"Befreit Cherson von den russischen Besatzern", steht auf einem Plakat.
"Befreit Cherson von den russischen Besatzern", steht auf einem Plakat.Bild: www.imago-images.de / imago images
Vor Ort in der Ukraine

Mit Medizin im besetzten Gebiet: "Sie sagten uns, das seien alles Monster"

Yura kommt aus Kiew und ist 26 Jahre alt. Er fährt an die gefährlichsten Orte in der Ukraine: Kramatorsk, Lyssytschansk und zuletzt nach Cherson – eine besetzte Stadt.
02.07.2022, 16:00

Das ukrainische Militär machte Yura Angst.

Angst vor den Russen, Angst vor dem, was ihn und seine Kollegen erwarten würde. Trotzdem fuhren sie nach Cherson. In eine besetzte Stadt.

Yura lacht viel. Er ist aufgeschlossen und im selben Moment wirkt er schüchtern. Es ist sein Kichern, das hin und wieder diesen Anschein erweckt. Er trägt bunte Socken mit Raumschiffen darauf – oder auch mal mit kleinen Tierchen.

"Gläubiger, Apotheker, Musiker"

Auf seinen Zähnen blitzt eine silberne Zahnspange, er hat dunkelbraunes Haar und einen Dreitagebart. Seine Stimme ist vergleichsweise hoch, klingt fast noch jugendlich.

Yura ist 26 Jahre alt. Er kommt aus Kiew – bewegt sich aber momentan in der ganzen Ukraine. Gemeinsam mit seiner Kollegin Sandra. Meist sind sie in gefährlichem Territorium zugegen: Sjewjerodonezk, Lyssytschansk und gerade war er in Cherson, im Süden der Ukraine.

Wir haben Yura im Mai in Kramatorsk kennengelernt. Dort war er allein unterwegs, brachte Medizin in die ostukrainische Stadt. Er hatte kein Auto bei sich, suchte nach einer Mitfahrgelegenheit. In Dnipro setzten wir ihn am Bahnhof ab. Zum Abschied betete er für uns.

Auf seinem Instagram-Kanal beschreibt er sich selbst als "Gläubiger, Apotheker, Musiker".

In Slowjansk trafen wir ihn eine Woche später wieder – durch Zufall. Dort war er mit Sandra in einer Kirche untergebracht. Die beiden waren vor Ort, weil sie mit ihren Hilfslieferungen in die umkämpften Städte weiter im Osten unterwegs waren. Er freute sich, als er unsere Gesichter sah, umarmte uns.

"Gott hat manchmal einen seltsamen Humor."

Danach hörten wir erst einmal nichts von ihm.

Bis er auf Instagram plötzlich mehrfach Liveschalten veranstaltete. Dort berichtete er von seiner Reise nach Cherson.

Die Stadt, die das ukrainische Militär bereits kurz nach Kriegsbeginn aufgegeben hatte. Sie ist in russischer Hand – und auch einige Ortschaften drumherum. Bald will der Kreml dort ein Referendum durchführen, um das Gebiet ebenso wie die Regionen Donezk und Luhansk zu Volksrepubliken zu erklären. Die ukrainische Regierung geht davon aus, dass die Abstimmung gefälscht werden wird.

Yura an einer Tankstelle in Cherson. Hinter ihm steht ein russisches Militärfahrzeug.
Yura an einer Tankstelle in Cherson. Hinter ihm steht ein russisches Militärfahrzeug.Bild: Privat

Yura brachte Medizin und Hygiene-Artikel dorthin. Früher habe er in einem pharmazeutischen Unternehmen gearbeitet, doch einen Monat vor Kriegsbeginn habe er gekündigt. "Ich wollte nie wieder etwas mit Pharmazie zu tun haben", erzählt er und lacht sein unverkennbares Lachen.

"Gott hat manchmal einen seltsamen Humor", sagt er.

Zur Vorbereitung auf seine Hilfsmission hat Yura Kontakt zu einem humanitären Hilfszentrum in der südwestlichen Stadt Odessa aufgenommen. Die Menschen dort organisieren Hilfsgüterlieferungen im Raum um Cherson. Was wird gebraucht? Welche Strecke sollten die Fahrerinnen und Fahrer nehmen? Welche Adressen sollten sie anfahren? All diese Informationen bekamen er und seine Kollegin von dort.

Um in das besetzte Gebiet ausreisen zu dürfen, brauchte er eine Erlaubnis von der ukrainischen Regierung, erzählt er. Sobald sie die "Grenze" überquert hatten, sei ein solches Dokument nicht mehr nötig gewesen. "Es ist aber gut, wenn du Dokumente hast, die belegen, dass du humanitäre Arbeit leistest", sagt er.

Beten für das Wohlwollen des Feindes

Und auch ganz wichtig: Zigaretten.

"Die Soldaten an den russischen Checkpoints sind oft in einem sehr schlechten Zustand", erzählt Yura. "Und sie fragen, ob du Zigaretten für sie hast. Da ist es natürlich gut, wenn du ihnen etwas anbieten kannst."

Als sie das ukrainisch kontrollierte Gebiet verließen, hätten ihnen die Militärs noch Angst vor den russischen Soldaten gemacht, sagt Yura. "Sie sagten uns, das wären alles Monster. Sie würden vergewaltigen, schlagen, erniedrigen und grundlos auf Menschen schießen – natürlich waren wir deshalb sehr aufgeregt."

Auf dem Weg zum ersten Checkpoint hätten Sandra und er Psalmen aufgesagt. Beten für das eigene Leben. Beten für das Wohlwollen des Feindes.

Doch die Sorge war zunächst unbegründet. "Vielleicht hat Gott aus den Monstern normale Menschen gemacht oder wir hatten einfach Glück", sagt er. Man habe sie nur ausgefragt, das Auto durchsucht und die Telefone überprüft. Sein Handy habe Yura im Vorfeld gesäubert. Bilder, Telefonnummern von anderen Helferinnen und Helfern, alles, das suspekt wirken könnte. "Nur die Bilder von Menschen, die wir mit Medizin versorgt hatten, ließen wir auf den Handys." Quasi als Beweis.

Dennoch konnten sie immer wieder beobachten, dass Menschen, die vor ihnen in der Schlange standen, bis auf die Unterwäsche ausgezogen wurden. Man habe die Körper nach Tattoos untersucht. "Sie haben Angst vor ukrainischen Saboteuren."

Doch Sandra und er mussten sich nie entblößen. Auf die Frage, ob er vielleicht einfach sehr vertrauenswürdig aussehe, antwortet er, "vielleicht liegt es an meinen bunten Socken" – und lacht.

An einem anderen Checkpoint seien sie mit einem Soldaten ins Gespräch gekommen. "Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen", erzählt der Ukrainer. "Als mich der Soldat nach Zigaretten fragte, fragte ich, ob er etwas zu Essen hätte." Der Russe sei losgerannt und habe Sandra und Yura etwas besorgt. Dann hätten sie reden können.

Der junge Russe sei seit 2014 in der Region Donezk stationiert gewesen. Als Cherson besetzt wurde, habe man ihn in einen Bus gesetzt und in die Stadt im Süden der Ukraine gebracht, obwohl er das nicht gewollt habe. Doch er habe keine Wahl gehabt. Dann soll er gesagt haben: "Wenn ich zurückgehe, erschießen sie mich."

Yura meint dazu nur: "Viele Soldaten dort sind demoralisiert."

Bis nach Cherson hätten sie ungefähr 25 dieser Militär-Checkpoints passiert. Meist sei alles rund gelaufen. Doch zwischenzeitlich seien sie auch in brenzlige Situationen gelangt. Das Auto, mit dem Sandra und Yura unterwegs waren, ist nicht auf einen der beiden angemeldet. Eine schriftliche Erlaubnis, dass sie das Auto fahren durften, hatten sie nicht. Zusätzlich waren sie mit rezeptpflichtigen Medikamenten unterwegs, für die sie keine Rezepte hatten. Zwei Menschen, einer aus Kiew, der andere aus Mariupol – Sandra stammt aus der gefallenen Stadt im Süd-Osten des Landes.

"Ihr wisst, wie das aussieht – oder?", soll der erste Soldat gesagt haben. Er habe einen ranghöheren Kollegen geholt. Auch der habe gemeint: "Ihr seid doch verrückt."

Dann sei der Chef der dort stationierten Soldaten gekommen. Alle hätten immer wieder dieselben Fragen gestellt. Wem gehört das Auto? Was sind das für Medikamente? Woher kommt ihr? Was wollt ihr hier?

Yura und Sandra erzählten wieder und wieder dasselbe. Mit der Angst im Nacken, sie könnten festgenommen werden. Gefangen im besetzten Gebiet. Von russischem Militär.

"Wir haben gebetet und gebetet", sagt Yura. "In unseren Köpfen."

Das Ortsschild am Eingang von Cherson.
Das Ortsschild am Eingang von Cherson.Bild: www.imago-images.de / imago images

Irgendwann habe er einfach gefragt, was sie denn jetzt tun sollten. "Dann hat uns der Soldat angeschaut. Immer abwechselnd zu Sandra und mir – bis er uns doch gehen ließ."

Doch es seien nicht bloß russische Besatzer, bei denen man vorsichtig sein müsse. Offenbar müsse man stets damit rechnen, dass das Auto mit Hilfsgütern gestohlen werde. "Die Diebe stellen sich dann mit dem Auto auf einen ukrainischen Bazar und verkaufen die Medizin extrem teuer."

Denn zurzeit fehlten vor allem Medizin und Hygiene-Artikel in dieser Region. Ukrainische Apotheken hätten geschlossen, weil schließlich auch keine Ware mehr nachgeliefert würde. Es gebe ein paar neueröffnete russische Pharmazien. Doch die Menschen vor Ort meinten, die Medizin wirke nicht. "Sie sagen, das sei nur Kreide", erzählt Yura.

Was im ukrainischen Gebiet verfügbar ist, fehlt in der besetzten Zone. Und umgekehrt, wie Yura sagt: "Es ist schon ein bisschen lustig: In der gesamten Ukraine gibt es keinen Sprit, aber dafür gefühlt alles andere. In Cherson ist es genau andersrum." Dort sei Sprit fast dreimal so günstig wie im Rest der Ukraine. Russische Soldaten würden ihn sogar noch günstiger verkaufen als die Tankstellen im besetzten Gebiet.

"Ich sage immer, ich bringe zwei Brote: ein echtes und ein spirituelles."

Von den Besatzern würden viele der Bewohner nichts halten. "Sie hassen die Russen", sagt Yura. Er berichtet von heruntergerissenen und zertrampelten russischen Flaggen, davon, dass die Menschen ihnen sogar das Appartement zahlten, weil sie aus dem ukrainisch kontrollierten Gebiet kamen. "Die Menschen wollen auch nicht für die Russen arbeiten. Lieber hungern sie – zumindest jetzt noch."

Irgendwann werde man sich aber die Frage stellen müssen: Das eigene Leben retten oder das Land? Spätestens, wenn der Winter kommt und das Obst und Gemüse aus dem Garten nicht mehr verfügbar ist. "Dann wirst du dich vermutlich für das Leben entscheiden."

Für Yura ist es wichtig, dass er nicht bloß mit Medizin und Hygiene-Artikeln hilft. Er will auch moralisch für die Menschen da sein. Manchmal reiche es, zuzuhören. Manchmal, sagt er, beteten sie zusammen.

"Ich sage immer, ich bringe zwei Brote: ein echtes und ein spirituelles."

Seine nächste Reise wird nach Mariupol gehen.

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Michael Kröger organisiert tonnenweise Hilfsgüterlieferungen in die Ukraine. Als Privatperson, ohne Organisation im Rücken. Er lebt seit 2018 in dem Land. Als der Krieg begann, wollte er bleiben.

Als die Autorin dieses Texts durch die zerstörten Straßen der ostukrainischen Stadt Charkiw streift, trifft sie auf einen Deutschen. Michael Kröger hat sich zu Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine entschieden, im Land zu bleiben, um zu helfen.

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