Geflüchtete im Berliner Hauptbahnhof.
Geflüchtete im Berliner Hauptbahnhof.null / Martin Niewendick
Vor Ort

Rassismus-Vorwürfe bei Ausreise aus Ukraine: Afrikanische Studierende erzählen

03.03.2022, 19:4308.06.2022, 18:38

Emmanuel sitzt gemeinsam mit einem Freund am Berliner Hauptbahnhof und schaut besorgt auf sein Smartphone. Wie hunderte andere Menschen ist der 28-Jährige gerade aus der von Russland bombardierten ukrainischen Hauptstadt Kiew geflohen. Per Zug ging es über Polen nach Berlin.

Doch für Menschen wie Emmanuel ist die Ausreise aus der Ukraine Berichten zufolge oft mit zahlreichen Hürden und teils offener Diskriminierung verbunden. Denn Emmanuel stammt aus Nigeria, in Kiew war er zum Studium.

Am Betreten von Zügen gehindert

Während Ukrainer ohne Visum in die EU gelangen können, brauchen Bürger afrikanischer Staaten in der Regel ein Schengen-Visum, um in EU-Staaten wie Rumänien, Ungarn oder Polen zu gelangen. Das ist die erste zusätzliche Hürde, die sie im Vergleich zu Ukrainern überwinden müssen.

Die zweite Hürde: Es gibt Berichte, dass Afrikaner auf ihrer Ausreise nicht nur von Behörden benachteiligt würden – auch würden sie zuweilen von Menschen am Betreten überfüllter Züge behindert.

Auch Wirtschafts-Student Emmanuel weiß in Berlin davon zu berichten. "So etwas ist zum Beispiel in Lwiw in der West-Ukraine passiert", sagt er. Er ergänzt:

"Wenn du weiß bist, hast du größere Chancen, in einen Zug zu kommen als etwa indische oder schwarze Menschen."

Davon habe er auf seinem Weg von Lwiw nach Ungarn gehört, bevor es für ihn von dort weiter nach Berlin gegangen sei. "Es gibt viel Rassismus", fügt er hinzu.

Emmanuel sagt: "Ich wollte die Ukraine nicht verlassen, aber der Krieg und die Bomben, das war einfach zu viel für mich." Wenn der Krieg zu Ende sei, wolle er aber zurück und sein Studium beenden.

Die Ukraine ist ein beliebter Studien-Ort für Afrikanerinnen und Afrikaner: Laut Deutscher Welle kommt etwa ein Viertel der 75.000 ausländischen Studierenden dort aus afrikanischen Ländern wie Nigeria, Ghana, Ägypten oder Marokko.

50 Kilometer Fußmarsch bei Minus 10 Grad

Zu diesen Studierenden gehört auch der 26-jährige Idriss, der am Donnerstag gerade an einer Notunterkunft in Berlin angekommen ist.

"Der Weg war schon sehr schwierig, sehr schwierig", sagt er. Er habe in Charkiw gelebt, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. "Als wir den ersten Bombenangriff sahen, nahmen wir unsere Vorräte, packten sie in einen kleinen Rucksack und wollten die Stadt verlassen."

Nachdem er einige Zeit mit einem Zug gefahren sei, musste er fast 50 Kilometer zu Fuß laufen, bei teils bis zu Minus 10 Grad. Emmanuel erzählt: "Es war sehr schwierig, weil wir viel gelitten haben, viel gelitten haben. Wir sind an der Grenze angekommen." Er selbst habe auf seinem Weg nach Polen aber keinen Rassismus erlebt.

Hanna Gobeze, eine Äthiopierin, die in Kiew studierte und sich mittlerweile in Polen befindet, hat laut der Deutschen Presse-Agentur andere Erfahrungen gemacht.

Als sie an der polnischen Grenze ankam, sei sie ganz klar Zeugin von Rassismus geworden, sagte Gobeze lau einem Bericht der dpa. Die Ukrainer seien von den polnischen Grenzbeamten bevorzugt worden.

Die Afrikanische Union, der Zusammenschluss aller 55 afrikanischen Staaten, zeigte sich angesichts der Berichte über Rassismus "verstört". Versuche, Afrikaner daran zu hindern, während eines Konfliktes internationale Grenzen zu überqueren, seien rassistisch und ein Bruch internationalen Rechts, hieß es in einer Mitteilung.

Die Vorsitzenden erinnern daran, dass alle Menschen das Recht haben, während eines Konfliktes die Grenzen zu passieren, "unabhängig von ihrer Nationalität oder der ethnischen Identität".

Berichte über Diskriminierung würden einen "schockierenden Rassismus" offenbaren, und einen Bruch internationalen Rechts.

Der polnische Grenzschutz weist die Vorwürfe der Diskriminierung nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur zurück.

Die Berichte seien "Unfug", sagte eine Behördensprecherin demnach. "Die Beamten des polnischen Grenzschutzes helfen allen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet der Ukraine fliehen. Die Staatsangehörigkeit oder Nationalität spielen keine Rolle."

Unter den nun ankommenden Menschen aus der Ukraine sind sehr viele ohne ukrainischen Pass: Ukrainische männliche Staatsbürger zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen und müssen sich an den Kämpfen beteiligen.

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