Grenzen des Wachstums? Ein verkohltes McDonalds-Schild nach den verheerenden Bränden in Paradise, Kalifornien 2018.
Grenzen des Wachstums? Ein verkohltes McDonalds-Schild nach den verheerenden Bränden in Paradise, Kalifornien 2018.Bild: dpa / Barbara Munker
Analyse

Club of Rome: Warnung vor Kollaps der Erde wird 50 Jahre alt – so aktuell ist sie heute

08.06.2022, 17:1108.06.2022, 17:44

Das Zusammenspiel von Ökologie und Gesellschaft, von Produktion und Klima: Junge Menschen könnten denken, dies seien relativ neue Themen. Dabei jährt sich heute ein bahnbrechender Bericht zum 50. Mal: Schon im Jahr 1972 warnten Wissenschaftler des sogenannten Club of Rome vor den Folgen eines ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums.

"Im Laufe des vergangenen Jahres hat eine Gruppe von uns am MIT das exponentielle Wachstum unseres sozio-ökonomischen Systems untersucht", begann Dennis Meadows damals seine Rede. Das MIT ist das Massachusetts Institute of Technology, die technische Hochschule der Cambridge University.

Meadows stellte in Washington DC als Studienleiter den Forschungsbericht des Club of Rome vor. Die deutsche Übersetzung von "Die Grenzen des Wachstums" erschien am 8. Juni desselben Jahres.

Vor genau 50 Jahren also.

Der Forschungsleiter Dennis Meadows.
Der Forschungsleiter Dennis Meadows.Bild: Tagesspiegel / MIKE WOLFF TSP

Fünf grundlegende Schlussfolgerungen von damals:

  1. Es gibt materielle Grenzen des Wachstums, die "bis in die Generation unserer Kinder hinein reichen".
  2. Falls die Grenzen durch kurzfristige Entscheidungen ignoriert werden, riskieren wir den Kollaps der Erde.
  3. Die Alternative: Bevölkerung und Produktion müssen in Balance mit Umwelt und Ressourcen gebracht werden.
  4. Um diese Alternative geordnet umsetzen zu können, braucht es 50 Jahre.
  5. Es ist Eile geboten: Jedes weitere Jahr erschwert den geordneten Wandel.

Bis in die Generation "unserer Kinder", hieß es damals. Gemeint waren also unsere Eltern.

50 Jahre: also jetzt.

Eile ist geboten.

Kollaps.

Im Sommer 2021 stand die griechische Insel Euböa in Flammen.
Im Sommer 2021 stand die griechische Insel Euböa in Flammen.Bild: Eurokinissi / Michalis Karagiannis
Der Club of Rome
Der Club of Rome ist ein Zusammenschluss von Experten und Expertinnen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzen.
(rs)

Und heute? Was wurde aus den Schlussfolgerungen? Haben wir die materiellen Grenzen schon überschritten?

Mit Blick auf die vergangenen Jahre kann sich dieser Eindruck aufdrängen: Feuer, Flut, Pandemie, Vulkanausbrüche, Stürme. Die Apokalypse sozusagen. Der Umweltökonom Reimund Schwarze sagt auf watson-Anfrage:

"Die Fragen 'Wann kommt der Weltuntergang?' und 'Wie kann er vermieden werden?' haben die Menschheit schon seit Anbeginn beschäftigt und so manchen Propheten den Kopf gekostet."

Schwarze forscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Anhaltende Aktualität des Club-of-Rome-Berichtes

In gewisser Weise reihe sich der Club of Rome bei diesen Propheten ein. Schwarze meint zwar, der Bericht sei im Bereich der Ressourcenknappheit zu pessimistisch. Hätte sich alles so bewahrheitet, wie die Studienautoren annahmen, gäbe es heute weder Chrom noch Nickel oder Kupfer, sagt er. Insgesamt sei zu wenig mit Gegenmaßnahmen gerechnet worden, meint der Umweltökonom.

In einem Interview mit der Europa Universität Viadrina sagt Schwarze außerdem:

"Man hat beispielsweise die Bevölkerungsdynamik nicht verstanden. Sie wurde zur 'Bevölkerungsbombe' deklariert. Man ist fälschlicherweise davon ausgegangen, dass sich das Bevölkerungswachstum immer so weiterentwickelt, quasi mechanisch wächst."

Die sozialen Umstände, der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdynamik und Armut, seien hingegen ausgeblendet worden. Die Bevölkerungsdynamik beschreibt, wie sich Bevölkerungen in ihrer Größe, Zusammensetzung und räumlichen Verteilung über die Jahre entwickeln und verändern.

Abgesehen davon aber: Große Teile des Berichtes seien auch heute noch aktuell, so Schwarze

Der Braunkohle-Tagebau im nordrhein-westfälischen Lützerath.
Der Braunkohle-Tagebau im nordrhein-westfälischen Lützerath.Bild: SVEN SIMON / Malte Ossowski/SVEN SIMON

Schwarz sieht in der damaligen Zeit Parallelen zu heute: Es herrscht Krieg in Europa. Als "Die Grenzen des Wachstums" geschrieben wurde, befand sich die Welt auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. "Letztendlich ist die Sicherung des Weltfriedens auch für den Erhalt der Natur mitentscheidend", sagt Schwarz. Zentral müsste die Bekämpfung von extremer Armut sein – "denn sie ist ein Grund für Naturzerstörung und Krieg."

Insgesamt würden die technischen Maßnahmen nicht ausreichen, um der aktuellen Entwicklung entgegenzusteuern – auch wenn sie eine Unterstützung seien. Es gehe vielmehr darum, die eigenen Lebensgewohnheiten zu ändern. Und auch die Politik. Um Mensch und Natur in ein Gleichgewicht zu bringen, brauche es naturbasierte Lösungen: Schutz von Wäldern, Ozeanen, Mooren und fruchtbaren Böden. Ein Ende des Kohleabbaus. "Denn sie sind die größten Treibhausgas-Senken, die wir haben – und die wir mehr denn je brauchen", sagt Schwarz.

Auch die Energieökonomin Claudia Kemfert wirft der Menschheit einen "großen Raubbau an dem Planeten" vor. Sie ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Der sogenannte Earth overshoot day, der Tag, an dem die Ressourcen der Erde aufgebraucht sind, ist von Jahr zu Jahr früher", stellt Kemfert fest. Kurz: Wir Menschen übernutzten unseren Planeten.

In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu treiben Müllsäcke in einem Fluss.
In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu treiben Müllsäcke in einem Fluss.Bild: AA / Sunil Pradhan

"Die Welt hat viele planetaren Grenzen bereits überschritten", sagt Kemfert. Mit planetaren Grenzen meint Kemfert die Belastungsgrenzen der Erde: Globale Emissionen und Umweltverschmutzung nehmen zu, der Klimawandel schreitet voran. Gleichzeitig nähmen das Artensterben zu und die Biodiversität ab. Und das, obwohl die Welt Anfang der 70er-Jahre durchaus auf den Bericht reagiert hätte.

Paradigmenwechsel und die Geburt des Öko-Aktivismus

Mit dem Bericht seien damals wichtige Debatten angestoßen worden, findet Kemfert. Gerade in den Bereichen Waldschutz und Luftreinhaltung – die Umweltauflagen seien seither generell verbessert worden. Aber: "In den letzten 20 Jahren wurde viel zu wenig im Bereich Klimaschutz erreicht", kritisiert die Ökonomin.

Zwar gebe es globale Abkommen im Bereich Klimaschutz. Solange die weltweiten Emissionen allerdings weiter stiegen, seien diese Kompromisse unzureichend. Um einen Kollaps zu vermeiden, müsse der Verbrauch fossiler Energie weltweit gesenkt werden – der Einsatz erneuerbarer Energien gestärkt.

Kemfert sagt:

"Klimaschutz muss Priorität Nummer eins sein in jeglichem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handeln, um das Überleben der Menschheit zu gewährleisten."

Der Bericht des Club of Rome 1972 wird als Startpunkt für die Ökobewegung, wie wir sie auch heute noch kennen, gesehen. Seither veranstalten die Vereinten Nationen Umwelt- und Klimakonferenzen. Auch Umweltschutzorganisationen wie der BUND oder die Deutsche Umwelthilfe gründeten sich im Kielwasser des Berichtes.

Auch Fridays for Future stehen in der Tradition des Club of Rome Berichtes.
Auch Fridays for Future stehen in der Tradition des Club of Rome Berichtes.Bild: rtn - radio tele nord / rtn, ute strait

Grundlegende Verhaltensveränderungen hat es aber kaum gegeben: Auch die Neuauflagen der Studie zu den Grenzen des Wachstums stützten 1992, 2004 und 2011 die Prognosen mit neueren Berechnungen. Im Interview mit Deutschlandfunk im Jahr 2011 sagte Dennis Meadows, der damalige Forschungsleiter am MIT:

"Natürlich ist es bis zum Jahr 2100 noch ein weiter Weg, aber die Entwicklung beschleunigt sich immer weiter. Maßnahmen, die in den 70er-Jahren noch zu einer einigermaßen wünschenswerten Zukunft geführt hätten, können heute nicht mehr ergriffen werden."

Das Jahr 2100 hat Meadows hier als Platzhalter genutzt, weil die Grenzen des Wachstums spätestens dann erreicht seien dürften. Die Mahnung zur Eile aus dem Jahr 1972 wurde bekanntermaßen nicht beachtet.

Und genau das treibt jetzt die junge Generation der Klimaschützenden auf die Straßen. Sie sind die Enkelgeneration der Autoren der Club-of-Rome-Studie, die Kinder der Kinder, die laut Schlussfolgerung eins die Grenzen des Wachstums erleben.

"How dare you?", fragt Umweltaktivistin Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel 2019 (auf Deutsch: Wie könnt ihr es wagen?). "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", rufen die Fridays-for-Future-Aktivistinnen und -Aktivisten auf ihren Demonstrationen. Sie sind sauer. Und sie sind frustriert angesichts der aus ihrer Sicht laschen Reaktionen der Politik auf die Klimakrise.

Umweltaktivistin Greta Thunberg bei ihrer Rede im September 2019 auf dem UN-Klimagipfel.Video: YouTube/The Telegraph

Am Ende bleibt Hoffnung

Trotzdem, sagt der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt, ist die Welt heute besser, als sie derzeit erscheint. Er präzisiert: "Sie war sogar niemals besser." Reinhardt ist wissenschaftlicher Leiter der "Stiftung für Zukunftsfragen". Was fehle, seien Objektivität und Optimismus.

Reinhardt sagt:

"Denken wir nur an Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, medizinische Versorgung, Emanzipation, Kommunikation, Mobilität, Lebensstandard oder Lebensqualität – alles war niemals besser als gegenwärtig."

Natürlich gebe es große Herausforderungen, mit der sich unsere Gesellschaft auseinandersetzen müssten: "Klimawandel, demografischer Wandel, Spaltung, Globalisierung, Digitalisierung". Reinhardt zeigt sich aber überzeugt, dass Antworten auf diese Fragen gefunden würden. Gerade mit Blick auf den Klimawandel könnten Innovationen helfen. Es brauche aber auch ein Umdenken in der Gesellschaft: "Die Erhöhung der Lebensqualität muss wichtiger sein als die Steigerung des Lebensstandards", sagt der Zukunftsforscher.

Barney Stinsons Weisheit "Neu ist immer besser", könnte in Zukunft nicht mehr der gesellschaftliche Konsens sein.
Barney Stinsons Weisheit "Neu ist immer besser", könnte in Zukunft nicht mehr der gesellschaftliche Konsens sein.Bild: Hasan Bratic / Hasan Bratic

Die Frage unserer Zeit müsse lauten: Wie können wir so nachhaltig agieren, dass dieses auch von Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen wird? Reinhardt fasst die Stichwörter der neuen Zeit so zusammen:

"Nutzen statt besitzen, weniger Instantkonsum und ein stärkerer Fokus auf soziale Bedürfnisse."

Um in Zukunft tatsächlich Gesellschaft, Produktion und Umwelt in Balance zu setzen und den geordneten Wandel vollziehen zu können, dürften die Bereiche nicht mehr als Gegensätze angesehen werden. Vielmehr müssten sie als sich gegenseitig bedingende Bereiche angesehen werden. Reinhardt sagt: "Wenn einer der drei Bereiche vernachlässigt wird, werden auch die anderen beiden langfristig scheitern."

Das müssten die Unternehmen ebenso anerkennen wie Umweltverbände und Privatpersonen. Aus Sicht des Zukunftsforschers lässt sich die Zukunft nur für alle positiv gestalten, wenn Kompromisse gefunden werden.

Er wirbt für mehr Mut.

Entscheidung über mögliches Verbrenner-Aus: Antworten auf die wichtigsten Fragen

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