In der Altenpflege wie auch in den Krankenhäusern und im ambulanten Pflegedienst werden Fachkräfte knapp.
In der Altenpflege wie auch in den Krankenhäusern und im ambulanten Pflegedienst werden Fachkräfte knapp.Bild: Zoonar.com/Robert Kneschke / Robert Kneschke
Analyse

Studie: Die Pflegelücke könnte geschlossen werden – dafür braucht es aber einige Reformen

03.05.2022, 18:30

Mindestens 300.000 ehemalige Pflegekräfte und Teilzeitpflegekräfte wären bereit, wieder in den Beruf einzusteigen oder ihre Wochenstunden aufzustocken. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Arbeitnehmerkammer Bremen gemeinsam mit der Arbeitskammer des Saarlandes, dem Institut Arbeit und Technik (IAT) an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und der Hans-Böckler-Stiftung durchgeführt hat.

Sinn der Studie war es, das Potenzial an Pflegekräften zu ermitteln, die sich überhaupt vorstellen könnten, wieder oder mehr zu pflegen. Vorgestellt wurde das Papier auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin.

Die gute Nachricht: Die Pflegelücke könnte ausgeglichen werden. Die Bertelsmann Stiftung hatte in drei verschiedenen Szenarien Pflegelücken von 260.000, 430.000 und 490.000 Vollzeitkräften ermittelt. Selbst das negativste Szenario der Bertelsmann-Stiftung (490.000 Pflegekräfte) könnte die optimistische Hochrechnung (660.000 Rückkehr- und Aufstockwillige) der neuen Pflegestudie ausgleichen.

Die Gesundheitspolitik steckt schon lange in der Krise.
Die Gesundheitspolitik steckt schon lange in der Krise.Bild: dpa / Fabian Strauch

Verschiedene Stellschrauben für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Geschlossen werden kann diese Lücke, bei der es letztlich um Menschenleben geht, natürlich nicht einfach so. Die Pflegekräfte haben Forderungen, die erfüllt werden müssen, damit sie wirklich zurückkommen. Diese Forderungen gehen über ein einfaches "Wir wollen mehr Geld" hinaus.

"Die Pflegekräfte wollen so pflegen, wie sie es gelernt haben: nah am Menschen", sagt Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen. Das Problem für viele Pflegekräfte sei, dass sie durch Personaluntergrenzen und Fallpauschalen nicht genug Zeit mit den Patienten haben – "Minutenpflege" nennt Michaela Evans, Direktorin des Forschungsschwerpunktes Arbeit und Wandel am IAT das.

Personaluntergrenzen und Fallpauschale
Bei den Personaluntergrenzen wird die maximale Patientenanzahl pro Pflegekraft festgelegt – hier wird zwischen den verschiedenen Stationen (Chirurgie, Geriatrie, Intensiv, etc.) unterschieden. Die Fallpauschale ist die Definition, wie viel für die Behandlung einer bestimmten Erkrankung bezahlt wird – und wie lange die Genesung der Patienten dauern darf. Kurz: Wie viel Geld das Krankenhaus für die Behandlung eines Patienten mit einer bestimmten Erkrankung bekommt.

Dass die Situation im Gesundheitssektor belastend ist, zeigt unter anderem eine Auswertung der Kaufmännischen Krankenkasse KKH (2022): Der Krankenstand des Pflegepersonals sei mit 8,8 Prozent überdurchschnittlich hoch gewesen (Bundesdurchschnitt für alle Berufsgruppen: 5 Prozent). Der Krankenstand informiert über den Umfang der Krankmeldungen durch Ar­beit­neh­me­rin­nen und Arbeitnehmer. Die Lage für die Pflegerinnen und Pfleger hatte sich durch die Coronapandemie noch einmal verschärft.

Aus Sicht der Studienautoren gibt es verschiedene Stellschrauben, an denen die Situation der Pflegenden so verbessert werden kann, dass viele Lust bekommen, zurückzukehren:

  • Betriebliche Ebene: Wertschätzung, Arbeit auf Augenhöhe, Weiterbildungsmöglichkeiten, faire Vergütung, verlässliche Arbeitszeiten
  • Landesebene: Einheitliche und gute Ausbildung für Assistenzkräfte
  • Bundesebene: Erhöhung der Personalbemessungsgrenze und die Finanzierung

Reform der Pflegeversicherung nötig

Schon jetzt dächten die meisten der befragten Ex-Pflegekräfte mindestens einmal im Monat darüber nach, zurückzukommen. Vor allem Beschäftigte aus der Psychiatrie oder Krankenhäusern könnten sich laut der Studie eine Rückkehr in den ursprünglichen Beruf vorstellen.

Anders sehe das im Bereich der ambulanten Pflege aus. Was sich außerdem ändern müsse: die weite Schere zwischen Krankenpflege und Altenpflege. "Es handelt sich um eine generalistische Ausbildung und Altenpfleger bekommen im Schnitt 500 Euro weniger als Krankenpfleger", sagt Beatrice Zeiger, Geschäftsführerin der Arbeitskammer des Saarlandes.

"Die Pflegekräfte wollen so pflegen, wie sie es gelernt haben: nah am Menschen."
Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen

Für die Initiatorinnen der Studie ist die Idee einer umfassenden Pflege- und Krankenversicherung – also eine, in die auch Beamte und Selbstständige einzahlen – eine Möglichkeit, der Finanzierung. Allerdings ist ihnen klar, dass die Ampel-Regierung das nicht einführen wird.

Im Koalitionsvertrag haben die Ampel-Parteien festgehalten, dass der Beitrag zur sozialen Pflegeversicherung "moderat" angehoben werden soll. Außerdem ist ein Prüfauftrag für eine ergänzende freiwillige paritätische Vollversicherung festgeschrieben – die Idee dahinter: Eine Aufstockung der gesetzlichen Pflegeversicherung hin zur Pflegevollversicherung, in die Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichberechtigt einzahlen.

Für große finanzielle Sprünge brauche es allerdings eine Reform.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat eine Kommission berufen, die sich mit moderner und bedarfsgerechter Krankenhausversorgung beschäftigen soll.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat eine Kommission berufen, die sich mit moderner und bedarfsgerechter Krankenhausversorgung beschäftigen soll.Bild: PHOTOTHEK / Thomas Trutschel

Konkrete Veränderung statt Versprechungen

Aktuell, sagt Elke Heyduck, brauche es 210 Tage, bis eine offene Stelle im Pflegebereich besetzt würde. "Die Pflegekräfte erleben die Politik als eine Reihe von Versprechungen", kritisiert sie. Deshalb gehe es nun vor allen Dingen darum, anzufangen. Und hier sehen Heyduck, Zeiger und Evans vorrangig den Bundestag in der Verantwortung. Aus diesem Grund stehen die Studieninitiatorinnen bereits mit dem Arbeitsministerium und dem Gesundheitsministerium in Verbindung. Seit neustem seien sie auch an das Netzwerk Pflege angeschlossen – der Plan sei, Workshops für Betriebe zu geben.

Auf betrieblicher Ebene gehe es vor allem um flexible Dienstplangestaltung und Respekt untereinander.

Denn auf betrieblicher Ebene gehe es vor allem um flexible Dienstplangestaltung und Respekt untereinander. Das könnte in Schulungen gelernt werden. Darüber hinaus müssten auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen möglichst schnell und verbindlich verbessert werden. Gerade, was die Ausbildung von Assistenz-Pflegekräften betreffe. Die Assistenzen sollen Druck aus der angespannten Situation nehmen und bieten auch Menschen mit niedrigem Schulabschluss einen Weg in den Pflegeberuf.

Aber: Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen. In Berlin dauert die Ausbildung 18 Monate, im Saarland 23. Das müsse sich ändern, finden die Studieninitiatoren. Andernfalls könne keine einheitliche Qualität sichergestellt werden – und auch ein Wechsel des Bundeslandes werde für die Assistenzkräfte schwierig.

Vor kurzem wurde Michaela Evans von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in die "Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung" berufen. Bei der Vorstellung der Studie stellte sie klar, dass sich die Kommission bisher noch nicht getroffen habe – sicher sei aber, dass auch Evans die Studie zur Diskussionsgrundlage mache.

Schüsse in Bremerhavener Schule: Opfer schwebt in Lebensgefahr – Verdächtiger festgenommen

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