Beim letzten Triell wollten die Kandidatin und die Kandidaten Unentschlossene Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen.
Beim letzten Triell wollten die Kandidatin und die Kandidaten Unentschlossene Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen.
Bild: dpa / Willi Weber
Analyse

Letztes TV-Triell vor der Bundestagswahl: Laschet gegen Scholz, Baerbock gegen den Rest

20.09.2021, 01:0120.09.2021, 01:04

Etwa sieben Stunden ist es her, da spricht Olaf Scholz noch in einer Instagram-Story aus Nürnberg zu seinen Followern. Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht, im Hintergrund bauen die Veranstalter gerade die Bühne des Kanzlerkandidaten ab. Scholz wirkt lässig, er grinst, sagt irgendwas von Aufbruch. Einem Aufbruch, den es nur mit einer sozialdemokratisch geführten Regierung geben könne.

Vier Stunden später postet Annalena Baerbock ein Foto von ihrer Rede auf dem Wahlparteitag der Grünen in Berlin Köpenick. Ein "echter Aufbruch", steht in der Caption, sei nur mit den Grünen möglich.

Armin Laschet ist um 19.05 Uhr noch auf RTL zu sehen, wie er bei der Sendung "Am Tisch mit Armin Laschet" von Wählerinnen und Wählern befragt wird. Am Ende der Sendung sagt er den Satz: "Es gibt noch viel zu tun."

Sie alle drei wollen offenbar diesen Aufbruch. Wie viel sie für diesen Aufbruch bereit sind, zu geben, wollen sie an diesem Abend noch einmal deutlich machen. Sie alle springen an diesem Tag von der einen zur nächsten Veranstaltung.

Um 20.15 Uhr treffen die drei aufeinander. Es ist das letzte Triell. Das klingt schon fast wie der Name eines Psychothrillers, der zur Primetime übertragen wird. Im übertragenen Sinne ist es auch einer.

Fragen rund um den Alltag in Deutschland – und eine umstrittene Moderatorin

Viel Neues lernen die Zuschauenden diesmal nicht. Dafür bekommen sie herablassende Blicke (Laschet), empörte Ausrufe (Baerbock: "Ich frage mich, was eigentlich mit Ihnen los ist, Herr Laschet") und ein fragendes Gesicht (Scholz) geliefert.

Claudia von Brauchitsch (links) und Linda Zervakis moderierten das dritte und letzte Triell auf Prosieben.
Claudia von Brauchitsch (links) und Linda Zervakis moderierten das dritte und letzte Triell auf Prosieben.
Bild: dpa / Willi Weber

ProSieben, Kabel eins und Sat.1 übertragen dieses letzte Aufeinanderprallen der Kanzlerkandidaten und -kandidatinnen live aus Berlin-Adlershof. Der Privatsender hat dieses Mal nur wenige ausgewählte Journalistinnen und Journalisten hinter die Kulissen blicken lassen. Die Corona-Pandemie lasse es nicht zu, mehr Menschen zu akkreditieren, war die Erklärung des Senders.

Moderiert wird das letzte Triell von Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch. Letztere steht in der Twitter-Blase heftig in der Kritik. Bis 2018 hatte die 47-Jährige nämlich noch im Partei-Onlinesender CDU.TV moderiert. Manche Fragestellung an Annalena Baerbock ("Grünes Leben klingt anstrengend"), die Tatsache, dass Armin Laschet in seinen Redetiraden nicht oder kaum Einhalt geboten wird, Baerbock aber gebeten wird, sich kürzer zu fassen, bieten tatsächlich Raum für Kritik.

Da ist die Frage berechtigt, warum sich die Privatsender überhaupt für eine Moderatorin entschieden haben, mit der sie sich journalistisch angreifbar machen. Und die Kritik kommt an diesem Abend auch, unter anderem von Twitter-Nutzern.

Der Satiriker und SPD-Politiker Mattheus Berg drückt es so aus:

Satiriker Jan Böhmermann zeigt seinen Unmut auf diese Weise:

Die zweite Moderatorin, die von der ARD-"Tagesschau" zu ProSieben gewechselte Linda Zervakis, wird bei Twitter allerdings in den höchsten Tönen gelobt. So schreibt beispielsweise der "Funk"-Moderator und YouTuber Mirko Drotschmann ("Mr. Wissen2Go"):

Bei aller Kritik an der Moderatorin von Brauchitsch: Die Themenauswahl des dritten Triells ist zwar nicht gerade neu – eigentlich geht es um dieselben Themen die bereits bei RTL und bei den Öffentlich Rechtlichen besprochen wurden (abgesehen von der Digitalisierung). Erneut sehen die Moderatorinnen von einem Themenkomplex zur Außenpolitik ab. Allerdings, und das muss man dem Privatsender zugutehalten, werden diesmal tatsächlich die Menschen, die Wählerinnen und Wähler, in den Fokus gerückt.

Vor fast jedem Themensprung spielt die Regie kurze Sequenzen ein, in denen Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen. Es werden Schicksale aufgezeigt, Ängste und Sorgen kommuniziert. Die beiden Moderatorinnen zielen mit ihren Fragen auf die Situation der weniger verdienenden Menschen ab. Was bedeuten politisch zu treffende Entscheidungen für die Menschen? Diese Frage steht an diesem Sonntag im Mittelpunkt.

"Herr Scholz, können sie nachempfinden, wie es den Menschen wirklich geht?"; "Herr Laschet, wie sehr würden 2000 Euro Brutto ihr jetziges Leben einschränken?"; "Frau Baerbock, wenn der Liter Biomilch durch die Inflation irgendwann 2,50 kostet – bekommen Sie das mit einem Einkommen von rund 10.000 Euro im Monat überhaupt noch mit?"

Das sind die Themen, die in diesem Triell behandelt werden:

  • Soziale Gerechtigkeit
  • Klima und Umwelt
  • Corona
  • Innere Sicherheit
  • Digitalisierung

Baerbock gibt sich in diesem Triell faktensicher, faktenbasiert und angriffslustiger als in den Debattenrunden zuvor. Der Journalist Jan Fleischhauer bezeichnet dieses Verhalten in der anschließenden Sat.1-Analyse als Anzeichen dafür, dass sich Baerbock wieder in der Opposition sehe, die Kanzlerschaft aufgegeben habe. Tatsächlich betont die Grünen-Politikerin aber immer wieder, dass es eine grün geführte Regierung geben müsse – nach Aufgeben klingt das eher nicht.

Laschet wirkt eher müde und teils gar ein wenig lustlos. Allerdings fällt auch auf, dass er offensichtlich Scholz als DEN Konkurrenten auserkoren hat. Er schießt, wie auch schon beim vergangenen Triell, immer wieder in Richtung des SPD-Kanzlerkandidaten. Baerbock bekommt von ihm nur wenige Spitzen zu spüren. Es wirkt, als hätte der Unionskandidat weiter die Hoffnung auf eine Koalition mit den Grünen.

Und Scholz? Wie gewohnt präsentiert sich der SPD-Kanzlerkandidat souverän in der Dreier-Runde. Er spricht mit ruhiger Stimme, wird nur einmal wirklich emotional – das ist im Übrigen auch der stärkste Moment des 63-Jährigen. Als Laschet ihm vorwirft, er setze sich nur wegen des Wahlkampfes plötzlich für soziale Gerechtigkeit ein, kontert Scholz:

"Herr Laschet, das ist vielleicht der Unterschied zwischen Ihnen und mir: Ich fordere das schon seit vielen Jahren und nicht erst im Wahlkampf. Mir geht es um die Würde der Bürgerinnen und Bürger."

Die Umfragen kurz nach dem Triell sehen dann Scholz wieder vorne, Baerbock jedoch diesmal ganz hinten: Laut dem Meinungsinstitut Forsa habe Olaf Scholz das Triell gewonnen (42 Prozent), Laschet landet mit 27 Prozent auf Platz 2 und Baerbock mit 25 Prozent auf dem dritten Platz.

In der Civey-Umfrage, die der "Spiegel" in Auftrag gegeben hat, steht Laschet noch besser da: Stand 23 Uhr liegt Scholz zwar mit 48,7 Prozent auch hier vorn – doch Laschet liegt mit 30,2 Prozent näher an ihm als bei der Forsa-Erhebung. Annalena Baerbock rangiert mit 13,6 Prozent auf Platz 3.

So argumentieren die Debattierenden zu den wichtigsten Streitthemen:

Soziale Gerechtigkeit

Olaf Scholz: Die Schere zwischen Arm und Reich will der SPD-Politiker durch den Mindestlohn bekämpfen. Er will diesen auf 12 Euro anheben. Zudem plädiert er für die Entlastung von Bürgerinnen und Bürgern mit geringem Einkommen und höhere Steuern für Menschen mit sehr hohem Einkommen.

Armin Laschet: Der CDU-Kandidat spricht sich strikt gegen eine Steuererhöhung aus. Eine Anhebung des Mindestlohns durch die Politik hält er für falsch. "Das sollen die Tarifparteien verhandeln", sagt er. Ein pauschaler Mindestlohn sei zudem nicht angemessen.

Annalena Baerbock: Die Grünen-Chefin spricht sich wie Scholz für einen 12-Euro-Mindestlohn aus und will auch Steuern für Reiche erhöhen. Außerdem argumentiert sie mit einer Kindergrundsicherung, die eben durch diese Steuererhöhung finanziert werden soll.

Klima und Umwelt

Olaf Scholz: Die Industrie müsse klimaneutral werden, erneuerbare Energien ausgebaut und Netze so stark gefördert werden, dass der stetig steigende Stromverbrauch gedeckt werden könne. Scholz zeigt in der Klimafrage seinen Sinn für Realismus und nennt als Beispiel den im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen sitzenden Chemieriesen BASF und dessen Pläne für eine klimaneutrale Zukunft.

Armin Laschet: Erneut kritisiert Laschet, dass Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie zuerst angegangen ist. Aus der Kohle-Energie, wie sie ja vor allem in dem von ihm regierten Bundesland Nordrhein-Westfalen produziert wird, hätte man zuerst aussteigen müssen. Beim Ausbau der Erneuerbaren setzt er auf einen europäischen Weg, nennt aber keine konkreten Vorschläge

Annalena Baerbock: Für Baerbock ist die Klimafrage ein Heimspiel: Sie fordert ein Ende der Verbrennungsmotoren und einen früheren Ausstieg aus der Kohlekraft. Und hier kommt ihre Angriffslust noch einmal richtig in Fahrt: "Die nächste Regierung muss eine grün geführte sein – oder Sie beide ändern heute und jetzt ihre Meinung und sagen: 'Wir steigen früher aus der Kohle aus'", sagt sie in Richtung ihrer beiden Konkurrenten.

Digitalisierung

Olaf Scholz: Flächendeckenden Breitband- und Handynetzausbau – das will Olaf Scholz erreichen. Wie eigentlich alle der drei Debattierenden. Scholz will neue Anreize für die Netzanbieter schaffen.

Armin Laschet: Die Netze müssten ausgebaut werden. Es könne nicht sein, dass Bürgerinnen und Bürger auf einen Hügel steigen müssten, um eine WhatsApp-Nachricht zu verschicken. Der Sender hatte zu Beginn des Themenblocks einen Beitrag mit einer Frau aus dem Allgäu eingespielt hatte, die genau das tun muss. Allerdings macht Laschet weder einen konkreten Vorschlag, noch nennt er auf Nachfrage ein Datum, bis wann der Ausbau stattgefunden haben soll.

Annalena Baerbock: Die Grünen-Politikerin sagt, die Netzbetreiber müssten mehr in die Verantwortung genommen werden. Im Notfall solle der Staat einspringen. Tatsächlich ist das genau das, was momentan passiert. Weil es sich für die Betreiber oft nicht lohnt, in dünn besiedelten Gebieten auszubauen, bekommen Kommunen von Bund und Ländern Fördermittel bereitgestellt, um eben genau diesen Ausbau zu finanzieren.

Die letzte Erkenntnis

Baerbock versuchte während der letzten öffentlichen Debatte mit ihren beiden Konkurrenten erneut, auf wissenschaftliche Fakten zu setzen. Sie kannte die Zahlen und wusste, wie ihr Wahlprogramm mit diesen Zahlen umgehen will, sollten die Grünen eine Regierungsbeteiligung erreichen. Allerdings fährt Baerbock mit dieser Strategie offensichtlich nicht so gut: Das zeigen die Umfragen bei Wählerinnen und Wählern. Sie kämpft bei diesem Triell gegen beide: Scholz und Laschet. Baerbock stellt kritische Gegenfragen, leistet sich diesmal, anders als bei den beiden Runden zuvor, keine Patzer.

Allerdings strauchelt sie bei einer Frage, mit der sie offenbar nicht gerechnet hatte. Gegen Ende dürfen die Kandidatinnen und Kandidaten sich nämlich gegenseitig eine Frage stellen. Laschet fragt Baerbock, was sie mit einer von den Grünen beantragten Sondersitzung zum Thema Geldwäsche von Scholz erwarte. Hier wirkt sie das erste Mal wirklich verunsichert. Als wollte sie nun doch nicht mehr so offensichtlich gegen den möglichen Koalitionspartner SPD schießen. Transparenz – das ist ihre Antwort.

Scholz, das merken Zuschauende schnell, nähert sich Annalena Baerbock immer deutlicher an. Eine Rot-Grüne Koalition wäre dem SPD-Kandidaten wohl am liebsten. Er reagiert selbst auf Baerbocks kritische Frage, warum er sich mit seinen Errungenschaften während seiner Amtszeit als Finanzminister schmücke, während gleichzeitig Milliarden Euro an Steuergeldern wegen Geldwäsche-Betrügern flöten gingen, mit Charme und einem freundlichen Lächeln. Er kuschelt mit Grün und schiebt Laschets CDU immer weiter von sich weg.

Laschet zeigt auch in diesem Triell wieder, dass er ungern mit konkreten Vorschlägen punktet. Sein Wahlkampf fokussiert sich weniger auf die CDU-Inhalte denn auf die Fehler der anderen. Er stellt Fragen und beantwortet sie nur teilweise selbst, doch auch das eher vage. "Wie kommen wir wieder zu Wachstum? Es müssen Arbeitsplätze entstehen. Wie bleiben wir ein klimaneutrales Industrieland? Wie schaffen wir Sicherheit innen und außen?"

Unentschlossene können alles in allem auch aus diesem Triell nicht mehr mitnehmen als aus den vorherigen.

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