrien und damit die Patrouillen angelockt habe.

Wie furchtbar.

Ich habe ihn dann gefragt, warum er das Foto denn überhaupt noch hat. Und dann sagte er: "Das ist das Letzte, was ich von meinem Kind habe". Ich habe ihn auch gefragt, wieso er nicht hinterher gesprungen ist – eine dumme Frage, ich weiß. Da sagte er: "Afghanistan ist ein Binnenland. Wir können nicht schwimmen, wir haben es nie gelernt."

"Putin führt einen Terrorkrieg, das heißt, er beschießt Wohngebäude, Kliniken, Kindergärten. Und dieser Terror fräst sich in die Menschen rein."

Tatjana Kiel, die Managerin der Klitschkos, die Hilfsgüterlieferungen in die Ukraine organisiert, hat erzählt, dass es den Menschen immer schlechter geht, je länger sie einem Kriegszustand ausgesetzt waren. Wie geht es den Menschen, die jetzt aus der Ukraine flüchten?

Ich sehe das ähnlich. Krieg ist immer grausam und widerlich. Und Krieg gehört abgeschafft und verboten. Putin führt einen Terrorkrieg, das heißt, er beschießt Wohngebäude, Kliniken, Kindergärten. Völlig egal. Und dieser Terror fräst sich in die Menschen rein. Das ist eine unglaubliche Angst, die da herrscht.

Wie bewertest du die aktuelle Situation vor Ort?

Wir unterstützen von Moldau aus besonders den Bereich im Süden der Ukraine. Die Bilder aus Mariupol haben wir alle gesehen. Und es geht weiter. Nun wird aktuell auch Mykolajiw, die Stadt vor Odessa bombardiert. Putin führt einen widerlichen Terrorkrieg gegen ganz normale Menschen: Frauen, Mütter und Kinder. Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, in der Haut eines Ukrainers oder einer Ukrainerin vor Ort zu stecken. Wir kriegen Hilferufe, dass Menschen seit zwei Monaten in U-Bahn-Stationen leben und kein Wasser mehr haben. Die Lage hat sich noch weiter dramatisiert.

"Eine Anmaßung, dass ich mich vor Ekel nur noch winden kann."

Mit diesen Einblicken: Wie hast du dich gefühlt, als Alice Schwarzer, Dieter Nuhr, Juli Zeh und weitere deutsche Prominente ihren offenen Brief an Olaf Scholz veröffentlicht haben?

Diese Sofapupser-Knallchargenfraktion, die hier von Deutschland aus den Ukrainern erzählen will, wie man Frieden schafft, finde ich zynisch. Es ist eine Anmaßung von diesen Jammergestalten, dass ich mich vor Ekel nur noch winden kann.

Was können "normale" Durchschnitts-Bürger tun, um geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen?

Man muss selber auf sich achten und sich fragen: Wie viel kann ich mir zutrauen, wie viel Zeit habe ich und was sind meine Kapazitäten und Kompetenzen? Liegt die Kompetenz beispielsweise in der Kommunikation, kann ich NGOs auf Social Media unterstützen oder mit Menschen über das Thema sprechen. Das sind Kleinigkeiten, die sich lächerlich anhören. Aber sie sind genauso wichtig, wie vor Ort zu sein und in einem Bus 45 Menschen mit Rollstühlen zu evakuieren.

"Es geht um die Ukraine, aber nicht nur. Unsere Freiheit ist bedroht."

Das heißt, wir können alle helfen – auch ohne großen Aufwand?

Es ist wichtig, darüber zu reden und zu sagen: "Ich habe eine Haltung und ich finde diesen Krieg erbärmlich und widerlich." Wir müssen die Ukraine unterstützen, weil die Ukraine unsere letzte Bastion ist, bevor Putin hier in Berlin steht. Ja, es geht um die Ukraine, aber nicht nur. Es geht auch um uns. Und das muss in die Köpfe rein. Das müssen wir verstehen. Und das müssen wir jedem, der es nicht verstanden hat, erklären: Unsere Freiheit ist bedroht. Das ist das, was man machen kann. Und das kann jeder.

Wie sieht es mit der Hilfsbereitschaft momentan aus?

Wir sind ja alle sehr schnell müde. Das haben wir 2015 und 2016 erlebt. Da gab es dann die verpönten “Teddybär-Werfer” und die Stimmung kippte. Und auch jetzt ist die Spendenbereitschaft für die Ukrainer bereits zurückgegangen. Unsere Organisation lebt nur von Spenden. Aber wir müssen weitermachen und Hilfe leisten, weil der Krieg eben immer noch andauert. Wenn der Krieg vorbei ist, kann jeder wieder nach Mallorca.

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