Spurensammeln am Tag danach: Ermittler in Kongsberg nach dem tödlichen Angriff eines Mannes, der mit Pfeil und Bogen und nicht näher benannten weiteren Waffen fünf Menschen tötete.
Spurensammeln am Tag danach: Ermittler in Kongsberg nach dem tödlichen Angriff eines Mannes, der mit Pfeil und Bogen und nicht näher benannten weiteren Waffen fünf Menschen tötete.Bild: ap / Terje Bendiksby

Ermittler: Bogenschützen-Angriff in Norwegen scheint "Terrorakt" zu sein, weitere Ermittlungen seien aber abzuwarten + Sender zitiert Bekannten des Täters: "Ernsthaft psychisch krank"

14.10.2021, 15:52

Eine Gewalttat mit fünf Toten und zwei Verletzten hat in Norwegen Trauer und Fassungslosigkeit ausgelöst. Wie die Polizei mitteilte, griff ein mit Pfeil und Bogen bewaffneter Mann in der südnorwegischen Kleinstadt Kongsberg am Mittwochabend Menschen an. Der mutmaßliche Täter konnte gefasst werden. Bei ihm handele es sich um einen 37-jährigen dänischen Staatsbürger, der in Kongsberg lebe, teilte die Polizei am frühen Donnerstagmorgen mit. Die Polizei geht davon aus, dass er allein gehandelt hat.

Opfer waren zwischen 50 und 70 Jahre alt

Die Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar. Am Donnerstagmittag teilte der norwegische Geheimdienst PST dann mit, die Tat sei "zum jetzigen Zeitpunkt" dem Anschein nach ein Terrorakt gewesen. PST verweist aber zugleich auf die weiteren Ermittlungen im zuständigen Polizeidistrikt, die näher klären sollen, wie die Tat motiviert war.

Die Terror-Bedrohungslage für Norwegen schätze der Inlands-Geheimdienst nach wie vor als moderat ein.

Nun gab die Polizei auch das Alter der getöteten Personen bekannt: Dem Polizeisprecher zufolge sind die Opfer im Alter zwischen 50 und 70 Jahren.

Am frühen Morgen hatte sich der nun bestellte Anwalt des Mannes erstmals geäußert, wie der norwegische Rundfunk NRK berichtete. Der Festgenommene will sich ihm zufolge detailliert zu seiner Tat äußern. Der Anwalt sagte über dessen Hintergrund, der Mann habe eine dänische Mutter, er sei sich aber nicht sicher, ob oder wie lange er in Dänemark gelebt habe.

Mann war aus verschiedenen Gründen polizeibekannt

In einer Pressekonferenz am Donnerstagvormittag teilte die Polizei mit, dass der festgenommene Verdächtige bereits im Fokus der Behörden war. Es habe in der Vergangenheit Hinweise auf eine "Radikalisierung" gegeben, nachdem der 37-Jährige zum Islam konvertiert sei. Im Jahr 2021 hatte die Polizei aber in dem Zusammenhang keine Hinweise mehr bekommen. Wie der Sender NRK weiter berichtet, war der Tatverdächtige im vergangenen Jahr zu einem halben Jahr Besuchsverbot von zwei Angehörigen verurteilt worden, die er mit dem Tode bedroht hatte.

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass der Verdächtige bereits 2012 wegen Einbruchs und wegen eines Rauschgiftdelikts verurteilt worden war.

Unter Berufung auf eine Ermittlerin berichtet NRK, dass der Mann nun psychiatrisch untersucht werde.

Norwegischer Sender zitiert Bekannten des Verhafteten: "Ernsthaft psychisch krank"

NRK zitiert auch einen nicht namentlich genannten Bekannten des Mannes, der diesen seit langem kenne. Der sagte: Die Konvertierung des Verdächtigen zum Islam habe wenig mit der Sache zu tun. "Es geht hier um einen Menschen, der ernsthaft psychisch krank ist und aus dem Rahmen gefallen ist seit der Jugend." Dies habe das Leben derjenigen, die ihm nahe stünden, stark geprägt, wird die Person zitiert.

Gewalttat am Tag vor Regierungswechsel

Der Vorfall ereignete sich am Vorabend des Regierungsantritts des neuen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre. Der Sozialdemokrat zeigte sich schockiert. "Das, was wir heute Abend aus Kongsberg hören mussten, zeugt davon, dass eine grausame und brutale Tat begangen worden ist", sagte er am späten Abend der Nachrichtenagentur NTB.

Auch die scheidende Regierungschefin Erna Solberg brachte ihre Anteilnahme zum Ausdruck. "Unsere Gedanken gehen zuallererst an die Betroffenen und ihre Angehörigen", sagte sie am späten Mittwochabend auf einer kurzfristig einberaumten Pressekonferenz in Oslo. Sie wird am Donnerstag nach ihrer Wahlniederlage vor einem Monat von Støre an der Regierungsspitze abgelöst.

Justizministerin Monika Maeland (l.) und Premierministerin Erna Solberg bei einer Pressekonferenz in Oslo.
Justizministerin Monika Maeland (l.) und Premierministerin Erna Solberg bei einer Pressekonferenz in Oslo. Bild: ap / Ole Berg-Rusten

Mehrere Tatorte

Die Angriffe ereigneten sich nach Angaben der Polizei an mehreren Orten in einem Stadtteil von Kongsberg. Der Täter habe sich über ein größeres Gebiet hinweg bewegt, teilten die Ermittler mit. Das Zentrum der Stadt wurde weiträumig abgeriegelt. Der Polizei sei um 18.13 Uhr von mehreren Personen gemeldet worden, dass sich ein Bewaffneter durch die Stadt bewege und mit Pfeil und Bogen auf Menschen schieße, sagte der zuständige Polizeichef Øyvind Aas. Als ein Tatort wurde ein Supermarkt genannt. Der Angreifer wurde der Polizei zufolge rund eine halbe Stunde nach dem ersten Notruf festgenommen.

Bei einem der Verletzten handelte sich um einen Polizisten, der aber zum Tatzeitpunkt nicht im Dienst war, wie Aas mitteilte. Über die Toten und die weitere verletzte Person machte er noch keine genaueren Angaben.

Zentrum von Kongsberg: Die Polizei ermittelt nach der Gewalttat mit fünf Toten.
Zentrum von Kongsberg: Die Polizei ermittelt nach der Gewalttat mit fünf Toten.Bild: ap / Hakon Mosvold Larsen

Schlimme Erinnerungen werden wach

Der Vorfall weckt schlimme Erinnerungen: Vor gut zehn Jahren erlebte Norwegen den schwersten Terroranschlag seiner modernen Geschichte. Am 22. Juli 2011 zündete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik zunächst im Osloer Regierungsviertel Bombe und tötete dabei acht Menschen.

Danach fuhr er zur etwa 30 Kilometer entfernten Insel Utøya, wo er sich als Polizist ausgab und das Feuer auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des jährlichen Sommerlagers der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei eröffnete. 69 Menschen, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, kamen auf Utøya ums Leben. Breivik nannte rechtsextreme und islamfeindliche Motive für seine Taten. Er wurde im August 2012 zu der damaligen Höchststrafe von 21 Jahren mit einer Mindesthaftzeit von zehn Jahren verurteilt.

Bis dahin hatten die Menschen in Norwegen eine derartige Gewalttat in ihrem Land kaum für denkbar gehalten.

(andi/dpa)

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