Das Europäische Parlament hat dem umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission zugestimmt: Investitionen in Atom und Gas können künftig als klimafreundlich gewertet werden.
Das Europäische Parlament hat dem umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission zugestimmt: Investitionen in Atom und Gas können künftig als klimafreundlich gewertet werden.bild: picture alliance / Geisler-Fotopress
Energie

Taxonomie-Entscheidung der EU: Was sie bedeutet und wie klimafreundlich Atom und Gas wirklich sind

06.07.2022, 18:0006.07.2022, 18:55

Investitionen in Atom und Gas können künftig unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich gewertet werden. Das hat das Europaparlament an diesem Mittwoch entschieden – und damit den umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission abgesegnet.

Mit dieser Entscheidung dürften die sogenannten Taxonomie-Pläne ab 2023 für den Finanzmarkt greifen. Lediglich ein Veto von 20 der insgesamt 27 EU-Mitgliedsstaaten könnte das Eintreten der Pläne noch verhindern. Dies gilt allerdings als äußerst unwahrscheinlich.

Ob Gas und Atomenergie tatsächlich nachhaltig sind, was die Entscheidung für die Klimaziele von Paris bedeutet und warum die beiden Energieformen überhaupt einen grünen Stempel aufgedrückt bekommen, klärt watson für euch.

Sind Gas und Atomenergie überhaupt klimafreundlich?

Die Entscheidung des Europaparlaments wirkt auf den ersten Blick überraschend, da Gas- und Atomenergie nicht zu den erneuerbaren Energien wie Wind- oder Solarkraft zählen, die normalerweise als klimafreundlich oder "grün" gelten. Ist Atomkraft also nachhaltig?

In Deutschland werden die drei letzten verbleibenden Atomkraftwerke zum Ende des Jahres 2022 abgeschaltet. Der Atomausstieg wurde bereits vor knapp 11 Jahren beschlossen. Einer der Gründe waren die Sicherheitsbedenken: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 wurden sich Öffentlichkeit und die Politik der Gefahr bewusst, die bei einem Atomkraftwerk-Unglück drohen könnte.

Doch auch abgesehen von der Gefahr eines AKW-Unfalls haben Experten starke Bedenken zur Kernkraft. Es ist zwar richtig, dass bei der Stromerzeugung selbst keine CO₂-Emissionen im vergleichbaren Maße wie beispielsweise bei Kohle- oder Gaskraftwerken entstehen. Doch andere Aspekte der Kernkraft sind alles andere als nachhaltig: So gibt es immer noch keine Lösung für eine Lagerstätte des anfallenden Atommülls. Dieser radioaktive Abfall bleibt teilweise mehrere zehntausend Jahre bestehen.

Auch im Hinblick auf Russland macht eine Fortführung der Atomkraft politisch wenig Sinn. Denn knapp 20 Prozent des natürlichen Urans, das in der EU für die Kernkraft verwendet wird, stammt aus Russland, wie die Nachrichtenagentur dpa auf Grundlage des Euratom Supply Berichts angibt. Laut der Euratom-Versorgungsagentur gravierender sind jedoch die 26 Prozent des in der EU benötigten angereicherten Urans, welches aus Russland importiert wird. Mit der weiteren Nutzung von Kernkraft wäre die EU also nicht unabhängig von Russland.

Gas als Brückentechnologie?

Gaskraftwerke werden im Prozess des Umstiegs auf erneuerbare Energien oft als "Brückentechnologie" bezeichnet. Die Anlagen arbeiten vor allem mit Erdgas, das zu fossilen Brennstoffen gehört und somit nicht als nachhaltig gilt. Bei der Verarbeitung entstehen klimaschädliche Treibhausgase und CO₂-Emissionen, ähnlich wie bei der Erdöl- und Kohleverarbeitung. Einige Gaskraftwerke können tatsächlich unter einen bestimmten Richtwert fallen, was die CO₂-Emissionen angeht und somit als nachhaltig gelten. Ein großer Nachteil bei den Gaskraftanlagen ist jedoch der Methan-Ausstoß, der ebenfalls klimaschädlich ist.

Gaskraftwerke werden vor allem dafür eingesetzt, um eventuelle Versorgungslücken zu schließen, die bei den erneuerbaren Energien entstehen können, da diese von den Wetterbedingungen abhängig sind. Mit der Zeit sollen jedoch mehr und mehr Gaskraftanlagen vom Netz genommen werden, so der offizielle Plan.

Warum bekommen Gas und Atomenergie ein grünes Label?

Die Taxonomie ist eine Verordnung aus dem Jahr 2020, die nachhaltige Investitionen erleichtern soll. So soll auch die Finanzwirtschaft und mit ihr Anlegerinnen und Anleger zu einem klimaneutralen Europa im Jahr 2050 beitragen. Das grüne Label ist also allem voran ein finanzieller Anreiz. Die als nachhaltig eingestuften Kraftwerke – seien es Gas- oder Atomkraftanlagen – dürften somit in Zukunft leichter und günstiger zu finanzieren sein.

Eine zentrale Rolle im Entscheidungsprozess des Europaparlaments hat dabei Frankreich eingenommen. Dort stuft man die Atomkraft als Schlüsselenergie für eine CO₂-arme Wirtschaft an. Deutschland setzte sich für ein grünes Label für Gas ein, das hierzulande als Übergangstechnologie genutzt wird.

Was bedeutet die Entscheidung für die Ziele des Pariser Klimaabkommens?

Mit der Klassifizierung von Gas und Atomkraft als klimafreundlich will die EU einheitliche Standards für ökologisches Wirtschaften festlegen und ein Greenwashing durch Unternehmen verhindern. Das verlangt das Pariser Klimaabkommen und ist zudem notwendig, damit die EU ihre selbst gesteckten Klimaziele erreichen kann.

Um das Problem auf den Punkt zu bringen: Gaskraftwerke stoßen große Mengen CO₂ aus, was dazu beiträgt, dass die Emissionen weiter ansteigen werden. Bei Atomkraftwerken stehen die Probleme einer sicheren Entsorgung des Atommülls sowie die Risiken einer Explosion als auch die Schädigung von Mensch und Umwelt im Vordergrund.

Klassifizierung gefährdet Erreichen des 1,5-Grad-Ziels

Hinzu kommt, dass die Klassifizierung laut Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung eine "unheilvolle Abwärtsspirale im internationalen Wettbewerb der Taxonomien für nachhaltige Finanzen" befördern könnte. Die Folge: Es findet eine Umlenkung privater Finanzströme weg vom notwendigen Ausbau der Erneuerbaren, hin zu Technologien von gestern statt.

Da der Ausbau erneuerbarer Energien aber einen entscheidenden Beitrag zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels spielt, stellt die Klassifizierung eine weitere Bedrohung für das Erreichen des Pariser Klimaabkommens und einen gravierenden Rückschlag des Green Deals der Europäischen Union dar.

Mehrere Klimaforscher sowie Fridays for Future, kritisierten die Entscheidung des Europäischen Parlaments aus diesem Grund schwer.

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