Bei der Demonstration am Samstag kam es in Berlin zu antisemitischen Vorfällen.
Bei der Demonstration am Samstag kam es in Berlin zu antisemitischen Vorfällen. Bild: PRESSCOV via ZUMA Press Wire / Michael Kuenne
Analyse

Antisemitischer Hass bei Demo in Berlin: Experten beleuchten die Ursachen

25.04.2022, 17:4525.04.2022, 17:48

"Weg mit Juden" oder "Judenschweine": Diese und weitere antisemitischen Beleidigungen riefen propalästinische Demonstrierende am Samstag in Berlin. Dort hatten sich hunderte Menschen zusammengefunden – offiziell, um Solidarität mit Palästinensern zu zeigen und gegen die israelische Politik zu demonstrieren. Aufgerufen dazu hatte der Verein "Palästina spricht". Die Wucht der antisemitischen Hass-Tiraden wirft Fragen zu deren Ursprung auf.

Antisemitismus mitten in Deutschland: Eine Demonstration sorgt für Aufsehen

Die Demonstration war am Samstagnachmittag mit rund 400 Teilnehmenden am Kreuzberger Oranienplatz gestartet und im Verlauf der Route auf schätzungsweise bis zu 500 Menschen angewachsen. Mit dabei: eine Abordnung der Berliner Linksjugend Solid, die sich in der Vergangenheit mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert sah.

Die Stimmung gegenüber den von vor Ort berichtenden Journalisten war durchgehend aggressiv, Berichterstatter wurden als „Zionistenpresse“ und „Rassisten“ beschimpft. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Journalist weggeführt wird, während Teilnehmende der Demonstration "Scheiß Jude" rufen. Dabei warfen Unbekannte Plakate und Holzstangen auf die Polizisten, teilte die Polizei am Sonntag mit. Zahlreiche Journalisten sollen weggeschickt worden sein, nachdem sie angegriffen worden waren.

Sprechchöre riefen judenfeindliche Parolen. Zu den antisemitischen Äußerungen wurde ein Strafermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet, heißt es vonseiten der Polizei.

Doch wer sind diese Menschen, die so voller Hass zu sein scheinen? Wie kann es sein, dass sich Antisemitismus so offen und mitten in Deutschland entlädt?

"Als Deutsche christlicher, jüdischer und muslimischer Herkunft leben wir zwar im gleichen Land, aber oft in unterschiedlichen Medienwelten"
Michael Blume, Beauftragter für Antisemitismus

"Die Schuld des Juden": "Eine der ältesten Verschwörungslügen""

Der Beauftragte für Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume, gibt gegenüber watson seine Einschätzung zum Ursprung der Vorfälle:

"Als Deutsche christlicher, jüdischer und muslimischer Herkunft leben wir zwar im gleichen Land, aber oft in unterschiedlichen Medienwelten. Das sage ich als Wissenschaftler und als Teil einer auch religiös gemischten Familie."

Laut dem Experten fördern Krisen das Aufkommen einer der "ältesten Verschwörungslügen": Nämlich jener, dass Juden Schuld seien. Während die Klimakrise und der Getreidemangel Asien und Afrika jeden Tag härter treffen, werde in einigen "arabischen, türkischen und auch einigen deutschen Blasen" diese Verschwörungen verbreitet. Diese Gruppen glaubten laut Blume, dass es endlich Frieden gebe, wenn mit Israel die einzige Demokratie des Nahen Ostens zerstört würde. Auch der ukrainisch-jüdische Präsident sei demnach Teil der angeblichen Weltverschwörung.

Konflikte in Jerusalem als Brandbeschleuniger

Ähnlich äußert sich Dervis Hizarci auf Anfrage von watson. Laut dem Experten für Rassismus und Antisemitismus und Vorstandsvorsitzenden der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus sind die Ursachen für die Vorfälle in Berlin multifaktoriell und komplex. Er warnt davor, den bei der Kundgebung gezeigten Antisemitismus von den aktuellen Geschehnissen – den Konflikten und Zusammenstößen in Jerusalem – loszulösen.

Zumindest die akute Wucht der antisemitischen Äußerungen sei vor allem darauf zurückzuführen. "Das macht den Antisemitismus zwar nicht besser, aber dennoch gibt es da ganz klar einen Kontext", ist er überzeugt. "Letztes Jahr im Mai war es bei Demonstrationen genauso, danach ist es wieder abgeflacht", sagt Hizarci. Dennoch schlummerte laut Hizarci die Israelfeindschaft schon vorher in diesen Personen.

Auf den Videos von der Anti-Palästina-Kundgebung zeigt sich: Es sind vor allem junge Menschen und Jugendliche, die mit antisemitischen Äußerungen und Taten auffielen. Das liegt laut Hizarci vor allem daran, dass junge Menschen sich oft stärker mit der Gruppe identifizieren. "Der Grund ist aber nicht monokausal zu betrachten, sondern sehr komplex", erklärt der Experte. Provokationslust, Gruppenzugehörigkeiten, das familiäre Umfeld und selbst erlebter Rassismus könnten dabei eine Rolle spielen. Das rechtfertige keine antisemitische Äußerung, sei aber wichtig für die Aufarbeitung und den Umgang damit.

"Wer Grenzen überschreitet, muss dafür sanktioniert werden"
Dervis Hizarci

Das Problem an der Wurzel packen – mit Bildung und Integration

Als Lösung sieht Hizarci hier die Bildungsarbeit, aber auch die ständige Arbeit an der Integration – also vor allem einen präventiven Ansatz. Er sagt: "Es ist wichtig, den Menschen, die hier in Deutschland leben, zu vermitteln, dass sie hier dazugehören." Das sei die Grundlage zur Integration in der hiesigen Gesellschaft. "Auf gesellschaftlicher Ebene gilt es zu bestimmen, wer dazugehört und wie man Integration fördert." Das beginne bereits in den Schulen.

Antisemitismus- und Rassismus-Experte Dervis Hizarci spricht über mögliche Ursachen.
Antisemitismus- und Rassismus-Experte Dervis Hizarci spricht über mögliche Ursachen.Bild: KIgA e.V. / Boris Bocheinski

Dort müsse man Bildung so verstehen, denken und leben, dass sie zu einer vielfältigen Gesellschaft passe, findet Hizarci. "Wenn ein Lehrer heute in der Zeitung liest, was da in Berlin passiert ist, muss er auf unvoreingenommene Art und Weise auf seine Schüler eingehen und am Thema dranbleiben". So seien für Antisemitismus anfällige junge Menschen am besten zu erreichen.

Dennoch stellt er klar: "Wer Grenzen überschreitet, muss dafür sanktioniert werden."

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